M. Hartmann u.a. (Hrsg.): Quellenforschung im 21. Jahrhundert

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Titel
Quellenforschung im 21. Jahrhundert. Vorträge der Veranstaltungen zum 200-jährigen Bestehen der MGH vom 27. bis 29. Juni 2019


Herausgeber
Hartmann, Martina; Zimmerhackl, Horst; Nierhoff, Anna Claudia
Reihe
Schriften (75)
Erschienen
Wiesbaden 2020: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
XII, 252 S.
Preis
€ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Magdalena Weileder, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

2019 feierten die gerne (und nicht zu Unrecht) mit dem Epitheton „altehrwürdig“[1] versehenen Monumenta Germaniae Historica (MGH) ihr 200-jähriges Jubiläum, unter anderem mit einem Tag der Offenen Tür in den Münchner Institutsräumen und einem zweitägigen Kolloquium im Münchner Künstlerhaus.[2] Von den dort gehaltenen Werkstattberichten und Vorträgen sind nun 13 in einem von Martina Hartmann und Horst Zimmerhackl herausgegebenen Band erschienen, der mit rund 260 Seiten angenehm überschaubar ausfällt. Die Beiträge sind gegenüber der Tagung in eine neue Reihenfolge gebracht und in drei Sektionen gegliedert. Sie werden durch Namen- und Sachregister von Anna Claudia Nierhoff erschlossen; vorangestellt ist ein kurzes Vorwort, in dem auch die nicht oder andernorts verschriftlichen Vorträge der beiden Veranstaltungen genannt werden.

In der 1. Sektion des Bandes, „Einblicke in die ‚Werkstatt‘ der Editoren“, werden Editionsreihen der MGH oder Teilprojekte derselben vorgestellt: Theo Kölzer berichtet über die Editionen merowingischer Königsurkunden sowie der Urkunden Ludwigs des Frommen in den „Diplomata“, Wilfried Hartmann über die „Concilia“ der Zeit 843 bis 911 in der gleichnamigen Reihe, Alexander Patchovsky über das Editionsprojekt zur Concordia Novi ac Veteris Testamenti des Joachim von Fiore († 1202), das den „Quellen zur Geistesgeschichte“ zugeordnet ist, und Michael Menzel über die Reihe „Constitutiones“, die innerhalb der nächsten zehn Jahre auch für die Regierungszeiten Ludwigs des Bayern und Karls IV. abgeschlossen sein soll. Bernd Posselt stellt die Edition der drei Versionen von Ulrich Richentals Chronik des Konstanzer Konzils vor, die die neue Reihe „Digitale Editionen“ eröffnet.[3]

Bei diesen Projektvorstellungen setzen die Autoren unterschiedliche Schwerpunkte, etwa auf Programmatik, Geschichte, Arbeitsweise, den aktuellen Stand oder Forschungsertrag des jeweiligen Editionsvorhabens. So geht Kölzer auch auf äußere Merkmale edierter Urkunden, Ausstellungsorte und -tage sowie den Anteil von Fälschungen ein; Hartmann und Patchovsky schildern ihr Vorgehen und die Schwierigkeiten der Editionsarbeit; Menzel stellt dar, wie sich Anforderungen und Auswahlkriterien der „Constitutiones“ seit dem 19. Jahrhundert gewandelt haben, und Posselt beschreibt neben der Entwicklung der digitalen MGH (dMGH) auch die Probleme bei der Umwandlung einer als Worddokument erarbeiteten Edition in eine Datei im XML-TEI-Format.

Die 2. Sektion „Quelleneditionen und Forschungstrends“ beginnt mit einem Beitrag von Klaus Herbers über den Reisebericht des Nürnberger Arztes Hieronymus Münzer von 1495/96, dessen Edition Ende 2020 in der damit neubegründeten neuen MGH-Reihe „Reiseberichte des Mittelalters“ erschienen ist. Die Einzelbände dieser Reihe sollen künftig durch ein gemeinsames digitales Register erschlossen werden (S. 88). Karl Borchardt bietet einen umfassenden Überblick zur internationalen Kreuzzugsforschung und der Rolle der MGH innerhalb dieses Forschungsfeldes: Sie sei „eher begrenzt[…]“, da „Kreuzzüge […] nicht zum Kerngeschäft der MGH zählen“ (S. 100), könne durch künftige Kooperationen bei der Erforschung kreuzzugsrelevanter Quellen aber durchaus „einen – bescheidenen, doch sichtbaren – Beitrag leisten zu quellenbasierter und sachorientierter Diskussion über ein bis heute brisantes Thema, das auch in der Öffentlichkeit beachtet wird“ (S. 101). Eine solche Quelle thematisiert sodann Benedikt Marxreiter in seinem Aufsatz über den sogenannten Daibert-Brief von 1099 und der Rezeption dieses Schreibens von Kreuzzugsfürsten in der Bamberger Weltchronistik, die seit 2016 Gegenstand eines MGH-Projektes ist.

Martin Wihoda behandelt aus einer fachhistorischen Perspektive böhmische Editionsprojekte und Historiker vom 19. Jahrhundert bis 1945 sowie den Einfluss der MGH auf die tschechische Geschichtswissenschaft in einer Zeit, als diese sich „in den Positionen eines ethnischen Patriotismus eingegraben“ hatte (S. 116). Arno Mentzel-Reuters stellt den Benediktinerabt und Frühhumanisten Johannes Trithemius und dessen literarische Verarbeitung historischer Quellen vor. Dass Trithemius dabei mitunter Quellen erfand, um Überlieferungslücken zu schließen, sei aus heutiger Sicht zwar fragwürdig, aber im Kontext seiner Zeit zu verstehen als das Bemühen um Kohärenz zwischen neu entdecktem historischem Wissen und tradierten historischen Fiktionen. Aufgabe künftiger Editionen sei somit auch, die schriftstellerische Erfindungen Trithemius‘ wieder von überkommenen Fakten und Fiktionen zu trennen.

Die 3. Sektion „Editorische Herausforderungen der Zukunft“ wird durch den Beitrag von Thomas McCarthy eröffnet, der von Benedikt Marxreiter ins Deutsche übersetzt wurde und die Vorteile digitaler Hilfsmittel am Beispiel der Edition der Chronik Frutolfs von Michelsberg († 1103) aufzeigt. So konnten mithilfe von Multispektralanalysen und digitalen Abbildungen von Handschriften ältere Annahmen über Textrasuren und Schreiberhände widerlegt werden. Besonders betont McCarthy die Möglichkeit, durch digitale Editionen (Frutolfs Chronik soll auch in einem Web-Portal zur Bamberger Weltchronistik erscheinen) die potenzielle Vielgestaltigkeit von Texten zu verdeutlichen und der Idee vom einen, platonischen Text entgegenzuwirken.

Auf einen anderen Vorteil digitaler Editionen verweist die einzige Autorin im Band, Eva Schlotheuber. Sie stellt die Briefbücher des Benediktinerinnenklosters Lüne aus dem 15./16. Jahrhundert und deren Präsentation auf einer von der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel gehosteten Internetseite vor.[4] Hier sind es nicht unterschiedliche Varianten des Ausgangstextes, die nebeneinander gestellt werden können, sondern verschiedene Versionen des Editionstextes (Lesefassung vs. zeilengenaue diplomatische Fassung); zudem erlaubt eine tabellarische Ansicht das Filtern und Sortieren der über 450 Briefe nach Kriterien wie Sprache, Datum oder Adressat. Enno Bünz‘ Beitrag bietet einen ausführlichen Überblick über die Vielfalt und Masse spätmittelalterlicher Schriftquellen sowie verschiedene Herangehensweisen bei ihrer Erschließung etwa durch Editionen, Regesten oder Repertorien. Die MGH spielten hierbei eher eine Nebenrolle, stattdessen werde die Erschließung vor allem durch landesgeschichtliche Initiativen oder Großprojekte, etwa die Regesta Imperii, die Acta Cusana oder das Repertorium Germanicum vorangetrieben.

Im vorliegenden Tagungsband deutet sich allerdings an, dass auch die MGH sich künftig stärker spätmittelalterlichen Quellen widmen werden als in den vergangenen 200 Jahren: Fast die Hälfte der Beiträge behandelt Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts, während Früh- und Hochmittelalter nur noch mit zwei bzw. vier Beiträgen vertreten sind. Es zeichnet sich außerdem ab, dass zunehmend digitale Editionen (völlig unstrittiger Weise im XML-TEI-Format) neben die gedruckten Bände oder sogar an ihre Stelle treten werden, insbesondere, wenn eine Wiederherstellung des einen Urtexts unmöglich ist oder wenig zielführend erscheint. Dass die „Lachmann’sche Methode“ bei vielen Quelleneditionen durchaus ihre Berechtigung behält, wird gleichwohl an mehreren Stellen des Bandes betont (S. 6, 39, 62, 208). Deutlich wird, dass die Offenheit gegenüber neuen Editionsformen bei den MGH keineswegs eine Abkehr von der von Horst Fuhrmann geforderten und im Tagungsband mehrfach (S. 6, 148, 239) zitierten „Sorge um den rechten Text“[5] bedeutet.

Insgesamt handelt es sich um einen sehr sorgfältig redigierten Band, der – ganz wie im Vorwort erhofft – „einen Einblick gibt in die Aufgaben und Herausforderungen, denen die Monumenta Germaniae Historica sich im 21. Jahrhundert stellen müssen“ (S. VII).

Anmerkungen:
[1] Z.B. Marianne Wenzel, Bericht zur 4. Münchener Sommerakademie Grundwissenschaften, in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 04.11.2016, https://mittelalter.hypotheses.org/8949 (31.07.2021); Klaus Graf, Hieronymus Münzers Reisebericht eröffnet neue MGH-Reihe, in: Archivalia, 12.06.2021, https://archivalia.hypotheses.org/132423 (31.07.2021).
[2] Vgl. Roman Deutinger / Christof Paulus, Tagungsbericht. Quellenforschung im 21. Jahrhundert. Colloquium zum 200-jährigen Bestehen der MGH, 28.06.2019–29.06.2019 München, in: H-Soz-Kult, 29.07.2019, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8382 (31.07.2021). – Zu einem ebenfalls anlässlich des MGH-Jubiläums abgehaltenen Symposium in Rom vgl. Simon Unger-Alvi, Tagungsbericht. Das Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde 1935 bis 1945 – ein „Kriegsbeitrag der Geisteswissenschaften“?, 28.11.2019–29.11.2019 Rom, in: H-Soz-Kult, 25.01.2020, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8610 (31.07.2021).
[3] Thomas Martin Buck (Hrsg.), Ulrich Richental. Die Chronik des Konzils von Konstanz, digitale Edition 2019 (MGH Digitale Editionen 1), https://edition.mgh.de/001/html/ (31.07.2021).
[4] Eva Schlotheuber u.a. (Bearb.), Netzwerke der Nonnen. Edition und Erschließung der Briefsammlung aus Kloster Lüne (ca. 1460–1555), Wolfenbüttel 2016 (Wolfenbütteler Digitale Editionen ZZ), http://diglib.hab.de/edoc/ed000248/start.htm (vorläufige Anzeige als work-in-progress-Edition, 31.07.2021).
[5] Horst Fuhrmann, Die Sorge um den rechten Text, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 25 (1969), S. 1–16.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.09.2021
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