C. Merridale: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945

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Titel
Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945.


Autor(en)
Merridale, Catherine
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: S. Fischer
Anzahl Seiten
474 Seiten
Preis
€ 22,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Alexander Brakel Johannes Gutenberg Universität Mainz

Die zuständigen Rezensionsredakteure von H-Soz-Kult glauben, dass das Buch von Catherine Merridale über die Rote Armee in verschiedene Richtungen hin gelesen werden kann. Sie haben deshalb zwei Rezensionen in Auftrag gegeben: eine aus der Perspektive der Osteuropahistorikerin (Beate Fieseler), eine aus der Perspektive des Militärhistorikers (Alexander Brakel).

"Iwan" – dieser Name steht so stellvertretend für den einfach Rotarmisten wie "Fritz" für den Soldaten der Wehrmacht und "Tommy" für den der Royal Army. Ihm ein Gesicht zu geben ist das Anliegen des vorliegenden Buches. Auf Basis von Zeitzeugeninterviews, Erinnerungsliteratur, Feldpostbriefen und sowjetischen Archivalien, die erst seit der politischen Wende 1991 der Forschung zugänglich sind, hat die englische Historikerin Catherine Merridale ein facettenreiches Bild von Alltag und Kriegserfahrung des kleinen Mannes auf sowjetischer Seite gezeichnet. Anders als der Titel es suggeriert liegt dabei zwar der Schwerpunkt auf den Angehörigen der Roten Armee, aber auch sowjetische Zivilisten kommen zu Wort.

Während auch in der postsowjetischen Historiographie, von wenigen Ausnahmen abgesehen [1], das Bild der "ruhmreichen Roten Armee" vorherrschend ist und der Rotarmist in zahllosen Denkmälern als furchloser Heroe gefeiert wird, sieht bei Merridale vieles ganz anders aus. Die Rote Armee wirkt weniger ruhmreich als unprofessionell, der einfache Soldat in erster Linie elend. Beides war nicht in erster Linie dem überraschenden deutschen Angriff im Sommer 1941 geschuldet. Vielmehr war die Rote Armee schon auf den von der Sowjetunion begonnenen Winterkrieg gegen Finnland unzulänglich vorbereitet gewesen. Ganze Regimenter besaßen keine warme Kleidung, insbesondere an Stiefeln fehlte es. Wegen des Munitionsmangels hatten viele der Wehrpflichtigen in ihrer Ausbildung nie einen scharfen Schuss abgegeben. Aber auch die Qualifikation der Offiziere und Unteroffiziere war in vielen Fällen unzureichend geblieben. In einer Mischung aus Unkenntnis und Indifferenz ließen sie ihre Männer schutzlos gegen finnische MG-Stellungen anrennen. Am Ende des kurzen Krieges hatte die Rote Armee 126.000 Tote zu beklagen, die Finnen nur 48.000.

Dennoch konnte die Sowjetunion den Krieg gegen das verhältnismäßig kleine Finnland letztendlich gewinnen. Gegen das militärisch hochgerüstete Deutsche Reich mussten derartige Mängel jedoch zu einem Fiasko führen. Zu den immensen Verlusten zu Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges kam noch ein eklatanter Disziplinverlust. Zehntausende von Rotarmisten desertierten, andere ließen sich nur durch die drakonischen Strafen, darunter die von Stalin im August 1941 verhängte Sippenhaftung für die Familien in Gefangenschaft geratener Rotarmisten, vom Überlaufen abhalten. Tausende von Rotarmisten wurden bereits 1941 wegen versuchter Desertion erschossen, 4,5 Millionen waren bis Ende des Jahres im Kampf gegen die Deutschen gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten. Damit war die Rote Armee, wie sie noch wenige Monate vorher bestanden hatte, de facto nicht mehr existent. Insgesamt fielen während des gesamten Krieges knapp neun Millionen sowjetische Soldaten, bis zum Schluss erlitt die Rote Armee bei fast jeder Operation höhere Verluste als ihr deutscher Gegner. Neben der Heftigkeit der Kämpfe war dies auch dem Umstand geschuldet, dass die sowjetische Führung ihre Soldaten bedenkenlos opferte. Im weiteren Verlauf des Krieges verbesserte die Rote Armee ihre Ausrüstung deutlich, die Produktion von Waffen, Geräten und Munition konnte erheblich gesteigert werden. An der Behandlung der Soldaten änderte sich jedoch nur wenig. Sie wurden weiterhin zu Hunderttausenden im Feld geopfert, litten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, fielen Seuchen zum Opfer und hungerten. Pausenlos hämmerte ihnen die Propaganda ein, dass sie ihr eigenes Leben in den Dienst der großen Sache stellen müssten. „Für die Heimat, für Stalin, für den Sieg!“, so lautete die allgegenwärtige Losung, in der der einzelne keinen Platz hatte. Prominent vertreten in der sowjetischen Propaganda war dagegen der Feind, die deutschen Faschisten, gegenüber denen die Rotarmisten zur gnadenlosen Rache aufgefordert wurden. Als diese nach über dreijährigem Krieg endlich deutschen Boden betraten, waren es wohl solche Parolen, die zusammen mit den bitteren Erfahrungen der grausamen deutschen Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion dafür sorgten, dass sich ihr Hass an der deutschen Zivilbevölkerung entlud.

Wie im gesamten Buch gelingt es Merridale auch in diesem wohl schwierigsten Kapitel, das Grauen akribisch zu schildern, die Geschehnisse zu erklären und sich zugleich weder in die ein oder in die andere Richtung zu moralischen Urteilen hinreißen zu lassen.

Eine weitere Stärke des Buches besteht darin, die Schilderung nicht mit dem Ende des Krieges abbrechen zu lassen, sondern auch die Nachkriegszeit mit einzubeziehen. Die Folgen der Repatriierung, die viele Kriegsgefangene von den deutschen direkt in die sowjetischen Lager brachte, die Enttäuschung der im Krieg entwickelten Hoffnungen auf ein politisches Tauwetter nach dem Sieg und die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse beschreibt Merridale ebenso wie das langfristige Problem der einfachen Soldaten mit der sowjetischen Gedächtniskultur: Im offiziellen, bald mythisch überhöhten Bild des Krieges hatte "Iwan" keinen Platz. Stalin hatte den Krieg gewonnen, und dieser Krieg war gerecht und glorreich gewesen. Ihre anders lautenden Erinnerungen trauten sich die wenigsten Rotarmisten zu erzählen, die meisten unterwarfen sich dem Mythos vom „Großen Vaterländischen Krieg“.

Stellvertretend für all sie hat Merridale ihr Buch geschrieben, sie liefert beeindruckend Schilderungen der tagtäglichen Leiden der sowjetischen Soldaten, ihres millionenfaches und oftmals mit menschenverachtender Gleichgültigkeit hingenommenen Todes. Ihr Buch beeindruckt durch seine plastischen Schilderungen, insbesondere dort, wo sie die Quellen sprechen lässt, aus Aussagen von Zeitzeugen, aus Tagebüchern oder Feldpostbriefen zitiert. Sie kann die enormen Verluste ebenso erklären wie die bis zum Schluss grassierende Disziplinlosigkeit. Unbeantwortet dagegen bleibt die Frage, wie eine Armee, die sich in einem solchen Zustand befand, den Krieg gewinnen konnte. Denn Merridales Ausschnitt bleibt fast immer auf den einfachen Soldaten begrenzt, und dort wo sie diesen verlässt, fehlt ihr die Fachkenntnis. So bleiben strategische und operative Überlegungen vollkommen außen vor. Der Leser erfährt zwar, dass enorm viele Rotarmisten im Krieg gegen das Deutsche Reich ihr Leben lassen mussten. Unklar bleibt hingegen, ob es sich dabei jedoch nur um eine Folge von Zynismus, Indifferenz oder Unfähigkeit handelte oder ob die hohen Verluste unvermeidlich waren, weil die Rotarmisten strategisch wichtige Punkte gegen die deutschen Angreifer verteidigen oder von ihnen zurückerobern mussten. Dies aber wäre notwendig, um zu einem angemessenen Urteil über den Umgang des stalinistischen Regimes mit seiner Bevölkerung im Krieg zu gelangen. So ist die militärisch absolut sinnlose Verteidigung der Brester Festung in den ersten Wochen des Krieges sicherlich anders zu bewerten als die Schlacht um Stalingrad, bei der die Rote Armee zwar ungleich mehr Soldaten verlor, aber dafür auch den deutschen Vormarsch in den Kaukasus stoppen konnte. Die Frage, ob "Iwans" Opfer sinnlos war, kann Merridale ebenso wenig beantworten, wie ihre Protagonisten in den Jahren 1941 bis 1945 es konnten. Denn deren Perspektive nimmt die britische Historikerin ein. Das macht die große Stärke und Originalität dieses Buches aus. Gleichzeitig zeigt die unnötige Beschränkung auf diesen Ansatz auch dessen Grenzen.

[1] Siehe vor allem die Arbeiten von: Senjavskaja, E.S., Psichologija vojny y XX veke. Istoričeskij opyt Rossii, in: Serija "Social'naja istorija Rossii XX veka", Moskva 1999.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.03.2007
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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