M. Rothberg: Multidirektionale Erinnerung

Cover
Titel
Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung


Autor(en)
Rothberg, Michael
Erschienen
Berlin 2021: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
404 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katharina Stengel, Frankfurt am Main

Die deutsche Übersetzung von Michael Rothbergs Buch hat für lebhafte Diskussionen in den Feuilletons und der Fachpresse gesorgt. Es gab Applaus, moderate und heftige Kritik bis hin zu scharfen Vorwürfen der Holocaust-Relativierung. Zunächst ist für die Rezeption bedeutsam, dass das Buch des Literaturwissenschaftlers, das sich aus einzelnen Essays zusammensetzt, 2009 in den USA erschien, einige der zugrundeliegenden Essays aber noch einige Jahre älter sind. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe besteht aus einem Interview der Herausgeber:innen Felix Axster und Jana König mit dem Autor, das auf seine Motive eingeht sowie auf aktuelle Debatten in der Bundesrepublik (Stichwort Mbembe-Debatte, Kolonialismus- und Rassismusdebatten). Was es nicht leistet, ist eine Einordnung der Essays von Rothberg in den US-amerikanischen Kontext der 2000er-Jahre. Und das hätte an mancher Stelle durchaus zum Verständnis beitragen können, etwa wenn man sich vor Augen führt, dass Rothbergs irritierende Erläuterungen zum Holocaust als „Deckerinnerung“ (S. 37–42) vor dem Hintergrund einer US-amerikanischen „Erinnerungslandschaft“ entstand, die zwar ein zentrales und zahlreiche dezentrale Holocaust-Denkmäler, -Museen und Forschungseinrichtungen besaß, aber noch über keine entsprechende Einrichtung zur Geschichte der Sklaverei oder dem Genozid an indigenen Amerikanern. Damit würde zwar die zugrundeliegende Übertragung eines individual-psychischen Mechanismus auf ganze Erinnerungsgemeinschaften auch nicht unbedingt plausibel, aber „Deckerinnerung“ würde hier zumindest weniger absurd anmuten als im deutschen Kontext.

Rothberg plädiert für die Möglichkeit einer „multidirektionalen Erinnerung“ an die Geschichte des Holocaust, der Kolonialverbrechen, des transatlantischen Sklavenhandels und anderer Genozid-ähnlicher Massenverbrechen und belegt zugleich, dass es diese aufeinander bezogenen Erinnerungen längst gibt. Sein Material stammt weniger aus der historischen Forschung als aus Literatur und Film. Er argumentiert gegen die Annahme einer zwangsläufigen Erinnerungskonkurrenz und für die Möglichkeit einer produktiven Dynamik, in der sich das Erinnern und Gedenken an unterschiedliche Gewalterfahrungen zwar aneinander reiben mag, aber auch Prozesse der Inklusion, Intensivierung und Erkenntnisvermehrung in Gang setzt. Erinnerung sei kein Nullsummenspiel, bei dem ein Mehr auf der einen zwangsläufig zu einem Weniger auf der anderen Seite führen müsse. Es ist kein Wunder, dass diese Gedanken insbesondere in jenen Bereichen mit großem Interesse aufgegriffen werden, die sich mit Fragen der Holocausterinnerung in einer diverser werdenden Einwanderungsgesellschaft beschäftigen.

Für die Zeit zwischen den 1950er- und den 2000er-Jahren diskutiert Rothberg an verschiedenen, teils durchaus überzeugenden Beispielen, wie die Erinnerungen an den Holocaust und die Auseinandersetzung mit Kolonialverbrechen und Rassismus aufeinander bezogen waren und sind. Der Schwerpunkt liegt auf den 1950er- und 1960er-Jahren, auf Autorinnen und Autoren wie Hannah Arendt, Aimé Cesaire, W.E.B. Du Bois, André Schwarz-Bart und Charlotte Delbo. Den Anfang macht eine differenzierte Diskussion der (zum Teil verstörenden) Argumente, mit denen Hannah Arendt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ in den 1950er-Jahren die Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus mit dem europäischen Imperialismus verband. Rothberg kontrastiert das mit dem völlig anders argumentierenden, aber fast zeitgleich entstandenen Text „Über den Kolonialismus“ des aus der Karibik stammenden Schriftstellers Aimé Cesaire, der ebenfalls die Gewalt des Nationalsozialismus und die des Kolonialismus in Bezug zueinander setzte. Erinnerung und Analyse von Judenvernichtung und Kolonialverbrechen waren, wie Rothberg hier zeigen kann, auch in den 1950er-Jahren bereits auf eine „multidirektionale“ Weise miteinander verbunden. Wobei die Frage, mit welchem historischen Kenntnisstand in jenen Jahren solche Beziehungen hergestellt wurden, vom Autor nicht diskutiert wird. Ein ausführliches Kapitel widmet er W.E.B. Du Bois‘ kurzem, 1952 veröffentlichtem Text „The Negro and the Warsaw Ghetto“. Der US-amerikanische Intellektuelle und Bürgerrechtsaktivist sah sich unter dem Eindruck eines Besuchs in den Ruinen des Warschauer Ghettos gezwungen, das Problem der „color line“ zu überdenken und mit der Geschichte der europäischen Jüdinnen und Juden zu verbinden. Der Text, der in einer (kommunistischen) jüdischen Zeitschrift in den USA erschien, passt zu den Thesen Rothbergs einer gegenseitigen Befruchtung von Holocaust-Gedenken und der Auseinandersetzung mit Rassismus und Kolonialverbrechen so gut, dass die Interpretation hier etwas überdehnt wirkt.

Von verschiedenen Seiten nähert sich Rothberg dem Jahr 1961 als einem historischen Moment, der sowohl für die Geschichte der De-Kolonisierung als auch der Erinnerung an den Holocaust zentral war. Seine These: Die tiefgreifenden Veränderungen, die sich nun in der Wahrnehmung der Judenvernichtung ereigneten, sind nicht (wie üblicherweise angenommen) allein eine Folge des Eichmann-Prozesses, sondern ebenso eine Folge der Erfahrungen kolonialer und rassistischer Gewalt, insbesondere im Kontext des Algerienkriegs und seiner Auswirkungen in Frankreich. Der Autor zeigt, wie durch die Ereignisse in Algerien und in Frankreich, etwa das Massaker an algerischen Demonstranten am 17. Oktober 1961 in Paris, die Erinnerung an die Verbrechen der deutschen Besatzung aktualisiert wurde und wie sich die Debatten um die beiden historischen Erfahrungen beeinflussten und intensivierten. Rothberg macht sich hier auf die Suche nach verschütteten Spuren und Beziehungen, die die inzwischen kanonisierten Annahmen der Erinnerungsgeschichte bereichern und teils auch erschüttern können. Ob seine These über Frankreich hinaus Geltung beanspruchen kann, werden hoffentlich weitere Untersuchungen zeigen; Rothbergs Fragen und Beispiele sind jedenfalls anregend.

Umso ärgerlicher ist der zweite Teil seiner Argumentation: Er macht aus dem Eichmann-Prozess und der schockierenden Wirkung der Zeugenaussagen der Überlebenden einen Masterplan der israelischen Regierung, der die Eigendynamik dieses Ereignisses völlig negiert (S. 211–215). Die Zeugenaussagen werden als „affektive[r] Kitt“ (S. 213) für die zionistische Ideologie gedeutet. Rothbergs Text schwankt – nicht nur hier – zwischen politischem Pamphlet und Analyse. Immer wieder arbeitet er sich an der Behauptung der historischen Singularität (heute würde man eher sagen: Präzedenzlosigkeit) des Holocaust ab, die sich gegen eine unterschiedslose Einreihung dieses Verbrechens in die Gewaltgeschichte sperrt. Das ist für ihn ein zentraler Punkt, der Ursprung von Opferhierarchie und Opferkonkurrenz, aber auch der historisch völlig richtig beschriebenen Vernachlässigung der Kolonialverbrechen im öffentlichen Bewusstsein der ehemaligen Kolonial- und Sklavenhalterstaaten.

Grundlegend ist, dass Rothberg sich auf eine ereignisgeschichtliche Diskussion der Besonderheiten des nationalsozialistischen Judenmords nicht einlässt und suggeriert, es handele sich hier allein um eine Frage von Gedenkpolitik und Erinnerungsdiskursen. Wenn man die „Singularitätsthese“ für ein so zentrales Problem erachtet wie Rothberg, darf man es sich nicht so leicht machen. Es gibt gute Gründe für die These der historischen Präzedenzlosigkeit des Holocaust. Dazu gehört insbesondere die Tatsache, dass die Nationalsozialisten die Juden und Jüdinnen mit einem Vernichtungseifer verfolgten, der auf jede einzelne als jüdisch definierte Person in ganz Europa zielte, unabhängig von allen persönlichen Eigenschaften und konkreten Umständen. Dieser absolute Vernichtungswille ist historisch präzedenzlos, sowohl hinsichtlich der Ereignisgeschichte als auch der Intentionalität der Täter und der Erfahrungsgeschichte der Opfer. Die Historikerinnen und Historiker, die seit den 1950er-Jahren versuchten, das Spezifische an der Geschichte der nationalsozialistischen Judenvernichtung zu begreifen und herauszuarbeiten, haben das nicht getan, um damit die Opfer anderer Genozide und Massenverbrechen an den Rand zu drängen. Wenn aber die Präzedenzlosigkeit des Holocaust heute als Argument gegen die Wahrnehmung und Anerkennung anderer Opfergruppen missbraucht wird, sollte das diskutiert werden, statt mit ständigen Sticheleien zu suggerieren, das Beharren auf ereignisgeschichtlichen Besonderheiten sei ein politisch motiviertes und wissenschaftlich nicht zu rechtfertigendes Argument. Die Präzedenzlosigkeit stellt eine theoretische Herausforderung für Rothbergs Thesen dar, der er nicht gerecht wird. Dennoch führt der Autor auch wichtige Punkte an, die einer Diskussion bedürfen.

Rothberg bezichtigt, mit Verweis auf eine ganze Reihe jüngerer Arbeiten, diejenige Holocaustforschung, die von einer historischen Einzigartigkeit ausgeht, des Eurozentrismus. Viele der als singulär beschriebenen Verbrechen erschienen mit Blick auf das Agieren der Kolonialmächte und Sklavenhalter als Radikalisierung bereits bekannter Praktiken außerhalb Europas (S. 133–140). Der Verweis auf die Blindstellen und den eingeschränkten Referenzraum ist berechtigt. Das betrifft auch einen für die Holocaustforschung und -erinnerung so zentralen Begriff wie den des „Zivilisationsbruchs“ von Dan Diner (der von Rothberg nur gestreift, aber im Nachwort der Herausgeber:innen zur deutschen Ausgabe ausführlich diskutiert wird, S. 31, 364ff.).[1] Es stellt sich die Frage, ob der „Zivilisation“ mit Diners Begriff nicht eine unangemessene Unschuld und Distanz zu genozidalen Verbrechen bescheinigt wird. Wenn die europäische Zivilisation selbstbegangene Massenverbrechen außerhalb Europas jahrhundertelang ignorieren konnte, was bedeutet dann der Begriff des „Bruchs“ in Bezug auf den Holocaust? Bestünde er darin, dass dieser Genozid, im Gegensatz zu allen früheren, in der Mitte Europas stattfand, begangen an als „zivilisiert“ wahrgenommenen Europäerinnen und Europäern? Geht es hier – wie Rothberg mit Verweis auf Aimé Cesaire fragt (und letztlich verneint, S. 109–118) – um einen „Choc en Retour“, um das Erschrecken über die Wiederkehr der in den Kolonien ausgeübten, extremen Gewalt in der Mitte Europas? Es gibt nicht selten Verwendungen des Begriffs von Diner, in denen die Abgründe des „Zivilisations“-Begriffs nicht hinreichend reflektiert werden. Diner selbst leitete den Begriff jedoch aus der Tatsache ab, dass aus der Perspektive der Opfer, die ihrer ausnahmslosen Vernichtung gewahr werden mussten, etwas geschah, das den Horizont des Denkbaren überschritt: der Zivilisationsbruch als das „Zerbrechen ontologischer Sicherheit“.[2] Die Frage, ob ähnliches auch für die Wahrnehmung der Kolonisierten gelten könnte, wurde lange nicht gestellt.

Diners Jahre später formulierte Präzisierung des „Zivilisationsbruchs“, geschrieben auch mit Blick auf Kolonialismus und De-Kolonisierung, hebt bezüglich der Wahrnehmung der Holocaustopfer auf das „geradezu gegenrationale Verhalten der Nazis“[3] ab. Das berührt einen weiteren zentralen Punkt in Rothbergs Argumentation gegen die Singularitätsthese: seine Infragestellung der damit verbundenen Annahmen über Rationalität und Irrationalität. Mit unterschiedlichen Begriffen wird seit langer Zeit die Singularitätsthese mit der Behauptung gestützt, die Judenvernichtung sei – im Gegensatz zu allen anderen Genoziden – zutiefst „irrational“, „gegenrational“ oder „nicht-utilitaristisch“. Rothberg befasst sich unter anderem mit der Diskussion des kolonialen Kosten-Nutzen-Kalküls und des (Post-)Utilitarismus in verschiedenen Schriften Hannah Arendts, auf die sich später Holocausthistoriker:innen immer wieder bezogen hätten, ohne sich allerdings auf die von ihr herausgearbeiteten Paradoxien einzulassen (S. 74–81). Er zitiert Yehuda Bauer mit den Sätzen: „Dem Völkermord an den Armeniern, der möglicherweise die nächstliegende Parallele zur Shoah darstellt, lagen politische und chauvinistische Motive zugrunde, das heißt, er hatte eine sachliche Basis […]. Die Armenier […] besetzten einen Teil Anatoliens […]. Deswegen sollten sie beseitigt werden.“[4] Ähnliches wurde und wird immer wieder für die Kolonialverbrechen in Anschlag gebracht: Bei aller abscheulichen Grausamkeit lag ihnen doch ein rationales Motiv zugrunde (Gewinnstreben, Militärstrategie, Großmachtambitionen), das der nationalsozialistischen Judenvernichtung fehlte, die von irrationalem, wahnhaftem Antisemitismus angetrieben wurde. Rothberg stellt zurecht die Frage, wie hier Rationalität bestimmt wird und welche Zwecke wir bereit sind, noch irgendwie für vernünftig und nachvollziehbar zu halten. Diese Auseinandersetzung wird sowohl in theoretisch-begriffsgeschichtlicher Hinsicht als auch auf der Basis weiterer empirischer Erforschung der Kontexte staatlich gestützter Massengewalt fortgesetzt werden müssen. Rothbergs Buch, teilweise sehr mäandernd geschrieben, ist so interessant wie ärgerlich – und damit nicht die schlechteste Vorlage für weitere Diskussionen dieser wichtigen Fragen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Dan Diner, Zwischen Aporie und Apologie. Über Grenzen der Historisierbarkeit der Massenvernichtung, in: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart 2 (1987), S. 23–33.
[2] Dan Diner, Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust, Göttingen 2007, S. 14.
[3] Ebd., S. 13.
[4] Yehuda Bauer, Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen, Frankfurt am Main 2001, S. 69, zit. nach Rothberg, Multidirektionale Erinnerung, S. 77.