K.-D. Herbst: Biobibliographisches Handbuch der Kalendermacher

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Titel
Biobibliographisches Handbuch der Kalendermacher. 4 Bände


Autor(en)
Herbst, Klaus-Dieter
Reihe
Acta Calendariographica. Forschungsberichte 9
Erschienen
Jena 2020: Verlag HKD
Anzahl Seiten
1.916 S.
Preis
€ 300,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Günther Oestmann, Fachgebiet Wissenschaftsgeschichte, Institut für Philosophie, Technische Universität Berlin

Die seit 1539 in Buchform publizierten Schreibkalender, in denen man sich Notizen machen konnte, bieten neben den eigentlich kalendarischen Daten (Zuordnung von Tagen, Monaten und Wochen, Angaben der beweglichen Feiertage im Kirchenjahr, Namenstage, Heiligenkalender) auch vielfältige astronomische, astrologische und meteorologische Informationen (Mondphasen, Finsternisse, Horoskope, Wetterregeln, Aussaat- und Pflanztermine). Dazu treten begleitende Texte zur Unterhaltung und Belehrung, Sinnsprüche, Kochrezepte etc., wobei sich die Kalendergeschichte zu einer eigenen literarischen Gattung entwickelte. Der als Practica oder Prognostik bezeichnete Teil mit astrologischen Vorhersagen wurde zunächst separat verkauft, doch ging man im Lauf des 17. Jahrhunderts zur Publikation in einem Band über.

Vor 1700 zählten unter anderem Augsburg, Leipzig, Straßburg und Nürnberg zu den wichtigen Kalenderdruckorten. Abgesehen von gut erforschten Einzelpersonen (beispielsweise Abdias Trew, Johann Christoph Sturm, Simon Marius und Gottfried Kirch) sind Kalendermacher mit ihren Werken und Lebensläufen bislang nur regional begrenzt erfasst worden (hier wären etwa die Publikationen von Matthäus für Nürnberg, Sührig für Niedersachsen und Seethaler für Wien zu nennen).[1]

Kalendermacher mussten sich auf mehreren Gebieten als Astronomen, Astrologen, Mathematiker, Redakteure und Dichter betätigen, und unter diesen finden sich zahlreiche Ärzte, Pfarrer, Lehrer und Mathematiker mit astronomischen Interessen. Jedoch zählen die Autoren (mit wenigen Ausnahmen wie etwa Johannes Kepler) nicht zu den Sternen erster Größe am wissenschaftshistorischen Firmament. Gleichwohl lohnt eine Beschäftigung mit dieser Gattung von Kleinschriften, denn als erschwingliches Medium spielten Kalender bei der Popularisierung und massenhaften Verbreitung von Wissen eine nicht unbedeutende Rolle. Zudem gab es vielfältige Verbindungen von Kalendermachern mit Gelehrten an Universitäten und Akademien (sofern diese nicht selbst dort tätig waren), wie auch Schriftstellern, Zeitungsherausgebern, Druckern, Verlegern und politischen Entscheidungsträgern.

Ziel der vorliegenden Publikation ist es, die Schreibkalender im Quartformat mit ihren Autoren bis 1700 in möglichster Vollständigkeit zu erfassen. In überaus sorgfältiger Arbeit hat der Autor 781 Kurzbiographien von deutschsprachigen Kalendermachern mit Quellenverweisen und Schriftenverzeichnissen zusammengetragen (da es zu den insgesamt 115 Pseudonymen jeweils einen eigenen Artikel gibt, sind für einen Autor gegebenenfalls mehrere Einträge enthalten). Zudem ist jedem Namenseintrag eine Einschätzung der Bedeutung der Kalender des jeweiligen Autors im Kalenderwesen der Frühen Neuzeit beigegeben. Durch mehrere Indices (alphabetisches und chronologisches Register der Kalendermacher, Register von Familienangehörigen der Kalendermacher und in den Kalendern erwähnter Persönlichkeiten, Druck- und Verlagsorten, Siglen- und Schlagwortverzeichnis) sind die Bände vorzüglich erschlossen. Dazu kommt ein umfängliches Quellen- und Literaturverzeichnis.

Im 113 Seiten umfassenden Vorspann referiert der Autor zunächst ausführlich die mit wechselnden Erfolgen unternommenen Bemühungen um eine Förderung seiner Forschungen („Vom Werden und Nichtwerden weiterer Kalenderprojekte“) – Prozeduren nicht selten höchst unerfreulicher Art, die dem Rezensenten aus eigener Erfahrung wohlbekannt sind. Die vorgebrachte Idee, mangelfreie Anträge auf eine „Warteliste“ zu setzen, „um diese bei knappen finanziellen Mitteln der Reihe nach abzuarbeiten“ dürfte allerdings illusorisch sein. Es folgt eine Darstellung der verschiedenen Funktionen von Kalendern, die der Orientierung, Information, Unterhaltung und Bildung dienten. Im akademischen Bereich tätige Autoren nutzten Kalender auch zur Verbreitung ihrer wissenschaftlichen Ansichten, und seit etwa 1660/70 zeigen sich in mehreren Kalenderreihen (etwa von Grüneberg, Concius, Sturm, Kirch, Junius und Hamberger) voraufklärerische Tendenzen. Dieser Aspekt ist vom Autor bereits in einer früheren Publikation betont worden.[2] Weiterhin werden verschiedene Facetten der Rezeption und Herstellung (Auflagenhöhen, Verträge und Honorare, Preise) erörtert. Herbst konnte einen Vertrag zwischen dem Görlitzer Kalendermacher Bartholomaeus Scultetus und seinem Drucker Ambrosius Fritsch aus dem Jahre 1584 aufspüren. In wissenschaftshistorischer Hinsicht sind die Übernahme astronomischer Parameter und der auch im Kalenderschrifttum feststellbare Prozess des Niedergangs der Astrologie im Verlauf des 17. Jahrhunderts von besonderem Interesse. Die in Schreibkalendern veröffentlichten Anleitungen zu astronomischen Beobachtungen und Beobachtungsprotokolle sind von der Wissenschaftsgeschichte bislang kaum zur Kenntnis genommen worden.

Der Inhalt der Bände 9.2, 9.3 und 9.4 ist auch online ohne Seitenzahlen einsehbar[3], nicht aber der Einführungs- und Indexband.[4] Man mag sich fragen, ob es erforderlich war, dazu auch noch eine gedruckte, nicht eben preisgünstige Ausgabe vorzulegen. Diese hat jedoch ihre unbedingte Berechtigung, denn wer könnte garantieren, dass die Online-Version über lange Zeiträume abrufbar ist? Das Internet ist ein flüchtiges Medium, und angesichts der geringen „Halbwertszeit“ von Betriebssystemen und einschlägigen Programmen bietet allein das gedruckte Buch die Sicherheit, dass Informationen über lange Zeiträume erhalten und zugänglich bleiben. Abgesehen davon ist (zumindest in der Auffassung des Rezensenten) die haptische Benutzung von Büchern dem Starren auf den Bildschirm allemal vorzuziehen, zumal man die äußere Aufmachung der im Eigenverlag publizierten Bände (Halbleinen mit Fadenheftung, gute Papierqualität und lesefreundlicher Satzspiegel) nicht anders als tadellos bezeichnen kann. Zu bemängeln ist einzig die Reproduktion der beigegebenen Porträts in Streichholzschachtelgröße.

Anmerkungen:
[1] Klaus Matthäus, Zur Geschichte des Nürnberger Kalenderwesens: Die Entwicklung der in Nürnberg gedruckten Kalender in Buchform, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 9 (1968), Sp. 965–1396 (zugl. Diss. Universität Erlangen-Nürnberg); Hartmut Sührig, Die Entwicklung der niedersächsischen Kalender im 17. Jahrhundert, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens, 20 (1979), Sp. 329–794; Josef Seethaler, Das Wiener Kalenderwesen des 15. bis 17. Jahrhunderts, in: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 41 (1985), S. 62–112.
[2] Klaus-Dieter Herbst, Die Schreibkalender im Kontext der Frühaufklärung (= Acta Calendariographica, 2), Jena 2010.
[3]https://www.presseforschung.uni-bremen.de/dokuwiki/doku.php?id=Startseite (19.04.2021)
[4] Das Inhaltsverzeichnis ist online unter <https://gottfried-kirch-edition.de/wp-content/uploads/2020/01/2020-Handbuch.pdf> (19.04.2021) zu finden.

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Veröffentlicht am
27.04.2021
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