A. Kruke: Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland

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Titel
Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland. Meinungsforschung, Parteien und Medien 1949-1990


Autor(en)
Kruke, Anja
Reihe
Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 149
Erschienen
Düsseldorf 2007: Droste Verlag
Anzahl Seiten
562 S.
Preis
€ 74,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norbert Grube, Institut für historische Bildungsforschung/Pädagogische Hochschule Zürich

„Ich bin der Auffassung, man sollte nicht so oft befragen, man bringt die öffentliche Meinung dadurch nur durcheinander.“[1] Mit diesen Worten äußerte Bundeskanzler Adenauer 1957 Zweifel gegenüber wissenschaftlich ambitionierten, partiell widersprüchlichen Diagnosen – und seinen Unmut über die vielfache Veröffentlichung. Den in diesem Zitat aufschimmernden Fragestellungen ist Anja Kruke in ihrer Bochumer Dissertation über die Geschichte der demoskopischen Politikforschung in der Bundesrepublik Deutschland nachgegangen. Sie deutet die Demoskopie unter Bezug auf Niklas Luhmann und Rudolf Stichweh als Beobachtungsform zweiter Ordnung, die Diagnosen und Deutungen über politische Meinungsbildung an den politischen Arkanbereich liefert, aber auch durch die Ermittlung gesellschaftlicher Erwartungen und deren massenhafter medialer Vermittlung politische Diskurse und Entscheidungshandlungen verschieben und damit „Responsivität“ zwischen Parteien, Regierungen und Öffentlichkeit herstellen kann (S. 15f., S. 322, S. 511).[2] Dabei versteht Kruke politische Entscheidungen als kommunikatives, soziales und medial organisiertes Handeln sowie Medialisierung ohne negative Konnotationen als notwendiges Element bei der Vermittlung von Politik. Sie fragt, wie sich die Demoskopie in der Politik und in den Medien als ein dominantes Interpretations- und Darstellungsinstrument von öffentlicher Meinung verankerte und wie sich das Argumentieren mit Erwartungen und Meinungen auf politische Kommunikations- und Handlungsstrategien auswirkte.

Nach der einleitenden Klärung ihrer diskurs-, medien- und kulturgeschichtlichen Prämissen (S. 11-29) lässt Kruke ein Kapitel zur Frühgeschichte der Demoskopie in Westdeutschland nach 1945 folgen (S. 31-58). Dabei betont sie besonders Einflüsse aus den USA, wo unter anderem George Gallup bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren repräsentative Bevölkerungsumfragen in Politik und Medien etabliert hatte, sowie Kontinuitäten in Soziologie und Journalismus aus der NS-Zeit beim Aufbau der Nachkriegsdemoskopie (S. 46), denen im Verlauf der Arbeit allerdings nicht weiter nachgegangen wird. Hinzuzufügen wäre etwa noch die um 1900 aufgekommene Arbeitspsychologie als Wurzel der Umfrageforschung.

Das Buch gliedert sich dann in zwei Hauptteile, die getrennt die beiden leitenden Fragestellungen behandeln. Im ersten Teil (S. 61-318) deutet Kruke die Verankerung der Umfrageforschung in Regierungen und Parteien als Verwissenschaftlichung politischer Organisationen, während im zweiten Teil der Beitrag der Demoskopie zum Wandel politischer Strategien, Konzepte und Kommunikationsformen sowie zur Medialisierung politischer Diskurse aufgezeigt wird (S. 319-516). Beide Teile enden mit einem Zwischen- bzw. Schlussfazit; ausführliche Personen- und Sachregister beschließen die Untersuchung.

Im ersten Teil zeichnet Kruke zunächst in zwei Kapiteln die Etablierung der Demoskopie in der CDU seit 1950 nach. Bei der Nutzung von Umfragen war die Regierung Adenauer den CDU-Parteigremien um mehrere Jahre voraus. Dem Dualismus zwischen Regierung und Partei entsprach die Konkurrenz zwischen dem Allensbacher Institut für Demoskopie (IfD) und dem Bielefelder Institut Emnid. Mit der Generierung eigenen Umfragewissens zunächst durch die Beauftragung Emnids, dann durch die Kooperation mit weiteren Instituten und Wissenschaftlern emanzipierte sich die CDU-Bundesgeschäftsführung vom Kanzleramt Adenauers und Erhards und installierte 1967 mit dem „Wissenschaftlichen Institut der Konrad-Adenauer-Stiftung“ (WIKAS) ein eigenes „Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut“ (so der Name des WIKAS seit 1970). Doch mit der schlechten Bundestagswahlprognose 1969 und dem Aufstieg Helmut Kohls zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten gelangte das IfD erneut in eine Schlüsselstellung der demoskopischen Beratung der CDU, die bis 1989 auf mehrere miteinander konkurrierende Institute verteilt wurde.

Im dritten Kapitel analysiert Kruke in ähnlich chronologischer Darstellung die zögerliche und widersprüchliche Annäherung der sozialdemokratischen Mitgliederpartei an die Demoskopie. Nachdem die SPD anfangs zaghaft Emnid-Daten rezipiert hatte, beauftragte sie 1956/57 das Institut Divo mit der Wahlforschung, was jedoch zu keinem unmittelbaren Erfolg führte. Nach der Wahlniederlage und mit der Parteireform von Godesberg 1959 griff die SPD die Initiative zur demoskopischen Diagnostik von jungen Wissenschaftlern um Klaus Liepelt auf, was in die finanzielle Beteiligung der SPD bei der Gründung von Infas mündete.

Krukes getrennte Analyse der demoskopischen Politikberatung und der damit verbundenen Netzwerke bei CDU und SPD ist detailreich und informativ, wirkt jedoch stellenweise redundant, weil in beiden Parteien zahlreiche Parallelen bei der Etablierung der politischen Umfrageforschung auftraten (S. 314f.). Der Beginn der Kooperation mit Demoskopen korrelierte häufig mit innerparteilichen Krisen oder Phasen der Abgrenzung gegenüber alten Parteihierarchien. Die Zusammenarbeit mit bestimmten Umfrageinstituten beruhte oft auf Verständigung, Vertrauen und Loyalität innerhalb eines bestimmten Netzwerks von Politikern und Wissenschaftlern, was sowohl in der CDU wie in der SPD zu einem demoskopischen Dualismus zwischen Regierung und Partei führte. Während Willy Brandt früh mit Infratest und Klaus von Dohnanyi kooperierte, blieb Infas bis zum Aufstieg von Sinus, Forsa oder Polis eher das Institut der SPD. Parteien wie Bundesregierungen wurden bis zur Mitte der 1970er-Jahre von der Ausweitung der politischen Demoskopie erfasst, die gekennzeichnet war durch beschleunigte Datenerhebung, -auswertung und -präsentation, Ausdehnung der Erhebungen auf Mediennutzung und -wirkung sowie durch methodische Neuerungen wie Panelbefragungen oder Faktorenanalysen. Diese Prozesse fasst Kruke als Verwissenschaftlichung des Politischen auf, wobei mitunter unklar ist, ob die wissenschaftliche Selbstdarstellung der Institute partielle Strategie zur Erlangung von Aufträgen war (S. 166) oder sich oberflächlich in der Mitwirkung von Professoren wie Rudolf Wildenmann und Werner Kaltefleiter bei der politischen Umfrageforschung erschöpfte.

Dass die wissenschaftlich ambitionierte Umfrageforschung politische Diskurse prägte und die Politik somit demoskopische Gesellschaftsdeutungen übernahm, ist die zentrale These im zweiten Teil von Krukes Dissertation. Die teilweise technokratische sozialstatistische Analyse (Infas) von Wahlkreisen und Wählerzielgruppen begleitete den Wandel der SPD von einer Partei mit klassenkämpferischer Ideologie zur pragmatischen Volkspartei. Themenfelder und Images von Volksparteien und Politikern wurden nach Krukes Befund stark durch deren demoskopisch ermittelte massenmediale Tauglichkeit und gesellschaftliche Resonanz bestimmt (S. 376-384). Ob allerdings die Umfrageforschung politische Themen überhaupt generiert oder nicht eher wechselwirkend vermeintlich virulente Bedürfnisse der Bevölkerung und medialen Tenor selektiv aufgreift und verstärkt, wäre weiterführend zu diskutieren. Während sich Parteien und Regierungen gegenüber Wählermeinungen beweglich zeigten, beabsichtigten demoskopische Politikberater, durch Einhegung komplexer Wahlforschungsbefunde Wähler und Bevölkerung „steuerbar zu machen“ (S. 333, S. 341). Neben die Kategorie der „Responsivität“ tritt hier die Funktion der Disziplinierung oder Zähmung der öffentlichen Meinung (S. 509). Krukes wiederholt benutzte Körpermetaphorik ist indes etwas unglücklich, da sie Sprachanleihen der Demoskopen aus der Medizin und damit deren Gesellschaftsvorstellungen unreflektiert übernimmt.

Durch die Einschränkung politischer Handlungsräume auf das Berechenbare erzeuge die Demoskopie, so Kruke, bei Politikern wie bei Wählern eine hohe Erwartungshaltung hinsichtlich der raschen Machbarkeit von Politik (S. 402, S. 415, S. 433). Wird diese Erwartung nicht erfüllt, generieren Umfragen besonders durch ihre massenmediale Verbreitung politische Enttäuschung. Diese verschiedentlich angedeuteten Hinweise auf die Grenzen verwissenschaftlichter politischer Steuerung und medialer Politikpräsentation hätten noch systematischer dargestellt werden können. Denn trotz der Absage an „narrative Muster von Fortschritt und Modernisierung“ (S. 515) erscheinen bei Kruke Verwissenschaftlichung und Medialisierung, die nacheinander in getrennten Kapiteln analysiert werden und so wie eine Abfolge wirken, eher mit den positiven Konnotationen Professionalisierung, politischer Pragmatismus, politische Planung und Machbarkeit. Bei stärkerer Akzentuierung der Wechselbeziehung von Medialisierung und wissenschaftlicher Politikberatung könnte man fragen, ob die Medialisierung wissenschaftliche Umfrageerkenntnisse nicht auf inhaltsleere Popularitätswerte für Politiker und selbsttäuschende Ja-oder-Nein-Optionen verkürzt. Durch den immer rasanteren politischen Nachrichtenmarkt könnten Demoskopen dann weniger als themensetzende wissenschaftliche Regisseure im theatralisierten Wahlkampf gelten, sondern als Zauberlehrlinge der mit Umfragen einst angestoßenen, nun aber kaum mehr demoskopisch zu kontrollierenden Beschleunigung des Politischen. Die eher abnehmende Qualität von Bundestagswahlprognosen spräche dafür.

Im Ganzen bietet Anja Krukes quellenreiche Studie jedoch eine Fülle von Informationen zu einem bislang stark vernachlässigten Forschungsfeld. Ihre anspruchsvollen Deutungen veranlassen zur kritischen Prüfung, ob weitere sozialwissenschaftliche Konzepte, etwa der Neo-Institutionalismus, für die Geschichte der demoskopischen Politikplanung und -beratung nutzbar sind. Auch künftige Untersuchungen zur Anwendung von Umfrageerkenntnissen als Teil gouvernementaler Gesellschaftspolitik und -steuerung oder zu Aushandlungen zwischen Umfrageforschern und Politikern im Spannungsfeld von politischer Finanzierung und Loyalitätsbindungen können von diesem Buch ausgehen.

Anmerkungen:
[1] Allensbacher Archiv, Nachlass Erich Peter Neumann, Adenauer an Neumann, 6.3.1957.
[2] Hier sind Parallelen erkennbar zum Analysekonzept von Ziemann, Benjamin, Opinion Polls and the Dynamics of the Public Sphere: The Catholic Church in the Federal Republic after 1968, in: German History 24 (2006), S. 562-586.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.06.2007
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