D. Schuch: Transformationen der Zeugenschaft

Cover
Titel
Transformationen der Zeugenschaft. Von David P. Boders frühen Audiointerviews zur Wiederbefragung als Holocaust Testimony


Autor(en)
Schuch, Daniel
Reihe
Buchenwald und Mittelbau-Dora – Forschungen und Reflexionen
Erschienen
Göttingen 2021: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
371 S., 7 SW-Abb.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Linde Apel, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Für seine geschichtswissenschaftliche Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat Daniel Schuch Interviews mit Überlebenden der nationalsozialistischen Judenverfolgung untersucht – Gespräche, die zu unterschiedlichen Zeiten und von verschiedenen Personen bzw. Institutionen in mehreren Ländern geführt wurden. Im Zentrum der Analyse stehen fünf Interviews mit vier Männern und einer Frau, die 1946 vom Psychologen David P. Boder (1886–1961) befragt worden waren. Diese Befragungen hatte Boder, der insgesamt 129 Personen unterschiedlichen Alters in verschiedenen Sprachen interviewt hatte, damals mit einem sogenannten Drahttonrekorder aufgezeichnet. Die Aufnahmen sowie die Transkripte liegen heute digital vor.1 Durch diese Zugänglichkeit haben sie eine gewisse Berühmtheit erlangt, auch wenn sie nicht, wie oft behauptet, als die ersten Holocaust-Zeugnisse zu bezeichnen sind.

Dass die Boder-Interviews nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören sind, hebt sie unter den Nachkriegs-Befragungen hervor. Insbesondere die Mündlichkeit verhilft zu anderen Sinneseindrücken und damit zu einer anderen Intensität der Rezeption, als es ähnlich alte, aber nur schriftlich vorliegende Befragungen oder Selbstzeugnisse ermöglichen. Denn die Stimmen der am Gespräch Beteiligten vermitteln fundamental andere Eindrücke als schriftliche Quellen. So lässt sich die Interaktion besser wahrnehmen, auch Zögern, Unterbrechungen, Stimmungen vermitteln sich direkter, als dies ein Transkript je könnte. Der größte Unterschied im Vergleich mit später entstandenen Interviews besteht vielleicht darin, dass die von Boder befragten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung sich jung anhören – und damit gänzlich anders, als wir es heute gewohnt sind. Sie unterscheiden sich aber auch darin, dass die Befragungen in zeitlicher Nähe zu den Ereignissen stattgefunden haben, die sie thematisieren. Es gab noch keine festgelegten Erzählmuster oder Interpretationsschablonen.

Das Buch besteht aus zwei Hauptteilen. Im ersten geht der Autor auf die Finanzierungs- und Entstehungsbedingungen des Interviewvorhabens ein. Er skizziert, wie sich Boders Leitfrage nach den Auswirkungen der erlebten Katastrophe und sein konzeptioneller Zugriff, den er als qualitative, von unterschiedlichen Disziplinen informierte Feldforschung verstand, sowie die konkrete Durchführung der Interviews im Projektverlauf änderten. Im Vergleich zu heutigen Konventionen wirkt Boders Gesprächsführung, die er als „non-directive“ bzw. „semi-non-directive“ bezeichnete (zit. auf S. 71), ruppig bis taktlos, zumal er im Verlauf seiner Interviews manche der Befragten darum bat, lediglich über die besten und die schlimmsten Erfahrungen Auskunft zu geben. Da sich für Boder Traumatisierung in Sprache ausdrückte – in deutlichem Kontrast zu einem späteren Trauma-Begriff, der gerade auf das Nicht-Verbalisierbare abhebt –, lag es nahe, den Prozess der Traumatisierung anhand von hörbarer Sprache zu analysieren. Allerdings bestand Boder darauf, nur persönliche Erfahrungen erzählt zu bekommen, weswegen er sehr häufig eingriff und seine Gesprächspartner:innen daran hinderte, ihrer eigenen Form der Erzählung zu folgen. Schuch verdeutlicht jedoch auch, dass Boders Verhalten als Interviewer nicht immer seinen eigenen Ansprüchen genügte, etwa wenn ihm das Gehörte derart unverständlich vorkam, dass er intervenierte oder hartnäckig nachfragte. Für diejenigen, die über streng reproduzierbare Methoden der Gesprächsführung nachdenken, könnte das Buch eine hilfreiche Lektüre sein. Denn die Befragungen entwickelten Dynamiken, denen sich selbst ein gelegentlich autoritär wirkender und agierender Interviewer wie Boder nicht entziehen konnte. Aber auch die Interviewten ließen sich nicht immer davon abhalten, das zu sagen, was sie sagen wollten.2 Boders methodischer Ansatz ist deshalb nicht unter die (nicht eindeutig definierte) Oral History zu subsumieren, weil sein Erkenntnisinteresse primär ein psychologisches war, selbst wenn er sich dabei für Erzählungen aus der unmittelbaren Vergangenheit interessierte. Eine Gemeinsamkeit zwischen Boders Aufnahmen und heutigen narrativen, lebensgeschichtlichen Interviews ist aber, dass die Antworten auf Boders Fragen damals und auch beim heutigen Hören neue Fragen hervorrufen.3

Im zweiten, etwas kürzeren Hauptteil des Buches vergleicht Schuch die Boder-Interviews aus der unmittelbaren Nachkriegszeit mit Videointerviews, die in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren mit den gleichen Personen, nun aber von anderen Interviewer:innen geführt wurden. Er möchte nachvollziehen, wie sich das Sprechen über die nationalsozialistische Verfolgung verändert hat, und orientiert sich dabei am literaturwissenschaftlichen Konzept des Wiedererzählens.4 Dass fünf Personen in zwei unterschiedlichen zeitlichen und medialen Konstellationen befragt wurden, ist für die heutige Sekundärauswertung ein ausgesprochener Glücksfall. Im Vordergrund steht dabei die Frage, inwiefern die Zielvorstellungen der die neueren Interviews durchführenden Einrichtungen auf die Narrative einwirkten. Dazu beschreibt Schuch zunächst die drei an der erneuten Befragung beteiligten Institutionen – die USC Shoah Foundation, das australische Jewish Holocaust Centre und das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) –, um anschließend auf die später geführten Interviews einzugehen. Die Shoah Foundation, ähnlich wie das im deutschsprachigen Raum eher unbekannte Jewish Holocaust Centre in Melbourne, verlangten Interviews moralische und pädagogische Aufgaben ab, weil das Material primär in Ausstellungen eingesetzt werden und bei Besucher:innen bestimmte emotionale Reaktionen hervorrufen sollte. Die vom Department for Oral History am USHMM in Washington aufgezeichneten Interviews unterschieden sich davon in einigen zentralen Bereichen. Auch wenn das USHMM anfangs ähnliche Intentionen hatte wie die beiden anderen Einrichtungen, so legte die Oral-History-Abteilung ein weniger instrumentelles Verständnis von Interviews an den Tag, was sich in den Gesprächen teils deutlich widerspiegelt. Zudem hatte die damalige Leiterin der Abteilung, Joan Ringelheim, ein Projekt konzipiert, in dem die von Boder Befragten gesucht, kontaktiert und erneut befragt werden sollten. Vorgesehen war auch, die Interviews auszuwerten. Dieser Teil des Vorhabens konnte jedoch nicht realisiert werden. Mit Ringelheim war eine erfahrene Historikerin am Projekt beteiligt, die Interviews zwar auch als „Holocaust testimonies“ betrachtete, vor allem aber als „primary sources“ für die Erforschung der Erfahrungen von Opfern, Tätern oder Zeugen der Verbrechen und genozidalen Maßnahmen (zit. auf S. 249).5

An der Analyse der in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren geführten Interviews zeigt sich, wie viele Aspekte auf die Gespräche einwirken. Dass es sich nun um Videointerviews handelt und diese damit für die intendierte pädagogische Verwendung besser geeignet sind, konstatiert Schuch lediglich. Für seine Analyse spielen die verschiedenen medialen Formate eine erstaunlich geringe Rolle. Er interpretiert die späten Interviews vielmehr überzeugend auf der Ebene des Gesagten und der Beziehungen. Die Positionierungen der Institutionen, die die Interviewenden repräsentieren, sowie gesellschaftliche Diskurse über die Bedeutung des Überlebens der nationalsozialistischen Verfolgung – und damit das, was Schuch als „Transformationen der Zeugenschaft“ bezeichnet – sind wesentlich einflussreicher. In gleichem Maße, wenn nicht sogar noch stärker, sind es die fragenden Personen. Schuch weist in differenzierten Analysen darauf hin, dass besonders die Laien-Interviewer:innen der Shoah Foundation und des Jewish Holocaust Centre gelegentlich nicht informiert genug waren, um die Antworten angemessen einordnen und sinnvolle Folgefragen stellen zu können. Nicht zuletzt prägten die Persönlichkeiten der Interviewten den Gesprächsverlauf. Interessanterweise war es der Eigensinn der Befragten, der sich in den frühen und den späten Interviews gleichermaßen durchsetzte. Das Besondere an Schuchs Buch ist gerade die Vielzahl und Breite der darin enthaltenen Zitate aus den Interviews. So lassen sich die Befragten zwar nicht hören oder sehen, aber ihre Stimmen doch nah am Gesagten lesen. Das führte bei mir dazu, dass ich gelegentlich zu anderen Interpretationen kam als der Autor, verdeutlicht jedoch zugleich, wie sinnvoll dieser quellennahe Umgang mit Zitaten ist.

Der hier besprochene Band ist der erste der neuen Reihe „Forschungen und Reflexionen“ der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.6 Jens-Christian Wagner, der Direktor der Stiftung, wünscht dem Buch in seinem Vorwort „viele Leserinnen und Leser“ (S. 8). Aufgrund von Boders eklektischem Methodenmix, Schuchs sorgfältiger Rekonstruktion des Projekts und der Analyse von Interviews aus verschiedenen Zeiten lohnt sich die Lektüre für Leser:innen unterschiedlicher disziplinärer Herkünfte: für Oral Historians, die den Wandel im Umgang mit mündlichen Quellen verfolgen möchten, und für Historiker:innen, die sich mit der Entwicklung von Begriffen oder der Erinnerungskultur beschäftigen, aber auch für Interessierte aus der Traumaforschung und multidisziplinären Projekten.

Anmerkungen:
1 Das Illinois Institute of Technology, einer der ehemaligen Arbeitgeber von David Boder, hat die Aufnahmen digitalisiert und stellt sie mit Informationen zu Boders Lebensgeschichte und mit Details zur Projektgeschichte online zur Verfügung: URL: <https://voices.library.iit.edu/> (12.04.2022).
2 Knappe Einzelanalysen von Interviews liefert folgender, von Axel Doßmann konzipierter und redaktionell verantworteter Blog: URL: <https://www.dp-boder-1946.uni-jena.de/> (12.04.2022).
3 Lutz Niethammer, Fragen – Antworten – Fragen. Methodische Erfahrungen und Erwägungen zur Oral History, in: ders. / Alexander von Plato (Hrsg.), „Wir kriegen jetzt andere Zeiten.“ Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern, Berlin 1985, S. 392–445.
4 Elke Schumann u.a. (Hrsg.), Wiedererzählen. Formen und Funktionen einer kulturellen Praxis, Bielefeld 2015.
5 Joan Ringelheim / Arwen Donahue / Amy Rubin, Oral History Interview Guidelines, Washington D.C. 1998, S. ii. Eine aktualisierte Fassung von 2007 gibt es unter URL: <https://www.ushmm.org/m/pdfs/20121003-oral-history-interview-guide.pdf> (12.04.2022).
6 Siehe auch die weiteren bisherigen Bände: URL: <https://www.wallstein-verlag.de/reihen/buchenwald-und-mittelbau-dora-forschungen-und-reflexionen.html> (12.04.2022).