Cover
Titel
Auf Abstand. Eine Gesellschaftsgeschichte der Corona-Pandemie


Autor(en)
Thießen, Malte
Erschienen
Frankfurt am Main 2021: Campus Verlag
Anzahl Seiten
222 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhild Kreis, Historisches Seminar, Universität Siegen

Ist es vermessen, eine Gesellschaftsgeschichte der Corona-Pandemie anzukündigen, wenn die Pandemie noch gar nicht vorbei ist, wenn die Geschichte also nicht nur „noch qualmt“ (Barbara Tuchman), sondern das Feuer gewissermaßen noch lodert? Wie nah an der Gegenwart kann Geschichtswissenschaft sein, was kann der historische Blick zum Verständnis des aktuellen Geschehens beitragen? Anders als Zeitungsartikel, Aufsätze oder Podcasts werden Geschichtsbücher oftmals als Ergebnis und nicht als Zwischenschritt in der Diskussion gesehen, und hier ein Ausrufezeichen zu setzen ist verlockend. Zu beobachten war dies beispielsweise nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, die – so wie jetzt Corona – innerhalb kürzester Zeit als globale Zäsur interpretiert wurden, die die Welt in ein Vorher und Nachher scheide. Als die Trümmer noch kaum weggeräumt und die Zukunft nach „9/11“ erst wenige Monate alt war, erschienen bereits Dutzende von Büchern, die ausgehend von der Zäsurthese die Hintergründe der Anschläge und die neue Zukunft darlegen wollten.[1] Einen solchen Anspruch erhebt Malte Thießen nicht, und das ist auch gut so.

Bereits mit dem Titel, der „eine“ und nicht „die“ Gesellschaftsgeschichte der Pandemie ankündigt, lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass er sein Buch als Perspektive, nicht als abschließende Bilanz versteht. Unter dem Titel „Auf Abstand“ wählt Thießen die räumliche und zeitliche Figur der Distanz als Sonde in die Pandemie und beleuchtet dabei mehrere Ebenen. Es geht ihm zum einen um Abstand als eines der wenigen Phänomene, die er als etwas tatsächlich „Neues“ in der Seuchengeschichte der Menschheit ansieht, nämlich das Gebot, mindestens anderthalb Meter voneinander Abstand zu halten (S. 148). Zur Geschichte der „Distanzierungen“ (S. 10) zählen aber auch Konflikte zwischen verschiedenen Teilen der deutschen Gesellschaft, die aktuell so häufig als Spaltung beschrieben werden, sowie nicht zuletzt ein erstes Ausloten des Abstands zwischen dem Vorher und Nachher (sprich: dem Wandel) des Alltags in und durch Corona.

Während die flächendeckende, längerfristige und politisch angeordnete körperliche Distanzierung erstmals zum Mittel der Seuchenbekämpfung avancierte, sind gesellschaftliche Verwerfungen nichts Neues. Organisierte Proteste gegen Seuchenbekämpfungsmaßnahmen und besonders gegen Impfungen gab es bereits im 19. Jahrhundert, und noch viel weiter zurück in die Vergangenheit gehen stereotype Vorstellungen einer von außen kommenden, gefährlichen Krankheit, die von als dreckig, unmoralisch oder undiszipliniert geltenden „Anderen“ in die eigene Gesellschaft geschleppt werde. Darüber informiert Thießen ebenso wie über die Kontinuitätslinien zum Zusammenhang von Seuchen und sozialer Ungleichheit. Pest, Cholera und Corona waren keine großen Gleichmacherinnen, sondern soziale Ungleichheit beeinflusste die Ausbreitung der Krankheiten maßgeblich und wurde durch die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung häufig noch verstärkt. Die heutigen Diskussionen über die unterschiedlichen Grade der Betroffenheit durch Krankheiten und Einschränkungen haben historische Vorläufer.

Die Kapitel, in denen Thießen die aktuelle Pandemie in längere geschichtliche Bezüge einordnet, zeigen den Mehrwert eines historischen Blicks auf Corona. Die „Nerds“ aus der Seuchengeschichtsforschung, wie Thießen sein Arbeitsfeld andernorts genannt hat[2], haben weit mehr zu sagen als ein müdes Abwinken à la „Das gab es auch früher schon“ oder ein mahnendes „Wir hätten aus der Geschichte lernen können“. Die seuchen- und gesellschaftshistorische Expertise des Autors bietet vielmehr die Chance auf eine besonnene, vergleichende Kontextualisierung der Corona-Pandemie. Während zu den genauen Ursprüngen und Verlaufsformen von Corona vieles noch unbekannt ist, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Langzeitfolgen, gibt es viele historische Studien zu anderen Seuchen, zur Geschichte des Impfens und zu Strategien der Vorsorge im Umgang mit Risiken. Corona bietet nun einen Anlass, diese Forschungsergebnisse zusammenzuführen und sie auf die mögliche Singularität der Gegenwart sowie auf das Gewordensein heutiger Vorstellungen von Normalität zu befragen. Denn was im Umgang mit Gesundheitsgefährdungen in einer Gesellschaft als normal, hinnehmbar, natürlich oder angemessen gilt, war ausgesprochen wandelbar. Dies zeigt der Band ebenso deutlich wie die vielen Ähnlichkeiten der Seuchenentwicklung und -bekämpfung seit dem späten 19. Jahrhundert.

Macht diese Perspektive das Buch nun zu einer historischen Studie und zu einer „Gesellschaftsgeschichte der Corona-Pandemie“? Bereits am Anfang seiner Darstellung argumentiert Thießen mit Recht, zu keiner Pandemie der Menschheitsgeschichte lägen so vielfältige und umfangreiche Quellenbestände vor wie für die gegenwärtige. Die Gründe dafür sind zahlreich: Anders als frühere Pandemien wie etwa die damals öffentlich kaum thematisierte „Hongkong-Grippe“ der Jahre 1968–1970 diskutieren Regierungen, Gesundheitsexpert:innen und Medien die Corona-Situation heute permanent; sie erzeugen dadurch unzählige Dokumente. Aus dem weit verbreiteten Bewusstsein heraus, Mitlebende eines geschichtsmächtigen Ereignisses zu sein, dokumentieren Menschen ihren Alltag und ihre Gedanken millionenfach. Eine Gruppe von Historikern startete bereits im März 2020 das digitale coronarchiv, um unter dem Motto „become a part of history“ Erinnerungen als zukünftig auszuwertendes Quellenmaterial zu sammeln.[3] Und auch Kulturinstitutionen nahmen das Thema fast unmittelbar auf. Das Historische Museum der Pfalz (Speyer) bereicherte beispielsweise seine Ausstellung „Medicus. Die Macht des Wissens“ während des Lockdowns um einige Vitrinen, die als „Corona-Stationen“ das medizinische Wissen des Mittelalters mit der aktuellen Situation von 2020/21 in Beziehung setzten.[4]

Nur: Solche Quellen spielen in Thießens Buch gar keine Rolle. Und wie könnten sie auch? Hier zeigen sich zwei zentrale Probleme des Versuchs, die Geschichte der eigenen Gegenwart zu schreiben. Zum einen konfrontiert dieser Versuch Historiker:innen unmittelbar mit dem Problem der Bewältigung massenhafter digitaler Quellen wie Messenger-Nachrichten oder Live-Ticker-Meldungen. Diese neue, fluide Quellenlage wird in der Zunft momentan jedoch eher als künftige und nicht als gegenwärtige Herausforderung eines Faches diskutiert, das sich gerade noch vorwiegend am prädigitalen Zeitalter abarbeitet und erst beginnt, sich für die künftige Notwendigkeit zu rüsten, digitale Quellenmengen bewältigen zu müssen. Zum anderen offenbart sich das Problem des zeitlichen Abstands. Eine gewisse temporale Distanz zum Untersuchungsgegenstand gilt üblicherweise als notwendige Voraussetzung für die historische Einordnung und Bewertung eines Phänomens. Gleichzeitig bestimmt sie gerade bei einer gegenwartsnahen Geschichtsschreibung aber auch den Umfang, in dem Quellenauswertung möglich ist. Das bedeutet hier: Soll das Buch erscheinen, solange Corona noch andauert, ist es unmöglich, zuvor die Quellenberge abzuarbeiten, die im Internet der Auswertung harren (und ständig weiter anwachsen). Wenn Thießen schreibt, eine „Bilanz“ sei „heute also nicht nur möglich, sie ist wahrscheinlich auch besonders dringend“, da „unzählige digitale Quellen in den kommenden Jahren verloren gehen“ werden (S. 12), dann kann er genau diese Bilanz noch gar nicht ziehen.

Es sind somit die klassischen Quellen wie Medienberichte, sozialwissenschaftliche Publikationen und regierungsamtliche Veröffentlichungen, die Thießen verwendet, um die Corona-Jahre 2020 und 2021 zu rekapitulieren. Da der Autor sich an ein breites Publikum wendet, mit Blick auf die aktuelle Pandemie jedoch keine anderen Quellen heranziehen kann als alle übrigen interessierten Bürger:innen auch, lesen sich diese Passagen des Buches wie eine ausführliche Zeitungsreportage, durchaus verbunden mit einer Positionierung des Autors. Das ist zunächst ausgesprochen hilfreich, merkte die Rezensentin doch bei der Lektüre, dass die Themenkonjunkturen und Entscheidungszusammenhänge der vergangenen beiden Jahre im Wust der ständig neuen Erkenntnisse und Regelungen in der Erinnerung bereits verschwimmen. Doch wie gesagt: Weite Teile des Buches sind damit eben keine geschichtswissenschaftliche Analyse, können (und wollen?) es auch gar nicht sein. Die Mischung aus Intervention in eine aktuelle Debatte und vorläufiger Zusammenfassung bildet das Grundgerüst des Buches und damit die Voraussetzung für die historischen Einordnungen, bei denen Thießen seine Expertise dann voll ausspielen kann.

Welche Bedeutung Corona in einigen Jahrzehnten zugeschrieben werden wird und inwiefern die Pandemie in künftigen Gesellschaftsgeschichten eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten. Bevor nach Thießens erstem Aufschlag weitere synthetisierende Studien entstehen, wird Corona vermutlich erst einmal sehr viel differenzierter als Teil von Protest-, Emotions- und Körpergeschichte, der Geschichte von Ungleichheit, Solidarität, Jugend und Geschlecht, der Wissens- und Wirtschaftsgeschichte oder der Geschichte von Kontingenz erforscht werden – um nur einige wenige Felder zu nennen, die nach der Lektüre des Buches in den Sinn kommen.

Was kann der geschichtswissenschaftliche Blick auf die eigene Gegenwart also leisten? Ein Sachbuch, das sich dezidiert nicht an ein Fachpublikum richtet, kann dazu beitragen, die Schärfe aus aktuellen Debatten zu nehmen. Thießen gelingt für unsere aufgeregte Gegenwart eine relativierende Einordnung, die das verbreitete Gefühl, in einer besonderen Zeit zu leben, dennoch ernstnimmt. Dies in Buchform zu tun, hat außerdem den Vorteil, dass Verweise auf vergangene Pandemien, deren Voraussetzungen und Bewältigungsversuche nicht als einzelne Geschichtshappen daherkommen, sondern Teil von komplexeren Analysebögen sind. Einer solchen unaufgeregt und abwägend reflektierenden Darstellung kann man die breite Leser:innenschaft, auf die das Buch angelegt ist, nur wünschen.

Skepsis bleibt indes bei der Bezeichnung als „Gesellschaftsgeschichte der Coronapandemie“. Der Fokus auf die gesellschaftlichen Aspekte der Pandemie ist dabei wohlbegründet. Eindrücklich ruft Malte Thießen ins Gedächtnis, nicht das Virus, sondern die Eindämmungsmaßnahmen unterschieden Corona von anderen Seuchen (S. 189), und „im Seuchenfall“ würden „gesellschaftliche Grundfragen“ des Zusammenlebens verhandelt (S. 190). Doch präziser als der Leitbegriff „Gesellschaftsgeschichte“ – und absolut nicht geeignet zur Buchbetitelung – wäre vielleicht der Hinweis, es handele sich um eine historische Einordnung der aktuell am stärksten sichtbaren und intensiv diskutierten gesellschaftlichen Facetten der Pandemie. Der Unterschied liegt womöglich im Adressat:innenkreis. Die Historisierung der eigenen Gegenwart wäre dann eher als geschichtswissenschaftliche Intervention in öffentliche Diskurse zu verstehen denn als geschichtswissenschaftliche Studie. So gesehen ist das Buch vielleicht keine Gesellschaftsgeschichte der Pandemie und somit unserer Gegenwart, zeigt aber eindrücklich die Gegenwart der Geschichte in einem vielfach als einzigartig empfundenen Jetzt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zu dieser Frage etwa Manfred Berg, Der 11. September 2001 – eine historische Zäsur?, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011), S. 463–474, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2011/4411 (02.02.2022).
[2] „Schon 1914 gab es Impfgegner-Vereine“, in: Tagesspiegel, 11.11.2021, S. 21.
[3]https://coronarchiv.blogs.uni-hamburg.de (02.02.2022).
[4]https://www.rnz.de/nachrichten/metropolregion_artikel,-speyer-medicus-ausstellung-im-historischen-museum-der-pfalz-oeffnet-wieder-_arid,545493.html (02.02.2022).