Cover
Titel
Kleopatra.


Autor(en)
Schäfer, Christoph
Reihe
Gestalten der Antike
Erschienen
Anzahl Seiten
335 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Friederike Herklotz, Humboldt-Universität zu Berlin

Kleopatra VII. ist eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der griechisch-römischen Antike, die es auf bemerkenswerte Weise verstand, ihr Land mit Hilfe von römischen Politikern zumindest für einige Zeit vor dem Untergang zu bewahren, wenngleich sie letztlich scheiterte. Tragisch war ihr Tod, durch den sie Berühmtheit erlangte. Jedes Zeitalter, angefangen von der Antike, hat sein eigenes Kleopatrabild hervorgebracht, das zwischen Bewunderung und Hass schwankte. Unzählige Kleopatrabiographien sind bis heute erschienen, in der letzten Zeit überwiegen jedoch Beiträge, die Kleopatra als kluge und umsichtige Politikerin sehen, die den Zwängen ihrer Zeit unterworfen war. Christoph Schäfer fasst im Rahmen der Reihe „Gestalten der Antike“ die Forschungsergebnisse der letzten Jahre zusammen und stellt diese in einen historischen Gesamtzusammenhang. Er sucht in seiner Studie zunächst nach rationalen Erklärungen für das Verhalten, die Politik und die Entscheidungen der Protagonisten, ehe emotionale Momente ins Feld geführt werden. Problematisch erweise sich dabei, so Schäfer, die antike Überlieferung, die aus der Sicht des Siegers geschrieben wurde.

Das erste Kapitel, überschrieben mit „Kleopatra und die Ptolemäer“ (S. 13–39), umfasst einen kurzen Rückblick auf die Ptolemäerzeit, eine Beschreibung der Regierungsjahre des Vaters der Kleopatra, Ptolemaios XII. Neos Dionysos, sowie des Regierungsantritts der Kleopatra. Einen besonderen Schwerpunkt bildet das Verhältnis Ptolemaios’ XII. zu Rom; detailliert werden anhand der Quellen seine Bemühungen dargestellt, mit Hilfe von römischen Politikern seine Stellung im Land zu festigen und geordnete Verhältnisse an seine Nachfolger zu übergeben. Einen größeren Raum nehmen auch die ersten Regierungsjahre der Kleopatra und ihres Bruders Ptolemaios XIII. ein. Sorgfältig überprüft Schäfer die Nennung und die Reihenfolge der Namen in den Aktpräskripten der inschriftlichen Quellen und leitet daraus Hinweise auf die Machtverhältnisse im Land am Nil ab.

Im zweiten Kapitel („Caesar in Ägypten – Kleopatra in Rom“, S. 40–106) befasst sich Schäfer mit dem Verhältnis von Kleopatra und Iulius Caesar. Nach einem kurzen Überblick über die Vorgeschichte werden die einzelnen Etappen des Alexandrinischen Krieges genauer beleuchtet. Schäfer stützt sich neben den häufig herangezogenen Berichten eines Cassius Dio oder eines Plutarch auch auf die Darstellung des Lukan und kommt hierbei zu überraschenden Schlussfolgerungen. Beispielsweise führt er ernstzunehmende Gründe dafür an, dass der Brand der Bibliothek von Alexandria wohl niemals stattgefunden hat. Ebenso unwahrscheinlich sei es, dass Caesar in der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung stand, eine ausgedehnte Nilreise zusammen mit Kleopatra unternommen haben soll. Schäfer geht weiterhin auf die Rolle Ptolemaios’ XV. Kaisarion ein, dessen Abstammung von Caesar er bejaht.[1] Er folgt der Theorie von Heinen [2], wonach Kleopatra Kaisarion als ersten Vertreter einer ägyptisch-römischen Dynastie etablierte. Des Weiteren beschäftigt sich Schäfer mit dem Aufenthalt Kleopatras in Rom. Er vermutet, dass ihr Einfluss Caesars Streben nach der Erlangung der Königswürde und der Vergöttlichung befördert haben könnte.

Die Politik der Kleopatra nach der Ermordung Caesars analysiert Schäfer in Kapitel 3 „Rückkehr in die Heimat“ (S. 107–120). In Ägypten selbst konnte sie die Verhältnisse trotz der mangelhaften Höhe der Nilschwelle konsolidieren und erwarb sich somit Sympathien bei der Bevölkerung.[3] Aufstände konnte sie weitestgehend vermeiden. Auch als Tempelbauherrin trat sie hervor: Sie setzte beispielsweise die Bauten ihres Vaters in Dendara und Kom Ombo fort und errichtete das Geburtshaus im Tempel von Armant. Dieser Aspekt sowie die Rolle Kleopatras in der ägyptischen Königsideologie und ihr Verhältnis zur Priesterschaft in Memphis hätten meines Erachtens jedoch vertieft werden können.[4] Kurz werden auch die Entwicklung in Rom und der Beginn der Bürgerkriege sowie die Rolle der Kleopatra in diesen Auseinandersetzungen dargestellt.

Kapitel 4 „Marcus Antonius“ (S. 121–150) beschäftigt sich mit der Begegnung von Marcus Antonius und Kleopatra, der Trennung des Paares und der Verbindung mit Octavia sowie der erneuten Zusammenkunft. Marcus Antonius wird hier sehr positiv dargestellt. Umsichtig organisierte er die Verwaltung im Osten des Reiches und „orientierte sich an seinen Vorgängern, berücksichtigte Mentalität sowie Gegebenheiten des Orients“ (S. 122). Die Begegnung mit Kleopatra erfolgte im Rahmen des Gesandtschaftsaustauschs und persönlicher Treffen mit Klientelherrschern, bei denen es nicht nur um die Bestätigung der jeweiligen Position des Fürsten, sondern auch um finanzielle und militärische Leistungen für den Triumvir ging. Etwas eigenartig erscheint in diesem Rahmen der große Raum, den Schäfer dem Auftritt der Kleopatra bei dieser ersten Begegnung einräumt.

Thema von Kapitel 5 „Der Orient im Umbruch“ (S. 151–187) sind die Jahre zwischen 36 und 33 v.Chr. Im Vordergrund stehen hier die Landschenkungen. Schäfer zeigt im Anschluss an die Untersuchungen von Schrapel [5], der vor allem auch Münzen und inschriftliche Quellen einbezogen hatte, dass Marcus Antonius an Sachzwängen und -überlegungen orientiert war, denn er benötigte die Unterstützung der Königin. Das Verfahren der Gebietsübertragung habe demjenigen in Galatien, Kappadokien und Pontos entsprochen. Gebiete wie Zypern und Kyrene waren bereits seit dem Aufenthalt von Caesar wieder Teil des Ptolemäerreiches geworden. Ausführlicher wird zudem der Konflikt der Kleopatra mit Herodes dem Großen geschildert. Der zweite Teil des Kapitels beleuchtet die Rolle des Antonius im Partherkrieg. Antonius erscheint bei Schäfer nicht als ein Verlierer, der grobe taktische Fehler beging, wie ihn die Quellen und ein großer Teil der Sekundärliteratur darstellen. Vielmehr wird er als kluger und umsichtiger Feldherr beschrieben, der Großes vollbracht hatte, wenn er auch zunächst scheiterte. Der Armenienfeldzug wird als voller Erfolg beschrieben. Schäfer vertritt die Meinung, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei, bis ein neuerlicher Schlag die Parthergefahr endgültig aus der Welt geschafft hätte (S. 176). Er betont, dass es nach diesem Erfolg keinerlei Anzeichen für eine erneute Verwaltungsreform oder Landverteilung im Herbst 34 v.Chr. gegeben habe.[6]

Im sechsten Kapitel („Schlacht bei Actium und die Entscheidung“, S. 188–240) werden zunächst die Vorgeschichte, die Schlacht bei Actium und die anschließende Eroberung Ägyptens ausführlich analysiert. Schäfer bespricht die gegenseitigen Vorwürfe der Triumvirn. Er bezieht neben den antiken Historikern auch die damals kursierenden Orakelsprüche ein. Deutlich wird, dass die Ausgangslage des Octavian günstiger war, denn er konnte den Sieg gegen Sextus Pompeius vorweisen, während Antonius der entscheidende Schlag gegen die Parther noch nicht gelungen war. Genauer besprochen wird die Schlacht bei Actium, wobei Schäfer insbesondere auf die Rolle der Kleopatra eingeht. Es lässt sich nicht nachweisen, dass sie durch ihre Handlungen zum Scheitern des Feldzuges beigetragen habe. Auch von einem Verrat der Kleopatra in der Zeit nach Actium kann nicht die Rede sein. Die Kriegsführung des Antonius war gut durchdacht; seine Truppen hatten jedoch unter massiven Versorgungsproblemen zu leiden. Zudem schwächten die zahlreichen Desertationen die Stärke seiner Armee. Besprochen wird in diesem Kapitel auch der berühmte Kleopatra-Papyrus (P. Bingen 45), der in das Jahr 33 v.Chr. datiert. Einer Autorschaft der Kleopatra steht Schäfer jedoch sehr skeptisch gegenüber.

Mit den letzten Lebenstagen und dem Tod der berühmten Ptolemäerin beschäftigt sich schließlich das siebte Kapitel („Kleopatras Tod“, S. 241–253). Schäfer macht deutlich, dass Kleopatra auf keinen Fall an den Folgen eines Schlangenbisses gestorben sein kann; sie starb wohl eher an einer Injektion in den Arm. Die Schlangenbissversion wurde jedoch in der Folge verbreitet, da sie wesentlich beeindruckender war, denn die Schlange galt als ein Symbol der Königsherrschaft in Ägypten. In Kapitel 8 „Darstellung und Rezeption“ (S. 254–289) bespricht Schäfer zunächst die Bilder der Kleopatra auf Münzen und ihre Statuen. Mehrere bekannte rundplastische Darstellungen im griechisch-römischen Stil, die in der Vergangenheit der Kleopatra zugeschrieben worden sind, werden vorgestellt. Schäfer geht auch kurz auf die Identifizierung der Statue der Venus aus dem Esquilin ein. Die Frage, ob es sich hier um eine Darstellung der Kleopatra handelt, lässt er jedoch unbeantwortet.[7] Im zweiten Teil des Kapitels beschäftigt sich Schäfer mit dem Nachleben der Kleopatra in Literatur, Kunst und Film und gibt hier einen guten Überblick. Der Stoff wird mit zahlreichen Abbildungen veranschaulicht. Es folgen die Endnoten (S. 291–320), ein kurzes Literaturverzeichnis (S. 321–325), ein Personen- und Ortsregister (S. 327–334) und schließlich ein Abbildungsverzeichnis (S. 335).

Insgesamt handelt es sich um eine sehr gut recherchierte, klar und flüssig geschriebene Darstellung, die sehr eng mit den Quellen (vor allem den griechisch-lateinischen) arbeitet und die neuesten Forschungsergebnisse einbezieht. Darüber hinaus ist das Buch auch für den interessierten Laien verständlich. Die ägyptologischen Aspekte hätten mitunter etwas ausführlicher behandelt werden können. Es fehlt zudem eine kurze Vorstellung der Vorgängerinnen, vor allem von Arsinoe II., Berenike II. und Arsinoe III., denn diese Herrscherinnen beeinflussten sehr stark die Politik des Ptolemäerreiches und waren Vorbilder für Kleopatra. Schön wäre es auch gewesen, wenn Schäfer die erzielten Ergebnisse in einem abschließenden Kapitel zusammengefasst hätte. In jedem Fall ist das Buch aber eine sehr gute Grundlage für die weitere Beschäftigung mit der Königin. Obwohl Kleopatra schon Inhalt vieler Abhandlungen war, ergeben sich doch zahlreiche neue Fragestellungen, die weiter verfolgt werden sollten.

Anmerkungen:
[1] Schäfer bezieht sich auf die Stele Louvre 335, die lange Jahre als Beleg des Geburtstages des Ptolemaios Kaisarion diente. Wie Devauchelle, Didier, La stèle du Louvre IM 8 (Sérapéum de Memphis) et la prétendue date de naissance de Césarion, in: Enchoria 27 (2001), S. 41–57, jedoch durch eine Neulesung zeigen konnte, bezieht sich der Text nicht auf Kaisarion, sondern auf Djoser, dessen Geburtstag in der Umgebung von Memphis kultisch begangen wurde.
[2] Heinen, Heinz, Eine Darstellung des vergöttlichten Iulius Caesar auf einer ägyptischen Stele? Beobachtungen zu einem mißverstandenen Denkmal (SB I 1570 = IG Fay. I 14), in: Kneissl, Peter; Losemann, Volker (Hrsg.), Imperium Romanum. Studien zu Geschichte und Rezeption. FS Karl Christ, Stuttgart 1998, S. 334–345.
[3] Auf S. 109f. geht Schäfer auf die Rolle des Strategen Kallimachos ein, dem ein Ehrendekret verliehen wurde. Zu bemerken ist, dass Kallimachos lediglich Stratege der Thebais, jedoch niemals Epistratege war. Diese Stellung nahm aber sein Vater ein. Zur Person des Kallimachos vgl. jetzt Heinen, Heinz, Hunger, Not und Macht. Bemerkungen zur herrschenden Gesellschaft im ptolemäischen Ägypten, in: Ancient Society 36 (2006), S. 13–44.
[4] Es verwundert etwas, warum sich Schäfer nicht an einen Ägyptologen oder Demotisten wandte, während er doch griechische Papyri mit entsprechenden Spezialisten diskutierte; vgl. Vorwort, S. 10.
[5] Schrapel, Thomas, Das Reich der Kleopatra. Quellenkritische Untersuchungen zu den „Landschenkungen“ Mark Antons, Trier 1996.
[6] In diese Zeit verortet Schäfer die Gründung eines Tempels für Antonius durch Kleopatra. Er schließt sich hier der Meinung von Géza Alföldy (Der Obelisk auf dem Petersplatz in Rom: ein historisches Monument der Antike, Heidelberg 1990) an. Es handelt sich hier jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Kultstätte für Iulius Caesar; vgl. dazu Heinen, Heinz, Vorstufen und Anfänge des Herrscherkultes im römischen Ägypten, in: ANRW II 18.5 (1995), S. 3144–3180, hier S. 3152–3155; Fishwick, Duncan, The Temple of Caesar in Alexandria, in: American Journal of Ancient History 9 (1984), S. 131–134 sowie On the Temple of Divus Augustus, in: Phoenix 46 (1992), S. 232–255; Schuller, Wolfgang, Kleopatra. Königin in drei Kulturen, Reinbek 2006, S. 71.
[7] Auf den Katalog zu der Ausstellung Kleopatra und die Caesaren im Bucerius Kunst Forum Hamburg, die vom 28. Oktober 2006 bis zum 4. Februar 2007 stattfand, konnte Schäfer nicht mehr eingehen (vgl. S. 261–263).

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Veröffentlicht am
04.08.2008
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