E. Wolfrum u.a.: Globale Geschichte des 20. Jahrhunderts

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Titel
Globale Geschichte des 20. Jahrhunderts.


Autor(en)
Wolfrum, Edgar; Arendes, Cord
Reihe
Grundkurs Geschichte
Erschienen
Stuttgart 2007: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
291 S., 23 Abb., 22 Karten
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marc Frey, Jacobs University Bremen

Globalgeschichte oder globale Geschichte ist in aller Munde. Auf dem Markt erscheinen Anthologien, die Anzahl einschlägiger Zeitschriften nimmt seit Jahren zu, Historische Seminare richten globalhistorische MA-Programme ein.[1] Die Nationalgeschichte gilt als antiquiert, und selbst manche lokal fokussierte Studie erhebt Anspruch auf eine globale Bedeutung. Aber was ist Globalgeschichte? Ist es die Geschichte der „großen Themen“ der Menschheit jenseits nationaler und kultureller Grenzen – und wenn ja, um welche Themen könnte es sich dabei handeln? Oder bedeutet Globalgeschichte die Geschichte der großräumigen Verflechtungen, der Vergleiche, der Transfers? Und wo liegen die Schwerpunkte von „Weltgeschichte“ im Verhältnis zur „Globalgeschichte“?[2]

Edgar Wolfrum und Cord Arendes definieren Globalgeschichte nicht, sie orientieren sich aber am Vorwort des Reihenherausgebers Michael Erbe, der darunter die „Gesamtentwicklung des Erdballs“ im 20. Jahrhundert versteht. Diese werde hier im Zusammenhang und nicht als „Aneinanderreihung der Geschichte einzelner Staaten“ entwickelt. Das ist ein großer Anspruch, den die Autoren nur partiell einlösen können. Am besten gelingt dies bei der Benennung von elf Themenfeldern, die in einem einleitenden Essay zum „Zeitalter der extremen Gegensätze“ kurz skizziert werden (Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, Nord-Süd-Konflikt, Natur und Umwelt, Technik, Demographie, Wirtschaft, Gesundheit, Genozid und Migration, Säkularisierung und Religion, Individualisierung und Globalisierung). Man mag das Fehlen mancher Oberthemen beklagen – etwa Gender oder Zivilgesellschaft – sowie das Abstraktionsniveau einiger Zugänge bemängeln (warum nicht „politische Systeme“ statt Demokratie und Diktatur?), aber man wird den Autoren darin beipflichten, dass die benannten Themen für viele Menschen und Gesellschaften des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung gewesen sind.

Nun sind 14 Druckseiten nicht viel, um derart große Bögen zu spannen, und so bleiben die als „Einführung in die Grundprobleme der Epoche“ verstandenen Gedanken bisweilen notgedrungen vage. Und doch laden sie zum Nachdenken ein, etwa im Zusammenhang mit dem Begriff des „positiven Friedens“, der „auch die Überwindung von struktureller Gewalt einfordert und auf soziale Gerechtigkeit, Selbstentfaltung und Gleichheit zielt“ (S. 14). Gleiches gilt für die These, dass die Armut Afrikas eine „Erbschaft der Kolonialzeit“ sei, für die Europa Verantwortung übernehmen müsse (S. 17). Bei der Diskussion demographischer Entwicklungen verweisen die Autoren auf die Wertgebundenheit wissenschaftlicher Erkenntnisse, verwenden dann aber unbekümmert den pejorativen Begriff „Überbevölkerung“.

Auf diese knappe, pointierte und insgesamt anregende Einleitung folgt eine chronologische Darstellung von 130 Seiten. Noch einmal 130 Seiten umfassen Abbildungen, Karten, Begriffserläuterungen, Tabellen, Grafiken und Quellenexzerpte, die jeweils auf den ungeraden Seiten abgedruckt sind. Inhaltlich ist die Darstellung bis 1945 stark auf Deutschland konzentriert; für die Zeit danach weitet sich dann die Perspektive. Die Geschichte Osteuropas in der Zwischenkriegszeit wird in zwei Sätzen abgehandelt, der Spanische Bürgerkrieg erhält immerhin zwei Seiten. Außereuropäische Entwicklungen werden kaum gestreift (kein Satz etwa zur globalen Dimension des Ersten Weltkrieges), die politischen Entwicklungen in Indien (warum Generalgouvernement statt Vizekönigreich?) und China unter der Überschrift „Nationaler Freiheitskampf“ knapp referiert. Daran schließen sich Darstellungen des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges an. Flucht und Vertreibung im Europa der Nachkriegszeit bilden einen eigenen Unterpunkt, wobei die Darstellung allein die Vertreibung von Deutschen aus Osteuropa erwähnt, nicht jedoch – beispielsweise – die Vertreibung von Polen aus dem östlichen ins westliche Polen. Plausibel ist, dass die Ausführungen zum Kalten Krieg zunächst mit der Kuba-Krise enden, die als „Umschlagpunkt“ gewertet wird (S. 132).

Die anfangs stark auf Deutschland und Europa fokussierte Darstellung erfährt mit dem Kapitel zur Dekolonisierung eine außereuropäische Öffnung. Beschrieben werden der Palästina-Konflikt, die Unabhängigkeit Indiens, der Sieg Mao Tse-tungs in China und die heißen Kriege während des Kalten Krieges (Korea, Indochina, Vietnam). Im Wesentlichen geht es um Fakten, weniger um Erklärungen. Der Indochinakrieg beispielsweise wird damit begründet, dass Frankreich einen „geeigneten Zeitpunkt“ verpasst habe, „seine Kolonie […] in die Unabhängigkeit zu entlassen“ (S. 142). Das hilft dem Leser nicht wirklich weiter. Kleine Sachfehler erwecken zudem den Eindruck, dass die außereuropäische Welt nicht zum Arbeitsgebiet der Verfasser gehöre. In Vietnam kämpften nicht insgesamt eine halbe Million amerikanische Soldaten, sondern, über die Jahre verteilt, sehr viel mehr (S. 142). Südvietnam kapitulierte nicht 1974, sondern 1975 (S. 144), und der indonesische Staatspräsident Sukarno hatte einfach keinen Vornamen, auch wenn sich der Vorname Achmed in veralteten westlichen Darstellungen hartnäckig hält (S. 146). Schließlich war der wirtschaftliche Aufschwung in Afrika kein alleiniges Phänomen der Nachkriegszeit, sondern hing mit der rapide wachsenden Nachfrage nach Rohstoffen seit 1939 zusammen (S. 146).

Wirtschaftliche Entwicklungen in der westlichen Welt und die „Protestkultur“ der 1960er-Jahre sind Gegenstand eines weiteren Kapitels. Hier bewegen sich Arendes und Wolfrum auf sicherem Terrain; komplexe Prozesse sind geschickt auf einige notwendige Beobachtungen reduziert. Doch gelegentlich stößt die Fähigkeit zur Zusammenfassung an Grenzen: Auto und Fernseher werden beispielsweise als „große Veränderer der Alltagswelt“ bezeichnet, aber warum das so war und welche Folgen es hatte, bleibt offen. Mit zunehmender zeitlicher Nähe zur Gegenwart nehmen technische Entwicklungen, Umweltprobleme, soziale Bewegungen, Urbanisierung und demographische Trends mehr Raum ein. Darstellungen politischer Wegmarken, eine Diskussion der Entwicklungsproblematik und der Nord-Süd-Beziehungen sowie zentrale Veränderungen in Europa seit dem Fall der Mauer 1989 runden das Panorama ab. Die Darstellung endet mit einigen Überlegungen zur Globalisierung und zu einer „gemeinsamen Geschichte verschiedener Kulturen und Gesellschaften“ (S. 282).

Die Lektüre vermittelt einerseits Grundkenntnisse zahlreicher Fakten der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Andererseits hinterlässt sie eine gewisse Ratlosigkeit im Hinblick auf Ursachen, Wirkungen und Erklärungen historischer Phänomene, Strukturen und Prozesse. Der Text besteht überwiegend doch aus einer Addition von Nationalgeschichten, die die Autoren eigentlich vermeiden wollen; erst in den Passagen über global erfahrbare Probleme präsentiert sich die eingangs versprochene globale Geschichte. Insgesamt kommt mir das Buch wie ein in Prosa gegossener dtv-Atlas zur Weltgeschichte vor – mit den bekannten Stärken und Schwächen. Ob das für die vom Reihenherausgeber identifizierte Klientel der Studienanfängerinnen und Studienanfänger sinnvoll ist, wird sich wohl im Praxistest von BA-Einführungsvorlesungen und Multiple-Choice-Klausuren erweisen.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa Pernau, Margrit, Global History – Wegbereiter für einen neuen Kolonialismus? (17.12.2004), online unter URL: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/type=artikel&id=572=572>. Aus der Fülle neuerer Zeitschriften sei verwiesen auf „Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung“ (seit 1991, <http://www.comparativ.net>) und auf das seit 2006 erscheinende „Journal of Global History“. Studienprogramme mit globalhistorischer Ausrichtung bieten etwa die Columbia University, die Georgetown University, die Universität Leipzig, die Jacobs University Bremen/Universität Bremen und viele andere Universitäten an.
[2] Einführend siehe Conrad, Sebastian; Eckert, Andreas; Freitag, Ulrike (Hrsg.), Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt am Main 2007; Gradner, Margarete; Rothermund, Dietmar; Schwentker, Wolfgang (Hrsg.), Globalisierung und Globalgeschichte, Wien 2007. Neben diesen Anthologien siehe vor allem die großartige Darstellung von Bayly, Christopher A., Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780–1914, Frankfurt am Main 2006 (Rezension der englischen Erstausgabe aus dem Jahr 2004 von Sebastian Conrad: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-047>).

Redaktion
Veröffentlicht am
24.01.2008
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