Cover
Titel
For Prophet and Tsar. Islam and Empire in Russia and Central Asia


Autor(en)
Crews, Robert D.
Erschienen
Anzahl Seiten
480 S.
Preis
€ 31,75
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörn Happel, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Universität Basel, Historisches Seminar

Die Symbole der russischen Orthodoxie mit ihren goldbedeckten Kirchen prägen das allgemein vorherrschende Russlandbild. Dabei lebten im Zarenreich und in der Sowjetunion sowie im heutigen Russland viele Millionen Muslime. Robert Crews untersucht in seinem Buch das Verhältnis zwischen zarischer Machtpolitik, gestützt auf die orthodoxe Kirche, und den im Reich lebenden Muslimen. Dabei konzentriert er sich auf das dafür maßgebende 19. Jahrhundert, verfolgt aber auch die diversen muslimisch-russischen Verwicklungen und Austauschprozesse bis zum Ende des Zarenreichs.

Crews Buch basiert auf Recherchen in den Archiven Moskaus und Taschkents, in Orenburg, Kasan, St. Petersburg und Ufa. Es zeichnet sich durch prägnante Formulierungen und das Fehlen von Redundanzen aus. Crews geht es dabei stets um den Islam und dessen gelebtes Verhältnis gegenüber dem Zaren, nicht um einzelne heutige Nationalismen, die sich auf den Islam stützen wollen. Ihm gelingt dadurch ein neuer Blick auf die russische Herrschaft und auf die Mitarbeit beziehungsweise Kollaboration nichtrussischer und nichtorthodoxer Eliten. Auch trägt er zu einer Neubewertung zarischer Kolonialherrschaft bei, die nach Beeinflussungen, Austauschprozessen und gemeinsam gemachten Erfahrungen fragt, somit starre Dichotomien zwischen Kolonisierern und Kolonisierten auflöst.[1]

Zunächst leitet Crews mit einem Abschnitt über die russisch-muslimischen Beziehungen im 18. und frühen 19. Jahrhundert ein. Hier gibt er einen guten Überblick über die gegenseitige Fremdwahrnehmung. Er zeigt auf, wie es dem Zarenreich gelang, Muslime zu einem Eid auf den Zaren zu bewegen. Mit umfangreicher Quellenkenntnis stellt er das Schwanken der Mullahs dar und begründet gleichzeitig das taktierende Vorgehen russischer Offizieller, die den Islam für das Zarenreich „nutzbar machen wollten“ (S. 84-91) und den Muslimen Russlands deshalb eine starke Hierarchie aufzwangen. Crews beschreibt die versuchte Einflussnahme des Zarenreichs auf die Moscheen. Hierbei stehen vor allem die Kasan-Tataren im Zentrum seiner Darstellung.

Überzeugend leitet Crews in seinem dritten Kapitel zu der direkten Einflussnahme auf das Familienleben durch die zarische Bürokratie über. Dabei geht er vor allem auf die Heiratspolitik ein (S. 149ff.), um rechtliche Konsequenzen im Miteinanderleben aufzuzeigen, wobei er vornehmlich die Perspektive des Direktors in Glaubensangelegenheiten, Alexander N. Golizyn, einnimmt. Von den Regelungen, die Teil der Modernisierung des Zarenreichs gewesen seien (S. 163, 176-191), profitierten beide Seiten (S. 154). Doch gab es auch Widerstand oder eine von russischen Offiziellen nicht geplante Auslegung der neuen Gesetze, so etwa beim Verheiraten der Töchter: Für einzelne Muslime unterstützten die Rechte des Imperiums lediglich die Gebote Gottes (S. 173f.).

Schließlich nimmt sich Crews der muslimischen Nomaden und dem ab 1864 von Russen eroberten Turkestan an, wobei gerade die 2,5 Millionen Kasachen für die zarischen Beamten in ihrem Herrschaftsdenken neue Herausforderungen darstellten. Crews beschreibt hier, dass die Kasachen sich zwar als Muslime verstanden (S. 196), die zarischen Verwalter jedoch glaubten, sie wären keine richtigen Muslime gewesen (S. 193, 195).[2]

Crews gelingt es im Folgenden, die Probleme russischer Kolonialherrschaft aufzuzeigen: Diese bewegte sich schwankend, bestimmt von den wechselnden „men on the spot“, zwischen Kolonisation, Missionierung und gewaltvoller Durchdringung (hier ist ein Memorandum besonders aussagekräftig: S. 233). Überschrieben mit einer russischen „mission civilisatrice“ sollte nicht nur Turkestan beherrscht, sondern auch der dortige Islam zivilisiert, das heißt russifiziert werden. Hierbei nimmt Crews zunächst die Sicht von russischen Ethnographen ein. Besonders eindrücklich werden die Ereignisse aber durch die Perspektive kasachischer Informanten, Kollaborateure oder Intellektueller, wie Tschokan Walichanow, beschrieben (S. 208-227, später auch die Einbeziehung der unerlässlichen Dolmetscher: S. 262). Crews legt dar, wie die Kasachen untereinander den „richtigen“ Glauben im Gegensatz zu ihren Traditionen diskutierten und sich als Staatsdiener empfahlen.

In seinem fünften Abschnitt diskutiert Crews die russische zivilisatorische Mission in Turkestan. Vor allem das Fehlen von zarischen Beamten (S. 243) und deren Unkenntnis über örtliche Traditionen und Einstellungen (S. 268) ließ der einheimischen Bevölkerung Freiräume. Um so mehr überrascht, dass es bis 1916 keine wirklich ernstzunehmenden antikolonialen Revolten gab (S. 245). Doch wurden die Eroberer insbesondere von den muslimischen Gelehrten verachtet oder sogar gehasst und als Satan bezeichnet (S. 255). Auffallend aber ist, dass in zahlreichen Petitionen an die Kolonialmacht sich der russischen rechtlichen Konventionen bedient wurde, so dass zumindest in diesem Punkt von einem nachhaltigen russischen Einfluss ausgegangen werden kann. Crews führt dies unter anderem auf die verstärkte Siedlerkolonisation zurück, die zwar das Leben der Nomaden in Frage stellte, aber auch Kolonisten Mittlerrollen einnehmen ließ (S. 282f.). Russen wurden somit „unvermeidliche Partner“ der muslimischen Bevölkerung (S. 287).

Im letzten Abschnitt des Buches widmet sich Crews den für die Kolonialmacht revolutionären Richtungen des Islams: Jadidisten, Pan-Islamisten und Pan-Türken. Dabei fällt er nicht in alte Deutungsmuster [3], sondern zeigt mit Hilfe von Quellen, wie seit dem Krimkrieg russische Beamte selbstsicherer im Umgang mit Muslimen wurden und wie sich letztere dadurch zunehmend bedroht sahen und etwa eine forcierte Christianisierung befürchteten (S. 300-316). Auch geht Crews auf die Entstehung einer florierenden muslimischen Presselandschaft ein, so in der Auswertung wichtiger Periodika (etwa des „Tercüman“).[4] Schließlich fasst er die Entwicklungen unter dem letzten Zaren Nikolai II. zusammen (S. 330-349), wobei er hier einzelne Petitionen von Kasachen ins Zentrum rückt.

Crews geht in seinem Schlusswort weit über seinen Untersuchungszeitraum hinaus und verfolgt Entwicklungen bis in die Gegenwart. Hier kann er die Konsequenzen zarischer Politik des 19. Jahrhunderts aufzeigen und parallele Entwicklungen aus der Sowjetzeit anführen. Crews rundet sein Buch damit nicht nur gekonnt ab, sondern zeigt, wie bedeutend seine Forschungen für das Verständnis des Islams im heutigen Russland sind. So bestätigt sich hier einmal mehr, dass die Geschichte Russlands nicht eine des Zentrums, sondern eine der Interaktion zwischen Zentrum und Peripherie ist.

Anmerkungen:
[1] So auch: Sunderland, Willard, Taming the Wild Field, Colonization and Empire on the Russian Steppe, Ithaca, London 2004; Sabol, Steven, Russian Colonization and the Genesis of Kazak National Consciousness, Basingstoke 2003.
[2] Vor allem Allen J. Frank wies daraufhin, dass die Kasachen Muslime waren: Ders.: Islam and Ethnic Relations in the Kazakh Inner Horde: Muslim Cossacks, Tatar Merchants, and Kazakh Nomads in a Turkic Manuscript, 1870-1910, in: Kügelgen, Anke von u.a. (Hrsg.), Muslim Culture in Russia and Central Asia from the 18th to the Early 20th Centuries, Bd. 2: Inter-Regional and Inter-Ethnic Relations, Berlin 1998, S. 211-242; Zu dem Einfluss der Tataren auf die Kasachen vgl.: Happel, Jörn, „Alles in russischer Eintracht?“ Die zarische Verwaltung in Kazan’ und der tatarische Einfluss in Zentralasien, in: Asiatische Studien - Études Asiatiques, LX, 4 (2006), S. 863-894.
[3] Maßgebend für eine Beschäftigung mit den Jadidisten bleibt: Khalid, Adeeb, The Politics of Muslim Cultural Reform, Jadidism in Central Asia, Berkeley u.a. 1998.
[4] Hier erweitert Crews erheblich die bisherige Forschung: Khalid, Adeeb, Printing, Publishing, and Reform in Central Asia, in: International Journal of Middle Eastern Studies, 26 (1994), S. 187-200; Minnullin, Zavdat S., Zur Geschichte der tatarischen öffentlichen Bibliotheken vor der Oktoberrevolution, in: Kemper, Michael u.a. (Hrsg.), Muslim Culture in Russia and Central Asia from the 18th to the Early 20th Centuries, Berlin 1996, S. 207-237.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.10.2007
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