Krieg und Frieden. Kelten – Römer – Germanen

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Titel
Krieg und Frieden. Kelten - Römer - Germanen.


Hrsg. v.
Uelsberg, Gabriele
Erschienen
Darmstadt 2007: Primus Verlag
Umfang
384 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Sarge, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Außenstelle Rastatt

Mit dem Begleitbuch „Krieg und Frieden. Kelten – Römer – Germanen“ zur gleichnamigen Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums Bonn kann sich jeder, ob interessierter Laie oder Wissenschaftler, einen hervorragenden Überblick zum aktuellen Forschungsstand über die Entwicklungsabläufe von der späten Eisenzeit bis zur frühen römischen Kaiserzeit im Bereich des Niederrheins und nördlichen Mittelrheins verschaffen. Ausstellung und Begleitband setzen vom Grundkonzept her ähnliche Präsentationen der letzten Jahre zur Interaktion von Kulturgruppen in Grenz- und Kontaktzonen fort.[1] Das Buch ist zweigeteilt: Auf den ersten 150 Seiten behandeln 17 Wissenschaftler 15 fassettenreiche Themen aus den Bereichen Besiedlungs-, Sozial-, Wirtschafts- und Militärgeschichte. Die Vielzahl der Beiträge erlaubt im Folgenden mitunter leider nur eine kurze Vorstellung. Nach dem themenbezogenen Teil folgt auf den nächsten 200 Seiten eine Vielzahl von kürzeren Beiträgen zu einzelnen archäologischen Fundplätzen der Kelten, Römer und Germanen.

Die ersten Aufsätze im ersten Teil des Buches thematisieren den Romanisierungsprozess. Den Anfang macht Dirk Kraußes Beitrag „Das Phänomen der Romanisierung. Antiker Vorläufer der Globalisierung?“ (S. 14-24), bei dem es sich um eine etwas längere Variante seiner schon im Ausstellungskatalog „Imperium Romanum“ publizierten gleichnamigen Arbeit handelt.[2] In „Romanisierung“ stellt sich Caty Schucany der schwierigen Aufgabe, auf elf Seiten einen Überblick über die historischen Abläufe der Etablierung der römischen Präsenz von den ersten Koloniegründungen bis zum Höhepunkt der Übernahme römischer Lebeweise zu geben (S. 25-36). Diesen Jahrhunderte dauernden Prozess kurz und verständlich zu skizzieren, ist nicht ganz einfach. Schucany verfolgt die einzelnen Stränge wie den zeitlichen Ablauf und die Gesellschaftsstrukturen in unterschiedlicher Intensität, wobei leider wiederholt Formulierungen auftreten, die insbesondere für Laien missverständlich sein können. So wirft etwa die Aussage „Die Gesellschaft der Germanen und wohl auch der Kelten, zumindest in der Frühzeit (5.-4. Jahrhundert), scheint egalitär gewesen zu sein, wie das Fehlen von herausragenden Häusern und Gräbern nahe legt“ (S. 27), doch zumindest im Hinblick auf die Kelten Fragen auf: Warum wird die Frühzeit der Kelten so spät angesetzt und wie vertragen sich die herausragenden frühlatènezeitlichen Gräber, wie beispielsweise das so genannte Fürstinnengrab von Rheinheim [3], mit dieser Aussage? Im Beitrag „Römer werden – als Römer herrschen“ erklärt gewohnt souverän und klar strukturiert der Kölner Althistoriker Werner Eck die verschiedenen Möglichkeiten des Erwerbs des römischen Bürgerrechts und die damit verbundene Integrationspolitik (S. 37-47): Rom vergab zum einen das Bürgerrecht als Anreiz oder auch als Belohnung an einzelne „barbarische“ Herrscher, womit die Integration in das römische System gestärkt werden sollte (S. 39). Der weitaus größte Teil der Bevölkerung erwarb diesen Status allerdings über den Weg des Militärdienstes und Entlassung aus der Armee nach 25 Dienstjahren (S. 43f.).

Die folgenden Beiträge haben ihren Schwerpunkt in der Siedlungsstruktur der späten Eisenzeit. Hans-Werner Joachim geht in „Die späte Eisenzeit am Niederrhein“ dem Phänomen nach, dass sich die Hinterlassenschaften dieses Zeitabschnittes in der Region allein auf Siedlungsspuren beschränken (S. 48-58). Er arbeitet zwei Siedlungstypen heraus: Im Norden dominierten demnach Wohnstallhäuser mit überwiegend Grünlandwirtschaft. Im Süden mit mehrheitlicher Ackerwirtschaft, finden sich dagegen Mehrhausgehöfte und darüber hinaus zum Teil befestigte Mittelpunktsiedlungen. Hans-Werner Wegner untersucht „Die Kelten an Mittelrhein und Mosel. Von ihren Anfängen bis zur römischen Eroberung“ (S. 59-71) und bietet ein wirkungsvolles Beispiel für die langen Kontinuitäten im Mittelrheingebiet. Im Zentrum des Beitrages steht die Hunsrück-Eifel-Kultur, die aus der früheisenzeitlichen, in urnenfelderzeitlichen Traditionen stehenden Laufelder Gruppe hervorging und bis zur Romanisierung vielseitige Entwicklungen durchlebte. Wegner verdeutlicht, wie sich die Gesellschaft immer weiter ausdifferenzierte. Zwar kam es im Laufe der Zeit wiederholt zu Brüchen und starken Umstrukturierungen, beispielsweise in der Bestattungssitte, es gibt aber auch kontinuierliche Entwicklungen, wie etwa das Gräberfeld von Wederath verdeutlicht, dessen Belegung im 3. Jahrhundert v.Chr. einsetzte und bis ins 4. Jahrhundert n.Chr. fortdauerte. Die Romanisierung setzte nicht erst mit der Präsenz von römischen Truppen ein und ging auch nicht plötzlich vonstatten. Vielmehr übernahm man bereits in den letzten Jahrzehnten v.Chr. Römisches, hielt aber auch lange noch an einheimischer Tradition fest, wie zum Beispiel die Fortführung der Sitte, Waffen ins Grab beizulegen, zeigt (S. 68).

„Die Besiedlung des Lippemündungsgebietes in frührömischer Zeit“ ist Thema von Christoph Reichmanns Beitrag (S. 72-78). Da die archäologische Forschung südlich der Lippe durch die modernen industriellen Überbauungen erschwert wird, stammen fast alle Informationen aus dem nördlichen Bereich. Reichmann schildert das Phänomen, dass die archäologischen Hinterlassenschaften der Region eher „keltische“, also von der Latènekultur geprägte Bezüge aufweisen, die Bewohner in den römischen Schriftquellen aber als Germanen angesprochen werden (S. 73). Reichmann versucht diesem vermeintlichen Widerspruch auf den Grund zu gehen. Er zeigt dabei die verschiedenen Vermischungen überzeugend auf: Auf der einen Seite stehen Gruppen, die stark von der in südlicher und westlicher Richtung benachbarten Latènekultur beeinflusst sind, auf der anderen Seite bestand daneben eine Bevölkerungsgruppe, die separat bestattete und archäologisch gesehen aus dem Elbegebiet kam. Offensichtlich gab es in dieser Region verschiedene Gruppen, die neben- und miteinander lebten. Als Beweis führt Reichmann unter anderem das Vorkommen jeweils fremder Scherben in den Abfallgruben der Siedlungen und in Gräber an (S. 75). Bleibt das Problem der ethnischen Deutung: Heißt es tatsächlich, dass es eine familiäre Verbindung bestand, wenn ein elbgermanischer Topf in einem einheimischen Grab auftaucht (S. 76), oder einfach nur, dass es irgendeinen Kontakt gab?[4]

In „Spätkeltische Eliten im Umbruch. Die Latènekultur im 1. Jahrhundert v. Chr.“ beleuchtet Martin Schönfelder die Eliten an Mittelrhein und Mosel (S. 79-83). Dabei zeigen die Treverer an der Mosel eine interessante Entwicklung. In keiner anderen Region Galliens findet sich eine vergleichbar hohe Anzahl von Waffen in den Gräbern. Obwohl sich für das Gebiet der Treverer anhand der Grabbeigaben eine Art „Sozialpyramide“ erstellen ließe, erinnert Schönfelder ganz zu Recht daran, dass die in den Gräbern zu findenden Statussymbole keinesfalls mit festen Rangabzeichen eines Lebenden gleichzusetzen sind (S. 80). „Keltisches Gold und Geld am südlichen Niederrhein“ stellt Claudia Klages vor (S. 84-88). Sie informiert über die antiken Autoren und deren Berichte über Gold und Geld der Kelten und geht dann zur Herstellung der Münzen und den vielerorts gefundenen so genannten Tüpfelplatten über, die zur Herstellung der Münzrohlinge dienten. Weiter stellt Klages die Goldschätze von Hambach-Niederzier und Stieldorf vor. Besonders positiv fällt der kontinuierliche Bezug der herangezogenen Beispiele zu den in der Ausstellung gezeigten Exponaten auf. In seinem Beitrag „Die Militärgeschichte am Niederrhein von Caesar bis Traian“ beschreibt Michael Gechter klar strukturiert und leicht verständlich die vielfachen militärischen Ereignisse dieses Zeitabschnittes (S. 89-96). Er arbeitet vier chronologische Einzelstufen heraus: Stufe 1 mit Prospektionslagern für die Germanienfeldzüge, Stufe 2 mit Durchmarschlager für die in Germanien kämpfenden Truppen, Stufe 3 mit Schwerpunktlagern am Rhein und schließlich Stufe 4: die lineare Rheingrenze. „Das rechtrheinische Vorland im 1. Jahrhundert n. Chr.“ steht im Fokus von Jan Bemmann (S. 97-105). Zum einen umreißt er die wirtschaftlichen Interessen der Römer an diesen Gebiet, wie Holzgewinnung und Ausbeutung der Bleivorkommen, zum anderen beleuchtet er die einheimische Bevölkerung anhand von Gräberfelder, Wirtschaftsflächen und Siedlungen, wie etwa der großflächig untersuchten Siedlung bei Vilich-Mühldorf.

Gertrud Lenz-Bernhard gibt einen Einblick in „Spätkeltische und frühkaiserzeitliche Bestattungssitten“ (S. 106-115). Sie stellt drei Grabsittenkreise für das nördliche Rheinland vor: einen mit überwiegend Feinkeramik als Beigabe sowie einen zweiten mit überwiegend Eimerurnengräbern und einen Bereich mit vorwiegend Schüsselgräbern. Darüber hinaus thematisiert Lenz-Bernhard im rechtrheinischen Gebiet zu findende Hinterlassenschaften von Germanen und anderen Neusiedlern. Unter der Überschrift „Neuanfang und Kontinuität. Religion am Übergang zur römischen Herrschaft“ beschreibt Gerhard Bauchhenss die Entwicklungsphasen keltischer und die Frühgeschichte gallorömischer Heiligtümer (S. 116-124). Dazu gibt er gleichfalls einen Einblick in die stark von Ritualen geprägte antike Religion. Hans-Hoyer von Prittwitz und Gaffron thematisiert in „Der Kaiser ist immer und überall. Das Kaiserhaus auf Waffen und Orden“ (S. 125-132) die Allgegenwärtigkeit des Kaisers auf Münzen, phalerae oder auch Helmmedaillons und die darüber verfolgte Bildpolitik. Die letzten beiden Aufsätze wenden sich der Vieh- und Landwirtschaft zu. Den Anfang macht die „Viehwirtschaft bei Kelten, Römern und Germanen im Rheinland“ von Thomas Becker (S. 133-143). Becker zeigt auf, dass die Wirtschaftsweise der vorrömischen Eisenzeit stark naturraumabhängig war. Insbesondere im nördlichen Rheinland und den heutigen Niederlanden wurde noch bis in römische Zeit hinein vor allem Rinderzucht betrieben. Im südlichen Rheinland ist hingegen wohl eher von einer gemischten Tierhaltung von Rindern, Schafen/Ziegen und Schweinen auszugehen. Ein Einfluss von italischer und gallisch-römischer Zuchtpraxis ist wohl aber lediglich in den Lößlandschaften zu verzeichnen. Arie J. Kalis und Jutta Meurers-Balke beschäftigen sich mit der „Landnutzung im Niederrheingebiet zwischen Krieg und Frieden“ (S. 144-153). Anhand von Pollendiagrammen werden dabei die verschiedenen Landnutzungsformen von der Eisenzeit bis weit in die Römische Kaiserzeit analysiert und diskutiert. Dabei gelingt es den Autoren, auch Krisen- und Kriegszeiten im Pollenbefund sichtbar zu machen.

Damit endet der lange Reigen der thematischen Aufsätze. Es schließt sich der zweite Teil des Ausstellungskataloges mit einer Vielzahl von kürzeren Beiträgen zu einzelnen Fundplätzen an. Zwar fehlt hier leider für den Fundstellenkatalog ein Inhaltsverzeichnis und gleichfalls wäre ein Fundstellenregister wünschenswert, aber das Durchblättern lohnt sich, denn es gibt eine Vielzahl interessanter Fundorte zu entdecken. Das auf dem Titelbild des Buches gezeigte Kurzschwert wiederholt sich immer wieder als Symbol an Abbildungen im Katalog und verweist auf die einzelnen in der Ausstellung wieder zu findenden Exponate. Überhaupt ist die Vielzahl von Abbildungen, etwa von Fundfotografien oder Rekonstruktionszeichnung, positiv hervorzuheben. Die in der Einleitung versprochene vielseitige Auseinandersetzung mit Römern, Kelten und Germanen wird in diesem Buch erfüllt. Das Begleitbuch zur Ausstellung zeigt deutlich auf, wie bunt gemischt die Bevölkerung sich zu dieser Zeit zusammensetzte und dass es keinesfalls zu einer plötzlichen Romanisierung der einheimischen Bevölkerung kam, wie vielleicht noch so manch Ausstellungsbesucher vor Besichtigung der Ausstellung vermutete. Die Lektüre des Begleitbandes zur Ausstellung lohnt sich also.

Anmerkungen:
[1] Als Beispiele lassen sich anführen: Von Augustus bis Attila. Leben am ungarischen Donaulimes. Herausgegeben von der Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern e.V. mit Unterstützung des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart und der Stadt Aalen, Stuttgart 2000; Über allen Fronten. Nordwestdeutschland zwischen Augustus und Karl dem Großen. Sonderausstellung Staatliches Museum für Naturkunde und Vorgeschichte Oldenburg vom 3. Oktober bis 21. November 1999, Oldenburg 1999.
[2] Krauße, Dirk, Das Phänomen der Romanisierung. Antiker Vorläufer der Romanisierung?, in: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau, Esslingen 2005, S. 56–62.
[3] Echt, Rudolf, Das Fürstinnengrab von Reinheim. Studien zur Kulturgeschichte der Früh-La-Tène-Zeit, Bonn 1999.
[4] Zur gerade am Rhein schwierigen ethnischen Deutung: Brather, Sebastian, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen, Berlin u.a. 2004, S. 166–184 u. 210–212.

Zitation
Claudia Sarge: Rezension zu: Uelsberg, Gabriele (Hrsg.): Krieg und Frieden. Kelten - Römer - Germanen. Darmstadt  2007 , in: H-Soz-Kult, 27.03.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10402>.
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27.03.2008
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