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Titel
Krise im Realsozialismus. Die Politische Ökonomie der DDR in den 80er Jahren


Autor(en)
Wiards, Mathias
Erschienen
Hamburg 2001: Argument-Verlag
Umfang
270 S.
Preis
€ 17,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
André Steiner, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Politische Ökonomie des Wirtschaftssystems der Ostblockländer ist nach wie vor ein unzureichend beackertes Feld. Seit dem Erscheinen des Buches von Janos Kornai "The Socialist System" 1992 (deutsch 1995) [1] hat es einen ähnlichen synthetisierenden und geschlossenen Versuch nicht gegeben. Die damit zusammenhängenden Probleme werden schon deutlich, wenn es um die Benennung dieses Systems geht: Handelte es sich um Sozialismus, Staatssozialismus oder Realsozialismus? Ganz abgesehen davon, dass all diese Begriffe einen spezifischen historischen Entstehungshintergrund haben, sprechen jeweils gute Gründe für sie als auch gegen sie. Der Autor des hier anzuzeigenden Buches, dem seine im Jahr 2000 an der Universität Hannover angenommene Dissertation zugrunde liegt, entschied sich pragmatisch für den Begriff des Realsozialismus. Nun will Mathias Wiards wohl nicht eine ähnliche Synthese wie Kornai vorlegen, aber einen ähnlich hohen theoretischen Anspruch vertritt er schon. Mit der "Analyse der realsozialistischen Krise" - konzentriert auf die achtziger Jahre - will Wiards "in erster Linie die Prinzipien der realsozialistischen Ökonomie und Herrschaftsweise und erst in zweiter Linie ihr umfassendes Scheitern" erklären (S. 10). Dabei stellt er - entsprechend den Strukturen seines Untersuchungsgegenstandes und zu Recht - die Wirtschaft in einen engen Zusammenhang mit Politik, Herrschaftsform und Ideologie des Realsozialismus.

Ausgangspunkt ist für Wiards, dass der Mainstream der DDR-Forschung Defizite in der gesellschaftstheoretischen Reflexion des Materials aufweise. Vor allem vermisst er eine geschlossene Theorie der Krise in der Planwirtschaft. Diese benötige aber einen Maßstab des Erfolges, den zu liefern, Wiards als zentrale Aufgabe seiner Arbeit betrachtet. Vor diesem Hintergrund sei dann auch die realsozialistische Krise positiv zu bestimmen. Die Grundthese lautet, dass die Nutzung von Preis-, Wert- und vor allem Gewinngrößen in der Planung einen Widerspruch der DDR-Ökonomie begründen, den Wiards als Hybridcharakter bezeichnet (S. 13).

Als Quellengrundlage verzichtet er - bis auf Ausnahmen - explizit auf eigene Archivstudien und beschränkt sich auf die vorliegenden Ergebnisse der DDR-Forschung (S. 11). Deren zentralen Defiziten geht er im ersten Kapitel nach, die er vor allem auf ihre "Begeisterung für die kapitalistische Marktwirtschaft" zurückführt. Dabei steht manchem zu bedenkenden Einwand das Missverständnis gegenüber, dass sich Wiards bei seiner Analyse auf einem anderen Abstraktionsniveau bewegt als die von ihm kritisierte überwiegend an der Ordnungstheorie orientierte wirtschaftswissenschaftliche DDR-Betrachtung. Das zweite Kapitel entwickelt eine Theorie kapitalistischer Krise, um vor deren Hintergrund die Spezifik der realsozialistischen Krise herauszuarbeiten.

Die Charakteristika der DDR-Ökonomie sind Gegenstand des dritten Kapitels, wobei insbesondere der Frage nachgegangen wird, inwieweit "kapitalistische" Kategorien, wie Wert, Preis und Gewinn, in der Planwirtschaft galten. Nach Wiards resultierte ihre binnenwirtschaftliche "Anwendung" daraus, dass die DDR auf dem Weltmarkt auftrat und Handel mit westlichen Ländern trieb. Zugleich konnten diese Kategorien seines Erachtens wegen des planwirtschaftlichen Charakters der DDR-Ökonomie im Inneren nicht gelten. Allerdings bleibt seine Begründung für diese Annahme unklar. Zielt er damit auf die Ergebnisse der bekannten Kontroverse zwischen Ludwig von Mises und Friedrich Hayek einerseits und Oskar Lange andererseits über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus, wonach eine konsistente Wertrechnung dort per se nicht möglich ist? Wenn ja, liegt hier insofern ein weiteres Missverständnis vor, als dieses objektive Problem historisch von den "Konstrukteuren" des Realsozialismus als lösbar betrachtet wurde. Insofern gelang es dem Rezensenten auch nicht nachzuvollziehen, weshalb nach Auffassung von Wiards die DDR-Führung offenbar nur durch die Teilnahme am Weltmarkt zur Kostenersparnis gezwungen wurde und das "inhaltlich nicht mit dem abstrakten ökonomischen Ziel identisch (war), Aufwand und Ergebnis in ein möglichst günstiges Verhältnis zu setzen" (S. 137).

Selbstverständlich musste sich auch dieses System dem ökonomischen Grundproblem knapper Ressourcen stellen und ganz offensichtlich benötigte man Preise und damit auch Gewinne nicht nur als Messgröße im Wirtschaftsprozess. Darüber hinaus kam ihnen eine Anreizfunktion zu. Diese Einsicht setzte sich in den Ostblockländern in der "Wertgesetzdebatte" in den fünfziger Jahren durch und galt unabhängig von den Außenwirtschaftsbeziehungen, die allerdings die Wirkung der Inkonsistenz des Preissystems verschärften. Jedoch begründete nicht nur der Handel mit dem Westen das, was Wiards den Hybridcharakter des Systems nennt, sondern das ergab sich bereits aus seinen inneren Widersprüchen.

Darüber hinaus scheint der Hybridcharakter von Systemen historisch nicht der Sonderfall - wie von Wiards angenommen (S. 14, 140) -, sondern eher der Normalfall zu sein. Dabei kann man nicht zuletzt auf die Schwellenländer und viele Entwicklungsländer verweisen, insofern würde ein Vergleich mit anderen hybriden Systemen möglicherweise mehr über das Spezifische des Realsozialismus verraten. Auch weshalb der "Hybridcharakter der realsozialistischen Ökonomie [...] nicht mit der [...] Vorstellung von gesellschaftlichen Mischformen in der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre zu verwechseln" sein soll (S. 140), wird nicht näher begründet. Die Kritik an diesen Vorstellungen (S. 36ff.) erscheint ohnehin insofern überzogen, als die Masse der Autoren das Primat von Plan oder Markt - als konstituierende Idealformen der Realtypen - betont. Bestimmte institutionelle Ausprägungen - hier von Marktelementen oder -formen - sind selbstverständlich im Zusammenhang mit der "Totalität" des jeweiligen Systems - also hier der Planwirtschaft - zu betrachten.

Erstaunlich ist auch, dass gerade die Arbeit von Friedrich Haffner, die sich - soweit dem Rezensenten bekannt - zumindest im deutschsprachigen Raum am gründlichsten mit diesem Problem auseinandergesetzt hat, nicht einmal erwähnt wird [2]. In diesem Zusammenhang ist auch darauf zu verweisen, dass das bereits erwähnte Grundproblem jeder Ökonomie tatsächlich so etwas wie eine - von Wiards bestrittene - "überhistorische" ökonomische Rationalität erzwingt (S. 140, Fußnote 176). Die eigentlich interessante Frage in diesem Zusammenhang ist aber, welche Form diese historisch konkret in einem System durch dessen Verfasstheit annimmt: Also wie sieht die ökonomische Rationalität einer Planwirtschaft aus? Allerdings geht Wiards auf dieses Problem nicht ein.

Das vierte Kapitel behandelt dann den Zusammenhang zwischen dem Hybridcharakter und der Krise der realsozialistischen Wirtschaft sowie der Reaktionen der SED-Spitze. Die Krise im Realsozialismus besteht für Wiards vor allem im "stetigen Zurückbleiben hinter überlegenen Konkurrenten" (S. 144, 248), zugleich wirft er der "gängigen DDR-Forschung" vor, die Krise unter anderem auf mangelndes Wachstum zu reduzieren (S. 247), was zwar nicht unbedingt identisch sein muss, aber wohl wesensverwandt ist. Solche Widersprüche in der eigenen Argumentation bleiben aber unaufgelöst. Auf das historische Problem dieser Krisenbestimmung, das für die DDR von Anfang an galt und kein Spezifikum der siebziger oder achtziger Jahre war, wie von Wiards unterstellt, kann hier nur kurz verwiesen werden. Daraus resultieren dann wiederum Fragen nach dem "Hybridcharakter" und seinen Veränderungen in den verschiedenen Phasen der DDR-Wirtschaftsgeschichte.

Schließlich geht das fünfte Kapitel darauf ein, dass marxistisch-leninistische Ideologie und Herrschaftsform die ökonomische Krise verstärkten, und andersherum die Krise die emanzipativen Elemente der Ideologie schwächte. In seinem Resümee betont Wiards, dass es ihm um die Vermittlung der inneren und äußeren Krisenfaktoren geht, wo in der Darstellung bis dahin immer das Außen überwog. Er fasst dann seine Auffassung abschließend so zusammen, wie es hier als Beispiel für die Argumentation zitiert sein soll: "Die Besonderheit der realsozialistischen Krise besteht damit nicht bloß darin, daß sich auch in ihr das 'Außen' eingeprägt hat. Vielmehr ist diese Krise sowohl das Unterliegen der realsozialistischen Ökonomie als auch Existenzgrund ihres Hybridcharakters. Damit wurde die realsozialistische Wirtschaft erst durch ihre Krise zu dem, was sie war - und zugleich durch diese Krise zugrundegerichtet. Der Realsozialismus war das Produkt seiner Krise" (S. 251).

Die Darstellung ist insgesamt in einer schwer zugänglichen Sprache verfasst und in sich nicht widerspruchsfrei, was das Verständnis des Textes ungemein erschwert. Darüber hinaus ist die Arbeit in den historischen Passagen im Detail teilweise korrekturbedürftig. Den von Wiards vorgebrachten Anregungen und Forderungen an die DDR-Forschung (vgl. S. 43, 55, 97ff., 163) wurde gerade in neueren wirtschaftshistorischen Untersuchungen zur Funktionsweise und Gestaltung des DDR-Wirtschaftssystems und zu den daraus resultierenden praktischen Konsequenzen - zumindest im Ansatz - entsprochen.[3] Diese Literatur bezieht Wiards aber in seine Untersuchung nicht ein. Befremdlich für eine "vor allem ökonomietheoretische Untersuchung" (S. 10) ist auch, dass die eigene theoretische Basis und Methode nicht explizit offen gelegt und reflektiert wird. Auch die Terminologie deutet zwar darauf hin, dass Wiards sich am Marxschen Vorgehen orientiert. Aber die nahe liegende, sicher nicht leicht, gleichwohl in diesem Zusammenhang notwendigerweise zu beantwortende Frage, inwieweit die Marxsche Theorie selbst oder seine Methode den Erfordernissen einer Analyse des "Realsozialismus" entspricht, wird damit gar nicht erst aufgeworfen. Alles in allem finden sich in dem Buch zwar eine Reihe bedenkenswerter Anregungen und Überlegungen, aber insgesamt überzeugt die Argumentation nicht so recht. Auch der neue Beitrag zum gesellschaftstheoretischen Verständnis des Realsozialismus bleibt unklar, da letztlich sowohl der Hybridcharakter als auch die Krisenbestimmung im Kern bereits früher thematisiert wurden.

Anmerkungen:
[1] János Kornai, The Socialist System. The Political Economy of Communism, Oxford 1992 (dt.: Das sozialistische System. Die politische Ökonomie des Kommunismus, Baden-Baden 1995).
[2] Friedrich Haffner, Systemkonträre Beziehungen in der sowjetischen Planwirtschaft. Ein Beitrag zur Theorie der mixed economy, Berlin (West) 1978.
[3] Vgl. als Überblick: André Steiner: Startbedingungen, Wirtschaftssystem und Wachstum. Die Wirtschaftsgeschichte der DDR im Licht der Forschung der letzten zehn Jahre, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2000/2001, S. 447-472.

Zitation
André Steiner: Rezension zu: : Krise im Realsozialismus. Die Politische Ökonomie der DDR in den 80er Jahren. Hamburg  2001 , in: H-Soz-Kult, 16.01.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1149>.
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Veröffentlicht am
16.01.2003
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