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Titel
Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965


Autor(en)
Elbe, Ingo
Erschienen
Berlin 2008: Akademie Verlag
Umfang
643 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Henning, Fachbereich Philosophie, Universität St. Gallen

Wissenschaft produziert bedruckte Seiten, und zwar in solcher Fülle, dass schon die Anzahl von Veröffentlichungen eines Faches kaum zu bewältigen ist – umso schlimmer, wenn Diskussionen in mehreren Fächern oder gar in verschiedenen Ländern geführt werden. Da möchte man zuweilen vor Buchstaben die Flinte ins Korn werfen. Indes hat die Wissenschaft auch Mechanismen hervorgebracht, die diese Komplexität bedeutend reduzieren. Erstens kanalisieren Schulbildungen die akademische Diskussion: Gehört man einer Schule (moderner: einem Netzwerk) an, weiß man ungefähr, „worum es geht“, und erwirbt so die Lizenz, all das zu ignorieren, worum es nicht geht. Zudem garantieren Schulen durch eingegrenzte Fragestellungen einen Resonanzboden für eigene Beiträge. So ermöglichen sie Genauigkeit und Kontinuität einer Fragestellung. Der Nachteil sind jedoch Usancen, die eher der sozialen Dynamik als der Sache geschuldet sind. Es kann zu dogmatischen Verhärtungen, Sektenbildungen und Rezeptionsblockaden kommen.

Zweitens vermitteln auch Überblickswerke Einblicke in bestimmte Forschungsstränge. Diese Instrumente können interferieren: Überblickswerke können sich mit Schulen befassen, und Schulen können Überblickswerke verfassen. Damit sind bereits Inhalt und Problem des hier vorzustellenden Werkes benannt: In Ingo Elbes gewaltigem Buch – einer an der Freien Universität Berlin entstandenen Dissertation in Philosophie – über eine Spielart des bundesdeutschen Theorie-Marxismus der 1970er-Jahre überlagert sich beides. Das Werk ist einerseits Überblicksbuch über eine Schule, andererseits aus einer Schule – nämlich derjenigen, von der es handelt. Solche Selbstbeobachtungen können ambivalent ausfallen: Der besonderen Sachkenntnis in Details stehen blinde Flecken gegenüber, da Apologien sachliche Auseinandersetzungen überlagern oder verdrängen können. So ist es auch bei Elbe: Einerseits beeindruckt die intime Kenntnis zum Teil entlegener Debatten. Andererseits gewinnt die Apologetik stellenweise die Oberhand (schon der Titel erweckt den irrigen Anschein, es gehe um die entscheidende Strömung im westlichen Marxismus). Das dient dem Erkenntnisgewinn wenig, ermöglicht aber Einblicke anderer Art.

Im Zentrum steht nun keine „normale“ Schule, die durch eine bestimmte Haltung zu einer Fragestellung in einer Disziplin abzugrenzen wäre. Die „Neue Marx-Lektüre“, gemeint ist die so genannte Wertformanalyse, sprengt übliche Ordnungsraster. Immerhin haben wir es mit dem Marxismus zu tun, dessen bedeutendste Autoren ihre Werke außerhalb universitärer Festanstellungen verfasst haben (man denke an Lukács oder Sartre). Ihre politische Radikalität war inkompatibel mit der Gesetztheit des offiziellen Wissenschaftsbetriebs. Verantwortlich für die Außenseiterrolle war in diesem Fall aber nicht Politik (zu ihr gab es vielmehr eine seltsam negativistische Distanz). Die Wertformanalyse blieb auf die akademische Welt bezogen und versuchte sie in einem Rundumschlag auf eigenem Terrain zu überbieten. Ihr Entstehungshintergrund sind die marxistischen Gruppierungen, die sich infolge der Studentenbewegung bildeten und einander spinnefeind waren. Diese Konkurrenz erzeugte eine Dynamik der Überbietung, ohne die die Wertformanalyse kaum zu verstehen ist. Ihr ging es nicht allein um die Grundlegung einer Disziplin, sondern aller möglichen Wissenschaften vom Ökonomischen und Politischen. Damit ließ man (zumindest im Anspruch) nicht nur andere marxistische Gruppierungen hinter sich, sondern übertrumpfte nebenbei auch die „bürgerliche Wissenschaft“ (über Motive ließe sich spekulieren). Ist es verwunderlich, dass letztere verschnupft reagierte? Umso mutiger ist Elbes Vorhaben, diese für ihn zu Unrecht „ignorierte“ Strömung in der Wissenschaft wieder zu rehabilitieren.

Was ist mit „Wertformanalyse“ gemeint? Für Grundlegungsabsichten innerhalb des Marxismus bot sich der Wertbegriff an, da alle wichtigen Theoreme ihn verwenden (Arbeitswertlehre, Ausbeutungs-, Klassen-, Zyklen- und Krisentheorien sowie die Kritik an Smith, Ricardo etc.). Leider gab es diese Theorien allerdings schon, denn der Marxismus begann nicht in Elbes Schlüsseljahr 1965. Was es damals noch nicht hinreichend gab, war eine Lehre der „Form“ dieses Wertes – Elbe lässt als Vorläufer nur wenige Autoren zu, etwa Eugen Paschukanis und Jacques Rancière. Marx hatte sich zu Beginn des „Kapitals“ mit der Form des Wertes beschäftigt: Sie könne von der notwendigen Arbeit als „Substanz“ des Wertes über den Tauschwert in die Geld- und Kapitalform bis zum zinstragenden Kapital wechseln. Doch müsse der Wert theoretisch wiedererkennbar sein – sonst bleibe der Zusammenhang einer übergreifenden „Wissenschaft vom Wert“ uneingelöst. Das ist zunächst kaum rätselhaft.

Da aber auch alle referierten Varianten dieser Schule mit dem Begriff der Form operieren, stellt Elbe ihn ins Zentrum seiner Rehabilitierungsbemühung. Separate Kapitel behandeln 1. die „Grundlagenreflexion“ (es geht um „Rekonstruktionen“ der Eingangskapitel des „Kapitals“, die den Zusammenhang von Arbeit, Warenwert und Geld erklären wollten – erst mit, dann gegen Marx); 2. die „Staatsableitung“ (also Theorien, die auf der Grundlage von Kategorien wie „Gesamtkapital“, „Klassenkampf“ oder „Zirkulation“ die Notwendigkeit und Beschaffenheit des bürgerlichen Staates deduzieren wollten); und 3. die „Krise der Revolutionstheorie“ (Theorien, die bereits die Krise des Marxismus bezeugen, indem sie vermutete Ansatzpunkte einer Revolution – „Gebrauchswert“, „Vollendungslogik“ oder „Klassenbewusstsein“ – verloren gaben). Wer einen Überblick zu diesen Diskussionen der 1970er-Jahre sucht, die im Einzelfall bis in die Gegenwart reichen, der kann sich nun in Elbes nicht eben kurze Zusammenfassungen versenken.

Die Frage ist nur, warum man das tun soll. Es gäbe zwei Antworten: Entweder liest man die Darstellung „dokumentarisch“, als Ausdruck einer intellektuellen Epoche in einer spezifischen Konstellation. Dann allerdings reicht es nicht, Inhalte zu referieren – es käme vielmehr auf Kontextualisierung und Deutung dieser in der Tat sehr „altbundesrepublikanischen“ Bewegung an. Davon findet man bei Elbe indes wenig; die Relevanz der Texte wird stets unterstellt, aber kaum erläutert. Oder man liest die Interpretationen theorieimmanent. Dann müsste gewährleistet sein, dass der Anspruch dieser Bewegung irgendwo eingelöst wird. Das ist ebensowenig der Fall. So zeigt Elbe unbarmherzig Schwächen wichtiger Vertreter der Wertformanalyse auf (etwa der Gründer Hans-Georg Backhaus oder Helmuth Reichelt). Verfolgt man die Bewegung geschichtlich, kann man sogar – bei Elbe nur zwischen den Zeilen sichtbar – eine zunehmende Verabschiedung von Marx feststellen. Schon der Terminus „Rekonstruktion“ implizierte, dass die Darstellungen bei Marx keineswegs ausgereift, ja nicht einmal verstehbar seien und die Wertformanalyse sie allererst „richtig“ darstellen müsse. Daraus wird zusehends eine Destruktion (daher: „Krise“ der Revolutionstheorie). Doch warum sollte man der Bewegung dann eine derartige Wichtigkeit beimessen? Elbe sieht in ihr einen großen Forschungsbeitrag. Der Leser bleibt am Ende etwas ratlos, worin dieser Beitrag eigentlich bestehen soll.

Das Eigene, Systematische, Positive kommt deswegen so kurz, weil der eigentliche Ertrag in der Korrektur der vielen Schulvorgänger liegt. Das Ganze wäre dann weniger als Beitrag zur Marx’schen Theorie als zu ihrer Lektüre zu verstehen, die heute wieder en vogue ist. Es beantwortet die Frage: Wie können wir uns Marx’ Theorie – oder vielmehr: die ersten Kapitel des „Kapitals“ – begreiflich machen? Sie wird so im besten Fall vor ihren Re- bzw. Dekonstrukteuren gerettet – immerhin schon eine Leistung. Eine zeitgeschichtlich fundierte Studie zur Marx-Lektüre in der Bundesrepublik als intellektueller und sozialer Praxis, auf die der Buchtitel zunächst hinzudeuten scheint, bleibt indes noch zu schreiben.

Zitation
Christoph Henning: Rezension zu: : Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965. Berlin  2008 , in: H-Soz-Kult, 07.05.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11595>.
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Veröffentlicht am
07.05.2009
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