M. Barricelli u.a. (Hrsg.): Aufklärung, Bildung, "Histotainment"?

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Titel
Aufklärung, Bildung, "Histotainment"?. Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute


Hrsg. v.
Barricelli, Michele; Hornig, Julia
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
249 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simone Rauthe, Historisches Seminar II, Universität zu Köln

Geschichte floriert seit mehr als 30 Jahren: „So viel Geschichte wie heute war nie.“[1] Nach einer vorübergehenden Krise der westdeutschen Geschichtswissenschaft konnte das Interesse der Öffentlichkeit an historischen Themen zurückgewonnen werden. Dies führte zu einem Geschichtsboom, der bis heute anhält. Dabei ist die Beschäftigung mit „Geschichte in der Öffentlichkeit“[2] einerseits durch bildungspolitische Ziele motiviert: Sie regt zur Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft und deren Vergangenheitsbezügen an, dient der Legitimation, stiftet Identität und Sinn, bietet Orientierung und fördert Kritik. Andererseits erfüllt Geschichte die kommerzialisierten, medial verstärkten Bedürfnisse der Erlebnisgesellschaft. Dieses lebensweltliche Interesse an einer Erweiterung der eigenen Lebensmöglichkeiten äußert sich in historischer Faszination.

Michele Barricelli und Julia Hornig, Herausgeber des hier vorzustellenden Bandes, versammelten im März 2007 Fachwissenschaftler und Praktiker aus Geschichtsdidaktik, politischer Bildung und zeithistorischer Forschung am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, um die besondere Rolle der Zeitgeschichte „in Unterricht und Gesellschaft“ auszuloten.[3] Diskutiert werden sollten „die bewusstseinsbildende Funktion der historia sui temporis, Aspekte der historisch-politischen Bildung im Zusammenhang mit den aktuellen Formen von Medialität sowie die spezifischen Eigenheiten einer empirischen Erforschung des zeitgeschichtlichen Lernens“ (S. 8). Zudem beabsichtigten die Veranstalter noch einmal das Verhältnis von Geschichtsdidaktik und Zeitgeschichte zu bestimmen (S. 8) – ein wichtiger Zugang, der zu anspruchsvoll erscheint, um ihn zur Nebensache zu erklären.

Die Herausgeber betonen die bereits vielfach diskutierte besondere lebensweltliche Orientierungsfunktion der Zeitgeschichte (S. 10) und referieren ausführlich und kenntnisreich Forschungsperspektiven seit den 1960er-Jahren, wobei die diagnostizierte „weitgehende Sichtverengung auf das deutsche Beispiel“ (S. 11) und die daraus abgeleitete Forderung nach einer globaleren Ausrichtung der Zeitgeschichte bereits obsolet geworden ist. In der Einleitung wird deutlich, dass es dem Band, der sehr disparate Beiträge versammelt, an einem systematisierenden Zugriff mangelt: Die Wahl des Untertitels „Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute“ verwundert, da die Schule wohl einen Teil der bürgerlichen Gesellschaft ausmacht. Zudem hätte die Abkehr von der in der Geschichtsdidaktik seit den 1970er-Jahren üblichen, gleichermaßen unzureichenden und viel kritisierten Unterscheidung zwischen „Geschichte in der Öffentlichkeit“ und „Geschichte in der Schule“ thematisiert werden müssen.

Martin Lücke und Michael Sturm leiten das Kapitel „Zeitgeschichtliches Lernen akademisch“ ein, indem sie das Verhältnis von Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik in Anlehnung an Bernd Schönemann und Marko Demantowsky nicht als „geschichtswissenschaftliche Schwestern“[4] beschreiben, sondern mit der negativ konnotierten Metapher „Stiefschwestern“ charakterisieren. Paradox erscheint das Ziel der Autoren, nach Berührungspunkten und Synergieeffekten zu fragen, „anstatt die künstliche Kluft zwischen Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik weiter zu vertiefen“ (S. 28). Der Beitrag endet mit der Forderung, die Zeitgeschichte solle facettenreiche Erkenntnisse über die Vergangenheit liefern, die Geschichtsdidaktik hingegen aufzeigen, dass gerade die unübersichtliche Vielfalt an Themen, Thesen und methodischen Herangehensweisen dazu geeignet sei, historische Orientierungs-, Frage- und Methodenkompetenzen in einer pluralistischen Gesellschaft aufzubauen (S. 39).

Die Verfasser übersehen, dass die mit Recht diagnostizierte Kluft zwischen Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik nur überwunden werden könnte, wenn diese sich eben nicht als zwei „Disziplinen“ mit „grundsätzlich verschiedenen Absichten“ (S. 28), nicht als Schwestern und schon gar nicht als Stiefschwestern verstünden. Forschung, Darstellung und Rezeption bilden eine unauflösbare Einheit: Der professionelle Historiker widmet sich nicht nur der Heuristik, Kritik und Interpretation, sondern fragt stets nach der adäquaten, adressatenorientierten Vermittlung seiner Ergebnisse; der Didaktiker versteht sich als ein Experte der Theorie, Empirie und Pragmatik historischen Lernens und ist als Historiker ebenso der historischen Methode verpflichtet. Dies entspräche der seit den 1970er-Jahren bestehenden Auffassung einer eng mit der Historik verbundenen Geschichtsdidaktik und spiegelt sich in der bekannten, von Lücke und Sturm anders verstandenen Formel Karl-Ernst Jeismanns, „Fachdidaktik vom Fach her zu denken“ (S. 28).

In einer „Argumentationsskizze“ zu Kompetenzmodellen legt der Geschichtsdidaktiker Andreas Körber überzeugend dar, dass es möglich und sinnvoll ist, für das zeitgeschichtliche Lernen spezifische Kompetenzen zu formulieren und die vorhandenen Kompetenzmodelle dahingehend zu erweitern. Er betont die kategoriale Verbindung zwischen historischem und politischem Denken (S. 59), die auch der Politikdidaktiker Peter Massing in seinem Aufsatz „Zeitgeschichte als Rückgrat der Politischen Bildung?“ herausstellt. Politische Bildung ohne die Fähigkeit und Bereitschaft zur (zeit)geschichtlichen Reflexion sei ein Widerspruch in sich (S. 79).

Das zweite Kapitel des Bandes, in dem „Orte zeitgeschichtlichen Lernens“ im Sinne Pierre Noras thematisiert werden, bietet einen vielgestaltigen Einblick in die Arbeit von Agenturen der Geschichtskultur: Brigitte Vogel referiert über Ausstellungsprojekte des Deutschen Historischen Museums, Julia Hornig über den „Einsatz multimedialer Lernumgebungen“ im Willy-Brandt-Haus Lübeck, Bettina Alavi über die „Didaktisierung zeitgeschichtlicher Webangebote“ und Annegret Ehmann über ein DVD-Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung. Sven Felix Kellerhoff plädiert schließlich für eine „Partnerschaft von Geschichtswissenschaft und Geschichtsjournalismus“. Der interessante Beitrag von Paul Nolte, der die angeblich neue Nähe von Fachwissenschaft, Massenmedien und Publikum beschwört und anstatt des amerikanischen Begriffs „Public History“ den deutschen Terminus „öffentliche Geschichte“ etablieren möchte (S. 143), harmoniert aufgrund seines geschichtstheoretischen Anspruchs allerdings kaum mit den anderen Aufsätzen der Sektion.

Auch das letzte Kapitel „Zeitgeschichtliches Lernen empirisch und praktisch“ zeugt wenig von konzeptioneller Stringenz: So beschäftigt sich beispielsweise Carlos Kölbl mit der Bedeutung der NS-Vergangenheit im Geschichtsbewusstsein junger Migrantinnen und Migranten, während Sabine Moller fragt, wie ostdeutsche Jugendliche Sinn aus der DDR-Geschichte konstruieren, und Arne Lietz über den Völkermord an den Armeniern als Unterrichtsgegenstand schreibt.

Die einzelnen Beiträge des Bandes verfügen gewiss über Substanz. Doch hätten eine pointiertere Fragestellung, mehr konzeptionelle Schärfe und ein Fazit zur Transparenz hinsichtlich der Ziele, Ergebnisse und Adressaten der Aufsatzsammlung beitragen können. In diesem Zusammenhang hätte ebenso erläutert werden müssen, inwiefern die Ergebnisse des Buches über die des bereits 1994 erschienenen Titels „Historische Faszination. Geschichtskultur heute“ hinausgehen.[5]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Klaus Bergmann, „So viel Geschichte wie heute war nie“ – Historische Bildung angesichts der Allgegenwart von Geschichte, in: Angela Schwarz (Hrsg.), Politische Sozialisation und Geschichte. Festschrift für Rolf Schörken zum 65. Geburtstag, Hagen 1993, S. 209-228.
[2] Erstmals diskutiert 1977 auf der Konferenz für Geschichtsdidaktik in Osnabrück, dokumentiert in: Wilhelm van Kampen / Hans Georg Kirchhoff (Hrsg.), Geschichte in der Öffentlichkeit, Stuttgart 1979.
[3] Siehe den Tagungsbericht von Dietmar von Reeken: Aufklärung, Bildung, „Histotainment“? – Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute. 02.03.2007-03.03.2007, Berlin. in: H-Soz-u-Kult, 30.03.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1526>.
[4] Marko Demantowsky / Bernd Schönemann, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik. Schnittmengen – Problemhorizonte – Lernpotentiale, Bochum 2004, S. 7-17, hier S. 9.
[5] Klaus Füßmann / Heinrich Theodor Grütter / Jörn Rüsen (Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln 1994.

Zitation
Simone Rauthe: Rezension zu: Barricelli, Michele; Hornig, Julia (Hrsg.): Aufklärung, Bildung, "Histotainment"?. Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute. Frankfurt am Main  2008 , in: H-Soz-Kult, 14.01.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11640>.
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Veröffentlicht am
14.01.2009
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