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Titel
Jesuiten in Hitlers Wehrmacht. Kriegslegitimation und Kriegserfahrung


Autor(en)
Leugers, Antonia
Erschienen
Paderborn 2009: Schöningh
Umfang
224 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Tobias Seidl, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Erforschung der Kriegserfahrung des ‚kleinen Mannes‘ erfreut sich seit Mitte der 1990er-Jahre gesteigertem Interesse. Nachdem zunächst der einfache Soldat als solcher im Fokus der Forschung stand, widmen sich nun vermehrt Detailstudien speziellen Soldatengruppen. Die aus dem Teilbereich ‚Religion und Kriegserfahrung‘ des Tübinger SFB 437 ‚Kriegserfahrung. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit‘ hervorgegangene Studie von Antonia Leugers beschäftigt sich speziell mit den Mitgliedern des Jesuitenordens, die in der deutschen Wehrmacht dienten. Sie liefert damit einen Beitrag zur Debatte um die spezifische Kriegserfahrung katholischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Ziel der Arbeit ist es, die Erforschung der Motivation katholischer Soldaten für die Beteiligung am Weltkrieg, unabhängig von einer ‚neuen Traditionsbildung‘[1], voranzutreiben. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie jesuitische Soldaten den Zweiten Weltkrieg deuteten und welche Rolle dabei ältere Deutungs- und Erfahrungsmuster, wie zum Beispiel die religiöse Verarbeitung des Ersten Weltkrieges und die Prägung durch die Teilhabe an der katholischen Jugendbewegung in der Zwischenkriegszeit, spielten. Leugers formuliert die These, dass „die eigene Rolle [der Jesuiten im Krieg] im Kriegsgeschehen als dem Willen und Weltplan Gottes entsprechend im Sinne einer weltbezogenen Gesamtverantwortung junger Christen, deren individuelle Bewährung als Christ im Kontext kollektiver weltanschaulicher Gegensätze gefordert war“ (S. 24) verstanden wurde.

Methodisch orientiert sich Leugers am bewährten theoretischen Modell des SFB 437.[2] Ausgehend von einem wissenssoziologischen Erfahrungsbegriff kombiniert sie in ihrer Arbeit inhalts- und diskursanalytische mit kollektiv- und einzelbiographischen Zugängen. Die bereits im SFB verwendeten Analysekategorien Kriegslegitimation, Kriegsziel, Kriegführung, religiöse Kriegsdeutung, göttliche Nationspräferenz, göttliche Sieghilfe, geistliche Kriegsmobilisierung, religiöse Kriegserfahrung, Verarbeitung des Kriegserlebnisses, Selbstbild des deutschen Soldaten, Feindbild und die Deutung von Tod und Sterben werden in ihrer Studie durch ‚jesuitische Spezifika‘, wie zum Beispiel die Wertung des ‚Mitbruders‘ bzw. des ‚Kameraden‘ ergänzt. Die Untersuchung schließt sowohl Laienbrüder wie auch Fratres und Patres die über höhere Bildungsabschlüsse verfügten und gegebenenfalls die Priesterweihe empfangen hatten ein. Die Jesuiten wurden im Zweiten Weltkrieg, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, neben dem Sanitätsdienst auch in großem Maße als aktive Kombattanten eingesetzt. Die vorliegende Studie stützt sich maßgeblich auf Feldpostbriefe der in der Wehrmacht dienenden Jesuiten. Daneben reichern redaktionell betreute Rundbriefe der Jesuiten, die Teile der Feldpostbriefe aufnahmen und kommentierten, die Studie an. Die Autorin wertete bislang nicht wissenschaftlich erschlossene Bestände des Archivs der Deutschen Provinz der Societas Jesu in München aus; darunter waren 2.605 Feldpostbriefe von 289 Jesuiten der Nieder- und Süddeutschen Provinz für den Zeitraum 1939-1945. Zudem konnte sie für statistische Auswertungen auf das Personalverzeichnis des Archivs zurückgreifen. Der geografische Schwerpunkt der Untersuchung liegt aufgrund der Quellenauswahl auf der deutschen Ostfront.

Aufbauend auf einer erschöpfenden Darstellung des Forschungsstandes und einleitenden methodologischen Überlegungen widmet sich Leugers zunächst der Charakterisierung der Untersuchungsgruppe und der Beschreibung der besonderen Bedingungen der Kommunikation durch Feldpostbriefe. Daran anschließend werden die Ergebnisse ihrer Deutungsmusteranalyse vorgestellt. Ein umfassender Anhang ermöglicht Einblicke in ihr methodisches Vorgehen und die Spezifika der von der Autorin verwendeten Quellen.

Die Deutungsmuster der kämpfenden Jesuiten waren nach Leugers durch die Teilhabe an verschiedenen Diskursgemeinschaften, der Volksgemeinschaft, der Kasernen- und Frontgemeinschaft sowie der Ordensgemeinschaft geprägt. Metaphern und Deutungen aus allen angesprochenen Bereichen lassen sich so in unterschiedlichen Ausprägungen in den untersuchten Feldpostbriefen finden. Besondere Bedeutung misst die Autorin den Prägungen der Zwischenkriegszeit und den offiziellen jesuitischen Deutungsangeboten bei, die durch zentral betreute Rundbriefe an die Ordensmitglieder vermittelt wurden. Die jesuitische Deutung von Kriegsziel und -legitimation sei stark durch ein religiöses Sendungsbewusstsein beeinflusst gewesen. Der Krieg sei als Kampf für ein Reich Gottes in Russland und als religiöse Wiedergeburt Deutschlands verstanden worden. „So war die Teilnahme der Jesuiten am Krieg gegen die Sowjetunion […] keine passive Erfüllung gegebener Pflichten und Befehle, sondern eine aktive und bejahende Beteiligung unter eigener Sinngebung“ (S. 73). Leugers zeigt, dass sich die Jesuiten jedoch nicht auf eine einheitliche Deutung der soldatischen Identität festlegten, sondern sich vielmehr entweder mit dem Ideal des kämpfenden Soldaten oder dem des helfenden Samariters identifizierten. Die Art und Weise der entgrenzten Kriegsführung im Osten sei aus der Perspektive der Kameradengemeinschaft an der Front nicht grundlegend in Frage gestellt worden. Das Feindbild der jesuitischen Soldaten sei durch eine gewisse Ambivalenz geprägt gewesen: Zum einen wären die russischen Soldaten als natürliche Gegner der christlich-zivilisierten Kämpfer und der Krieg damit als Strafgericht gegen die Sowjetunion wahrgenommen worden. Zum anderen seien die Soldaten der Roten Armee aber zum Teil auch als Mitbrüder im Glauben betrachtet worden. Der eigene Tod und der der Mitbrüder wurde als Opfer zur Ehre Gottes, nicht jedoch für den Nationalsozialismus, verstanden. Für einige der Jesuiten in der Wehrmacht stelle der Krieg eine tiefreligiöse Erfahrung dar, während andere den Krieg als klassisches Theodizeeproblem wahrnahmen.

Antonia Leugers' Arbeit zeichnet sich durch eine profunde Kenntnis des relevanten Forschungsstandes aus, der in ihrem Buch äußerst detailliert dargestellt wird. Die Stärke ihrer Arbeit liegt darin, dass eine bisher nur unzureichend untersuchte Gruppe ‚einfacher Soldaten‘ des Zweiten Weltkrieges in den Fokus der wissenschaftlichen Analyse gerückt wird. Dabei weicht sie von einer bisher zum Teil vorherrschenden generalisierenden Darstellung der Deutungsmuster von spezifischen Gruppen ab und zeigt dezidiert Brüche in den Deutungen und sich diametral gegenüberstehende Deutungsstrategien auf. So konstatiert sie zum Beispiel ein uneinheitliches soldatisches Rollenverständnis, das sich in der willentlichen Kommandierung zu Fronteinheiten bzw. der Bevorzugung vom Dienst in Sanitätseinheiten widerspiegelt. Einige der von ihr verwendeten Analysekategorien finden in ihrer Arbeit leider nur geringe Aufmerksamkeit (so im Abschnitt über das ‚Selbstbild des deutschen Soldaten‘, S. 80f.) bzw. werden primär auf der Basis von Sekundärliteratur und nicht auf Grundlage ihrer reichhaltigen Quellen erarbeitet (S. 64-73). Vielleicht wäre hier eine stärkere Loslösung von den Kategorien des SFB ertragreicher gewesen. Die Kontrastierung der herausgearbeiteten Ergebnisse mit Befunden zu den Deutungsmustern deutscher Wehrmachtssoldaten im Allgemeinen ist von Leugers auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden aktuellen Sekundärliteratur vorgenommen worden. Leider verfügt diese zum Teil jedoch nicht über eine ähnlich breite empirische Fundierung wie ihre Arbeit. Darin zeigt sich der Wert der Untersuchung gleichermaßen wie die weiteren Herausforderungen an die Forschung zur Mentalitätsgeschichte des Zweiten Weltkrieges.

Die Arbeit ist aufgrund ihrer ansprechenden Darstellungsweise für Laien wie auch für das Fachpublikum geeignet. Besonders die ausführliche Darstellung des Forschungsstandes wie auch der umfassende Anhang sind für den Wissenschaftler von besonderem Interesse.

Anmerkungen:
[1] Diese sieht Leugers verwirklicht bei Karl-Theodor Schleicher / Heinrich Walle (Hrsg.), Aus Feldpostbriefe junger Christen 1939-1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Katholischen Jugend im Felde, Stuttgart 2005.
[2] Vgl.<http://www.uni-tuebingen.de/SFB437/F.htm> (4.01.2010).

Zitation
Tobias Seidl: Rezension zu: : Jesuiten in Hitlers Wehrmacht. Kriegslegitimation und Kriegserfahrung. Paderborn  2009 , in: H-Soz-Kult, 16.02.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13262>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.02.2010
Beiträger
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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