H.-H. Nolte: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts

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Titel
Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.


Autor(en)
Nolte, Hans-Heinrich
Erschienen
Umfang
444 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cord Arendes, Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften (ZEGK), Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Wenn Afrika und Asien im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand europäischer Geschichtsschreibung wurden, dann weniger wegen ihrer Bedeutung als eigenständige Zivilisationsräume, sondern eher als Bestandteile der Historiographie der Kolonialreiche. Diese auf eine europäische Lesart verengte Sicht der globalen Entwicklungen begann sich spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder zu öffnen. Gerade die Ausweitung des Gegenstandes der Historiographie weit über die Grenzen des Nationalstaates hinaus hat dazu beigetragen, dass Historiker heute wieder einer Vielzahl konkurrierender Geschichten Beachtung schenken. Dieser Trend spiegelt sich auch in einer stetig wachsenden Zahl an Einführungs- und Überblickswerken zur Transfer-, transnationalen oder Weltgeschichte wider.

Hans-Heinrich Nolte kann in diesem Feld als einer der profiliertesten deutschen Vertreter welthistorischer Makroentwürfe gelten, die auf große, abstrahierende Synthesen abzielen. Nolte steht für eine Welt- oder Globalgeschichte, die die Verflechtungen und Relationen zwischen den Regionen der Welt in der Moderne betont und versucht, eurozentristische wie isolierte nationalgeschichtliche Perspektiven zu überwinden. Als bekennender Anhänger Immanuel Wallersteins bildet dessen Konzept des „Weltsystems“, eines interdependenten Zusammenhanges von Zentrum, Peripherie und Halbperipherie, das Grundgerüst seiner Überlegungen. Globalisierung versteht Nolte als Prozess, Globalgeschichte als Geschichte der Interaktionen in einem weltumspannenden, lange Zeit durch Europa dominierten Weltsystem. An dessen Prägung durch räumliche Hierarchien und durch Merkmale wie Konkurrenz, Kompetenzakkumulation und Expansion hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts, trotz der Zäsur des Ersten Weltkriegs, der als Sinnbild für den Verlust des Gleichgewichts im bestehenden Weltsystem und das Ende der westlich geprägten Zivilisation des 19. Jahrhunderts steht, relativ wenig geändert (S. 243): Auf den „Polyzentrismus des europäischen Konzerts“ folgten globale Unionen, die bis heute von den USA dominiert werden (S. 52-63). Der Zeitraum zwischen 1917 und 1989 bildet dabei „eine eigene Periode, an deren Ende der Sieg der amerikanischen Form des Kapitalismus und globalen Kapitals steht, die ‚neue Weltordnung’“ (S. 40).

Noltes „Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ schließt in diesem Sinne nahtlos an den vorangegangenen Band an, der die globalgeschichtlichen Entwicklungen zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert behandelt.[1] Darin wurde das Europa des 19. Jahrhunderts als ein System gezeichnet, das Expansion und Akkumulation innerhalb eines gemeinsamen Bestandes von Kommunikations- und Verhaltenstechniken ermöglichte, dessen räumliche Nähe aber auch eine unerbittliche Konkurrenz der alten und vor allem der neuen Nationen untereinander begünstigte. Als die Möglichkeiten der Machtausdehnung an den Peripherien ausgeschöpft waren, entlud sich die Konkurrenz der europäischen Nationen untereinander gewaltsam in zwei Weltkriegen. Eine Antwort auf die von ihm selbst aufgeworfene Frage nach den Gründen für den Verlust der europäischen Vormachtstellung, den tiefen Sturz Europas in den Abgrund nach 1914, lieferte Nolte im Vorgängerband aber (noch) nicht.[2] Auch der klassischen Frage der Wirtschaftsgeschichtsschreibung, warum zuerst in Europa ein dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum auftrat und nicht in einer der anderen Weltregionen, geht er nun im vorliegenden zweiten Band nach, der die beschreibende Analyse des europäischen „Niederganges“ in den Mittelpunkt der Darstellung des 20. Jahrhunderts rückt und den Wiederaufstieg Indiens und Chinas in dessen letzten beiden Dekaden betont.

Ausgehend von den drei gängigen „Master Narratives“ – dem Aufstieg des Westens (Überlegenheit Europas), der Dependenztheorie (Entwicklung der Unterentwicklung) und einem Verständnis Europas als „Provinz“ unter anderen (Dipesh Chakrabarty) – stehen für Nolte in seiner durchweg gut zu lesenden und anregenden Darstellung vor allem die Interaktions- und Austauschprozesse zwischen den Provinzen des Weltsystems im 20. Jahrhundert im Zentrum. Den verschiedenen Interaktions- und Transferprozessen geht er, ohne dabei einer überstrengen Chronologie zu folgen, in insgesamt 24 beschreibenden Kapiteln nach. Themenfelder sind unter anderem Identitäten, technischer Wandel, Arbeitsteilung, Umwelt- und Ressourcenkrisen, Gewalt, Kriege und Genozide, Migrationsbewegungen, aber auch Emanzipation und Demokratisierung oder Moral und Religion. Weltgeschichte verläuft für Nolte im 20. Jahrhundert als „ein Wechselspiel von Differenz und Unifizierung, Beschleunigung und Verlangsamung“ (S. 16). Hinzu kommen Aktionsfelder, die von vornherein als globale Subsysteme angelegt sind, so zum Beispiel internationale Verkehrsströme oder das World Wide Web.

Die vielfältigen Verflechtungsprozesse, die Nolte in den Vordergrund rückt, lassen sich als regionale Hierarchien auch innerhalb Europas wiederfinden. Im Verhältnis zwischen Europa und den anderen Kulturkontinenten „überkreuzen sich Überfremdung und Ungleichzeitigkeit, aber auch Bedingungen von Peripherie und Zentrum ein weiteres Mal“ (S. 10). Das Verhältnis zwischen eigenständigen Entwicklungen und Transkulturation bzw. Übernahmen wird so zum „Grundthema des 20. Jahrhunderts“. Allein die beiden Weltkriege und die Zwischenkriegszeit sieht Nolte durch das Vorherrschen von Ent- und Antiglobalisierungstendenzen bestimmt, vor allem im ökonomischen Bereich (S. 231). Nolte periodisiert das 20. Jahrhundert als ein „langes“ Jahrhundert – eine Behelfslösung, die es ihm aber erlaubt, bis in die Periode des Imperialismus zurückzugehen und zugleich die historische Entwicklung bis zum Jahr 2008 einzuschließen (S. 39f.). Globale Interdependenzen und Beeinflussungen werden so einerseits „in der Länge“ sichtbar; für die Leser ist ein klarer Bezug der historischen Entwicklungslinien zum Hier und Jetzt gegeben. Andererseits führt der Versuch, auch eine Brücke ins 21. Jahrhundert zu schlagen, stellenweise zu einer sehr starken Betonung aktueller Entwicklungen, so beispielsweise die Darstellung des Umgangs der USA mit ihrer Machtposition als „globaler Nation“ in einer „neuen“ Weltordnung (S. 121-127). Die Grenzen des 20. Jahrhunderts drohen somit zu verwischen, und Noltes Versuch, aus dem 20. Jahrhundert ein Scharnier mit je nach Fragestellung und Ansatz variabler Länge zu machen, vermag nicht bei jedem der ausgewählten Themenfelder gleich gut zu überzeugen.

Insgesamt stehen – eine Folge des methodischen Ansatzes – vor allem politik- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte im Vordergrund. Eine Diskussion genereller Kritik am Ansatz des „Weltsystems“ kann hier nicht erfolgen; genügen mögen deshalb Verweise auf die Gefahr des ökonomischen Reduktionismus oder die Unterstellung eines starken System-Zusammenhanges ohne empirischen Beleg. Wenn auch die grundlegende These nicht neu ist, so gelingt Nolte bei der Beschreibung der Grobstruktur des Weltsystems im 20. Jahrhundert insgesamt überzeugend der Spagat zwischen der Darstellung des Bedeutungsverlustes des „alten“ Europas und dessen neuer Stellung als einer globalen Provinz unter anderen. Aufgrund Noltes normativer Zielvorstellung einer dauerhaften und zukunftsweisenden Weltordnung, einem globalen, demokratisch verfassten System, spielen allerdings unnötig viele Zukunftsprojektionen in den Text hinein. Trotz eines signifikanten Bedarfs an Ideen für die zukünftige Gestaltung der Gesellschaften gerade auch in Europa formuliert Nolte verschiedentlich offene Fragen, auf die er – wie er selbst zugibt – keine befriedigenden Antworten bereithält.

Diskussionsbedürftig erscheint besonders der Vorschlag, sich die Bedingungen des Westfälischen Friedens von 1648 zum Vorbild zu nehmen, die im Kern auf der wechselseitigen Anerkennung verschiedener Glaubensbekenntnisse beruhten, inklusive der Möglichkeit zur Auswanderung bei „Nichtübereinstimmung“ einzelner Bürger mit Zielen und Ausgestaltung der Gesellschaftsordnung. Gerade an dieser Stelle wirkt der historische Vergleichsmaßstab seltsam verschoben; die Rahmenbedingungen des Westfälischen Friedens werden gleichsam idealisiert. Wie auch die vielfältigen Bestrebungen der aktuellen Politischen Philosophie zeigen, ist eine korrespondierende Moral für das Weltsystem, obwohl wünschenswert, nicht in Sicht. So bleibt Hans-Heinrich Nolte am Ende doch nur eine „kleine“ Lösung beim Kampf um die theoretischen Grundlagen einer globalen Ordnung, wenn er für eine Weltgesellschaft mit hoher Mobilitätsrate „einen weltweiten Konsens in moralischen Fragen“ anstrebt (S. 397), der zugleich offen gegenüber territorialen Differenzen ist.

Anmerkungen:
[1] Hans-Heinrich Nolte, Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme. 15.–19. Jahrhundert, Wien 2005.
[2] Vgl. Peer Vries, Rezension zu: Hans-Heinrich Nolte, Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme. 15.-19. Jahrhundert, Wien 2005, in: H-Soz-u-Kult, 09.11.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7142> (26.11.2009).

Zitation
Cord Arendes: Rezension zu: : Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wien  2009 , in: H-Soz-Kult, 08.12.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13315>.
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08.12.2009
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