Sammelrezension: Douglass C. Norths ökonomische Geschichtstheorie

: Understanding the Process of Economic Change. Princeton : Princeton University Press  2005 ISBN 0691118051, 187 S. € 24,22.

Pies, Ingo; Leschke, Martin (Hrsg.): Douglass Norths ökonomische Theorie der Geschichte. Tübingen : Mohr Siebeck  2009 ISBN 978-3-16-150050-3, 286 S. € 39,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Ischer, infoclio.ch, Bern

Der 15. Band der von Ingo Pies und Martin Leschke herausgegebenen Reihe "Konzepte der Gesellschaftstheorie" widmet sich ganz den theoretischen Arbeiten des Wirtschaftshistorikers Douglass C. North, der gemeinhin als einer der Wegbereiter der ökonomischen Theorie der Geschichte gilt. Ingo Pies fragt in einer ausführlichen Einleitung zu diesem Tagungsband insbesondere nach dem Beitrag, den Norths Arbeiten zur Theorie demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik leisten. Der zweite, drei Viertel des Bandes ausmachende Teil präsentiert Beiträge zu fünf thematischen Schwerpunkten: zu Bedeutung und Stellenwert des Rationalitäts- und Transaktionskostenbegriffs, zur Verfasstheit sozialer Ordnung, zur Rolle informaler Regeln, zum Stellenwert des Theorems der "Shared Mental Models" im Theoriegebäude von North und schließlich zur Theorie der geschichtlichen Erzählung in seinem Werk.

Jedem einzelnen Beitrag eines Referenten sind zwei kleinere Koreferate gewidmet. Diese Struktur erweist sich als produktiv, weil sie der interdisziplinären Zusammensetzung der Autorengruppe entgegenkommt. Damit erlaubt sie auf der Ebene des Gesamtbandes, was den einzelnen Beiträgen nur zum Teil gelingt, nämlich das Ausbrechen aus in erster Linie durch die jeweilige Wissenschaftsdisziplin verfolgten Argumentationslogiken. Im dritten Teil, einem Epilog, geht Helmut Leipold auf das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie bei North ein.

Bei der Lektüre fällt auf, wie umstritten gewisse Aspekte des Northschen Theoriegebäudes sind. Eine Mehrheit der Referenten äußert sich insbesondere kritisch zu der von North seit Mitte der 1990er-Jahre eingeleiteten Erweiterung seiner Theorie um kulturalistische und kognitivistische Ansätze. Diese neuen Aspekte implizieren eine substanzielle Erweiterung des einfachen Modells des "Homo Oeconomicus" und des damit einhergehenden Rationalitätskonzepts. North bricht mit der Annahme vollständiger Information der Akteure. Dabei geht er einen Schritt weiter als Herbert A. Simon, der bereits in den 1950er-Jahren das Konzept der "Bounded Rationality" vorstellt, das auf die bei der Informationsbeschaffung anfallenden Kosten und den damit einhergehenden Restriktionen verweist.[1] Laut North sind nicht in erster Linie Kostengründe dafür verantwortlich zu machen, dass die Rationalität menschlicher Entscheidungen limitiert ist, sondern deren Beeinflussung durch soziale und kulturelle Werte und Deutungsmodelle. So genannte geteilte mentale Modelle ("Shared Mental Models") bilden die heuristischen Grundlagen, auf denen Individuen Entscheidungen treffen.

Bereits in der Einleitung formuliert Pies die These, dass sich North seit der Erweiterung seines Forschungsprogramms um kulturalistische und kognitivistische Fragestellungen auf theoretischen Abwegen befinde. North eröffne in methodologischer Hinsicht zwar durchaus perspektivische Einsichten, die von der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung produktiv aufgenommen werden könnten. Generell ist Pies jedoch der Ansicht, dass mit der zu Beginn der 1990er-Jahre einsetzenden Abwendung von empirischen, kliometrischen Analysen zugunsten einer stärkeren Methoden- und Theoriebildung der wissenschaftliche Gehalt der Arbeiten von North zurückging.

Auch die Kritik der Hauptreferenten zielt darauf, dass Norths theoretischen Arbeiten die systematische Strenge und Stringenz fehle. Laut Thomas Döring beruht das Problem seines Ansatzes darauf, dass North zentrale Aspekte der orthodoxen, neoklassischen Ökonomik einer fundamentalen Kritik unterzieht, ohne sich selbst von diesem Theoriestrang gänzlich zu verabschieden. Immer wieder äußere North sein Anliegen, das ökonomische Standardmodell weiterzuentwickeln und es realistischer, das heißt mit den im Verlauf der historischen Analyse gewonnenen Einsichten kompatibler zu machen. Dies beinhaltet unter anderem den Einbezug von Transaktionskosten, die angemessene Berücksichtigung von formalen wie informalen Institutionen sowie die Erweiterung des klassischen Rationalitätsmodells um den Aspekt der "Shared Mental Models" und der damit einhergehenden substanziellen und unhintergehbaren Limitierung des Rationalitätsgehalts der von Menschen getroffenen Entscheidungen.

Insgesamt haben Pies und Leschke einen interessanten Band produziert, der sich über weite Strecken sehr kritisch mit dem Werk von Douglass C. North auseinandersetzt. Diesem kritischen Verdikt, das insbesondere von Vertretern der Wirtschaftswissenschaften formuliert wurde, liegt, wie Helmut Leipold in seinem Beitrag festhält, der seit dem späten 19. Jahrhundert schwelende Konflikt zwischen Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie zu Grunde. Diesen Konflikt versucht North nicht nur konstruktiv zu nutzen, sondern auch beide Fächer zu versöhnen. Eingedenk des nach wie vor virulenten Spannungsverhältnisses und des Umstandes, dass es sich bei North um einen Wirtschaftshistoriker handelt, wäre es sicherlich angebracht gewesen, wenn zumindest einer der Referenten ein Wirtschaftshistoriker gewesen wäre. Denn speziell aus wirtschaftshistorischer Sicht stünde den Wirtschaftswissenschaften der Eklektizismus, der North oftmals vorgeworfen wird, gut zu Gesicht, erlaubt dieser doch nicht nur das Wildern in fremden Wissenschaftsdisziplinen, sondern wirkt zugleich als Antidot gegen die bei den meisten Wissenschaftsdisziplinen immer wieder zu verzeichnende Verabsolutierung der eigenen theoretischen Grundannahmen.

Douglass Norths 2005 erschienenes Buch "Understanding the Process of Economic Change" bestätigt eine Reihe der im Band von Pies und Leschke enthaltenen – positiven wie negativen – Einschätzungen des theoretischen Gehalts seiner neueren Arbeiten. North wendet sich hier ein weiteres Mal seinem Generalthema zu, dem Prozess des ökonomischen Wandels und den Gründen für das sehr unterschiedliche Leistungsvermögen von Volkswirtschaften. Laut North hat ein genaueres Verständnis der Mechanismen, die zum ökonomischen Wandel beitragen, weit reichende Folgen. Denn "beyond understanding the past, such knowledge is the key to improving the performance of economies in the present and future. A real understanding of how economies grow unlocks the door to greater human well-being and to a reduction in misery and abject poverty" (S. vii).

North baut auf den Resultaten früherer Arbeiten, insbesondere auf den Ausführungen zum institutionellen Wandel in seinem 1990 erschienen Buch "Institutions, Institutional Change and Economic Performance" auf. In seiner Institutionenanalyse unterscheidet North zwischen formlosen (Sanktionen, Tabus, Gewohnheiten, Traditionen, Verhaltensregeln) und formgebundenen (Verfassungen, Gesetze, Eigentumsrechte) Institutionen. In seinen Überlegungen spielen Institutionen deshalb eine so große Rolle, weil sie den Handlungsrahmen festlegen, innerhalb dessen sich die Wirtschaftsakteure bewegen. In diesem Zusammenhang interessiert er sich für die einem institutionellen Setting spezifische Anreizstruktur und für die davon abgeleiteten Leistungs- und Entwicklungspotenziale einer Volkswirtschaft.[2]

Doch "Understanding the Process of Economic Change" führt zugleich eine Mitte der 1990er-Jahre beginnende Verschiebung von Norths wissenschaftlichem Augenmerk fort: Nach wie vor verfolgt er mit seinen theoretischen und empirischen Arbeiten das Ziel, die Bedeutung von Institutionen für die ökonomische Leistungsfähigkeit von Wirtschaften und die Mechanismen, die dem institutionellen Wandel zu Grunde liegen, zu analysieren. Während er aber 1990 noch den technischen Wandel sowie sich ändernde relative Preise als die zentralen Ursachen für die marginalen Anpassungen von gesellschaftlichen Verbots- und Anreizstrukturen ansah, änderte sich in der Folge seine Argumentationsweise. Spätestens seit dem 1994 zusammen mit Arthur T. Denzau publizierten Artikel "Shared Mental Models: Ideologies and Institutions"[3] gilt Norths Hauptaugenmerk der Rolle, welche geteilte mentale Modelle – Mythen, Ideologien, Gedankensysteme verschiedenster Art – im Prozess des ökonomischen Wandels spielen. So betont er auch in diesem Buch die Rolle sich wandelnder Gedankensysteme als Auslöser der Veränderung von Institutionen, die die ökonomische Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Sowohl die Stärken als auch die Schwächen nicht nur der vorliegenden Studie, sondern von Norths gesamtem wissenschaftlichen Programm wurzeln in seinem Eklektizismus sowie in seinem Versuch, neoklassische Theorieelemente so zu erweitern, dass diese die Komplexität der Realität besser erfassen und damit für die Arbeit von Wirtschaftshistorikern relevanter werden. Dem oftmals vorgebrachten Vorwurf, dass seiner Theorie die systematische Strenge und Geschlossenheit fehle, ist sich North sehr wohl bewusst. So weist er in seinem Vorwort zu "Understandig the Process of Economic Change" darauf hin, dass es wohl unmöglich sei, eine Theorie für den ökonomischen Wandel zu entwickeln, die es mit der Eleganz der allgemeinen Gleichgewichtstheorie aufnehmen könnte (S. vii).

Nichtsdestotrotz gibt es einige Punkte, die man an der hier besprochenen Studie bemängeln kann. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass das Buch keine wirklich substanziellen theoretischen Fortschritte beinhaltet, die die Funktionsweise von geteilten mentalen Modellen und deren Beitrag zu ökonomischem und institutionellem Wandel erhellen würden, und dass damit die theoretische Diskussion in etwa auf dem Stand von 1994 verharrt. (Damit wird die von Ingo Pies geäußerte Kritik zumindest in Bezug auf das hier besprochene Buch weitgehend bestätigt). Sehr oft begnügt North sich mit der Feststellung, dass man eben über die Funktionsweise der "Shared Mental Models" noch sehr wenig wisse und noch viel Forschungsarbeit zu leisten sei. Dabei helfen auch seine Ausführungen zur Neuropsychologie oder zur Kognitionslehre nicht wirklich weiter. Dies ist umso bedauerlicher, als dieser Theorieansatz zu einer Reihe von äußerst wichtigen Einsichten beitrug und insbesondere die soziale und kulturelle Geprägtheit der von Menschen begangenen Handlungen betont. Hinzu kommt, dass man oftmals den Eindruck bekommt, dass North namhafte Beiträge, sei es aus der Wissenssoziologie oder aus anderen Wissenschaftszweigen, gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Doch trotz dieser Einwände handelt es sich um ein sehr inspirierendes und lehrreiches Buch.

Anmerkungen:
[1] Herbert A. Simon, Rational Choice and the Structure of the Environment, in: Psychological Review 63 (1956), S. 129-138.
[2] Douglass C. North, Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung, Tübingen 1992, S. 4.
[3] Arthur T. Denzau / Douglass C. North, Shared Mental Models: Ideologies and Institutions, in: Kyklos 47 (1994), S. 3-32.

Zitation
Philipp Ischer: Rezension zu: : Understanding the Process of Economic Change. Princeton  2005 / Pies, Ingo; Leschke, Martin (Hrsg.): Douglass Norths ökonomische Theorie der Geschichte. Tübingen  2009 , in: H-Soz-Kult, 25.02.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13537>.
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25.02.2010
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