M. Brocke u.a. (Hrsg.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945

Titel
Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945.


Autor(en)
Brocke, Michael; Carlebach, Julius
Erschienen
München 2009: K.G. Saur
Umfang
XXVII, 745 S.
Preis
€ 298,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nathanael Riemer, Institut für Religionswissenschaft (Schwerpunkt Rabbinische Studien – Halacha und Liturgie), Universität Potsdam

Der zweibändige und letzte Teil des Biographischen Handbuches der Rabbiner umfasst die Biographien der jüdischen Gelehrten, welche von 1871 bis 1945 innerhalb des Deutschen Reiches ein rabbinisches Amt ausübten. Initiiert wurde das prosopographische Mammutprojekt durch Julius Carlebach (Jüdische Hochschule Heidelberg) und nach dessen Tode unter der Leitung von Michael Brocke (Salomon Ludwig Steinheim-Institut für Deutsch-Jüdische Geschichte, Duisburg) fortgeführt. Bereits der erste, ebenfalls zweibändige Teil hatte in seinem Bearbeiter Carsten Wilke einen äußerst sorgfältigen Pionier gefunden. Mit dem vorliegenden zweiten Teil vermochte Katrin Nele Jansen das Projekt in der gleichen Qualität nun erfolgreich zum Abschluss bringen.

Der zeitliche Rahmen wird einerseits durch die Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 und andererseits durch das Ende des nationalsozialistischen „Dritten Reiches“ 1945 bestimmt. Zwischen diese markanten Eckdaten fallen die Debatten über die Identität der Juden in Deutschland und ihre Positionen zur Mehrheitsgesellschaft, der zunehmende Antisemitismus, die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Zionisten und Antizionisten sowie die Vernichtung des europäischen Judentums. In Bezug auf den räumlichen Rahmen halten sich die Bearbeiter streng an die Grenzen des Deutschen Reiches einschließlich ihrer durch Kriege bedingten Verschiebungen. Dies gilt zum Beispiel für das Elsass – also jener Region, welche lediglich zwischen den Jahren 1871 bis 1919 zum Deutschen Reich gehörte.

Die Zahl von 765 Einträgen des zweiten Teils erweckt zunächst den Eindruck, dieser sei wesentlich weniger umfangreich als sein Vorgänger mit 1952 Artikeln. Doch allein die äußerliche Erscheinungsform zeigt dem Leser, dass sich dieser nummerische Unterschied nur geringfügig in den Seitenzahlen wiederspiegelt. Auch bei der inhaltlichen Konsultation wird der Fortsetzungscharakter schnell ersichtlich: Mit dem Elsässischen Rabbiner Cerf Aaron, dem die Position Nr. 1953 zugewiesen ist, wird die Zählung der Gelehrten des ersten Bandes fortgesetzt. Dagegen – und dies ist den veränderten Bedingungen des zeitlichen Rahmens geschuldet – weichen die Kriterien für die Aufnahme der Personen in den zweiten Teil geringfügig von denen des ersten Bandes ab: Dargestellt werden die Lebensdaten jener ordinierten Rabbiner, die nach 1871 ein rabbinisches Amt angenommen und ausgeführt haben. Die Biographien der Rabbinatsstudenten, welche nach Beendigung des Studiums emigrierten oder nur für wenige Semester in Deutschland studierten, wurden nicht berücksichtigt.

Auch für den zweiten Teil des „Biographischen Handbuches der Rabbiner“ haben die Bearbeiter den Anspruch beibehalten, die wichtigsten biographischen Fakten zu den ermittelten Gelehrten möglichst vollständig zu erfassen: Nach den Namen und Lebensdaten wird auf die familiäre und soziale Herkunft der Personen eingegangen sowie deren Ausbildungswege und Positionen erwähnt. Neben den Dissertationen und weiteren Publikationen – vor allem in deutschjüdischen Periodika – wurden auch unveröffentlichte Manuskripte aufgenommen. In Bezug auf archivalische Quellen konzentrierten sich die Bearbeiter dieses Mal vor allem auf die Einarbeitung von Universitätsakten, Vereinsdokumenten und Nachrufen zu den Verstorbenen. Mit den letzten Kategorien, epigraphische Zeugnisse, Forschungsliteratur und ikonographische Darstellungen, welche zum Teil Onlinedatenbanken berücksichtigen, werden die wesentlichen Informationen zur gesuchten Person abgeschlossen.

Die Register über die Orts- (II/2, S. 675-701) und Personennamen (II/2, S. 703-720), welche bei einem hochwertigen Handbuch dieser Art nicht fehlen dürfen, befinden sich am Ende des zweiten Bandes. Positiv hervorzuheben ist, dass das Personenregister auch die in den Beiträgen erwähnten Ehefrauen und Verwandten der Rabbiner verzeichnet. Ferner werden am Ende des zweiten Teils neben 14 neuen Personeneinträgen (II/2, S. 725-727, Nr. 2704-2717) auch Korrekturen und Ergänzungen (II/2, S. 727-745) zu den im ersten Teil aufgenommenen Gelehrten angeführt.

Es ist mehr als nachvollziehbar, dass die Mitarbeiter des Projektes bei der Zusammenstellung der vorliegenden Publikation mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Bei Unternehmen dieser Art müssen die Lebens-, Ausbildungs- und Amtsdaten der Protagonisten in mühseliger Kleinstarbeit aus den unterschiedlichsten und weit verstreuten Quellen zusammengesucht, auf ihre Verlässlichkeit hin überprüft und mit abweichenden Angaben abgeglichen werden. Aufgrund der immensen Zunahme von Publikationen in dem hier relevanten Zeitraum des 19. und 20. Jahrhunderts stellt dies eine kaum zu bewältigende Herausforderung dar. Daher macht vor allem die Vielzahl der Beiträge in den deutsch-jüdischen Periodika von und über die Gelehrten eine Auswahl der zu berücksichtigenden Dokumente unausweichlich. Es ist ja gerade die begrenzte Förderungsdauer für Unternehmen dieser Art, die eine Konzentration auf Wesentliches verlangen, sofern der Erfolg des Gesamtprojektes nicht gefährdet werden soll.

Aus den genannten Gründen können die Bearbeiter darauf hinweisen, dass vor allem in Bezug auf die Publikationen der behandelten Persönlichkeiten noch zahlreiche Ergänzungen nachzutragen wären. Im Bewusstsein, dies nicht leisten zu können, bieten sie jedoch vorausschauend zugleich Lösungen an: Auf einer bereits eingerichteten Datenbank des Steinheim-Institutes sollen Register über die Personen, Orte und Rabbinatssitze eingestellt werden.[1] Über eine dort angegebene Emailadresse können Korrekturen und Ergänzungen eingesendet werden, die in der Datenbank berücksichtigt werden. Dass diese Ankündigungen ernst zu nehmen sind, zeigen vor allem die von Wissenschaftlern eingereichten Hinweise zum ersten Teil, welche bereits in die vorliegende Publikation eingegangen sind.

Beide Teile des nun vier Bände umfassenden Handbuches bieten einen einzigartigen Überblick über die Personengruppe der Rabbiner und die Institution des aschkenasischen Rabbinats in der Neuzeit. Bei der großen Bedeutung und dem wissenschaftlichen Zugewinn des Nachschlagewerkes ist nur zu hoffen, dass in absehbarer Zeit nicht nur die Ergänzungen, sondern auch die vollständigen Einträge zu den Gelehrten über das Internet verfügbar gemacht werden, wie dies in beispielhafter Weise für das Handbuch „Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia“ umgesetzt wurde.

Anmerkung:
[1] Siehe <http://www.steinheim-institut.de:50680/dbs/rabbiner-index/query.html> (24.1.2010)

Zitation
Nathanael Riemer: Rezension zu: : Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945. München  2009 , in: H-Soz-Kult, 17.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14226>.
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Veröffentlicht am
17.03.2010
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