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Titel
Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen


Autor(en)
Butler, Judith
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Campus Verlag
Umfang
180 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Erik Fischer, Zivildienstschule Ith

Judith Butler legt mit ihrem neuen Buch „Raster des Krieges“ einen Sammelband zuvor bereits publizierter Aufsätze vor. Diese sind unter dem Eindruck der „aktuellen Kriege“ entstanden, womit sie wohl den jüngst für beendet erklärten Krieg im Irak und natürlich den unter dem Diktum des »Krieges gegen den Terror« durchgeführten Einsatz in Afghanistan meint. Zentraler Kern all dieser Aufsätze ist die Frage danach, was eigentlich »ein« Leben sei und im Weiteren danach, warum wir nicht jedes Leben im gleichen Maße betrauern, wenn es endet.

Judith Butler lehrt Rhetorik und Komparatistik an der University of California in Berkeley. Sie gehört zu den bekanntesten Philosophinnen unserer Zeit. Ihre Forschungen haben maßgeblich die Gendertheorie geprägt. In der Nachfolge von Michel Foucault hat sie immer wieder interessante Anregungen zu Fragen der Sexualität, Biopolitik und Körpertheorie aufgeworfen. Mit den hier veröffentlichten Aufsätzen und Fragen schließt sie an ihre Studie zum »gefährdeten Leben« an.[1]

Wie sie bereits früher ausgeführt hat, ist jedes Leben »prekär«, also gefährdet. Warum bedrückt uns nun aber der Tod eines Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan mehr, als der Tod von afghanischen Zivilisten? Dass dem scheinbar so ist, ließ sich an der Debatte über den Kundus-Vorfall deutlich zeigen: Die ungefähr 140 getöteten Afghanen fanden zwar Erwähnung, aber kaum Beachtung. Eine Erklärung dafür findet Judith Butler in so genannten »Rahmen« (»frames«), die unser Denken und unsere Wahrnehmung nicht nur beeinflussen, sondern steuern. Der Krieg ist demnach ein solcher Rahmen, der dafür sorgt, dass uns als Rezipienten von Nachrichten aus eben diesem Krieg, einige Leben mehr und viele Leben weniger wert sind.

Nun ist eine solche These weder neu, noch überraschend. Aufschlussreich ist jedoch, was Butler aus diesem Befund nun alles abzuleiten vermag. Judith Butler erkennt einen westlichen Diskurs, welcher dem Islam gegenüber eine höhere Position einnimmt und dieser Kultur generelle Rückständigkeit attestiert. Ihre Überlegungen schließen sich damit direkt an Edward Saids berühmte These vom „Orientalismus“ an.[2] Kern dieses westlichen Diskurses ist eine generelle Unterscheidung von schützens- und eben nicht schützenswertem, im konkreten Kontext also muslimischem, Leben. Und gesteuert wird dieser Diskurs von eher unbewussten Affekten, den schon benannten Rahmen, die unseren Blick auf die Wirklichkeit in ihrem Sinne regulieren. So weit, so schlecht. Denn diese Steuerung führt Butler nun auf eine schon von Foucault mehr als diffus gebrauchte Größe zurück: die Macht – die sich auch in der analytischen Verwendung bei Butler nicht sonderlich erhellt.

Im Anschluss an die Überlegungen von Foucault präsentiert uns Judith Butler die Macht lediglich in ihrer Ausführung und Inszenierung, nicht aber als direkte Größe. Macht ist für sie weder darstellbar, noch intentional. Sie zeigt sich eben nur in ihrer Auswirkung, wobei jedoch die Frage nach Verantwortung schwierig wird. Macht in ihrer Auswirkung ist bei Butler vor allem die Ausgrenzung von Leben aus dem, was wir als »Leben« wahrnehmen und verstehen. Belege dafür findet sie in der Folter, der Fotografie, der Einwanderungs- und Sexualpolitik, dem Rassismus und nicht zuletzt der modernen Kriegsführung selbst. Der »Krieg gegen den Terror« kommt dabei gewohnheitsgemäß nicht gut weg, im Gegenteil, bei Judith Butler wird er zum Ausdruck einer »Zivilisationsmission« (S. 118), deren Hintergrund eben die Überhöhung der westlichen bei einer gleichzeitigen Herabsetzung der islamischen Kultur ist. Diese Kritik macht das Buch stark, vor allem, da sie sich nicht versteckt. Butler bekennt ganz deutlich: „Wenn einem Volk eine bestimmte Herrschaftsform aufgezwungen wird, die es nicht selbst gewählt hat, dann ist das per definitionem ein undemokratischer Prozess.“ (S. 42)

Zwei wesentliche Mittel der Ausgrenzung sind für Judith Butler die Folter und die Fotografie; beiden gewährt sie in ihren Aufsätzen großen Raum, vor allem in »Folter und die Ethik der Fotografie«, in welchem sie ausführlich die Folterbilder aus Abu Ghraib untersucht. Leider ist es hier versäumt worden, die entsprechenden Fotos dem Aufsatz mit beizugeben, um die Argumentation anschaulicher zu machen. Interessant ist, wie Butler die Folter in dem irakischen Gefängnis immer wieder mit sexuellen Obsessionen und der Scham über eben diese in Verbindung bringt. Im Wunsch, sich selbst von der Homosexualität zu distanzieren, lebt man seine Homophobie dadurch aus, dass man die Menschen eines Volkes, welches ebenfalls homophobe Tendenzen in seiner Kultur hat, zwingt, homosexuelle Szenen nachzustellen. Die Folter in Abu Ghraib und besonders deren fotografische Dokumentation sind für Butler eindeutig Instrumente der amerikanischen Zivilisationsmission, gleichsam eine „Modernisierungstechnik“ (S. 123). Sie resümiert: Mir „scheinen […] diese Zwangsakte der Erniedrigung und Folter einen bereits in der Zivilisationsmission als solcher angelegten Zwang zu verdeutlichen, einen Zwang, der sich insbesondere in der Durchsetzung einer kulturellen Ordnung äußert, in welcher der Islam als verächtlich, rückwärts gewandt und bedrohlich gilt und dem entsprechend unterworfen oder aus der Kultur des Menschseins überhaupt ausgeschlossen werden muss.“ (S. 123) Die logische Konsequenz ist, dass ein muslimisches Leben überhaupt nicht als solches betrachtet und folglich auch nicht betrauert wird.

Gefährlich und verurteilenswert ist dies für Judith Butler natürlich aus diesem Grund, weil hier ein Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei konstruiert wird und noch viel mehr die Vertreter der Zivilisation sich genötigt sehen, die Barbarei mit Gewalt zu bekämpfen. Die Falle ist für Butler die klassisch Adorno’sche: In einer eigentümlichen Dialektik bringt die Aufklärung selbst ihre barbarische Seite zum Vorschein und letztlich ist „die Barbarei, um die es hier geht, […] die der Zivilisationsmission, und jede anti-imperialistische Politik, insbesondere von feministischer und schwuler Seite, muss sich dieser Barbarei an jedem Punkt entgegenstellen.“ (S. 125)[3]

Dies ist die zentrale Forderung von Judith Butler, die sich in jedem der fünf theoriegesättigten Aufsätze in der einen oder anderen Form finden lässt. Beim Lesen wird eines jedoch noch klarer: Judith Butler ist keine leichte Kost. Ihre Aufsätze bewegen sich im Umfeld von Gender- und ganz allgemein Körpertheorie, verweisen immer wieder auf den Foucault’schen Diskursgedanken und entwickeln darüber hinaus, aufbauend auf bereits bestehenden Überlegungen, eigene Theorieansätze. Positiv ist, dass die Autorin sich selbst immer wieder positioniert und in den aktuellen Debatten situiert. Das Ziel von Judith Butler ist eine Erneuerung der linken Kritik. In diesem Zusammenhang beschäftigt sie sich mit Fragen der Rechtmäßigkeit von Gewalt, dem verzerrten journalistischen Blick auf den Krieg und der Instrumentalisierung liberaler Sexualitätsvorstellungen zum Zwecke der Ausgrenzung, besonders der Muslime. Schade ist, dass der Gedanke des Rahmen sich in ihrer Argumentation zu verlieren scheint, das heißt, mit fortschreitender Lektüre wird immer weniger deutlich, was sie jetzt als Rahmen sieht. Die Lektüre ist somit keineswegs leicht und kostet einige Anstrengung. Belohnt wird man mit vielen interessanten Anregungen zu aktuellen Ausgrenzungsdiskursen. Denn Judith Butler leistet nichts weniger, als den von Samuel P. Huntington beschriebenen »Clash of Civilizations« und, über den von ihr kritisierten Huntington hinausgehend, der Frage danach nachzugehen, warum dieser »Clash« eigentlich ein solcher ist bzw. – und fast noch wichtiger – als ein solcher wahrgenommen wird. [4]

Anmerkungen:
[1] Judith Butler, Gefährdetes Leben: politische Essays, Frankfurt am Main 2008.
[2] Edward W. Said, Orientalismus, Frankfurt am Main 2009.
[3] Vgl. Theodor W. Adorno / Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 18. Aufl. 2009.
[4] Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Hamburg 2006.

Zitation
Erik Stiegmann: Rezension zu: : Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen. Frankfurt am Main  2010 , in: H-Soz-Kult, 29.10.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15015>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.10.2010
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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