K. Dreidoppel: Der griechische Dämon

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Titel
Der griechische Dämon. Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941-1944


Autor(en)
Dreidoppel, Kaspar
Erschienen
Wiesbaden 2009: Harrassowitz Verlag
Umfang
522 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Adamantios Skordos, Institut für Byzantinistik und Neogräzistik, Universität Wien

Im letzten Jahrzehnt ist in Griechenland ein Historikerstreit über die 1940er-Jahre entzündet. Die streitenden Parteien sind auf der einen Seite die sich zu einer „Neuen Strömung“ in der griechischen Historiographie selbsternannten Politikwissenschaftler Stathis Kalyvas und Nikos Marantzidis, auf der anderen die etablierte Zeithistorikerzunft des postdiktatorischen Griechenlands. Die Vertreter der „Neuen Strömung“ kritisierten an der bisherigen Geschichtsforschung zu den Besatzungs- und Bürgerkriegsjahren (1941-1949), dass sie parteilich zugunsten des kommunistischen Bürgerkriegslagers war und eine Reihe von „linken Mythen“ unkritisch übernommen habe, statt diese zu widerlegen. Man ging sogar so weit, die wissenschaftliche Forschung der zweiten Hälfte der 1970er- und 1980er-Jahre mit den antikommunistischen Streitschriften des siegreichen „nationalgesinnten“ Bürgerkriegslagers zu vergleichen und Ähnlichkeiten zwischen den beiden hinsichtlich ihres hohen Politisierungsgrades festzustellen. Darüber hinaus plädierten die Vertreter der „Neuen Strömung“ für eine Reihe von „Neuerungen“ in der Untersuchung der 1940er-Jahre, wie zum Beispiel die Erforschung des Griechischen Bürgerkriegs auf der Mikroebene eines Dorfes oder einer Stadt, unter stärkerer Berücksichtigung der Individuen und ihrer Lebenswelten, statt der permanenten Analyse der „Großen Politik“ der handelnden Staatsmänner und Führungseliten. Die etablierten Zeithistoriker reagierten auf diese Kritik der bisherigen Aufarbeitung der 1940er-Jahre mit Ironie und Spott. Man warf Kalyvas und Marantzidis vor, die antikommunistische Propaganda der „nationalgesinnten“ Bürgerkriegssieger in „neuem Gewand“ präsentieren zu wollen und Neuerungen in der griechischen Zeitgeschichtsforschung vorzuschlagen, die längst überholt seien. Insbesondere im Falle des in Yale lehrenden Kalyvas diagnostizierte man einen „krankhaften Antikommunismus“, den man wiederum an seiner US-amerikanischen akademischen Laufbahn festmachte.[1]

Die 2008 an der Freien Universität Berlin verteidigte Dissertation Kaspar Dreidoppels zum „Griechischen Dämon“ ist nicht zuletzt in dieser Hinsicht ein interessantes Buch, als ihr Autor zwischen die Fronten geriet bzw. im Laufe seiner Forschungsarbeit die Fronten wohl gewechselt hat. Mitbetreut in Griechenland von einem der renommiertesten Vertreter und Mitbegründer der postdiktatorischen Zeitgeschichte Griechenlands, dem gebürtigen Deutschen (und 1985 eingebürgerten Griechen) Hagen Fleischer, übernahm Dreidoppel die Sicht der anderen Seite. Denn er geht in seinem Buch von der Grundannahme aus, dass die bisherige griechische Zeitgeschichtsforschung, die Fleischer stark mitgeprägt hat, unter einer linken Perspektivverzerrung leide – insbesondere in Hinsicht auf die von den griechischen Kommunisten gegründete Nationale Befreiungsfront (EAM), die mächtigste Widerstandsbewegung im besetzten Griechenland. Demzufolge formuliert Dreidoppel im Vorwort das Hauptziel seines Buches folgendermaßen: „[M]eine Arbeit sieht es u.a. als ihre Aufgabe an, das in Wissenschaft und Öffentlichkeit dominierende m.E. allzu romantische Bild der EAM zu dekonstruieren. [Denn] die vornehmste Aufgabe des Historikers besteht darin, aufzuklären.“ (S. ix)

„Der griechische Dämon“ thematisiert in sechs Kapiteln die Besatzungsjahre in Griechenland von 1941 bis 1944, wobei sein Fokus auf der Widerstandsorganisation EAM liegt. Im Rahmen der Volksfrontpolitik gegen den Faschismus, welche die Komintern 1935 diktierte, gründete die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) im September 1941 die EAM und rief alle Griechen auf, unabhängig ihrer politischen Ausrichtung, sich dieser anzuschließen. Durch diese Volksfrontstrategie gewann die KKE, die in der Zwischenkriegszeit eine kleine parlamentarische Partei darstellte, enorm an politischem Einfluss. Die Entwicklung der durch die KKE kontrollierten EAM zu einer Massenbewegung wurde von der britischen Militärmission in Griechenland und dem inländischen, antikommunistischen Lager mit großer Sorge zur Kenntnis genommen. Die Angst vor einer kommunistischen Machtübernahme nach dem Ende der Besatzungszeit wuchs von Tag zu Tag – genauso wie die militärische Stärke der Nationalen Volksbefreiungsarmee (ELAS), des militärischen Arms der EAM. Die Angst vor einer kommunistischen Machtergreifung veranlasste einen Teil der griechischen Gesellschaft dazu, mit der deutschen Besatzungsmacht militärisch zu kollaborieren. Mehr als 20.000 Männer ließen sich bei den sogenannten „Sicherheitsbataillonen“ verpflichten. Diese waren im November 1943 von der Athener Kollaborationsregierung aufgestellt und von den Deutschen ausgerüstet worden. Die militärische Kollaboration mit den Nazis aus antikommunistischen Beweggründen breitete sich selbst auf nationalistische Widerstandsbewegungen aus, die ursprünglich zur Befreiung Griechenlands von den Achsenmächten ins Leben gerufen worden waren. Dies war etwa mit dem National-Republikanischen Griechischen Bund (EDES) von General Napoleon Zervas der Fall, der sich ab September 1943 mit der ELAS in einem offenen Krieg befand.

Das Herzstück des „Griechischen Dämon“ stellt sein drittes Kapitel dar, in dem der Mikrokosmos des EAM-Regimes in den „freien“ Gebirgsregionen Griechenlands vorgestellt wird. Hier unterscheidet sich die Studie Dreidoppels deutlich von vorhergegangen zur ähnlichen Thematik und leistet tatsächlich einen innovativen Forschungsbeitrag.[2] Denn sie zeigt ein viel größeres Interesse an dem alltäglichen Leben innerhalb der Kontrollzone der EAM/ELAS als es bisher der Fall war. Dreidoppel erkundet diesen Sachverhalt, indem er hauptsächlich auf Memoiren von EAM/ELAS-Veteranen zurückgreift. Minutiös beschreibt er ein willkürliches Terrorregime, das einzelne ELAS-Anführer, wie etwa der legendäre Aris Velouchiotis, in ihren Kontrollzonen errichteten, ihr brutales Vorgehen gegen Vertreter und Nutznießer des alten Regimes sowie tatsächlichen, aber auch nur vermeintlichen Kollaborateuren. Die sogenannten „Kapetane“ der EAM/ELAS, so aus der Darstellung Dreidoppels zu entnehmen, litten unter Verfolgungswahn, sahen überall Verräter, Spione und Feinde. Sie ließen sich auch nur schwer von der KKE, der ihre Willkür und ihr „Rowdy-Radikalismus“ unlieb war, kontrollieren. Dreidoppel präsentiert in diesem dritten Kapitel zum „Kosmos der KKE/EAM“ auch das „Volksjustiz“-System, das die EAM/ELAS in ihrer Kontrollzone errichtete. Die Partisanen überließen es den Dorfbewohnern selbst, in ihren Gemeinden ihre eigenen Richter aufzustellen, welche über Zivilrechts- und Strafrechtsfälle minderer Schwere zu urteilen hatten. Schwere Verbrechen, wie zum Beispiel Hochverrat oder Mord, blieben allerdings der Rechtssprechung der ELAS-Anführer vorbehalten.

Der allgemeine Eindruck, der im Buch Dreidoppels über die Herrschaft der EAM/ELAS im „Freien Griechenland“ vermittelt wird, ist größtenteils negativ. Er ähnelt sehr jenem Eindruck, den man aus dem bekannten Roman von Nicholas Gage „Eleni“ gewinnt, in dem der Autor im Falle der Ermordung seiner Mutter durch die Kommunisten kurz vor Bürgerkriegsende in einem Dorf im Nordwesten Griechenlands ermittelt.[3] In Anbetracht der Tatsache, dass die griechische Zeitgeschichtsforschung bis vor Kurzem überwiegend Licht auf die positiven Errungenschaften der EAM/ELAS warf, ist es begrüßenswert, dass Dreidoppel bemüht ist, die Schattenseiten der wichtigsten Widerstandsorganisation zu beleuchten. Die Frage, die sich allerdings stellt, ist, ob der Autor seinem im Vorwort, an sich selbst als Historiker gestellten Aufklärungsanspruch gerecht wird, wenn er sich nahezu ausschließlich auf die „dunkle“ Seite konzentriert und die andere, die „helle“, bewusst aus seiner Erzählung ausklammert.[4] Die Forschung wäre jedenfalls Dreidoppel für eine ausgewogenere Präsentation der EAM/EALS mit ihren ebenso negativen wie positiven Eigenschaften sicherlich dankbarer gewesen, anstatt für ein weiteres „geschichtspolitisches“ Buch. Dreidoppel wirft den griechischen Zeithistorikern der postdiktatorischen Schule vor, sie hätten zur Idealisierung der EAM/ELAS beigetragen, indem sie etwa in ihren Studien die von den „Kapetanen“ angewandte Gewalt gegen Zivilisten, das Klientelsystem und die Korruption innerhalb der „roten“ Kontrollzone ununtersucht ließen. Statt aber aus dieser Erkenntnis die nötigen Konsequenzen für seine eigene Arbeit zu ziehen, schlägt er denselben Weg ein – nur eben in die entgegensetzte Richtung: Statt Idealisierung betreibt er Dämonisierung. Zu sehr will Dreidoppel selbst an dem überwiegend in der griechischen Presse (und nicht in den Fachzeitschriften) ausgetragenen Historikerstreit aktiv mitwirken, anstatt sich davon zu distanzieren und wissenschaftlich nüchterne Ergebnisse zu präsentieren. Dennoch füllt dieses Buch, insbesondere mit seinem dritten Kapitel zum „Kosmos der KKE/EAM“, eine Lücke in der Historiographie und wird sicherlich in zukünftigen, einschlägigen Forschungsarbeiten nicht unberücksichtigt bleiben. Zu wünschen ist, dass die Autoren kommender Studien, die auch auf die Vorarbeit Dreidoppels zurückgreifen werden können, unvoreingenommener an ihren Forschungsgegenstand herangehen werden als es dies der Berliner Historiker tut.

Anmerkungen:
[1] Zum griechischen „Historikerstreit“ siehe u.a. Giorgos Antoniou, The Lost Atlantic of Objectivity. The Revisionist Struggles between the Academy and Public Spheres, in: History and Theory, Theme Issue 46 (2007), S. 92-112; Thanasis Sfikas, Ena istoriografiko taxidi sti chora tou Gkiouliver. I elliniki istoriografia kai oi diethneis diastaseis tou ellinikou emfyliou polemou, in: Ioannis Mourelos / Iakovos Michailidis (Hrsg.), O ellinikos emfylios polemos. Mia apotimisi. Politikes, ideologikes, istoriografikes proektaseis, Athina 2007, S. 157-181.
[2] Wichtige Arbeiten zu ähnlicher Thematik sind: Hagen Fleischer, Im Kreuzschatten der Mächte. Griechenland 1941-1944 (Okkupation – Resistance – Kollaboration), 2 Bd., Frankfurt am Main 1986; Mark Mazower, Inside Hitler’s Greece. The Experience of Occupation, 1941-44, Yale 1993.
[3] Nicholas Gage, Eleni, Bern 1983 [deutsche Übersetzung der US-amerikanischen Originalausgabe von 1983].
[4] Zu den positiven Errungenschaften der EAM/ELAS siehe u.a. Hagen Fleischer, The National Liberation Front (EAM), 1941-1947. A Reassessment, in: John O. Iatrides / Linda Wrigley (Hrsg.), Greece at the Crossroads. The Civil War and Its Legacy, Pennsylvania 1995, S. 48-89.

Zitation
Adamantios Skordos: Rezension zu: : Der griechische Dämon. Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941-1944. Wiesbaden  2009 , in: H-Soz-Kult, 07.02.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16834>.
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Veröffentlicht am
07.02.2012
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