D. Geppert: Thatchers konservative Revolution

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Titel
Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswandel der britischen Tories 1975-1979


Autor(en)
Geppert, Dominik
Erschienen
München 2002: Oldenbourg Verlag
Umfang
455 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rolf Steininger, Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck

An Margaret Thatcher, von 1979 bis November 1990 britische Premierministerin, haben sich jahrelang die Geister geschieden. Für die einen ist sie die bedeutendste englische Frau seit Elisabeth I., die erfolgreichste konservative Premierministerin des 20. Jahrhunderts, nur mehr vergleichbar mit Churchill. Ihre Gegner, vornehmlich auf der Linken, haben ihr vorgeworfen, die Gewerkschaftsbewegung zerstört und Großbritannien in ein Land verwandelt zu haben, in dem Egoismus und Habgier regieren.

Aus deutscher Sicht bleibt uns ihr Kurs intransigenter nationaler Interessenwahrung gegenüber der Europäischen Gemeinschaft in Erinnerung, mit jenem legendären Satz – zum Grausen von Bundeskanzler Helmut Schmidt - : "I want my money back!" Vor allen Dingen aber bleibt sie als eine Politikerin in Erinnerung, die wenig für die Deutschen und noch weniger für die deutsche Wiedervereinigung übrig hatte. Unvergesslich das Treffen des Europäischen Rates am 8./9. Dezember 1989 in Strassburg, wo sie Karten vom Großdeutschen Reich dabei hatte und in vertraulicher Runde warnte, so werde es wieder kommen. Deutschland werde "das Japan Europas sein, nur schlimmer als Japan", die Deutschen seien ein expansionistisches Volk, unverändert aggressiv; in den vergangenen vier Jahrzehnten seien sie von den Westmächten unter Kontrolle gehalten worden. Gegenüber US-Präsident George Bush machte sie 1990 den Vorschlag, sowjetische Truppen auf unbestimmte Zeit in Deutschland zu belassen. Noch am Vorabend der Unterzeichnung des abschließenden Vereinigungsvertrages in Moskau am 12. September 1990 versuchte sie, diesen Prozess scheitern zu lassen. Vielen Briten hat Thatcher damals wohl aus dem Herzen gesprochen. So war dies auch kein kontroverses Thema im Land.

Die "Eiserne Lady" wurde dort mit anderen Dingen in Verbindung gebracht: umfassende Privatisierungsprogramme, die viele Briten ihre Arbeitsplätze kosteten, Kampf gegen die Bergarbeitergewerkschaft – und Einführung der Mehrwertsteuer. In der Außenpolitik führte und gewann sie den Krieg um die Falklandinseln im Südatlantik gegen Argentinien, kritisierte die Entspannungspolitik und mahnte eine unnachgiebige Haltung gegenüber der Sowjetunion an.

Thatcher war Populistin, inszenierte ihre politischen Projekte als Kreuzzüge, präsentierte sich als Jeanne d'Arc des Falklandkrieges, als Drachentöterin der Gewerkschaften, als Nemesis des Weltkommunismus, als streitbare Marktmissionarin, die für den Abbau innereuropäischer Handelsschranken focht, als unversöhnliche Gegnerin der europäischen Bürokratie in Brüssel und als Kämpferin für die Selbsterhaltung eines souveränen Großbritannien. Der Sozialismus war für sie die Wurzel allen Übels, die es mit Stumpf und Stiel auszurotten galt. Mit schonungsloser Brutalität machte sie ihren Landsleuten klar, dass sich die Spielregeln in der Tat grundlegend geändert hatten, um den wirtschaftlichen Niedergang des Landes zu bremsen. Die Macht der Gewerkschaften sollte beschränkt, Staatsausgaben und Steuern gesenkt, die Verteidigungsbereitschaft des Staates nach außen und im Innern vergrößert werden. Unvergessen ihre Fahrt in Kampfmontur im Panzer oder die einzigartige Reise in einem Herkulesflugzeug auf die Falklandinseln.

Margaret Thatcher ist inzwischen auf dem Weg, eine historische Figur zu werden – und sie hat Konjunktur. Soeben ist eine vierteilige Serie im englischen Fernsehen gelaufen, "Das Buch zur Serie" von Brenda Maddox [1] ist auf dem besten Weg, ein Bestseller zu werden. Im Werbetext heißt es, durch die Augen ihrer Zeitgenossen "beginnen wir diese außergewöhnliche Frau zu verstehen, deren Schatten immer noch in jedem Winkel britischen Lebens zu erkennen ist".

Wer war diese Frau? Sie wurde 1925 in dem kleinen Städtchen Grantham in Lincolnshire geboren, entstammte einer kleinbürgerlichen Methodistenfamilie, die es mit harter Arbeit zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte. Margaret gewann ein Stipendium für die Universität Oxford, wo sie Chemie studierte und sich in der Konservativen Partei zu engagieren begann. 1950 und 1951 unterlag sie als Kandidatin des rechten Parteiflügels dem Gegenspieler der Labour Party. Wenig später heiratete sie den wohlhabenden Geschäftsmann Dennis Thatcher, bekam Zwillinge und studierte Jura, ehe sie 1959 für den Nord-Londoner Wahlkreis Finchley ins Unterhaus einzog. 1975 löste sie den glücklosen Edward Heath als Parteiführer ab. Dominik Geppert beschreibt die folgenden Jahre bis zum Mai 1979, als sie Premierministerin wurde. Er nennt dies die "formative Phase" jenes politischen und weltanschaulichen Phänomens, dem sie ihren Namen gegeben hat: Thatcherismus.

Schon vor vielen Jahren, als sie noch Premierministerin war, hat Hugo Young eine meisterhafte Biografie Thatchers vorgelegt [2], in der er die wichtige Beziehung Margarets zu ihrem Vater aufzeigte. Ähnlich auch John Campbell.[3] Diese intensive Beziehung war wahrscheinlich genauso wichtig wie die furchtbare Beziehung zu ihrer Mutter, wie Leo Abs gezeigt hat. [4] In ihrer Eintragung bei "Who's Who" hat Margaret Thatcher ihre Mutter schlicht nicht erwähnt. Abs zieht daraus den Schluss, dass diese gescheiterte Beziehung mit dazu beigetragen hat, Thatcher auf ihrem weiteren Weg zu formen – und zwar im Sinne von "deform".

In dem neuen Buch von Maddox wird dem Ehemann von Thatcher, Dennis, dem Geschäftsmann, eine entscheidende Rolle zugewiesen. Thatcherism, so heißt es da, wurde durch "Dennis Thatcher in Verbindung mit Burmah-Öl" geschaffen. Ohne die Sicherheit, die ihr wohlhabender Mann ihr gab, war es in den Fünfzigern nicht möglich, politische Karriere zu machen. Er war der Mittelpunkt im Leben der Margaret Thatcher.

Unter diesem Aspekt müssen die von Geppert untersuchten Jahre gesehen werden. Er zeigt auf, wie der von der Premierministerin in die Tat umgesetzte "Thatcherismus" sich entwickelte. Es lag nahe, dass Geppert sich mit diesem Thema beschäftigte, arbeitet er doch am Deutschen Historischen Institut in London. Unabhängig davon ist es mehr als begrüßenswert, dass sich deutsche Historiker auch mit nicht-deutschen Themen beschäftigen. Was an Quellen greifbar war, hat Geppert für seine an der Freien Universität Berlin eingereichte Dissertation benutzt: Protokolle, Analysen, Strategie- und Arbeitspapiere aus dem Parteiarchiv der Tories, Nachlässe, Privatarchive und Papiere von konservativen Politikern und ihren Beratern, natürlich Presse-, aber auch autobiografische Selbstzeugnisse, ergänzt durch Interviews.

Er zeigt die Faktoren auf, die Thatchers Aufstieg zur Parteiführerin im Februar 1975 ermöglichten, untersucht in einem zweiten Kapitel den Zusammenbruch der politischen und wirtschaftlichen Nachkriegsordnung Großbritanniens und zeigt, welche Faktoren zur Erosion und schließlich zum Kollaps dieser Ordnung führten und wie Thatcher darauf reagierte. Im dritten Kapitel befasst er sich mit Thatchers "Rezepten", um den wirtschaftlichen Niedergang des Landes zu bremsen: Der Staat sollte aus dem Wirtschaftsleben zurückgedrängt, dem Leistungsprinzip größere Geltung verschafft und mehr Wettbewerb ermöglicht werden. Die Inflationsbekämpfung würde gegenüber dem Ziel der Vollbeschäftigung Priorität erhalten, die Macht der Gewerkschaften sollte beschränkt, Staatsausgaben und Steuern sollten gesenkt, die Verteidigungsbereitschaft des Staats nach außen und im Innern vergrößert werden. Geppert demonstriert, wie sie damals neuen Optimismus verbreitete und glaubte, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Er zeigt, wie ihr Führungswille, ihr Populismus, ihr missionarischer Eifer, andere von der Richtigkeit ihrer eigenen Einstellung zu überzeugen, dem "Thatcherismus" seine politische Durchschlagskraft verliehen.

Radikalismus und Populismus blieben die Markenzeichen von Thatchers Politikstil. Sie sei der einzige Parteichef der Nachkriegszeit, der in der Regierung radikaler war als in der Opposition, stellte einer ihrer Mitarbeiter im Rückblick fest. War sie bis 1975 so etwas wie die aus einfachen Verhältnissen stammende Tory-Dame mit Hut, Handtasche und Ehrgeiz, die lediglich einen reichen Mann geheiratet hatte und in der Politik Karriere machen wollte, so begann mit ihrer Bereitschaft, bei der Wahl gegen Edward Heath anzutreten – und sie zu gewinnen – jene formative Phase ihres radikalen Reformprojektes: Sie präsentierte sich nun als "Eiserne Lady", die im Kramladen ihres Vaters die Gesetze des Marktes verinnerlicht hatte und mit Hilfe der dort erlernten viktorianischen Tugenden den Niedergang ihres Landes aufzuhalten, ja umzukehren gedachte. Geppert formuliert dies treffend so: "So wie Thatcher verschüttete Traditionen der britischen Geschichte wieder freilegen wollte, um die Nation zur Größe zurückzuführen, grub sie auch in ihrem eigenen Lebenslauf tiefer liegende Schichten aus, die ihrer radikalen Reformpolitik biographische Glaubwürdigkeit verleihen sollten." (S. 421)

Insgesamt eine nützliche und sehr lesbare Darstellung, die Einblicke in eine Phase der britischen Politik gibt, als es um die Insel nicht besonders gut bestellt war. In Deutschland sieht es heute ähnlich schlecht aus. Ob die britischen Rezepte von damals auch für Deutschland eine Lösung wären – worauf Geppert ganz am Rande eingeht –, ist eine spannende Frage.

Anmerkungen:
[1] Brenda Maddox, Maggie, The Personal Story of a Public Life, London 2003.
[2] Young, Hugo, One of Us. A Biography of Margaret Thatcher, London 1989.
[3] Campbell, John, Margaret Thatcher, Band 1: The Grocer's Daughter, London 2000.
[4] Leo Abs, Margaret, Daughter of Beatrice: Politician's Psycho-Biography, London 1989.

Zitation
Rolf Steininger: Rezension zu: : Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswandel der britischen Tories 1975-1979. München  2002 , in: H-Soz-Kult, 11.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1859>.
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Veröffentlicht am
11.06.2003
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