Faschismus in der Provinz/Fascismo in provincia

Titel
Faschismus in der Provinz/Fascismo in provincia.


Hrsg. v.
Arbeitsgruppe Regionalgeschichte Bozen
Erschienen
Wien 1999: Folio Verlag
Umfang
224 S.
Preis
€ 18,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Petra Terhoeven, Technische Universität Darmstadt

Unter dem Titel "Faschismus in der Provinz/Fascismo in provincia" hat die Arbeitsgruppe Regionalgeschichte Bozen ihr nunmehr 8. Jahrbuch vorgelegt. Die Arbeitsgruppe, die 1992 im Hauptort der norditalienischen autonomen Region Trentino-Südtirol gegründet worden ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, die auf italienischer wie auf deutschsprachiger Seite nicht selten tendenziöse, letztlich auf die Rechtfertigung der jeweils ‚eigenen' ethnischen Volksgruppe zielende Form der Geschichtsschreibung zu überwinden und solche Untersuchungen zu fördern, die beide Gruppen übergreifend und in ihren gegenseitigen Beziehungen behandeln [1]. Diesen Vorsatz - soviel vorweg - konnten die Herausgeber mit dem vorliegenden Band zweifelsohne einlösen. Diesmal hat die paritätisch aus deutsch- und italienischsprachigen Südtirolern zusammengesetzte Redaktion solchen Wissenschaftlern ein Forum geboten, die sich mit Teilaspekten der Geschichte der Alpenregion während des faschistischen Ventennio auseinandergesetzt haben - jenen Jahren also, in denen sich die ethnischen Spannungen, die sich nach der Neuaufteilung des Gebiets nach dem Ersten Weltkrieg ergeben hatten, zu einem regelrechten Kulturkampf auswuchsen. Während für das übrige Italien inzwischen eine kaum mehr überschaubare Fülle an Publikationen zur Situation einzelner Regionen, Städte und Gemeinden während des Faschismus vorliegt - wobei der Schwerpunkt allerdings eindeutig auf der frühen Phase der Machteroberung, weit weniger auf der ‚Regimephase' des Faschismus liegt - gilt dies für die Alpenregion und insbesondere Südtirol in weit geringerem Maße. Die Herausgeber sprechen gar von einem "enormen Rückstand regionaler Faschismusforschung im Vergleich zu anderen italienischen Provinzen" (S.12). Den nunmehr vorgelegten Band verorten sie selbst innerhalb des vielfach beschriebenen, faschismustypischen Spannungsfeldes zwischen starrem Etatismus und aggressiver Bewegungsdynamik, das im Umfeld der Grenzregionen zweifellos zusätzliche Dimensionen erlangte: "Denn im Umgang mit sprachlichen Minderheiten wie den deutsch- und ladinischsprachigen Südtirolern und den frankophonen Aostanern mußte das Regime einerseits besondere administrative Kompetenz beweisen, um die Überlegenheit des italienischen Staates herauszustellen, ohne auf die Strategie von Repression, Terror und Gewalt zu verzichten"(S.8).

Drei der fünf Autoren, die im Jahrbuch zu Wort kommen, referieren die Ergebnisse bereits abgeschlossener bzw. in der Durchführung begriffener umfangreicherer Forschungsprojekte zur Geschichte der Region, können also als profunde Kenner ihres jeweiligen Fachgebiets gelten. Alle Arbeiten - zwei von ihnen auf italienisch, drei auf deutsch verfaßt, wobei Abstracts in der jeweils anderen Sprache das Verstehen erleichtern - basieren auf ausführlichen Quellenrecherchen in den Landes-, Provinzial- oder Kommunalarchiven der Region bzw. (in einem Fall) des römischen Zentralarchivs, bieten also wenn auch nicht Revolutionäres so doch durchaus Neues zur Geschichte dieses unruhigen Gebiets in faschistischer Zeit. Dabei gelingt es den Autoren zugleich, so manches gängige historiographische Urteil zurechtzurücken beziehungsweise mit Fragezeichen zu versehen - ein weiterer Beweis für die Sinnhaftigkeit einer Überprüfung pauschal formulierter wissenschaftlicher Thesen anhand mikrohistorischer Fallstudien.

Stefan Lechner, Andrea Di Michele und Norbert Parschalk bewegen sich mit ihren Arbeiten innerhalb des Südtiroler Raumes. Bis 1919 Bestandteil des habsburgischen Kronlandes Tirol, das neben dem gesamten Tirol und Vorarlberg auch das Gebiet der heutigen Provinz Trient umfaßte, wurde Südtirol 1919 von Italien annektiert, was die deutschsprachige Bevölkerung mit einer völlig veränderten Situation konfrontierte: Waren sie bisher die eindeutig dominierende Sprachgruppe der ethnisch heterogenen Region gewesen, sahen sie sich nun in der Rolle einer gefährdeten Minderheit innerhalb des italienischen Nationalstaats. Während die liberalen Regierungen der Anfangszeit nicht das Ziel einer vollständigen Assimilation der deutschen Sprachgruppe verfolgten, änderte sich dies mit der aggressiven Italianisierungspolitik des faschistischen Regimes, das - getreu der nationalistischen Ideen des fanatischen Publizisten Ettore Tolomei [2] - den Raum endgültig für Italien zu ‚erobern' gedachte.

"Squadrismus in der Provinz"

Eine Momentaufnahme der Lage in der Kleinstadt Bruneck im Pustertal anläßlich der Wahl zum italienischen Parlament vom 6. April 1924 bietet die Arbeit von Stefan Lechner. Im Vergleich zum übrigen Italien, wo der durch das neue Listen-Mehrheitssystem bereits verfälschte Wählerwille zusätzlich durch die Gewalt der faschistischen Squadren konditioniert wurde, blieb der Raum Südtirol am Wahltag erstaunlich ruhig - mit Ausnahme von Bruneck. Die explosive Situation in der kleinen Gemeinde, wo es zu schweren Ausschreitungen und massiven Wahlmanipulationen kam, ergab sich aus der Aggressivität des unmittelbar vor der Wahl gegründeten Brunecker Fascio sowie dem äußerst kämpferisch geführten Wahlkampf Paul von Sternbachs als Vertreter des Deutschen Verbandes (DV), der als Adliger und hoher ehemaliger österreichischer Verwaltungsbeamter zudem einen idealen politischen Gegner repräsentierte. Die kleine Gruppe gewaltbereiter Squadristen, so kann Lechner zeigen, besaß zudem die Rückendeckung von Staat, Polizei und (deutschsprachigem) Bürgermeister - so wie sich in den Folgejahren überhaupt nicht wenige Mitglieder der Brunecker Bürgerschaft mit den neuen Machthabern arrangierten und der faschistischen Partei beitraten. Lechners Studie leistet insofern einen wichtigen Beitrag zur Forschungslandschaft, als sie die Genese faschistischer Bewegung in einem bisher nahezu geschlossen deutschsprachigen Raum aufzeigen kann, wo diese nur äußerst dürftige autochtone Wurzeln besaß.

"Die italienischen Podestà der Provinz Bozen"

Ein wichtiger Schritt innerhalb der Faschisierung der Institutionen nach der ‚totalitären Wende' des Regimes in der Mitte der zwanziger Jahre stellte die Abschaffung der kommunalen Selbstverwaltung und die Ersetzung der gewählten Bürgermeister durch sogenannte Podestà dar, die, per Dekret ernannt, alle kommunalen Befugnisse in einer Hand vereinigten und allein dem Präfekten, nicht aber der Gemeinde verantwortlich waren. Vor diesem Hintergrund präsentiert nun Andrea Di Michele einen ersten, sozialgeschichtlich ausgerichteten Überblick über die Podestà der Südtiroler Gemeinden von 1926 bis in die Kriegsjahre. Während die Verwaltungsreform in den übrigen Landesteilen eher eine Stärkung der traditionellen kommunalen Eliten zur Folge hatte, führte die Ernennung der Podestà in Südtirol ganz im Gegenteil zur beinahe vollständigen Ausgrenzung der lokalen Notabeln von der Gemeindeverwaltung. Die als politisch nicht zuverlässig geltende deutschsprachige Führungsschicht wurde weitestgehend durch Italiener ersetzt, wobei letztere in Ermangelung geeigneter Kandidaten des lokalen Umfelds meist aus Norditalien nach Bozen verpflanzt und mit einem monatlichen Gehalt entschädigt werden mußten - obwohl beides den Prinzipien der Reform eindeutig zuwiderlief. Auch die zumindest theoretisch in dieser Praxis inhärente Chance, die Beamten allein nach ihrer fachlichen Eignung auszuwählen, wurde, wie Di Michele zeigen kann, fast nirgendwo genutzt. Die entsprechenden Ämter verkamen zusehends zu Versorgungsstellen beschäftigungsloser ehemaliger Squadristi, die nach innerparteilichen Querelen oder lokalen Skandalen von ihrem ursprünglichen Wohnsitz entfernt werden mußten. Aufgrund der mangelnden Qualifikation sowie der Orts- und Sprachunkundigkeit der meisten Podestà waren die Konflikte mit ‚ihren' Gemeinden mithin vorprogrammiert, Konflikte, die Di Michele in der hier vorgelegten, pointiert formulierten Zusammenfassung seiner Forschungsergebnisse lediglich anreißen kann - und damit Lust auf die Lektüre seiner ganzen Arbeit weckt [3].

"Die Stadtverwaltung Brixen 1918-1939"

Der Beitrag Norbert Parschalks zur Verwaltungspraxis der Stadt Brixen zwischen den Weltkriegen bestätigt im großen und ganzen das negative Urteil Di Micheles über die Administratoren der Zentralregierung, wenn auch mit einigen Ausnahmen. Vor allem aber verdeutlicht seine Arbeit die gespannte Lage innerhalb der Brixner Bürgerschaft vor und nach dem faschistischen Machtantritt, die durch gravierende sozioökonomische Probleme weiter belastet wurde. "Die immer noch vorherrschende Meinung, die faschistischen Machthaber hätten in Südtirol gut funktionierende Gemeindeverwaltungen abgelöst", so Parschalk, "muß im Lichte der Brixner Situation revidiert werden" (S.128).

"'Kleine Despoten': Die faschistische Verwaltung des Aostatals"

Gänzlich anders als in der neugewonnenen Provinz Südtirol stellte sich die Situation im Aostatal dar - so jedenfalls Tullio Omezzoli, der für "Geschichte und Region" die Ergebnisse einer Untersuchung über die Präfektur der Provinz Aosta in faschistischer Zeit zusammenfaßt [4]. Die Bewohner des Valle d´Aosta, das bereits 1860 dem jungen italienischen Nationalstaat angegliedert worden war, galten als politisch zuverlässiger als die deutschsprachigen Neubürger - entsprechend milder, so der Autor, waren zumindest bis zum Vorabend des Weltkrieges die Italianisierungsbestrebungen des Regimes, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Italianisierung der Bevölkerung auch in sprachlicher Hinsicht bereits mit dem Machtantritt der Faschisten verhältnismäßig weit fortgeschritten war. Die in der Nachkriegshistoriographie hartnäckig vertretene These, die Zentralregierung habe den Interessen der Valdostani bewußt zuwiderhandeln wollen, um ihrer ethnischen Identität damit zu schaden, verweist Omezzoli ins Reich des politischen Mythos. Ganz im Gegenteil seien die meisten der Präfekten und Parteisekretäre gerade der Frühphase mit der Absicht angetreten, die wirtschaftliche Struktur und Verwaltung des Territoriums zu modernisieren, ein Vorhaben, das jedoch aufgrund der starken Beharrungskräfte innerhalb der Region weitgehend gescheitert sei.

Wenn die Herausgeber mit dem Hinweis auf die Diskrepanz, die sich im Lichte der Untersuchung Omezzolis zwischen den frankophonen und den germanophonen Gebieten ergibt, einen systematischen Vergleich der Lage der Grenzgebiete unter dem Faschismus anregen, muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß eine solche Studie bereits im Jahre 1979 als Dissertation an der Universität Trier eingereicht wurde; auch Omezzoli scheint die solide Arbeit Winfried Adlers zur faschistischen Minderheitenpolitik in Südtirol und im Aostatal nicht bekannt zu sein [5].

"'Arisierung' eines Tiroler Industriebetriebes"

Der fünfte und letzte Beitrag des Jahrbuchs ist nördlich des Brenners angesiedelt und verläßt somit auch thematisch das faschistische Italien. Wolfgang Meixner hat sich mit der Geschichte der Jenbacher Berg- und Hüttenwerke beschäftigt, die wie 74 andere Unternehmen des Gaus Tirol-Vorarlberg nach dem ‚Anschluß' Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland ihren rechtmäßigen (jüdischen) Eigentümern entzogen wurden [6]. Nicht nur den Vorgang der ‚Arisierung' beschreibt Meixner jedoch in umfassender Weise. Er skizziert auch den jahrelangen Rückstellungsprozeß, den der Sohn des 1938 auf mysteriöse Weise ums Leben gekommenen Fabrikbesitzers Friedrich Reitlinger nach dem Ende des Krieges um das väterliche Erbe zu führen gezwungen war. Mit Hinweis auf den Wandel des Rechtscharakters und der unternehmerischen Zielsetzung der Firma verweigerte die österreichische Justiz die Rückgabe des Unternehmens an den Erben. "Nicht die kompromißlose Rückstellung und Entschädigung stand im Mittelpunkt der österreichischen "Vergangenheitsbewältigung"", so das Fazit Meixners, "sondern der Versuch, auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit, alle Beteiligten zu berücksichtigen" (S.195) - man hätte auch noch deutlicher werden können.

Ein umfangreicher Rezensionsteil, der Publikationen zur Geschichte der Alpenregion seit dem Mittelalter behandelt, rundet das Jahrbuch ab. Wie gewohnt weiß sich "Geschichte und Region" ohne Rücksicht auf nationale Empfindlichkeiten auf dem verminten Terrain der Geschichte der Grenzregionen souverän zu bewegen.

Anmerkungen

[1] Vgl. über Ziele und Arbeitsinhalte der Arbeitsgruppe Giorgio Mezzalira, "Geschichte und Region/Storia e regione": un passo oltre la storia della piccola patria sudtirolese, in: Stefano Cavazza/Reinhard Jodler (Hg.), Identità e culture regionali. Germania e Italia a confronto, in: Memoria e ricerca III (1995).

[2] Vgl. Gisela Framke, Im Kampf um Südtirol. Ettore Tolomei (1865-1952) und das ‚Archivio per l´Alto Adige', Tübingen 1987.

[3] Andrea Di Michele, L´italianizzazione imperfetta. L´amministrazione pubblica dell´Alto Adige tra Italia liberale e fascismo, Turin 1999.

[4] Tullio Omezzoli, Prefetti e fascismo nella provincia d´Aosta 1926-1945, Aosta 1999.

[5] Winfried Adler, Die Minderheitenpolitik des italienischen Faschismus in Südtirol und im Aostatal 1922-1929. Dissertation an der Universität Trier, Fachbereich III, 1979.

[6] Zusammenfassend vgl. Thomas Albrich/Klaus Eisterer/Rolf Steininger (Hg.), Tirol und der Anschluß. Voraussetzungen, Entwicklungen, Rahmenbedingungen 1918-1938, Innsbruck 1988.

Zitation
Petra Terhoeven: Rezension zu: Arbeitsgruppe Regionalgeschichte Bozen (Hrsg.): Faschismus in der Provinz/Fascismo in provincia. Wien  1999 , in: H-Soz-Kult, 16.08.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2120>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.08.2001
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation