G. Hammermann u.a. (Hrsg.): Sanierung - Rekonstruktion - Neugestaltung

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Titel
Sanierung – Rekonstruktion – Neugestaltung. Zum Umgang mit historischen Bauten in Gedenkstätten


Hrsg. v.
Hammermann, Gabriele; Riedel, Dirk
Erschienen
Göttingen 2014: Wallstein Verlag
Umfang
183 S., 42 SW-Abb.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg / Ruhr-Universität Bochum

Dass über den Umgang mit den baulichen Relikten ehemaliger Konzentrationslager nach wie vor Debatten zu führen sind, zeigt aktuell die öffentliche Auseinandersetzung um die Frage, inwieweit die Anfang November 2014 gestohlene Tür des Torgebäudes in der KZ-Gedenkstätte Dachau mit einer Rekonstruktion ersetzt werden könnte.[1] Die Bedeutung der historischen Orte, ihrer erhaltenen ebenso wie der nicht mehr vorhandenen Architekturen stieg seit dem Ende der 1980er-Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung immens und führte unter anderem dazu, dass diese Orte in den heutigen Gedenkstätten in die Ausstellungen integriert sind und dabei in ihrer Geschichte und Funktion vorgestellt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den mit Stacheldraht eingezäunten Bereichen, in denen vormals die KZ-Gefangenen untergebracht waren. Bereits die ehemaligen SS-Bereiche sind in diesen Darstellungen nachgeordnet; marginalisiert sind allerdings in der Regel die Areale, in denen Zwangsarbeit stattgefunden hat, wie zum Beispiel das von Siemens genutzte Gelände im KZ Ravensbrück oder der so genannte Kräutergarten im KZ Dachau. Für sie fehlen heute nicht nur Konzepte der Einbindung in die Gedenkorte – sie sind oft zudem einem Verfall preisgegeben, zum Teil überbaut oder für gedenkstättenferne Zwecke genutzt.

Der vorliegende Sammelband, der auf eine im Juni 2012 durchgeführte Tagung der KZ-Gedenkstätte Dachau zurückgeht, nimmt sich nun dieser peripheren Orte an. Gedenkstättenleiter/innen, Architekten, Denkmalpfleger und Historiker wollen dabei „den aktuellen Forschungsstand zum Umgang mit diesen historischen Bauten in vergleichender Perspektive […] beschreiben und auf bestehende Forschungsdesiderate […] verweisen“ (S. 9). Den Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit konkreten Orten; dabei beziehen sich die Aufsätze ausschließlich auf Beispiele in Deutschland. Eine besondere Aufmerksamkeit bekommt das Areal des „Kräutergartens“ in Dachau, dessen künftige Nutzung im Kontext der Gedenkstätte zur Zeit der Tagung auch öffentlich debattiert wurde und die nach wie vor nicht abschließend entschieden ist. Auf dem weitläufigen Gelände wurde ab 1938 ein so genannter Heilkräutergarten eingerichtet, der sowohl landwirtschaftliche Nutzflächen als auch ein Forschungsinstitut umfasste und dabei ein Ort mörderischer (Arbeits-)Bedingungen für die KZ-Gefangenen ebenso war wie ein Vorzeigeprojekt, das den ideologischen und gesundheitspolitischen Zielsetzungen im Nationalsozialismus entsprach und dessen Produkte auch von den Bewohner/innen der umliegenden Ortschaften erworben werden konnten.

Dirk Riedel stellt die Entstehungsgeschichte und historische Funktion des „Kräutergartens“ in der Einleitung ausführlich dar. Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, eröffnet den Blick auf den Umgang mit dem Areal nach 1945 und ergänzt damit die Forschungen zur Nachgeschichte der ehemaligen Lagerorte. Daneben stellt sie Überlegungen zu künftigen Nutzungen des Geländes an. Damit weist sie – gemeinsam mit Harold Marcuse, der seinen Beitrag gänzlich der Diskussion von hier möglichen zukünftigen Umsetzungen und Ansätzen widmet – deutlich über das eingangs formulierte Erkenntnisinteresse des Bandes hinaus. Bei der Debatte um denkbare Nutzungskonzepte ist auffällig, dass dies ausschließlich im Rahmen bekannter und nunmehr für die Gedenkstätten etablierter Gestaltungsmuster geschieht – Erhalt und Sichtbarmachung baulicher Reste, Verweis auf die Zwischennutzungen, Verwendung vorhandener Bauten zum Beispiel für die Einrichtung von Fortbildungs- und Studienmöglichkeiten, Ausstellungen; Potentiale einer künstlerischen Intervention etwa werden nicht in Betracht gezogen. Ergänzt wird der Blick auf die Geschichte und Zukunft des „Kräutergartens“ um einen Beitrag des Architekten und Bauforschers Axel Will. Er stellt die seit 2007 stattfindende bauhistorische Untersuchung auf dem Gelände vor. Neben Erkenntnissen zu den Glashäusern und den Gartengebäuden enthält sein Beitrag Ausführungen zu ihrem aktuellen Zustand sowie zu den Nachnutzungen; für die Glashäuser wird auch der zukünftige Umgang mit der Bausubstanz diskutiert.

Beispiele an anderen Orten bilden den zweiten Schwerpunkt des Bandes. Behandelt werden zum einen periphere Orte in zwei weiteren Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager: Der Beitrag von Günter Morsch, Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen sowie Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, beschäftigt sich mit einem ehemaligen SS-Wirtschaftsgebäude im Truppenlager und dem Klinkerwerk. Insa Eschebach, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück, lenkt den Blick auf historische Gebäude und Areale, die sich im Umfeld der dortigen Gedenkstätte befinden. Dabei unterscheidet sie zwischen Brachen und Bauten, die in Folge fehlender aktueller und perspektivischer Einbindung ohne Funktion für den Gedenkort sind, „[a]bgewanderte Areale und Bauten“ (S. 109) und „Areale mit Perspektive“ (S. 110). Zusätzlich beschreibt sie geplante Umsetzungen für den südlichen Bereich des Gefangenenlagers, der bisher aufgrund von Kontaminierungen im Boden nicht in die Gedenkstätte einbezogen war. Während Morschs Beitrag lediglich einen historischen Abriss und eine aktuelle Zustandsbeschreibung enthält, veranschaulicht Eschebach mit einem systematischeren Überblick, welche unterschiedlichen Kategorien es in der Nutzung und Nicht-Nutzung und damit der Einbindung in die Erzählung des Gedenkortes gibt.

Zum anderen erweitern drei Beiträge den Blick auf Orte jenseits der KZ-Gedenkstätten. Alexander Schmidt beschäftigt sich mit verfallenden Bauten sowohl in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg als auch auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Andreas Ehresmann erläutert in gewohnt reflektierter Weise für die Gedenkstätte am Standort eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers in Sandbostel drei Varianten eines Umgangs mit der Architektur des Ortes: Sanierung, „Schaffung von ahistorischen Situationen“ (S. 146), kontrollierter Verfall. Rekonstruktionen lehnt er ausdrücklich ab. Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, stellt schließlich den Erhalt und die Bedeutung der baulichen Reste der Mauer im Kontext der Denkmalpflege vor.

Schließlich gibt es – als dritten Schwerpunkt des Bandes – zwei Beiträge, die dazu verhelfen sollen, die Fragen nach dem Umgang mit den konkreten Orten auch in einem übergeordneten Kontext zu behandeln: Habbo Knoch schreibt zum einen über die Bedeutung des topographischen Raums ehemaliger Lager, der sich als nicht deckungsgleich zur heutigen Ausdehnung der Gedenkstätten erweist, aber auch nicht immer ihrer symbolischen Zuordnung entspricht. Zum anderen formuliert er ausführlich die anstehenden Aufgaben für die Gedenkstätten, die sich aus seiner Sicht für den Umgang mit den baulichen Relikten ergeben. Egon Johannes Greipl nähert sich diesen Relikten dann mit Blick auf ihre Bewahrung aus Sicht der Denkmalpflege.

Während Schmidt in der Einführung zu seinem Beitrag die Bezeichnung der historischen Orte als „authentisch“ ablehnt (S. 118), machen die Texte von Greipl und Morsch deutlich, dass diese Zuschreibung nach wie vor virulent ist. Damit werden nicht nur die bisher geführten Debatten ausgeblendet[2], sondern es fehlt auch eine notwendige Auseinandersetzung über die Konstruktion von Erzählungen auf den Geländen der KZ-Gedenkstätten. Obwohl es dem Tagungsband gelingt, den Blick auf die in der Gedenkstättengestaltung marginalisierten Orte zu lenken und damit auch das Desiderat einer historischen Forschung zu den Nachnutzungen für eine Auswahl der ehemaligen Konzentrationslager zu schließen, bietet der Band insgesamt hinsichtlich einer Auseinandersetzung mit der Bedeutung historischer Orte für die Erinnerung und eine Darstellung der Geschichte sowie für den Umgang mit erhaltener und verschwundener Bausubstanz oder für die Möglichkeiten einer Sichtbarmachung und Nutzung peripherer Orte im Kontext der Gedenkstätten keine wirklich neuen Erkenntnisse. Vielmehr verdeutlicht die Publikation, dass die seit den 1990er-Jahren entwickelten Konzepte nunmehr etabliert sind und dass bei den sich neu ergebenden Fragen im Zusammenhang mit der Wiederentdeckung bisher vernachlässigter Bereiche und Architekturen auf sie zurückgegriffen werden kann.

Anmerkungen:
[1] Vgl. exemplarisch Helmut Zeller, Debatte um Gedenkkultur, in: Süddeutsche Zeitung, 13.02.2015, <http://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/kz-gedenkstaette-dachau-debatte-um-gedenkkultur-1.2350666> (10.03.2015).
[2] Nach wie vor wegweisend sind in diesem Kontext die Beiträge von Detlef Hoffmann, zum Beispiel: Das Gedächtnis der Dinge, in: Detlef Hoffmann (Hrsg.), Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995, Frankfurt am Main 1998, S. 6–35, aber auch Diskussionen, die im Rahmen des Symposiums „Orte – Dinge – Spuren. Der Umgang mit den materiellen Zeugnissen in Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus“ vom 24. bis 26. November 2011 im Deutschen Historischen Museum / Zeughauskino geführt wurden. Vgl. das Programm unter <http://www.hsozkult.de/event/id/termine-17315> (10.03.2015).

Zitation
Alexandra Klei: Rezension zu: Hammermann, Gabriele; Riedel, Dirk (Hrsg.): Sanierung – Rekonstruktion – Neugestaltung. Zum Umgang mit historischen Bauten in Gedenkstätten. Göttingen  2014 , in: H-Soz-Kult, 10.04.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21877>.
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Veröffentlicht am
10.04.2015
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