U. Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert

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Titel
Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert.


Autor(en)
Herbert, Ulrich
Erschienen
München 2014: C.H. Beck Verlag
Umfang
1451 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Wildt, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Ulrich Herbert hat nicht viele Monographien geschrieben, aber prägende. Seine Dissertation über ausländische Arbeitskräfte im Nationalsozialismus (1986) hat eine breite und intensive Forschung zum Zwangsarbeitereinsatz angestoßen. Seine Habilitation über Werner Best (1996) hat die Rolle der jungen Akademiker als NS-Täter in den Vordergrund gerückt und die Bedeutung des Faktors Generation herausgestellt (im Anschluss an Detlev Peukerts Buch über die Weimarer Republik).[1] Die „Generation der Sachlichkeit“ ist seither kein bloß kunsthistorischer Begriff, sondern ebenso eine unverzichtbare Perspektive, wenn es um führende Täter des NS-Regimes geht.[2]

Auch sein neues Buch, in vieler Hinsicht ein Opus magnum, wird auf die Historiographie zur deutschen Geschichte wirken – nicht so sehr, weil es wie Hans-Ulrich Wehlers oder Heinrich August Winklers Darstellungen eine prononcierte oder gar provozierende These präsentieren würde, als vielmehr durch die nüchterne und doch ambitionierte Argumentation. Herbert will nicht weniger, als der zutiefst zerklüfteten deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, deren erste Hälfte bis 1945 sich kaum krasser von der zweiten Hälfte nach 1945 unterscheiden könnte, einen Zusammenhang geben. Diesen verdichtet er im Begriff der „Industriemoderne“ bzw. „Hochmoderne“.

Das Buch folgt zwei Argumentationsbögen. Der erste bezieht sich auf die Durchsetzung der Industriegesellschaft und deren fundamentale Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Kultur – was keineswegs eine singuläre deutsche Geschichte ist, aber in Deutschland spezifische radikale Absagen an das liberalkapitalistische Ordnungsmodell hervorgebracht hat, die mit den Kategorien Rasse und Klasse gekennzeichnet sind. Nationalsozialismus und Kommunismus waren keine antimodernen Gesellschaftsformationen, betont Herbert, sondern „andere Entwürfe zur Ordnung der modernen Welt“ (S. 18).

Ihren Höhepunkt, so der zweite Argumentationsbogen, fand die klassische Industriegesellschaft in Deutschland erst in den 1960er-Jahren, nun formatiert durch ein Modell, das – im Westen – Kapitalismus und Sozialstaat, Liberalismus und Sozialpartnerschaft verband sowie den Nationalstaat zunehmend in die europäische Institutionenordnung integrierte. Es geht in Herberts Buch also um unterschiedliche Antworten auf dasselbe Problem, das die Industrialisierung als fundamentale, irreversible Umwälzung der Gesellschaft aufwarf: katastrophische Antworten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, marktwirtschaftlich-sozialstaatliche in der zweiten. Die These dieses Buches findet sich daher nicht im Titel oder in einem Satz, sondern steckt vielmehr in seiner Struktur.

In fünf Teile ist das Buch gegliedert, die sich für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts an den bekannten Markierungen orientieren: vom Beginn des Deutschen Kaiserreichs bis zu seinem Ende 1918; die Weimarer Republik 1919 bis 1933; die Zeit des Nationalsozialismus; von 1945 bis zur Strukturkrise 1973; von dort bis zum Jahr 2000 – also fast bis zur Gegenwart.

Was die Zeit bis zur Jahrhundertmitte betrifft, folgt Herberts Argumentation den einschlägigen Narrativen: rasantes Wirtschaftswachstum, industrielle Modernisierung, Urbanisierung und enorme gesellschaftliche Umbrüche kennzeichneten das Deutschland um 1900, das zugleich sozial zerklüftet, politisch gespalten, kulturell zerstritten war und statt einer Antwort auf die Moderne einen Spitzenplatz in der Weltpolitik suchte. In der gegenwärtigen Debatte um den Kriegsbeginn im Sommer 1914 gehört Herbert nicht zu den Historikern, die die deutsche Schuld mindern wollen. Die Reichsleitung habe die Krise für sich nutzen wollen, um vor allem die Macht Russlands zu schwächen, und habe den Krieg bewusst in Kauf genommen. Aber Herbert zeigt zugleich das europäische Geflecht von Interessen, militärischen Illusionen von kalkulierbaren, kurzen Kriegen, einem fehlenden System des internationalen Krisenmanagements und die Abhängigkeit außenpolitischen Handelns sämtlicher europäischer Regierungen von innenpolitischen Faktoren.

Der Erste Weltkrieg hat Europa fundamental verändert, die alten imperialen Ordnungen zerstört, die politische Landkarte neu gezeichnet und die europäischen Gesellschaften in tiefe Krisen geführt. Herberts Geschichte der Weimarer Republik ist eine politische, die auf der einen Seite deren Entstehung aus Revolution, Bürgerkrieg, Reparationsbelastungen, Inflation und prekärer Stabilisierung schildert, auf der anderen Seite das Ende aus Legitimitätsverlust des Parlamentarismus, Aufstieg der radikalen Linken und Rechten, den Übergang in die Diktatur unter Papen und Schleicher bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933. Dazwischen ist ein Kapitel platziert, das Deutschland um 1926 skizziert und gewissermaßen kursorisch alle anderen Zugänge zur Weimarer Zeit umreißt: Klassen, Geschlechter, Generationen, Kultur. Von hier aus hätte ein anderer Blick auf die erste demokratische deutsche Republik entstehen können, wie er zum Beispiel in den von Wolfgang Hardtwig herausgegebenen Bänden aufscheint.[3] Aber Kulturgeschichte ist Herberts Sache nicht, und es spricht wiederum für ihn, dass er bei seiner Stärke bleibt: der politischen Geschichte.

Diese Kompetenz entfaltet sich vor allem im Teil zum Nationalsozialismus. Herbert als einer der besten Kenner des NS-Regimes schreibt hier auf knapp 250 Seiten eine exzellente Geschichte des Nationalsozialismus, die die Gewalt in den Mittelpunkt stellt. Bei Herbert ist das NS-Regime keine „deutsche Diktatur“ mehr, sondern eine europäische Besatzungsherrschaft, die um des Ziels einer rassistischen Hegemonie willen den Kontinent zerstört. Das Kapitel „Deutschland um 1942: Völkermord und Volksgemeinschaft“ ist eine ebenso beklemmende wie konzise Analyse der Radikalisierung zum systematischen Genozid an den europäischen Juden; zugleich schildert es die Auswirkungen des Massenmords und des Krieges auf die deutsche Gesellschaft. Bezeichnenderweise stellt Herbert nur dieses eine Mal ein einzelnes Schicksal an den Beginn eines Kapitels (die Biographie von Helene Holzman, deren Familie ermordet wurde und die zusammen mit ihrer jüngeren Tochter den Holocaust überlebte) – als wolle er hier besonders hervorheben, dass nicht Strukturen mordeten und nicht Zahlen die Opfer waren, sondern vielmehr konkrete Menschen.

„So total wie der Krieg war die Niederlage.“ (S. 549) Herbert gebraucht den Begriff der Stunde Null nicht ironisch. Für ihn hat es in der deutschen Geschichte der Neuzeit keinen „nachhaltigeren, tiefer greifenden Einschnitt gegeben“ (S. 550). Von diesem Nullpunkt aus entwickelt Herbert die zweite Hälfte der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, die – das unterscheidet ihn von anderen Darstellungen – nicht per se eine Erfolgsgeschichte ist. Das lange erste Nachkriegskapitel, das allein fast 350 Seiten umfasst, endet im Jahr 1973, als das „Modell Deutschland“ mit der Auflösung des globalen Währungssystems von Bretton Woods und der ersten Ölkrise selbst an sein Ende kam. Der Wachstumsoptimismus, der die Planungsvisionen einer als dauerhaft vorgestellten Wohlfahrtsgesellschaft in Ost- wie Westdeutschland antrieb, erlitt einen nachhaltigen Dämpfer und erfuhr in den folgenden Jahrzehnten nie wieder die ungebrochene Zuversicht der 1950er- und 1960er-Jahre.

Die DDR ist für Herbert keine bloße Fußnote der Geschichte; er zeichnet ein Bild der beiden deutschen Staaten mit einem deutlichen Schwerpunkt auf der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Ost- wie Westdeutschland erlebten in den 1960er-Jahren den Höhepunkt als Industriegesellschaft – und zugleich war darin deren Transformation verborgen. Beide Staaten waren eingebunden in trans- und supranationale ökonomische Systeme, in beiden verließ die Arbeiterschaft das Milieu der Proletarität. Sozialpolitik zielte auf Gesellschaftsplanung, eng verbunden mit der Entwicklung von Ausbildung und Wissenschaft. Die Massenkonsumgesellschaft schließlich schuf eine neue Massenkultur, die sich nicht nur in der Popmusik ausdrückte, sondern auch im Design, in der Mode, in der Mobilität (Autos, Reisen), im Medienkonsum (Fernsehen), kurz: in der Entfaltung eines eigenen und doch massenhaften Lebensstils. Dies gilt besonders für den Westen, in vieler Hinsicht aber auch für den Osten.

Der generationelle Bruch in den 1960er-Jahren, die Jugendrevolte gegen die kulturellen Verkrustungen, die einher ging mit der Annäherung der Blöcke, dem allmählichen Ende des Kalten Krieges, der in vielen nicht-europäischen Teilen der Welt ein heißer war, machte zugleich deutlich, dass die deutsche in einer europäischen Geschichte aufzugehen begann. Alle gesellschaftlichen Phänomene, die Herbert beschreibt, finden sich auch im übrigen Europa und in Nordamerika. Es mag sein, dass die besondere Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus das deutsche Selbstverständnis von demjenigen anderer Länder unterschied. Aber der Fall des Kommunismus und die Aufarbeitung seiner Massenverbrechen hat mittlerweile auch in Osteuropa die Frage nach Tätern, Mitläufern und Opfern aufgeworfen. Vielleicht müssen Historiker nun endgültig die Geschichte eines Nationalstaates verlassen, selbst wenn Sprache, Rechtssystem und Haushaltspolitik diesen keineswegs zum Verschwinden bringen, und schreiben wie Andreas Wirsching und Tony Judt konsequent eine Geschichte Europas der Nachkriegszeit.[4]

Herbert geht in anderer Weise einen Schritt weiter. Ausgehend von der Überlegung, dass die 1970er-Jahre einen Strukturbruch in den westeuropäischen Gesellschaften darstellen[5], führt er seine Geschichte Deutschlands fort bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Damit relativiert er bewusst die weltpolitische Zäsur 1989/90 zugunsten der ökonomischen Globalisierung, die seit den 1970er-Jahren die Welt nachhaltig verändert, und verweist neben der unbestreitbaren Erfolgsbilanz Deutschlands auf die nicht vorhersehbaren sozialen und politischen Auswirkungen des ungezügelten Finanzkapitalismus. Möglicherweise, so Herberts Schlussbilanz, seien die aus der glücklichen Entwicklung nach 1945 erwachsenen Gefahren nicht geringer als die überwundenen aus der Zeit vor 1945.

Ulrich Herberts umfangreiches Werk ist keine „Gesamtdarstellung“, sondern der eingehende Versuch, den Zusammenhang des 20. Jahrhunderts im Begriff der „Industriemoderne“ zu fassen. Deshalb liegt der Schwerpunkt des Buches auf der Politik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Ohne Zweifel ließen sich nicht minder erhellende Blicke auf dieses Jahrhundert werfen, wenn es unter dem Aspekt der Geschlechterverhältnisse, der Individualisierung oder der Migration betrachtet würde. Das Thema Gewalt, das im ersten Teil des Bandes eine zentrale Rolle spielt, erscheint in der zweiten Hälfte nur noch als ferne Drohung des Kalten Krieges, obwohl Europa keineswegs friedlich war. Man denke nur an die faschistischen Regime in Spanien und Portugal, die Obristendiktatur in Griechenland oder die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien, von der Repression in den kommunistischen Ländern ganz zu schweigen. All dies hatte, direkt oder indirekt, auch Rückwirkungen auf Deutschland.

Aber die Konzentration und Intensität, mit der Herbert das ungeheure Material bündelt, um den von ihm betonten Zusammenhang des Jahrhunderts kenntlich zu machen, ist beeindruckend. Er habe ein „Erklärbuch“ schreiben wollen, kein „Erzählbuch“, hat Herbert in einer Diskussion gesagt – und doch ist es auch ein persönliches Buch, denn der Historiker Herbert, Jahrgang 1951, ist zugleich Zeitzeuge. In der Einleitung verrät er, dass er das Buch eigentlich „Die Jahre, die ihr kennt“ hatte nennen wollen, nach Peter Rühmkorfs autobiographischen Erinnerungen von 1972. Über diese Dimension von Beteiligung und Distanz, Reflexion und Selbstreflexion, um selbst miterlebte Geschichte zu analysieren, würde man gern mehr erfahren.

Anmerkungen:
[1] Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin 1986, überarb. Neuaufl. Bonn 1999; ders., Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903–1989, Bonn 1996.
[2] Ulrich Herbert, „Generation der Sachlichkeit“. Die völkische Studentenbewegung der frühen zwanziger Jahre in Deutschland, in: Frank Bajohr / Werner Johe / Uwe Lohalm (Hrsg.), Zivilisation und Barbarei. Die widersprüchlichen Potentiale der Moderne. Detlev Peukert zum Gedenken, Hamburg 1991, S. 115–144.
[3] Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Utopie und politische Herrschaft im Europa der Zwischenkriegszeit, Berlin 2003; ders. (Hrsg.), Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918–1939, Göttingen 2005; ders. (Hrsg.), Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900–1933, München 2007.
[4] Tony Judt, Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München 2006; Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012. Weitere monographische Zeitgeschichten Europas sind im Entstehen.
[5] Vgl. v.a. Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008, 3., ergänzte Aufl. 2012; siehe jetzt auch den Periodisierungsentwurf: Anselm Doering-Manteuffel, Die deutsche Geschichte in den Zeitbögen des 20. Jahrhunderts, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 62 (2014), S. 321–348.

Zitation
Michael Wildt: Rezension zu: : Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. München  2014 , in: H-Soz-Kult, 22.09.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22096>.