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Titel
Johannes Popitz (1884–1945). Görings Finanzminister und Verschwörer gegen Hitler. Eine Biographie


Autor(en)
Nagel, Anne C.
Erschienen
Umfang
251 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhard Mehring, Institut für Gesellschaftswissenschaften, Pädagogische Hochschule Heidelberg

Vor wenigen Jahren publizierte Anne Nagel eine instruktive, anschauliche und übersichtliche Institutionengeschichte über „Hitlers Bildungsreformer“, die den preußischen Wissenschaftsminister Bernhard Rust ins Zentrum rückt, interne Konkurrenzen betont und die nationalsozialistische „Verreichlichung“ als „ersten Zentralisierungsversuch der deutschen Bildungsgeschichte“[1] herausstellt.

Nun legt sie eine erste knappe Biographie des preußischen Finanzpolitikers, Staatssekretärs und Finanzministers Johannes Popitz vor. Die relativ spärliche Popitz-Literatur ist zumeist älteren Datums und häufig auf das Verhältnis zum befreundeten Staatsrechtler Carl Schmitt fokussiert. „Dabei war er der einzige aktive Minister im ‚Dritten Reich’“ (S. 15), bemerkt Nagel treffend, der in den Widerstand ging und hingerichtet wurde. „Görings Finanzminister und Verschwörer gegen Hitler“, lautet der Untertitel. Man kann ihn am Ende überraschend ironisch lesen, kommt Popitz mit seinem Handeln doch nicht gänzlich unzweideutig als exponierter Widerständler heraus. Gesinnungen sind hinter den Taten verborgen, und von Taten her wird geurteilt. Strategisches Handeln ist deshalb immer zweideutig. Betrachtet man nur die Taten, abgesehen von den subjektiven Motiven, so scheint Popitz gegen Hitler für Göring und Himmler optiert zu haben. Teile des „deutschen Widerstandes“ gehörten eben zur nationalsozialistischen „Polykratie“. Wer sich aber der Polykratie strategisch bediente, ist ihr faktisch zurechenbar.

Auf der Grundlage des Nachlasses im Bundesarchiv Koblenz, zahlreicher Ministerialquellen sowie weiterer Archive zeichnet Nagel das Portrait eines preußisch-staatstreuen und autokratischen, ehrgeizigen Spitzenjuristen, der nach glänzendem Abitur und umtriebigem Studium ab 1913 schnell in Berlin aufsteigt, sich während des Kriegs als Regierungsassessor und Haushaltsexperte profiliert und sich ab 1921 als Ministerialdirektor, ab 1925 als Staatssekretär im Reichsfinanzministerium unter wechselnden Ministern mit überragendem Sachverstand und Scharfsinn unentbehrlich macht. Nagel formuliert knapp und bisweilen etwas salopp. Die Quellenlage ist nicht so üppig und eindeutig, dass das Charakterbild des Menschen zwischen Antikeverehrung, Goethekult und ausgedehnten Orientreisen, Familienleben und harscher Personalführung ganz plastisch würde. Als „Vernunftrepublikaner“ diente Popitz diversen Fachministern loyal auch im Konflikt mit der Reichsbank. Seinen Rücktritt 1929 zusammen mit Hilferding deutet Nagel als strategischen Coup, im kommenden Präsidialsystem als Minister und Reichskommissar das Projekt einer durchgreifenden finanzpolitischen „Reichsreform“ durchzusetzen. Sie sieht in Popitz nicht nur den Finanzstrategen Papens und des „Preußenschlages“, sondern vor 1933 schon, seit dem Oktober 1932, auch den strategischen Befürworter einer Einbeziehung Hitlers. Popitz habe die „autoritäre Wende“ (S. 107) angestrebt und begrüßt; nur in der „Judenfrage“ sei er „konträrer Auffassung“ gewesen. Als preußischer Finanzminister und „Stellvertreter des Ministerpräsidenten“ (S. 116) Göring trug er aber die nationalsozialistische Diskriminierungspolitik mit und war hier beispielsweise bei der Ausarbeitung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und an Arisierungsentscheidungen federführend beteiligt. Was wiegen dann ideologische Bedenken gegen den Antisemitismus? Popitz war „auf Wunsch Hitlers ständiger Teilnehmer an allen Kabinettsentscheidungen der Reichsregierungen“ (S. 121) und ist auf zahlreichen Abbildungen des gut ausgestatteten Buches neben Hitler oder Göring zu sehen.

Gerade, Ende Februar 2015, diskutiert die Öffentlichkeit über den Restitutionsanspruch eines Falles von NS-Raubkunst: das Schicksal des „Welfenschatzes“. Der Schatz war 1929 von Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg, den Erben des letzten Königs von Hannover, an ein Konsortium jüdischer Kunsthändler verkauft worden. Popitz machte den Rückkauf der Restsammlung zur „Chefsache“ (S. 139) und ihm gelang 1935 zusammen mit Bernhard Rust der propagandistisch gefeierte „Coup“ (S. 140). Nagel diskutiert den Fall nicht in allen Einzelheiten. Es wäre reizvoll, Popitz’ Rolle im Nationalsozialismus an diesem Beispiel detailliert zu diskutieren. Popitz erwirbt sich hier jedenfalls an einem fragwürdigen Fall erneut höchstes Vertrauen.

Für Popitz’ „Seitenwechsel“ (S. 145ff.) stellt Nagel dann aber die negative Entwicklung von Göring einerseits und den Umgang insbesondere mit Ulrich von Hassel andererseits heraus. Trotz seiner fortdauernden Organisation der preußischen Finanzen für Göring bemerkte Popitz durchaus: „Aus dem kühnen Revoluzzer der ersten Stunde war ein prunksüchtiger Morphinist geworden, der den preußischen Staat vielfach bestahl.“ (S. 136) Mit Ulrich von Hassel zusammen bildete Popitz seit dem Herbst 1938 einen illustren „Frühstückskreis“ (S. 149), der die wachsende Kriegsgefahr und den verschärften Antisemitismus kritisch betrachtete. Mit dem 9. November 1938 datiert Nagel den definitiven Bruch mit Hitler. Allerdings habe Popitz damals noch auf Göring gehofft und später, im August 1943, sogar eine Unterredung mit Himmler über Alternativen zu Hitler geführt. Nagel bemerkt dazu: „War es Naivität, Selbstüberschätzung oder mangelnde Phantasie, wenn der Preußische Finanzminister ungeschützt Gespräche über Staatsstreichpläne führte?“ (S. 180) Von der fortdauernden Kollaboration ausgehend lässt sich fragen: War es vielleicht sogar nationalsozialistische Überzeugung, jenseits von Hitler? Wie steht es um einen „Verschwörer gegen Hitler“, der 1938 und 1943 noch auf Göring und Himmler gegen Hitler setzte? Der den Antisemitismus und Krieg zwar ideologisch nicht begrüßte, organisatorisch aber voll eingebunden war und auch den Krieg 1940 noch „mit aller Kraft“ (S. 175) weiterführen wollte? Nach seinem Gespräch mit Himmler wurde Popitz intern als „Feind“ betrachtet und beobachtet. Doch erst nach dem Attentat auf Hitler, von dem Popitz „keine Kenntnis“ (S. 181) hatte, wurde er verhaftet. Vor Freislers Volksgerichtshof bekannte er sich dann mutig und offen zum Widerstand gegen Hitler. Von diesem Auftritt her ist seine Opposition gegen Hitler klar. Nagel schreibt dann aber: „Popitz erläuterte seine politischen Pläne zum Staatsaufbau, wonach Göring ‚nach einer Zurückdrängung des Führers … an die Spitze treten’ sollte, und das Militär für eine Übergangszeit als maßgeblicher Ordnungsfaktor vorgesehen“ war (S. 187). War das tatsächlich seine offene und ernst gemeinte politische Antwort? Der „Plan“ einer Machtübernahme Görings Ende 1944 als Alternative zu Hitler? Soll das das letzte Wort eines integren „Verschwörers“ gewesen sein? Oder agierte Popitz selbst hier noch erneut so strategisch und zweideutig, dass sein Bruch mit Hitler nicht als klare Absage an den Nationalsozialismus insgesamt erschien?

Popitz verabschiedete sich in letzten Aufzeichnungen von seinen „Freunden“ Goethe und Fontane und ging gefasst in den Tod. Am 2. Februar 1945 wurde er in Plötzensee gehängt. So unstrittig dieses Ende heute unseren Respekt verdient, so fragwürdig oder zweideutig bleibt doch die politische Biographie des „Verschwörers“. Nagel hätte vielleicht noch deutlicher diskutieren sollen, ob Popitz nur mit Hitler oder mit dem Nationalsozialismus insgesamt gebrochen hat. Nach der Lektüre wundern frühe negative Charakterisierungen – „Fouché des 20. Jahrhunderts“ (S. 76) – und die enge Freundschaft mit Carl Schmitt jedenfalls kaum mehr. Selten erschien ein „Verschwörer gegen Hitler“ so dubios. Als eine integre Figur des Widerstandes lässt er sich nach dieser Biographie kaum betrachten. Der Aspekt finanzpolitischer Motive und Wege in den Widerstand ist dabei heute besonders reizvoll und aktuell. Gerade Finanzpolitiker beweisen bisweilen Moral gegen „politischen“ Hazard. Man entdeckt aber auch keinen soliden finanzpolitischen Kern, der Popitz als Beispiel konstitutioneller Opposition eines verantwortlichen Finanzpolitikers für unsere Gegenwart empfehlen könnte. Auch hier gibt er mehr Fragen als Antworten auf. Erst betrieb er die „Verreichlichung“, dann suchte er die Reservation Preußen und sicherte so die Finanzressourcen des prasserischen und morphiumsüchtigen Göring, den Popitz als ekelhaften „Dieb“ betrachtete und den er doch vor dem Volksgerichtshof noch als Alternative zu Hitler nannte. Der Widerstand gegen Hitler war überaus heterogen und eine pauschale Verklärung der Akteure wäre unhistorisch, darüber ist sich die historische Forschung längst klar. Indem Nagel einen einflussreichen, aber strategisch verdeckt handelnden Akteur moralisch-politisch klar profiliert, verweist sie auf die Heterogenität des Widerstandes und die Notwendigkeit einer individualisierenden und differenzierten Betrachtung.

Anmerkung:
[1] Anne C. Nagel, Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934–1945, Frankfurt am Main 2012, S. 365.

Zitation
Reinhard Mehring: Rezension zu: : Johannes Popitz (1884–1945). Görings Finanzminister und Verschwörer gegen Hitler. Eine Biographie. Köln  2015 , in: H-Soz-Kult, 26.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23948>.
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Veröffentlicht am
26.03.2015
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