O. Hekster: Emperors and Ancestors

Cover
Titel
Emperors and Ancestors. Roman Rulers and the Constraints of Tradition


Autor(en)
Hekster, Olivier
Erschienen
Umfang
XXXII, 395 S.
Preis
£ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Wilker, Department of Classical Studies, University of Pennsylvania

Antike Dynastien und dynastische Strukturen sind seit einigen Jahren vermehrt in das Interesse der Forschung gerückt, wobei der Fokus meist auf anderen Mitgliedern der Dynastie neben dem aktuellen Herrscher liegt. Das anzuzeigende Buch von Olivier Hekster nähert sich dem Thema auf andere Weise und untersucht die Rolle von Abstammung und Verwandtschaft in der Legitimation in Prinzipat und Spätantike. Damit stellt er ein Thema in den Mittelpunkt, das an Bedeutung für die römischen Kaiser und ihre Legitimation kaum zu übertreffen ist, in der Forschung jedoch nicht immer die ihm gebührende Aufmerksamkeit gefunden hat.

Heksters Untersuchungszeitraum ist weit gespannt und reicht von Augustus bis in die Spätantike. Jedoch geht seine Analyse nicht chronologisch vor, sondern untersucht einem strukturellen Ansatz folgend sechs Aspekte dynastischer Herleitung und Legitimation. Aufgrund des weiten zeitlichen Rahmens und der schieren Fülle des heranzuziehenden Materials ist die Untersuchung nicht auf Vollständigkeit angelegt, sondern vielmehr geben Fallstudien Einblicke sowohl in Wendepunkte als auch besonders signifikante Einzelprobleme. Dieser Ansatz ist zweifellos gerechtfertigt, und die Auswahl der Fallstudien erlaubt es, die weiteren Entwicklungslinien zumindest in ihren Grundlagen nachzuvollziehen. Im Zentrum steht dabei die Repräsentation von Dynastie und dynastischer Legitimation insbesondere in der Münzpropaganda und weiteren bildlichen Darstellungen, aber auch Inschriften und literarische Quellen werden herangezogen. Die Stärke dieses Ansatzes kommt insbesondere dann zum Tragen, wenn Hekster die bildliche Repräsentation vor der Folie des historischen Hintergrundes entwickelt und die Darstellung in Propaganda und wohlmeinender Rezeption den politischen Schwierigkeiten, die sich aus der dynastischen Legitimation ergaben, gegenüberstellt.

Das erste Kapitel stellt den Ansatz der Untersuchung vor und bietet neben einleitenden Bemerkungen zur Bedeutung von Verwandtschaft und Dynastie in römischen Denkkonzepten grundsätzliche Überlegungen zur Repräsentation von Macht in der römischen Kaiserzeit und ihrer Legitimation. Im ersten Hauptteil der Untersuchung werden unter dem Titel „Family Ties“ in den Kapitel 2 bis 4 verschiedene Arten von Verwandtschaftsbeziehungen in der kaiserlichen Propaganda untersucht. Kapitel 2 beginnt konsequent mit der kaiserlichen Berufung auf den Vater, was angesichts der Tatsache, dass bis zum Tod Mark Aurels Titus der einzige Princeps war, der seinem biologischen Vater in der Herrschaft nachfolgte, bereits die Komplikationen des dynastischen Legitimationskonzeptes deutlich macht. Hekster beginnt hier mit einer Übersicht zur imperialen Reichsprägung von Augustus bis zum Ende des 3. Jahrhunderts, um anschließend in detaillierteren Fallstudien das Phänomen in seinen verschiedenen Ausprägungen vertiefend zu untersuchen. Dabei verdient insbesondere die Analyse von Trajans Repräsentation Beachtung. Hekster kann so überzeugend herausarbeiten, dass Trajan zunehmend seinen biologischen Vater auch in der offiziellen Propaganda herausstellte. Die zumindest in der Retrospektive absurd anmutende Konsequenz, dass der Princeps sich nun auf eine doppelte divinisierte Vaterschaft, den vergöttlichten Nerva und den wohl um 113 n.Chr. divinisierten Trajanus Pater, berufen konnte, macht die komplizierte Verbindung von dynastischer Legitimation und Adoptionsverfahren anschaulich deutlich.

Eine ähnliche Vorgehensweise mit einem einführenden numismatischen Überblick und folgenden Einzeluntersuchungen wird auch in den meisten der folgenden Kapitel angewandt und ist durchaus erhellend. So wird deutlich, dass die Münzprägung zwar eines der zentralen, wenn nicht gar das wichtigste Instrument imperialer Propaganda war, die Botschaft aber keineswegs stets mit der in anderen Medien kommunizierten übereinstimmte. Eine ähnliche Diskrepanz zeigt sich zuweilen zwischen zentraler und provinzialer Münzprägung. Domitian sah so in seiner Reichsprägung von ostentantiven Bezügen auf Vespasian ab, in provinzialen Münzen aber wurde der Vater weiterhin explizit hervorgehoben.

Freilich wird insbesondere im folgenden Kapitel, das der Darstellung der Mütter gewidmet ist, deutlich, dass zumindest in der allgemeinen Entwicklung der Schwerpunkt zunehmend vom Vater auf andere Familienmitglieder, wenn nicht gar die gesamte Dynastie verschoben wurde. Dabei ist kaum verwunderlich, dass die Ehrung von weiblichen Familienmitgliedern zuerst in den östlichen Provinzen Fuß fasste. In geradezu konsequenter Weiterentwicklung wurde dabei den lebenden Mitgliedern des Kaiserhauses zunehmend mehr Raum als den weiblichen Vorfahren zugesprochen. Hekster erklärt dies zum einen mit den Herausforderungen, denen sich die flavische Dynastie mit ihrer relativ unbedeutenden Herkunft, aber auch dem Fehlen einer dominanten Mutterperson stellen musste. Die Bedeutung weiblicher Dynastiemitglieder wird jedoch besonders unter den Adoptivkaisern deutlich, unter denen Frauen wie die ältere und jüngere Matidia als Bindeglied zwischen Trajan und Hadrian bzw. zu den Antoninen fungierten.

Kapitel 4 erweitert die Perspektive und behandelt die Darstellung dynastischer Tiefe, die zumindest für vergleichsweise nur kurz amtierende Herrscherfamilien wie die Flavier eine besondere Herausforderung darstellte. In der frühen und hohen Kaiserzeit kommt dabei (wenig überraschend) Augustus, in den epigraphischen Quellen aber auch Nerva besondere Bedeutung zu. Letzterer wird besonders häufig in Inschriften genannt (Hekster zählt mehr als 3000 lateinische Inschriften mit Nennung Nervas) und fungiert in der offiziellen Nomenklatur als Stammvater einer neuen Dynastie. Diese Prominenz fand allerdings in anderen Medien keinen Niederschlag. Hekster erklärt dies eher allgemein zum einen mit Trajans Schwerpunktverschiebung auf seinen leiblichen Vater, insbesondere jedoch mit der bereits genannten zunehmenden Fokussierung auf lebende Dynastiemitglieder. Ein wenig überraschend fügt Hekster in diesem Kapitel zudem einen Unterabschnitt zu der literarischen Präsentation der Kaiserfamilien und ihrer Abstammung ein, deren Interpretation in diesem Rahmen angesichts des nur unscharf zu bestimmenden Verhältnisses zwischen Text und imperialer Propaganda freilich schwierig erscheint.

Im Anschluss behandeln die Kapitel 5 bis 8 unter dem übergreifenden Titel „Claiming Kinship“ die Rolle fiktiver Verwandtschaften. Kapitel 5 analysiert dabei retrospektive Verwandtschaftskonstruktionen, wie sie insbesondere mit den Severern an Bedeutung gewannen. Mit Septimius Severus’ ostentativer Selbst-Integration in die domus Augusta und die Linie der imperialen Vorgänger wurde ein Modell geschaffen, das einerseits in seiner Plakativität und Verbreitung neue Qualität erreichte, andererseits aber auch als geradezu konsequente Weiterentwicklung des dynastischen Gedankens gelten kann. Hekster zeigt dabei überzeugend, wie sehr Septimius Severus auf bereits etablierte Muster zurückgriff, seine Selbstdarstellung als Nachfahre der Antoninen aber eine in anderen Perioden und Bereichen unbekannte Einheit über die verschiedenen Mediengruppen hinweg aufweist.

Darauf aufbauend behandelt Kapitel 6 schließlich die Berufung auf göttliche bzw. heroische Vorfahren. Nach der zunächst konstitutiven Berufung des Julius Caesar und Augustus auf Venus und Aeneas wurden die fernen göttlichen Vorfahren von den zeitlich näherstehenden, vergöttlichten Vorgängern verdrängt. Für dennoch vorhandene Anlehnungen an göttliche Vorfahren oder gar direkte Verwandtschaftsbeziehungen muss Hekster erneut insbesondere auf literarische Zeugnisse zurückgreifen, die freilich insbesondere für die in der Rezeption schlecht bewerteten Kaiser wie Domitian nur schwierig zu beurteilen und einzuordnen sind.

Das letzte Kapitel macht schließlich gerade anhand des Sonderfalls der Tetrarchie die Wichtigkeit dynastischer Legitimationslinien und -strategien deutlich. Zumindest zeitweise verdrängte die Herausstellung der Einheit der Tetrarchen dabei nicht nur die dynastische Propaganda, Diocletian entwickelte vielmehr, wie Heksters Untersuchung zeigt, ein intendiert un-dynastisches Programm, das zentral ein- und umgesetzt wurde. Freilich unterminierte etwa die Ernennung Constantins durch die Truppen nach dem Tod seines Vaters das nicht-dynastische Modell der Tetrarchie, doch in der imperialen Repräsentation mussten sich auch Constantin und Maxentius zunächst den neuen, tetrarchischen Regeln anpassen und anfangs auf eine ostentativ dynastische Propaganda verzichten.

Trotz des weitgefassten Untersuchungsrahmens und des uneinheitlichen Materials ist es Hekster gelungen, eine beeindruckende Studie zu den Traditionen, der Vielseitigkeit und Entwicklungen dynastischer Legitimation in der kaiserlichen Repräsentation vorzulegen. Dabei lassen sich die groben Linien der Entwicklung gut nachvollziehen, doch wird ebenso gezeigt, dass viele der Entwicklungen in Reaktion auf spezifische Situationen und Herausforderungen entstanden. Ebenso erhellend ist die eingehende Gegenüberstellung von zentraler Propaganda und Repräsentation des Kaisers und seiner Familie in den Provinzen, wo auf ganz andere Vorbilder und Traditionen zurückgegriffen werden konnte und musste. Dabei zeigt sich zum einen, dass die Vereinheitlichungstendenzen bei weitem nicht so stark waren wie zuweilen angenommen, so dass einige zentral initiierte Aspekte wie etwa die überraschende Divinisierung des älteren Trajan in den Provinzen nicht aufgenommen wurden. Zum anderen wurden, etwa in Bezug auf die weiblichen Mitglieder der kaiserlichen Familie, insbesondere in den östlichen Provinzen Präsentationsformen entwickelt, die schließlich auch von der Zentrale verstärkt aufgegriffen wurden. Das anzuzeigende Buch gibt damit bedeutende Einblicke in die dynastische Legitimation und die Entwicklungen kaiserlicher Repräsentation und stellt für alle, die sich mit der römischen Kaiserzeit und Fragen dynastischer Strukturen beschäftigen, eine lohnende Lektüre dar.

Zitation
Julia Wilker: Rezension zu: : Emperors and Ancestors. Roman Rulers and the Constraints of Tradition. Oxford  2015 , in: H-Soz-Kult, 16.11.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24454>.
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16.11.2015
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