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Titel
Moral Leaders. Medien, Gender und Glaube in den USA der 1970er und 1980er Jahre


Autor(en)
Krämer, Felix
Umfang
416 S.
Preis
€ 34,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Lüthe, John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien, Freie Universität Berlin

Robert Tilton war wohl nie wirklich von der Bildfläche verschwunden. Mitte August dieses Jahres jedoch tauchte er, ohne dies geahnt haben zu dürfen, auf einmal wieder im Herzen der amerikanischen Nachrichtenmedien auf und zwar als Folge einer circa zwanzigminütigen, satirischen Auseinandersetzung mit einer spezifischen Form des „Televangelism“ in der gegenwärtig sehr erfolgreichen so genannten „Fake-News“-Sendung „Last Week Tonight with John Oliver“. „Last Week Tonight“ wird zwar eigentlich im Bezahlfernsehsender HBO ausgestrahlt, schafft es aber mit den Kernsegmenten via Youtube regelmäßig darüber hinaus ein breites Publikum zu erreichen und teilweise – wie in diesem Fall – seinerseits ein Echo in Form von Nachrichtenberichterstattung zu generieren. Tilton selbst und die finanziellen Gepflogenheiten im Kontext des „prosperity gospels“ wurden in der Sendung satirisch unter die Lupe genommen und persifliert. Interessanterweise jedoch markierte John Oliver bereits in der Anmoderation des Themas das Phänomen des „Televangelism“ als Teil der Medienkultur der 1980er-Jahre [1], als ein Segment einer dezidiert vergangenen Medienkultur, dessen größtes Sinnstiftungspotential und dessen breiteste kulturelle Sichtbarkeit und Wirkungsmacht Jahrzehnte zurückliegt und nun allenfalls als Teil der Erinnerungskultur an die 1980er-Jahre kulturell wirksam wieder aufgerufen werden kann.

Eben dieser Phase in der U.S.-amerikanischen Medienkulturgeschichte und der Nachrichtenmedienkultur in den 1970er- und 1980er-Jahren widmet sich Felix Krämers Monographie mit dem Titel „Moral Leaders: Medien, Gender und Glaube in den USA der 1970er und 1980er Jahre“, die aus seiner an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eingereichten Dissertation hervorgeht. Mit klarer analytischer Schärfe, immenser theoretischer Reflektion und beeindruckender Akribie im Umgang mit Gegenstand und Quellenmaterial analysiert Krämer den komplexen Nexus aus Gender, Glaube und Leadership als „medial-politische[s] Machtarrangement“, das im Verlauf der 1970er- und 1980er-Jahre maßgeblich zur Ausformung eines „Dispositiv der Männlichkeit“ beitrug, das „bei vielen Verhandlungen von gesellschaftlicher Führung auf den Plan rückte“ (S. 9) und politisch wie kulturell zur unumstößlichen, normativ gesetzten Verkörperung von ‚Moral Leadership’ wurde. Das zentrale Argument entfaltet Krämer entlang der Einsicht, dass die diskursive „Führungsfigur“ (S. 12) des „moral leader zum stetigen Begleiter und schließlich zum Dreh- und Angelpunkt des Politischen in den 1980er Jahren“ wurde und zwar als ein Element eines „komplexe[n] mediale[n] System[s]“ (S. 13). Entsprechend befasst sich „Moral Leaders“ im Kern mit dem Quellenmaterial der Abendnachrichten im amerikanischen Fernsehen und setzt diese in Szene, um einerseits das spezifische Dispositiv der Männlichkeit des moral leaders aufzuspüren und sichtbar werden zu lassen, andererseits aber auch um damit die mediale und diskursive Mobilität und Wandelbarkeit von Themen, Tropen und Figuren zwischen der vermeintlich separat institutionalisierten evangelikalen Medienöffentlichkeit und der in und von den Fernsehnachrichten repräsentierten Öffentlichkeit(en) des Mainstream zu vergegenwärtigen.

Der umsichtigen und detaillierten Einleitung folgen sechs große Kapitel, die zunächst – in meinen Worten – stärker genealogisch-chronologisch organisiert sind (Kapitel 1–3) und schließlich deutlicher synchron-thematisch (Kapitel 4–6), wobei auch letztere immer in sich chronologisch anhand der Berichterstattung analysiert werden. Der genealogische Teil vollzieht auf äußerst plausible Art und Weise das Werden des moral leaders nach, das gewissermaßen mit und in Ronald Reagan kulminiert, um den sich dann als politische und kulturelle Figur in Folge des Attentats in den Nachrichten „Diskurse um Krise, Männlichkeit, Führung und Moral“ (S. 191) bündelten und die Figur Reagan „gravierend […] mit Bedeutung“ (ebd.) aufluden. Die Arbeit markiert dementsprechend diesen Moment als kurzes kulturelles Innehalten und skizziert in den folgenden Kapiteln (4–6) die Entwicklung der Diskurstrope moral leadership, die „sich von diesem Moment mit der Reagan-Figur auf eine neue Reise durch die 1980er Jahre“ (S. 194) begab. Kapitel 4 fokussiert das religiöse Wissen, Nachrichten von Gottesdiensten und die Räume der (medialen) und performativen Entfaltung evangelikalen Wissens in den Vereinigten Staaten. Das fünfte Kapitel richtet den Blick auf die sich in Wechselwirkung verändernden normativen Vorstellungen der Figur des Predigers, seiner Männlichkeit und der doppelten Art und Weise, in der diese Figur „medial“ ab Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre wirksam wurde: einerseits als in den Nachrichtensendungen von NBC, ABC und CBS wiederkehrende Figur, der somit sowohl in der Quantität als auch der Qualität, mit der sie aufgerufen wurde, diskursiv eine gewisse und gewiss steigende politische Bedeutung zugeschrieben wurde; andererseits beleuchtet Krämer aber gleichzeitig die Prozesse und Performanzen, mithilfe derer sich die Prediger fortan selber zum Medium zu stilisieren begannen und „sich selbst als Nachrichtensprecher inszenierten“ (S. 319). Im Prinzip vollzieht sich laut Krämer im Zuge der werdenden Hegemonie des moral leadership-Dispositivs sukzessive eine Verwischung von vorher distinkten Figuren des öffentlichen Lebens und der Nachrichtenmedien, nämlich der des weißen, männlichen (evangelikalen) Predigers, der des weißen, männlichen Nachrichtensprechers und – wie besonders Ronald Reagan und Pat Robertson verkörpern – der des weißen, männlichen Politikers. Dies erlaubt es Krämer plausibel und überzeugend den scheinbar paradoxen Effekt zu erklären, wie im „Namen des Kampfes um eine von Religion befreite politische Sphäre […] der Mainstream-Journalismus dem Prediger die Tore der Politik weithin sichtbar geöffnet“ (ebd.) hatte und somit im klassischen Foucaultschen Sinne durch vermeintliches Repressionsbestreben erst Intensitäten im Dispositiv hervorbrachte beziehungsweise diese multiplizierte.

Im letzten inhaltlichen Kapitel perspektiviert Krämer die 1980er-Jahre über die Körpergeschichte neu, was ihm ermöglicht, die Meistererzählung von der abnehmenden politischen Macht und sinkenden Bedeutung der evangelikalen Konservativen – oder religiösen Rechten – ab spätestens Mitte der 1980er-Jahre und als Resultat diverser Sexskandale zu problematisieren. Krämer führt dagegen auf, wie sehr gerade die so genannte AIDS-Krise aber auch die Besprechung der andauernden Bürgerrechtsbewegungen afrikanisch-amerikanischer Bürger und der feministischen Bewegung(en) entlang nun etablierter Muster von bedrohlichen ‚anderen’ Körpern in den Nachrichtenmedien kulturell lesbar und wirksam gemacht werden konnten. Für Krämer ist es eben diese andauernde Wirksamkeit von moral leadership als ständig ablaufende Diskursklammer in den Nachrichtenmedien, die der These vom vermeintlichen Niedergang der evangelikalen Konservativen im kulturellen Mainstream widerspricht, da das Prinzip von moral leadership längst in den Mainstream diffundiert ist und aus diesem – im eigentlichen Sinne – nicht mehr wegzudenken ist.

Krämers Buch überzeugt auf ganzer Linie, ist äußerst vielschichtig und ambitioniert, ohne dadurch an Schärfe und Tiefgang einzubüßen. Natürlich folgt Krämer mit seinem Zuschnitt – wenngleich auf exzellent vollzogene Weise – ziemlich rigide einem Foucaultschen Dispositiv-analytischen Zugriff auf den Gegenstand, dem zwar andere theoretische Zugriffe zugespielt werden, beziehungsweise der weitere theoretische Felder eröffnet, jedoch bleibt die Idee des Dispositivs immer die zielführend vorgetragene. Hier hätte man alternativ stärker vom Medium oder vom Kommunikationssystem Nachrichtenmedium ausgehend denken können, das mit einer besonderen Bildhaftigkeit und Bildsprache operiert; es handelt sich ja schließlich um Fernsehnachrichten, mit einer spezifischen visuellen, auditiven und narrativen Beschaffenheit. Diese Qualität der Nachrichten kommt zwar nicht eigentlich zu kurz, wird aber der Logik des Dispositivs untergeordnet und somit auch der speziellen Sprache, die eine Diskurs- und Dispositivanalyse oft mit sich bringt. Krämers Publikation kommt entsprechend ohne gedrucktes Bild aus. Dies stellt aber nicht wirklich eine Schwäche dar, da dies notwendigerweise zu beeindruckend detaillierten und dichten Beschreibungen von laufenden Bildern in diesem medial komplexen Gebilde der Fernsehnachrichten führt und daher die Herausforderung in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen komplexen kulturellen und medialen Artefakten exemplifiziert. Krämer weiß dies jedoch eindrucksvoll zu meistern. „Moral Leaders“ gelingt somit auf ganzer Linie ein wichtiger und vielschichtiger Beitrag zu den kulturhistorischen Debatten um die 1970er- und 1980er-Jahre, zur evangelikalen Bewegung im Fernsehen und zu Fragen der Techniken des Regierens im Zeitalter des Broadcasting anhand der überzeugenden Analyse der Fernsehnachrichten in den Vereinigten Staaten. Dass die thematische Auseinandersetzung mit den Televangelikalen nun von einer „Fake-News“-Show und via Clicks bei Youtube wieder im Mainstream aufgerufen wurde, könnte man verkürzt als sinnbildlich beschreiben; was dies aber für das Dispositiv von moral leadership bedeutet, sollten wir ernsthaft reflektieren.

Anmerkung:
[1] Last Week Tonight with John Oliver: Televangelists (HBO), 16.08.2015, <https://www.youtube.com/watch?v=7y1xJAVZxXg> – LWT 0:31 (27.08.2015).

Zitation
Martin Lüthe: Rezension zu: : Moral Leaders. Medien, Gender und Glaube in den USA der 1970er und 1980er Jahre. Bielefeld  2015 , in: H-Soz-Kult, 01.10.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24523>.
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Veröffentlicht am
01.10.2015
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