E. Dickmann: Die italienische Frauenbewegung

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Titel
Die italienische Frauenbewegung im 19. Jahrhundert. Geschichte der italienischen Frauenbewegung 1. Band


Autor(en)
Dickmann, Elisabeth
Erschienen
Umfang
563 S., 20 Abb.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Knoll, Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften, Universität Bremen

Der beeindruckende Band enthält Ergebnisse einer langjährigen engagierten Forschungsarbeit. In 10 Kapiteln, die durchaus jeweils für sich gelesen werden können, entrollt Elisabeth Dickmann das Bild einer großen und bedeutsamen sozialen Bewegung im 19. Jahrhundert, deren Einflüsse und Wirkungen über Italien hinaus in den europäischen Raum Dickmann beeindruckend nachweist. Hier finden sich die inzwischen von der historischen Frauenforschung, an deren schwieriger Verankerung in der Universität Bremen Dickmann seit fast 30 Jahren mitwirkte, entwickelten zentralen Fragestellungen: Behandlung der Bildungsfrage, die soziale Frage, Kommunikations- und Vereinsstrukturen, politische Partizipation, internationale Vernetzung, um nur die wichtigsten zu nennen. Mit dem hier erreichten Forschungsergebnis eröffnet Dickmann Möglichkeiten eines internationalen Vergleichs der Frauenbewegungen.

Es war Dickmanns erklärte Absicht, hierzulande ein Interesse für die Emanzipation der Italienerinnen zu wecken, denn nach ihrer Meinung herrscht in Deutschland eine „beklagenswerte Unkenntnis über die bemerkenswerten Leistungen der ersten italienischen Frauenbewegung“ (S. 14). In Italien selbst erfuhr diese Geschichte kaum die ihr zustehende politische Würdigung. So schrieb Sibilla Aleramo (1876-1960) für die deutsche Zeitschrift ‚Frauenzukunft’ 1910: „Eine eigentliche Frauenbewegung gibt es in Italien erst seit ungefähr 10 Jahren“ (S. 15). Solche Fehlinformation bezeichnet Dickmann als ziemliches ‚Ärgernis’ (S. 14), denn die Aleramo war eine schon in ihrer Zeit keineswegs unbekannte Schriftstellerin, die sich selbst als feministisch bezeichnete, ihr Urteil dürfte gezählt haben. Die italienische Frauenbewegung war um 1910 gerade in einem (neuerlichen) Aufschwung begriffen. Um so unverständlicher wirkt es, dass man sich der historischen Wurzeln nicht erinnerte oder diese für irrelevant hielt. Vermutlich hat das politische Gründe, denn die Anfänge der italienischen Frauenbewegung sind aufs engste mit der Geschichte der Linken in Italien verbunden, was die neue Arbeit von Elisabeth Dickmann eindrucksvoll belegt.

Die Forschungen zur italienischen Frauenbewegung setzten in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit den umfangreichen Studien der Historikerin Franca Pieroni Bortolotti [1] ein und wurden von der damals ‚neuen Frauenbewegung’ gern aufgegriffen. Die Geschichtswissenschaft nahm wenig Notiz. Der frühe Tod der bemerkenswerten Wissenschaftlerin setzte dieser Forschung ein (vorläufiges) Ende. Es folgten noch etliche sozialgeschichtliche Untersuchungen zu Frauenarbeit und Frauenbildung in Italien, in den neunziger Jahren ein Überblick über die Entwicklung der bürgerlichen Rechte der Frau [2], aber eine Gesamtschau der italienischen Frauenbewegung in all ihren Facetten gab es bisher nicht. Dieser Befund gilt auch für die deutschen, französischen und englischen Verhältnisse, sieht man von dem kleinen von Ute Gerhard [3] vorgelegten Kompendium einmal ab. Das ist eher ein nützliches Handbuch denn eine Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Kürzlich wurde aber eine Arbeit über die Frauenbewegung Ungarns [4] vorgelegt, die ähnliche Strukturen und Fragestellungen wie das Werk von Elisabeth Dickmann aufweist. Für die Schweiz liegt schon seit längerem eine ähnlich angelegte Publikation von Susanne Woodtli [5] vor. Das sind erste Grundlagen für vergleichende Untersuchungen über die Bedeutung der Frauenbewegung im Rahmen der sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts und für die gesellschaftliche Entwicklung in den einzelnen europäischen Ländern.

Ein sehr detailliertes Inhaltsverzeichnis ist dem Werk vorangestellt, mit dessen Hilfe man unter wichtigen Stichworten und Begriffen den Gang der Entwicklung im Überblick (Kapitel 1) und ausführlicher in den Themenkapiteln nachvollziehen kann. Dickmann charakterisiert zunächst ihren Forschungsgegenstand und stellt hier sowohl die einzelnen Epochen der Emanzipationsgeschichte der Italienerinnen als auch die entstehenden Organisationsformen und inhaltlichen Projekte kurz vor, die sie im Folgenden mit eigenen Kapiteln vertieft. Die das ganze Werk durchziehende Verschränkung von chronologischer, thematischer und biografischer Betrachtungsweise wird hier methodisch erläutert.

Kapitel 2 ist der Geschichte der ‚Vorläuferinnen’ gewidmet, also den Frauen, die in je unterschiedlicher Weise in das Risorgimento (die italienische Einigungsbewegung) und in die Revolution von 1848 involviert waren. Es waren offenbar nicht wenige und durchaus interessante, bekannte Namen darunter. Hier an den Wurzeln zeigt sich, wie früh schon der Gedanke an die nationale Befreiung und Einigung Italiens verknüpft war mit den Hoffnungen der Frauen auf die eigene Emanzipation in einer demokratisch verfassten neuen Gesellschaft.

Eine wirkliche politische Zuspitzung und gesellschaftstheoretische Fundierung erfuhr die Emanzipation der Italienerinnen aber erst nach der Einigung von 1861 durch die bahnbrechende Schrift der jungen Anna Maria Mozzoni (1837-1920) aus Mailand, die Dickmann im Verlauf ihrer Forschungen als die eigentliche Begründerin der italienischen Frauenbewegung entdeckte. Ihr Leben und Wirken werden in Kapitel 3 ‚Die feministische Perspektive’ abgehandelt, ihre rhetorisch brillanten Formulierungen durchziehen wie ein roter Faden Dickmanns Werk.

Kapitel 4 behandelt die Organisationsgeschichte der Frauenbewegung: ‚Von der Assoziation zum Nationalrat’, die anfänglich in eher lockeren Formen und erst später gegen Ende des Jahrhunderts in Vereinsstrukturen und Dachverbänden ihre Aktivitäten und Kräfte zusammenfasste. Kap. 5 stellt die Zeitschriften der Frauenbewegung unter dem Titel: ‚Kommunikation und Politik’ vor. Diesem ‚Netzwerk’ kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Dickmann verzeichnet hier zwischen 1859 und 1920 i.g. 171 Frauenzeitschriften, eine beachtliche Fülle, die sie alle quantitativ und in repräsentativer Auswahl qualitativ ausgewertet hat. Damit liegt für die Einordnung der italienischen Frauenbewegung in die gesamteuropäische Entwicklung eine solide Quellenbasis vor.

Im 6. Kapitel verdeutlicht Dickmann am Beispiel des bewegten und bewegenden Schicksals der russischen Emigrantin, Ärztin und späteren Sozialistenführerin Anna Kuliscioff (1854-1925), wie sich der Übergang des italienischen Feminismus vom demokratischen Aufbruch der Risorgimentozeit hin zur sozial engagierten, international ausgerichteten und am Schicksal der Arbeiterklasse vorrangig interessierten Frauenbewegung vollzog. Das kennzeichnet eine Hauptrichtung der italienischen Frauenbewegung, die sich so aber erst gegen Ende des Jahrhunderts etablieren konnte und immer zwischen den Zielen und Programmen des italienischen Sozialismus lavieren musste. Wie überall in Europa werden die unterschiedlichen Positionen von ‚bürgerlicher’ und ‚sozialistischer’ Frauenbewegung gegen Ende des Jahrhunderts auch in Italien deutlich sichtbar.

Kapitel 7-9 machen den Kern der Studie aus. Die Bildungsfrage, Kap. 7, war eines der frühesten und wichtigsten Anliegen der Frauenbewegungen aller Länder, folgerichtig wandten auch die Italienerinnen viel Energie, Phantasie und Geld auf, um Bildungsprojekte für Mädchen und Frauen zu schaffen, qualifizierte Frauenberufe zu entwickeln und dem Problem der Kinderarbeit zu begegnen. Dickmanns Hauptinteresse gilt aber den vielfältigen sozialpolitischen Aktivitäten von Organisationen und Einzelpersonen im 8. Kapitel (allein 150 S.), ‚Frauenbewegung und soziale Frage’ übertitelt. Hier untersucht Dickmann, wie real die Einflussmöglichkeiten der Frauen auf die neu zu etablierende Sozialpolitik in Italien im Kontext der entstehenden und expandierenden Industrialisierung waren, und wie ihr Engagement etwa im Vergleich zu den Verhältnissen in Deutschland zu bewerten ist. Ganz offenkundig waren die Italienerinnen den deutschen Frauen da um einiges voraus, und offenbar besaßen sie gute Beziehungen zu den politischen Entscheidungsträgern, wenngleich ihre Hoffnungen niemals schnell und zur Gänze erfüllt wurden. Für dieses Engagement erhielten die Italienerinnen noch bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinein auch internationale Anerkennung, deren Untersuchung und Darstellung Dickmann das 10. Kapitel: ‚Die internationalen Beziehungen der italienischen Frauenbewegung’ widmet. Wie in Kapitel 9 nachzulesen, scheinen die Italienerinnen in der Frage des politischen Frauenstimmrechts weniger ‚an der feministischen Front’ gekämpft zu haben als die Frauen in England und den USA, in gewisser Hinsicht auch in Deutschland. Jedenfalls weist Dickmann hier keine durchgängigen Aktivitäten von Vereinen und Personen nach.

In ihrem Fazit, Kap.11, kommt Dickmann zu dem Schluss, dass die italienische Frauenbewegung, die sich selbst als sozial verstand, durchaus Züge einer politischen Bewegung annahm und in mancher Hinsicht sogar Anzeichen einer Kulturrevolution offenbarte . Die Italienerinnen waren „letztendlich auf eine grundsätzliche Veränderung des gesellschaftlichen status quo ausgerichtet“ und zeigten „einen realitätsnahen Blick für das gesellschaftlich Notwendige und das politisch Machbare“ (S. 527).

Die Fülle des ausgebreiteten Materials in der sehr kenntnisreichen Darstellung und die vielen Hintergrundinformationen lassen aus der Perspektive der weiblichen Emanzipation ein lebendiges Bild der italienischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehen. Dickmann liefert eine umfassende Darstellung der Frauenbewegung sowohl im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung Italiens und der Geschichte der Demokratie in Europa. Das Buch geht damit weit über die bislang gängige isolierte Betrachtungsweise der ‚Pionierleistungen’ einzelner Frauen oder Frauenverbände hinaus.

Im umfangreichen Literaturverzeichnis verzeichnet Dickmann die benutzte Literatur und liefert bewusst, um den Umfang des Bandes nicht zu sprengen, keine Bibliografie zum Thema, sondern verweist auf deren künftiges Erscheinen. Das gleiche gilt für ausführlichere biografische Angaben zu den im Personenregister genannten Namen. Diese beiden notwendigen und wünschenswerten Ergänzungen dürften angesichts des von Dickmann durchgesehenen stupenden Materials und ihrer jahrzehntelangen soliden bibliothekarisch- bibliografischen Tätigkeit und Erfahrung das Werk zu einem unverzichtbaren Kompendium und Muster zur Erforschung der Geschichte von Frauenbewegungen machen. Angekündigt ist ferner eine Fortsetzung der Geschichte bis ins 20. Jahrhundert. Die geneigten LeserInnen dürfen auf die Vollendung von Dickmanns opus maximum gespannt sein und es ist zu hoffen, dass Dickmann uns freundlicherweise ein Verzeichnis ihrer bisherigen vielfältigen Forschungsarbeiten beifügt.

Anmerkungen:
[1] Pieroni Bortolotti, Franca, Alle origini del movimento femminile in Italia 1884-1892, Turin 1963; dies., Socialismo e questione femminile in Italia 1892-1922, Turin 1974; dies., La donna, la pace, l’Europa: l’Associazione internazionale delle donne dalle origini alla prima guerra mondiale, Mailand 1985.
[2] Sarogni, Emilia, La Donna italiana: il lungo cammino verso i diritti 1861-1994, Parma 1995.
[3] Gerhard, Ute, Unerhört: die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Reinbek 1990.
[4] Zimmermann, Susan, Die bessere Hälfte? Frauenbewegungen und Frauenbestrebungen im Ungarn der Habsburger Monarchie 1848 bis 1918, Budapest 1999.
[5] Woodtli, Susanne, Gleichberechtigung: der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz, Frauenfeld 1975.

Zitation
Gerhard Knoll: Rezension zu: : Die italienische Frauenbewegung im 19. Jahrhundert. Geschichte der italienischen Frauenbewegung 1. Band. Frankfurt am Main  2002 , in: H-Soz-Kult, 11.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2458>.
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11.06.2003
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