J. Bockman: Markets in the Name of Socialism

Cover
Titel
Markets in the Name of Socialism. The Left-Wing Origins of Neoliberalism


Autor(en)
Bockman, Johanna
Erschienen
Umfang
XIII, 332 S.
Preis
€ 54,07
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Rupprecht, Department of History, University of Exeter

Akademische Bücher aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien warten gerne mit richtig steilen Thesen auf. Das hat den Vorteil, dass sie Debatten anregen, und Johanna Bockman hat mit ihrer Proklamation der linken Ursprünge des Neoliberalismus zumindest unter englischsprachigen Historikern und Sozialwissenschaftlern für reichlich intellektuellen Zündstoff gesorgt. Das mit den großen Thesen hat aber auch oft den Nachteil, dass sie komplexen Fragestellungen nicht gerecht werden und sich in ihrer Reduziertheit schnell als unhaltbar erweisen. Eigentlich liefert Bockman, Soziologin an der Washingtoner George Mason University, einen faszinierenden Einblick auf den Beitrag zentral- und osteuropäischer Ökonomen zur Entwicklung neoklassischer Wirtschaftstheorie. Ihre Erkenntnisse basieren auf eindrucksvollen internationalen Archivrecherchen und Gesprächen mit Wirtschaftswissenschatlern, und sie erinnern daran, dass Neoklassik und Neoliberalismus keinesfalls deckungsgleich sind – eine Unterscheidung, die in der oft politisch-normativ aufgeladenen Debatte um Hayek, Friedman und die Chicago Boys oft unter den Tisch fällt.[1] Aber wie Bockman daraus einen ‚linken‘ Ursprung des Neoliberalismus konstruiert, unterläuft ihre eigene, wichtige, Differenzierung.

In sieben Kapiteln verfolgt das Buch die Entwicklung neoklassischer ökonomischer Theorie und ihre Urheber vom späten 19. Jahrhundert bis in die Transformationszeit 1989/91. In der Tat sahen sich einige, wenn auch bei weitem nicht die Mehrheit, der frühen Vertreter der Neoklassik wie Oskar Lange, Carl Landauer oder Léon Walras als Sozialisten. Kritisch gegenüber marxscher wie klassischer ökonomischer Theorie, die beide auf der Arbeitswerttheorie basierten, also von einem objektiven Marktwert von Gütern ausgingen, postulierte die bis heute vorherrschende Neoklassik einen subjektiven Faktor in der Wertschöpfung, den sogenannten Grenznutzen. Basierend auf der Annahme, dass es einen Gleichgewichtszustand in Märkten gibt, in dem Ressourcen optimal verteilt werden, entwickelten die frühen neoklassischen Ökonomen ihre mathematischen Modelle – und fanden heraus, dass diese ebenso anwendbar waren auf hypothetische sozialistische Planwirtschaften.

Aufschlussreich ist die Verflechtungsgeschichte des frühen Kalten Krieges im zweiten Kapitel, in dem Kontakte zwischen sowjetischen Ökonomen, allen voran dem späteren Nobelpreisträger Leonid Kantarowitsch, und westlichen Kollegen beschrieben werden. Die Kapitel drei und vier sind marktsozialistischen Experimenten in Osteuropa und den internationalen Kontakten dortiger Ökonomen gewidmet. Der ‚Gulaschkommunismus‘ in Ungarn und das Modell der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien ermöglichten nicht nur Experimente mit Marktelementen, sondern bedeuteten auch eine engere Verbundenheit mit dem westlichen Ausland. Viele osteuropäische Ökonomen studierten etwa an der London School of Economics oder an Eliteuniversitäten in den USA. Später übernahmen Jugoslawen Spitzenpositionen in internationalen Organisationen wie der Weltbank und in der Bewegung der Blockfreien Staaten, wo sie für ihr Modell sozialistischer Marktwirtschaft warben. Umgekehrt kamen Beobachter aus der ganzen Welt nach Jugoslawien, die neugierig auf diese vermeintlich basisdemokratische sozialistische Marktwirtschaft waren. Hier liefert Bockman eine interessante Ergänzung vieler Studien der letzten Jahre, die die Isolierung eines vermeintlich abgeschotteten Ostblocks vom Rest der Welt in Frage gestellt haben.[2] Aber die Schlussfolgerung, dass Jugoslawien ein „von vielen bewundertes globales wirtschaftliches Vorbild“ (S. 15) wurde, ist nicht überzeugend. Gespräche und Besuche allein belegen das nicht. Bockman hätte vielleicht einen Blick auf die Berichte dieser Besucher werfen sollen.

Ernesto Fontaine beispielsweise, ein künftiger einflussreicher chilenischer neoliberaler Ökonom, war von seinem tschechischen Kollegen Jaroslav Vanek auf Titos Jugoslawien aufmerksam gemacht worden: „Ich war fasziniert von der ökonomischen Theorie einer Wirtschaft, die auf der Selbstverwaltung der Arbeiter basierte, wie sie es in Titos Jugoslawien praktizierten“, erinnerte er sich. Das Belgrader Planungsministerium lud ihn, wie viele andere, auf eine Rundreise durch jugoslawische Städte und Fabriken ein – und das war das Ende von Fontaines Begeisterung für den Marktsozialismus: „Was für einen desolatesten und tristen Eindruck bekamen wir dort!“ Die Leute schauten traurig, die Architektur war grau, und alles war voller unglaubwürdiger Propaganda. „Die Erfahrung in Jugoslawien zeigte mir, dass dieses Modell nicht funktioniert.“[3]

Es ist vielleicht die größte Schwäche von Bockmans Buch, dass es nirgendwo auf diese massiven wirtschaftlichen Probleme in Osteuropa verweist. Marktsozialismus sorgte zwar für einen etwas besseren Lebensstandard als in der rein staatsdirigistischen Sowjetunion. Dennoch hatten alle Länder des real existierenden Sozialismus in den 1970er- und 1980er-Jahren völlig den Anschluss an den Lebensstandard des Westens, und nun auch Südostasiens verloren. Auch die marktsozialistischen Staaten waren tief verschuldet, hatten die digitale Revolution völlig verschlafen, wiesen eine miese Effizienz in der Ressourcenverwertung auf, hatten teilweise ganze Bevölkerungsschichten völlig verarmen lassen, und gängelten dazu jeden Ausdruck von politischem Dissens. Auch das politisch relativ liberale Jugoslawien stand in den 1980er-Jahren faktisch vor dem Staatsbankrott, und in Polen kam es zu Massenprotesten gegen die ewige Konsumgüterknappheit.[4]

Nicht vieles spricht für Bockmans Annahme, dass „1989 die Möglichkeit eröffnete, endlich einen demokratischen dezentralisierten Sozialismus zu schaffen, den viele Osteuropäer so lange erstrebt hatten“ (S. 189). Nach dem kolossalen Scheitern von Gorbatschows marktsozialistischen Reformen wollte – zumindest in Russland – kaum noch jemand etwas von Sozialismus hören; linke Parteien gingen bei Wahlen sang- und klanglos unter, selbst die KP verlegte sich auf nationalbolschewistischen Populismus. Wenn es in Osteuropa mehr als eine Handvoll bärtiger Bürgerrechtler waren, die sich 1989 noch nach Marktsozialismus sehnten, dann hat Bockman es verpasst, dies in ihrem Buch überzeugend zu belegen. So vermittelt ihre Studie den Eindruck eines weiteren Versuchs westlicher linker Intellektueller schönzureden, was ein ehemaliger bayrischer Ministerpräsident gerne als real existierenden Murxismus bezeichnete.

Bockman hat sicherlich recht mit der Behauptung, dass der Neoliberalismus gewachsen sei als Resultat einer Auseinandersetzung mit sozialistischen Ideen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und in transnationalen Debatten von neoklassischen Ökonomen in Ost und West während des Kalten Krieges. Aber wie soll das beweisen, dass Neoliberalismus sozialistische Ursprünge hat? Vielmehr war sein Erfolg wohl eine Reaktion auf die offensichtlichen Unzulänglichkeiten sämtlicher (markt-)sozialistischer und strukturalistischer Ansätze, die ab den 1970er-Jahren immer offener zutage traten. Neoklassische Ökonomen in sozialistisch regierten Staaten von Polen bis Chile brauchten zu dieser Erkenntnis keine Weltverschwörer der Mont Pèlerin Society, waren also nicht nur naiv-passive Empfänger US-amerikanischer Konzepte, sondern änderten, als aktive Teilnehmer internationaler Debatten, ihre ökonomischen Konzepte.

Während die große These des Buches nicht haltbar ist, und ein streckenweise sehr spröder und repetitiver Sprachduktus stört, lohnt die Lektüre ob des oft sehr aufschlussreichen Materials in den einzelnen Kapiteln. Dazu zählt eine Studie des Mailänder Zentrums zum Studium wirtschaftlicher und sozialer Probleme (CESES), gegründet von antikommunistischen italienischen Industriellen, das sich zu einer Begegnungsstätte von Ökonomen aus Ost und West entwickelte. Löblich sind auch die Denkanstöße, die das Buch allen Unstimmigkeiten zum Trotz liefert. Eingeschliffene Vorstellungen von Markt und Staat werden hinterfragt: Sozialismus bedeutete keineswegs immer wirtschaftlichen Nationalismus; die Idee des Freihandels war von Beginn an eine progressive und wurde auch von Sozialisten wie Karl Kautsky geteilt. Umgekehrt sind es vom späten 20. Jahrhundert an oft Neoliberale, die nach einer starken staatlichen Exekutive rufen, um ihre Ideen vor dem Zugriff ‚populistischer‘ Demokraten zu schützen und um mit einer konservativen Finanzpolitik die Geldmenge zu kontrollieren. Anti-neoliberale Linke dagegen schreiben sich heute gerne ‚Staatsfeind‘ aufs Hemd, während die urkapitalistische US-Warenhauskette Walmart umgesetzt hat, was die Sowjetunion lange vergeblich erstrebte: eine mathematisch optimierte Kommandowirtschaft.

Das Verdienst von Bockmans Studie liegt also weniger in ihrer These von den linken Ursprüngen des Neoliberalismus, sondern darin, eine Debatte zur Historisierung des Endes des Staatssozialismus angestoßen zu haben. Historiker werden in den nächsten Jahren die Demokratisierungs- und Verwestlichungs-Paradigmen politologischer Transformationsstudien auf den Prüfstand stellen. Der Blick ist freigelegt auf eine historisch kontingente Gemengelage um 1989/91, in der viele Ideen und Optionen auf dem Tisch lagen und diskutiert wurden. Die politische und ökonomische Kehrtwende in Putins Russland und Orbans Ungarn sind vielleicht ein Hinweis darauf, dass autoritär-kapitalistische Ideen zur Wendezeit eine größere Rolle spielten als der von Bockman idealisierte Marktsozialismus. Aber letztlich hat der Neoliberalismus ja vielleicht doch linke Ursprünge, wenn man ihn nicht nur als ökonomische Theorie definiert, sondern als eine Geisteshaltung und eine politische Praxis. Das neoliberale Mantra von Individualität und Selbstverwirklichung, das stets mit Eigenverantwortung einhergeht und in einen alle Lebensbereiche umfassenden Wettbewerb der Humankapitalisten auszuarten scheint, hat seine ‚left-wing origins‘ aber vermutlich eher bei den 1968ern als bei biederen sozialistischen Ökonomen der 1930er-Jahre. Guido Westerwelle musste sich jedenfalls den Vorwurf gefallen lassen, Erbe von Dieter Kunzelmann und Co zu sein, als er in den frühen 2000er-Jahren als Chef der deutschen Liberalen Politik zum Spaß-Event deklarierte.

Anmerkungen:
[1] Wendy Brown, Die schleichende Revolution. Wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört, Berlin 2015; Philip Mirowsi, Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist, Berlin 2015; Daniel Stedman Jones, Masters of the Universe. Hayek, Friedman, and the Birth of Neoliberal Politics, Princeton 2012; Angus Burgin, The Great Persuasion. Reinventing Free Markets since the Depression, Cambridge MA 2012; Philip Plickert, Wandlungen des Neoliberalismus. Eine Studie zu Entwicklung und Ausstrahlung der ‚Mont Pèlerin Society‘, Stuttgart 2008; Naomi Klein, The Shock Doctrine. The Rise of Disaster Capitalism, London 2007; David Harvey, A Brief History of Neoliberalism, Oxford 2005.
[2] David Engermann, The Second World’s Third World, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 1 (2011), S. 183–211; Tobias Rupprecht, Die sowjetische Gesellschaft in der Welt des Kalten Krieges. Neue Forschungsperspektiven auf eine vermeintlich hermetisch abgeschottete Gesellschaft, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 3 (2010), S. 381–399.
[3] Ernsto Fontaine, Mi Visión. Sobre la influencia del Convenio U. Católica – U. de Chicago en el progreso económico y social de Chile, Desarrollo 2009, S. 101.
[4] Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014, S. 41–57.

Zitation
Tobias Rupprecht: Rezension zu: : Markets in the Name of Socialism. The Left-Wing Origins of Neoliberalism. Stanford  2011 , in: H-Soz-Kult, 27.11.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24602>.
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27.11.2015
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