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Titel
Kriegsopfer und Staat. Sozialpolitik für Invaliden, Witwen und Waisen des Ersten Weltkriegs in Deutschland und Italien (1914–1924)


Autor(en)
Pironti, Pierluigi
Erschienen
Umfang
556 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Verena Pawlowsky, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

Pierluigi Pironti legt mit diesem Buch die überarbeitete Fassung seiner 2012 an der Freien Universität Berlin eingereichten Dissertation als Publikation vor. Er befasst sich mit den Kriegsopfern des Ersten Weltkriegs und den zu ihrer Versorgung getroffenen Maßnahmen im Deutschen Reich und in Italien. Das in der Einleitung nur sehr knapp formulierte Ziel, „die Entwicklung der Kriegsopferpolitik zu beleuchten“ und die „Mechanismen dieser […] Entwicklung zu verstehen“ (S. 25), verfolgt Pironti auf insgesamt 525 Druckseiten in einer streng chronologischen und einem symmetrischen Aufbau verpflichteten Weise. Einer kurzen Einleitung folgen die Hauptkapitel, die sich mit dem Gefüge der Militärversorgung vor dem Ersten Weltkrieg, mit den während des Krieges in den beiden Ländern zur Fürsorge von Kriegsopfern gesetzten Schritten und mit den Nachkriegsentwicklungen in diesem Feld beschäftigen. Jedes Kapitel enthält zuerst den Abschnitt zum Deutschen Reich und danach jenen zu Italien. Die Kriegsopferversorgung nach dem Krieg wird für jedes Land in einem eigenen Kapitel beschrieben. Ein vergleichendes Fazit bildet den Abschluss des Bandes.

Wie in anderen Ländern auch war die gesetzliche Normierung der Versorgung von Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen vor dem Ersten Weltkrieg äußerst mangelhaft und hatte den Wandel des Heeres vom Berufsheer zum Heer der Wehrpflichtigen noch nicht mitvollzogen. Pironti beschreibt die für Deutschland und Italien am Vorabend des Ersten Weltkrieges geltenden Normen. In Deutschland waren das das Militärpensionsgesetz (1871) sowie das Offizierspensions- und Mannschaftsversorgungsgesetz (beide 1906), in Italien ein Gesetz, das Renten für Offiziere und Unteroffiziere und später auch Entschädigungen für Invalide schuf (1865), die gesetzliche Neuordnung der Zivil- und Militärrenten (1895) und das infolge des Italienisch-Türkischen Krieges 1912 eingeführte Militärversorgungssystem. Die beiden Länder einte, dass sie, als der Erste Weltkrieg begann, die jüngsten Maßnahmen auf dem Gebiet der Kriegsopferversorgung hatten, freilich waren auch diese dem Massenkrieg nicht gewachsen.

Im zweiten Abschnitt werden die Zentralisierungsprozesse im Feld der Kriegsopferfürsorge sowie die beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen beschrieben. Sie können als die entscheidende Neuerung innerhalb der vielen Maßnahmen der Kriegsopferfürsorge des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden und erfolgten in allen kriegsführenden Ländern in ähnlicher Weise. Die Eckpunkte bildeten für das Deutsche Reich die Gründung des Reichsausschusses für die Kriegsbeschädigtenfürsorge, der ab 1918 auch die Kriegshinterbliebenenfürsorge wahrnahm, und für Italien die Gründung des Nationalwerkes zum Schutz und zur Fürsorge der Kriegsinvaliden, ein Gesetz zum Schutz von Kriegswaisen, vor allem aber die Schaffung eines Ministeriums für Militärfürsorge und Kriegsrenten. Die Errichtung dieses Ministeriums war unmittelbare Folge der Niederlage Italiens in der Zwölften Isonzoschlacht.

In den beiden abschließenden Hauptkapiteln beschäftigt sich Pironti mit der Etablierung der staatlichen Versorgung für Beschädigte und Hinterbliebene des Krieges nach dem Ende der Kampfhandlungen. Die Regelungen fanden in Deutschland im Reichsversorgungsgesetz und im Schwerkriegsbeschädigtengesetz (beide 1920) und in Italien, wo die beiden Anspruchsgruppen viel stärker getrennt wahrgenommen wurden, etwa im Einstellungszwangsgesetz von 1921 ihren Abschluss. Sehr detailliert geht der Autor hier auf die Entwicklung der Kriegsopferbewegung mit ihren vielen rivalisierenden und politisch fragmentierten Verbänden in beiden Ländern ein. Polemik gegen die gesetzlichen Maßnahmen und ihre schwerfällige bürokratische Umsetzung sowie eine ausgeprägte Anspruchshaltung waren Charakteristika dieser Bewegung. In ihr – und das macht die Entwicklung in Italien so spannend – wurde auch Benito Mussolini groß. In Italien kam es dann auch schon 1923 zu einer Reform, die – alle Züge des Faschismus tragend – klare Hierarchisierungen zwischen den Kriegsbeschädigten einführte, Frontkämpfer bevorzugte und die Idee einer grundsätzlichen staatlichen Entschädigungspflicht aufgab.

Pironti will zeigen, wie der Krieg den Sozialstaat beförderte. Er beschreibt, wie der Staat – als kommunale und private Fürsorgeeinrichtungen der vielfältigen Probleme nicht mehr Herr wurden – in der Kriegsopferversorgung immer mehr Verantwortung übernahm. Und er schildert, wie sukzessiv zentrale staatliche Verwaltungsstrukturen aufgebaut wurden. Sie waren allerdings zu Beginn den Anforderungen noch nicht gewachsen. Michael Geyer hat dieses Phänomen schon 1983 in seinem noch immer aktuellen Beitrag für Deutschland, Großbritannien und Frankreich untersucht.[1]

Die Lektüre der Studie hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Das beginnt – um den einfachsten, den sprachlichen, Aspekt zuerst zu nennen – bei dem ungewöhnlichen Nebeneinander von sehr guten Zusammenfassungen sowie avancierter Ausdrucksweise einerseits und eigenartigen Formulierungen sowie einem unsicheren, ja oft falschen Gebrauch von Verben und Präpositionen andererseits. Dieses Buch hätte ein Lektorat gebraucht, das Korrektorat war zu wenig. Die größten Mängel der Studie liegen aber im praktisch völligen Fehlen einer Forschungsfrage und einer begriffliche Unschärfe. Pironti erklärt an keiner Stelle, was jenseits des Beschreibens und Darstellens sein Anliegen ist. Die von ihm in durchaus beachtlicher Menge referierten historischen Aspekte stehen dadurch seltsam unverbunden, ungewichtet und ohne jegliche Zuspitzung nebeneinander. Pironti gebraucht zudem ungewöhnliche, möglicherweise seiner Bilinguität geschuldete Begriffe und trifft wichtige terminologische Differenzierungen nicht (wenn er – um nur ein Beispiel zu nennen – die Termini Staat, Reich und Nation synonym verwendet).

Die Arbeit ist in erster Linie eine Literaturarbeit – allerdings mit einer beeindruckenden Literaturbasis. An Quellen verwendet Pironti hingegen ausschließlich gedrucktes Material: Gesetzessammlungen, Periodika, zeitgenössische Literatur, Propagandabroschüren, stenografische Protokolle. Diese Beschränkung hätte methodisch thematisiert werden müssen, hat sie doch entscheidenden Einfluss auf den möglichen Erkenntnisgewinn. Die gewählte, aber eben nicht explizit gemachte Perspektive ist daher in Folge stark von normativen Texten geprägt, so dass man bei der Lektüre mehr darüber erfährt, wie die Kriegsopferversorgung sein sollte, als wie sie war. Oft fragt man sich, wer gerade „spricht“ und ob Pironti zeitgenössische Meinungen referiert oder ob er selbst interpretiert – etwa wenn er die „lobenswerte[n] Vorsätze“ der Arbeitsfürsorge (S. 273) oder den „vorbildliche[n] Enthusiasmus der Frauen bei der Kinderversorgung“ (S. 88, Fußnote 120) erwähnt.

Der literaturgesättigte Zugang führt auch dazu, dass oft Nebenaspekte, die vielleicht in der zitierten Literatur eine Rolle spielten, ausführlich behandelt werden, umgekehrt aber für den Gesamtzusammenhang des Buches Zentrales nur nebenbei erwähnt wird. Man vermisst immer wieder ein strukturierendes Eingreifen. Das gilt auch für den Ländervergleich. Die Italien- und Deutschland-Teile stehen monolithisch – und im Wesentlichen ohne sich aufeinander zu beziehen – nebeneinander. So kommt es bei der Beschreibung bestimmter identer Phänomene zu Redundanzen. Und umgekehrt wird manches nur für ein Land dargestellt, hätte aber auch für das andere gegolten. Die vom Patriotismus getragene Bereitschaft von Frauen, als Krankenschwestern Dienst zu tun, ist etwa nur für Italien abgehandelt (S. 189).

Was nun den Vergleich im Allgemeinen betrifft, so wird die Wahl von Italien und Deutschland nicht etwa damit begründet, dass es sich bei diesen beiden Staaten um „verspätete Nationen“ handelte oder dass hier ein Sieger- mit einem Verliererstaat kontrastiert werden sollte, sondern mit einer ähnlichen Nachkriegsentwicklung. Sie bestand darin, dass beide Staaten „[e]ine zersplitterte und konfliktträchtige Gesellschaft, ein schwaches politisches System“ und „fragile staatliche Strukturen“ aufwiesen (S. 15). Gerade das hob diese Länder aber nicht wesentlich von anderen ab. Während Großbritannien und Frankreich in der Arbeit manchmal für Vergleiche herangezogen werden, kommt Österreich praktisch nicht vor. Das fällt der Rezensentin auf, die wohl wegen ihrer eigenen Mitwirkung an einer Studie zu diesem Thema[2] gebeten wurde, diese Rezension zu verfassen. Schon die zweite Fußnote, die – aufgeschlüsselt nach den wichtigsten kriegführenden Staaten – die Toten des Weltkriegs referiert (S. 11), lässt die Zahl für Österreich-Ungarn vermissen, das diesen Krieg doch immerhin ausgelöst hat. Seit 2006 liegen Publikationen zu Österreich[3] – und übrigens auch anderen Nachfolgestaaten der Monarchie[4] – vor; sie fehlen in dieser Studie völlig.

In einem Punkt ist das Buch aber jedenfalls ein Gewinn: Es bietet erstmals einen Überblick über die italienische Kriegsopferversorgung und schließt in diesem Punkt tatsächlich eine Forschungslücke. Und so ist auch – was zuerst verwunderlich erschien – stimmig, dass diese Arbeit in der Reihe „Italien in der Moderne“ erschien.

Anmerkung:
[1] Michael Geyer, Ein Vorbote des Wohlfahrtsstaates. Die Kriegsopferversorgung in Frankreich, Deutschland und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft 9 (1983) 2, S. 230–277.
[2] Verena Pawlowsky / Harald Wendelin, Die Wunden des Staates. Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938, Wien 2015.
[3] Erster und bislang letzter Aufsatz einer Reihe von Beiträgen zu diesem Thema: Edith Leisch-Prost / Verena Pawlowsky, Kriegsinvalide und ihre Versorgung in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, in: Hermann J. W. Kuprian / Oswald Überegger (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg im Alpenraum. Erfahrung, Deutung, Erinnerung / La Grande Guerra nell’arco alpino. Esperienze e memoria, Innsbruck 2006, S. 367–380. Verena Pawlowsky / Harald Wendelin, Transforming Soldiers into Workers: The Austrian Employment Agency for Disabled Veterans during the First World War, in: Sigrid Wadauer / Thomas Buchner / Alexander Mejstrik (Hrsg.), The History of Labour Intermediation. Institutions and Finding Employment in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries, Oxford 2015, S. 181–193.
[4] Natali Stegmann, Kriegsdeutungen – Staatsgründungen – Sozialpolitik. Der Helden- und Opferdiskurs in der Tschechoslowakei 1918–1948, München 2010.

Zitation
Verena Pawlowsky: Rezension zu: : Kriegsopfer und Staat. Sozialpolitik für Invaliden, Witwen und Waisen des Ersten Weltkriegs in Deutschland und Italien (1914–1924). Köln  2015 , in: H-Soz-Kult, 17.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25251>.