R. Schulz: Abenteurer der Ferne

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Titel
Abenteurer der Ferne. Die großen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike


Autor(en)
Schulz, Raimund
Erschienen
Stuttgart 2016: Klett-Cotta
Umfang
654 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Bellin, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Fernerkundung, Entdeckungsfahrten und Weltwissen der Antike sind ein beliebter Gegenstand monographischer Darstellungen, mit dem sich nicht nur ein Fachpublikum, sondern auch ein breiter interessierter Leserkreis ansprechen lässt.[1] Schulz’ Buch unterscheidet sich jedoch von den meisten vorhergehenden Arbeiten durch Umfang und Zuschnitt der Darstellung: Zurecht verweist er darauf, dass die einzige umfängliche Behandlung dieses Themas von Cary und Warmington inzwischen „konzeptionell veraltet“ (S. 8) sei.[2] Somit erscheint ein solches Unterfangen als hinreichend begründet.

Der Entwurf eines analytischen Konzeptes zur Erschließung der Quellen und zur Erklärung der Fernerkundung in der Antike geht der Darstellung voraus, welches Schulz als „explorative Konstellation“ (S. 10) beschreibt. Hierzu gehöre es, zunächst nach grundsätzlichen mentalen und sozialen Einstellungen der Gruppe zu fragen, die einen Entdeckergeist erst entstehen ließen. Als zweites seien die Motive und Ziele der einzelnen Akteure in den Blick zu nehmen, anschließend die strukturellen Bedingungen der jeweiligen Gesellschaften, welche die Bedingung der Möglichkeit von Entdeckertätigkeit begründeten. Schließlich solle die geographische Lage sowie die Vorstellung von dieser und das technische Vermögen zur Exploration der antiken Gesellschaften in die Untersuchung einbezogen werden (S. 10–14). Dem Anspruch, den Schulz an sein eigenes Buch stellt, ist mit einer nur auf Weltwissen und Entdeckung angelegten Untersuchung jedoch nicht genüge getan. Vielmehr geht es ihm darum, diese Phänomene in eine antike Globalgeschichte einzuordnen: „Das Buch wagt den Versuch einer integrierten Entdeckungsgeschichte: einer Gesamtdarstellung von Expansion und Fernerkundung im Rahmen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen.“ (S. 10)

Der gesetzte zeitliche Rahmen ist sehr weit gesteckt und beginnt mit der Bedeutung von Handel und Seefahrt für die bronzezeitlichen Kulturen an der Levante und in der Ägäis. Die Kapazität zu diesen Unternehmungen wird dabei vor allem als ein Phänomen der Peripherie begriffen, so beispielsweise in Ugarit, das sich am Rande der vorderasiatischen Großreiche behaupten konnte und als Umschlagplatz eine entscheidende Funktion bei der Distribution von Waren erreichte. Die Erfahrung der Fremde und das Erkunden vor allem des Mittelmeeres durch Phönizier und Minoer seien in vielen Kulturen in Geschichten verarbeitet worden, die zum einen die Vernetzung der damaligen Welt erkennen ließen, zum anderen ein Wissen konservierten und tradierten, dass dann im archaischen Griechenland als Ausgangspunkt für Erkundung und Kolonisierung des westlichen Mittelmeeres dienen konnte (Kap. I).

Die Gliederung des Buches ist in erster Linie chronologisch und geht in den weiteren Kapiteln von der griechischen Kolonisation des Mittel- und Schwarzmeerraumes (Kap. II) über die Erkundungen Afrikas und Indiens durch Karthager und Perser (Kap. III), die Erschließung des Okeanos im Nordwesten Europas durch den Massalioten Pytheas und im Osten durch Alexander den Großen (Kap. IV), die Systematisierung und Konsolidierung des Weltwissens in hellenistischer Zeit (Kap. V), die Erschließung der Binnenräume Mitteleuropas durch die römische Expansion in Richtung Ostsee (Kap. VI) bis hin zur Darstellung einer vernetzten, quasi globalisierten Welt der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte. In diesen seien nicht nur Luxusgüter über weite Strecken zwischen dem Römischen Reich, Indien und Han-China zirkuliert, sondern es habe ebenso ein Ideenaustausch im Bereich der Medizin oder auch der Religion und Philosophie stattgefunden (Kap. VII). Angeschlossen wird ein Ausblick auf das europäische Mittelalter, das als Brücke zwischen Antike und Früher Neuzeit gedient habe, so dass die Entdeckungsfahrten der Portugiesen und Italiener als Folge der Auseinandersetzung mit den tradierten Ideen und Weltbildern der Antike erscheinen (Kap. VIII).

Die Dynamik, die sich aus dem Zusammenspiel von wissenschaftlichem und mythischem Weltwissen der Gemeinschaften, Gewinnstreben der einzelnen Akteure und Herrschaftsinteressen der antiken Reiche ergab, führt in der Folge zur Geschichte einer antiken Globalisierung. Als These am Ende steht eine Antike, die sich in ihrem Weltwissen und ihrem technischen und nautischen Vermögen nur unwesentlich von den Bedingungen der Frühen Neuzeit unterschied, den Sprung über den Atlantik aber vermutlich nicht wagte. Dieser Umstand wird von Schulz wiederum mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen begründet: Zum einen habe die weitgehend unbeschränkte Möglichkeit bestanden, mit Indien und dem Fernen Osten zu handeln, zum anderen fehlte die Konkurrenzsituation zwischen unterschiedlichen Königreichen, die als Finanziers der frühneuzeitlichen Fernerkundung notwendig waren (S. 430–432).

Die Perspektive, die Schulz einnimmt, variiert im Laufe des Buches und ist nicht nur auf Griechen und Römer beschränkt, wobei hierauf ganz klar der Fokus liegt. Soweit möglich werden andere Sichtweisen präsentiert und mit jenen kontrastiert und in Beziehung gesetzt. So werden neben die römisch-kaiserzeitlichen Vorstellungen des Aufbaus der Oikumene etwa auch die chinesischen Weltbilder gestellt, die ihrerseits in den Erkundungen des Zhang Qian (S. 393–396) und dem Vorstoß des Pan Chao (S. 400–405) ihren realweltlichen Niederschlag fanden. Auch hier ist Schulz bemüht, eine integrierte Entdeckungsgeschichte zu schreiben, die auf Ereignisse und Strukturen – in diesem Falle vor allem wirtschaftliche Interessen Han-Chinas – rekurriert.

Die Einlösung der Rückbindung der Entdeckungsgeschichte an die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der jeweiligen Zeiten gelingt unterschiedlich gut. So erscheint die Eroberung Galliens durch Caesar und der Vorstoß nach Britannien als Folge der innenpolitischen Machtkämpfe der späten Republik um Prestige, Einfluss und Ressourcen sehr plausibel, verbunden mit dem gleichzeitigen Anschluss an Vorstellungen, die aus der Tradition Alexanders des Großen und dessen erobernder Welterkundung zum Okeanos hin ihre Bedeutung gewannen (S. 326–332).[3] Im Falle des Pytheas von Massilia jedoch erscheint das Ganze wesentlich diffuser, speist sich zum einen aus veränderten Perspektiven im Umfeld des Aristoteles in Athen, archäologisch bezeugten Veränderungen der keltischen Kultur in Südfrankreich und Konfliktlagen mit den Karthagern (S. 217–222). Dies ist freilich einer anderen Quellenlage geschuldet, doch wird diese mitunter zu wenig deutlich. So ist der Bericht Hannos des Seefahrers in einem ganz anderen Erhaltungszustand und Überlieferungskontext als dies für die fragmentarischen Notizen zur Reise des Pytheas gilt, die sich zudem in erster Linie bei ihm feindlich gesonnen Autoren wie Strabon und Polybios finden. Hierauf wird lediglich in einem Nebensatz eingegangen (S. 219).

In den Deutungen, die Reichweite und Grad der Exaktheit des Berichteten betreffen, ist Schulz vorsichtig und stellt unterschiedliche Interpretationen vor, neigt tendenziell aber zum Optimismus, auch im Hinblick auf das technische Vermögen und die nautischen Fähigkeiten der Alten. So werden auch mythische oder phantastische Beschreibungen von Dingen an den Rändern der Welt von Schulz mit realen Gegebenheiten verknüpft, wie beispielsweise bei der Analyse des Hannoberichts (S. 164).[4]

An die Darstellung schließt sich ein sehr umfangreicher Anhang an, der mit einer Zeittafel beginnt, auf die die leider als Endnoten präsentierten Anmerkungen folgen. Das ohnehin sehr umfangreiche Literaturverzeichnis wird durch den Umstand etwas unübersichtlich, dass es zunächst thematisch gegliedert ist, dann aber der Reihenfolge der Kapitel folgt. Dadurch kommt es zu Doppelungen. Das Buch wird durch ein Personen- sowie ein Länder- und Ortsregister beschlossen. Das durchweg exzellente Lektorat ist hervorzuheben.[5]

Stilistisch durchbricht Schulz die sehr kenntnisreiche und faktengesättigte Darstellung gerade zu Beginn der Kapitel mit literarischen Einschüben, die die Phantasie des Lesers anzuregen versuchen. Dabei scheut er sich nicht, auf eigene Erfahrungen Bezug zu nehmen (z.B. S. 23). Der zu Beginn des Werkes angestrebte analytische Zugriff kommt dabei dennoch nie zu kurz: So ist hier der Spagat gelungen, sowohl für ein interessiertes Publikum spannend und verständlich zu sein, als auch in der Präsentation des aktuellen Forschungsstandes zu den Einzelthemen und in der Synthese dieser Erkenntnisse ein wissenschaftlich anschlussfähiges Werk zu schaffen.

Anmerkungen:
[1] Jüngst Duane W. Roller, Ancient Geography. The Discovery of the World in Classical Greece and Rome, London 2015; Holger Sonnabend, Die Grenzen der Welt. Geographische Vorstellungen der Antike, Darmstadt 2007.
[2] Max Cary / Eric H. Warmington, The Ancient Explorers, London 1929.
[3] Hans-Joachim Gehrke, Alexander der Große. Welterkundung als Welteroberung, in: Klio 93 (2011), S. 52–65.
[4] Bichler rät hier hingegen zur Vorsicht: Reinhold Bichler, An den Grenzen zur Phantastik. Antike Fahrtenberichte und ihre Beglaubigungsstrategien, in: Nicola Hömke / Manuel Baumbach (Hrsg.), Fremde Wirklichkeiten. Literarische Phantastik und antike Literatur, Heidelberg 2006, S. 237–259.
[5] Mir sind bei der Lektüre kaum Fehler aufgefallen. Bei der Karte auf S. 28 wäre es hilfreich, die Bedeutung der Symbole der gehandelten Waren aufzuschlüsseln. Die Datierung der Fahrt des Pytheas ist 100 Jahre zu früh (S. 219).

Zitation
Robert Bellin: Rezension zu: : Abenteurer der Ferne. Die großen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike. Stuttgart  2016 , in: H-Soz-Kult, 01.08.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25641>.
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01.08.2016
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