H. Duchhardt: Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges

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Titel
Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Krisendekade 1608–1618


Autor(en)
Duchhardt, Heinz
Erschienen
München 2017: Piper Verlag
Umfang
254 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Rebitsch, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Im Jahr 2018 jährt sich das Ereignis des Prager Fenstersturzes zum 400. Mal. Dieses Gedenkjahr zum Ausbruch einer der größten kriegerischen Katastrophen der mitteleuropäischen Geschichte wird ohne Zweifel – wenn auch vermutlich nicht in der gleichen Dimension wie 2014 zum Gedenkjahr des Ersten Weltkriegs – eine Reihe von Publikationen entstehen lassen.[1] So hat 2017 bereits einer der renommiertesten Neuzeithistoriker Deutschlands, Heinz Duchhardt, eine Vorgeschichte des Dreißigjährigen Kriegs vorgelegt. Wie schildert Duchhardt den Weg in die Katastrophe? Einen ersten Hinweis darauf gibt bereits der Untertitel: „Die Krisendekade 1608–1618“.

Im ersten Kapitel geht Duchhardt auf „Strukturen und Mentalitäten“ ein, wobei er den Erfahrungsraum Europa, das Staatensystem, die Konfessionsproblematik, Ständemacht und Staatsverdichtung sowie die „Kleine Eiszeit“ erklärt und zur Sprache bringt. Nur nebenbei sei bemerkt, dass hier nicht unbedingt klar wird, welchen Anteil nun die „Kleine Eiszeit“ am Ausbruch des Kriegs gehabt haben soll, außer natürlich einer allgemeinen Verschlechterung der Versorgungslage; doch ist der Dreißigjährige Krieg nicht aufgrund von Hungeraufständen oder ähnlichen Unruhen ausgebrochen. Aber natürlich, für eine Krisenstimmung mag diese nicht unbedeutende Klimaverschlechterung gesorgt haben.

In den nächsten drei Kapiteln – betitelt mit „Dramatis personae“, „Dramatis theatra“ und „Dramatis finis“ – beleuchtet der Autor die relevanten Akteure im Vorfeld des Kriegs, die Schauplätze in Europa und die Krisenstimmung in dieser Dekade. Wie anhand der Kapitel schon ersichtlich wird, spielt das Phänomen der Krise, das in der historischen Forschung schon ausführlich für das 17. Jahrhundert diskutiert wurde, eine große Rolle in Duchhardts Ausführungen. Neben der großen Politik, den sogenannten Haupt- und Staatsaktionen, räumt er der Stimmung in der Bevölkerung – und das sehr oft mit Zitaten aus verschiedenen Ego-Dokumenten unterlegt – großen Platz ein. Als Grundstimmung in den ersten beiden Dekaden des 17. Jahrhunderts weist der Autor eine „apokalyptisch-eschatologische Endzeiterwartung“ (S. 223) aus. Diese Schwerpunktsetzung ist allemal bemerkenswert, werden doch die Ursachen des Kriegs gewöhnlich meist in der großen Politik (Konfessions- und Verfassungspolitik des Reiches) und der Anlassfall in der habsburgischen Politik gegenüber Böhmen gesucht und weniger in einer allgemeinen Krisenstimmung, ja Kriegserwartung der Bevölkerung, die quellenmäßig auch nur punktuell belegt werden kann. Es mag sein, dass der Krieg von „einer breiten ‚öffentlichen Meinung‘ lange erwartet“ wurde, aber „in gewisser Hinsicht […] herbeigeredet“, wie auf dem Klappentext zu lesen, wurde dieser Krieg wohl kaum.

Freilich geht Duchhardt auch auf die Reichspolitik und auf die auslösende Konfessionsproblematik ein, die er anhand mehrerer, sehr eindringlicher und nicht immer allseits bekannter Beispiele veranschaulicht. In diesem Teil – „Das Reich und der Habsburgerstaat“ (S. 102–157) – werden die politischen Ursachen des langen Kriegs am besten dargestellt. Auf diese kommt der Autor in seinem Schlusswort „Von der Unausweichlichkeit des ‚Großen Krieges‘?“ kurz zurück.

Leider sind einige Fehler aufzuzeigen: So ließen die Erzherzöge Ferdinand und Maximilian Kardinal Khlesl nicht erst nach dem Tod von Kaiser Matthias inhaftieren (S. 69f.). Das Brisante an diesem Staatsstreich vom 20. Juli 1618 war ja gerade, dass der Kaiser noch lebte (Matthias starb am 20. März 1619), als sein wichtigster Politiker und Ratgeber nach Tirol verschleppt wurde. Christian I. von Anhalt-Bernburg, der so wichtige Architekt der pfälzischen Politik, war auch nicht der „spätere ‚tolle Halberstädter‘“ (S. 78), wie Duchhardt schreibt, mit diesem Etikett wird gewöhnlich Christian der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel belegt.

Allerdings sollen diese Feststellungen den Wert des Buchs von Heinz Duchhardt keineswegs schmälern. Denn man hat es hier mit einem routiniert geschriebenen, gut zu lesenden und sehr kenntnisreichem Werk zu tun. Eine „geradlinige“ Wegbeschreibung in den Krieg wird man allerdings vergeblich suchen. Duchhardt bietet einen aufschlussreichen Einblick in zeitgenössische mentale Dispositionen und keine fokussierte und stringente Analyse von Ursachen und Anlassfall des Dreißigjährigen Kriegs. Im Schlusswort resümiert der Autor: „Aber dass das europäische Konfliktpotenztial (sic!) massiv in die Politik und die Mentalitäten im Reich hineinspielte, wird man zu den gesicherten historischen Erkenntnissen zählen dürfen – und man wird sogar noch über die Niederlande und Böhmen hinausblicken und festhalten müssen, dass noch aus vielen anderen Regionen dem europäischen Frieden Gefahr drohte.“ (S. 234) Mittels dieses vergleichenden Ansatzes ist der ausgezeichnete Kenner der Geschichte des Kontinents ohne Zweifel in der Lage, den Dreißigjährigen Krieg, den oftmals auch sogenannten „teutschen Krieg“, in einen internationalen Kontext zu stellen und neue komparatistische Perspektiven zur Ursachenforschung zu gewinnen.

Anmerkung:
[1] In diesem Zusammenhang sei ein Hinweis auf den folgenden, im Herbst erscheinenden Band gestattet: Robert Rebitsch (Hrsg.), 1618. Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges, Wien 2017 (im Druck).

Zitation
Robert Rebitsch: Rezension zu: : Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Krisendekade 1608–1618. München  2017 , in: H-Soz-Kult, 11.07.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27712>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.07.2017
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