Titel
Strategie. Die Logik von Krieg und Frieden


Autor(en)
Luttwak, Edward
Erschienen
Lüneburg 2003: zu Klampen Verlag
Umfang
355 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Th. Müller, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Werke zum Thema Strategie sind in der militär- und politikwissenschaftlichen Literatur seit langem Legion. Soweit sie sich nicht ohnehin mit der Interpretation historischer Kriegstheorien von Sun Tzu bis Clausewitz befasst, dient die Masse von ihnen entweder der Begründung einer militärpolitischen Doktrin oder widmet sich den strategischen Konsequenzen militärtechnischer Innovationen wie dem Flugzeug, nach 1945 vor allem den Kernwaffen oder der seit den 1980er Jahren vieldiskutierten „Revolution in Military Affairs“ (RMA).

Edward Luttwak geht es in seinem 1987 erstmals erschienen Buch „Strategy. The Logic of War and Peace“, das nun in aktualisierter Form auf Deutsch erschienen ist, hingegen um etwas ganz anderes. Sein Ziel ist kein Geringeres, als die „allgemeine Logik heraus(zu)arbeiten, die sowohl allen Formen des Krieges als auch den Verhandlungen gegnerischer Staaten im Frieden zugrunde liegt“ (S. 7). Bei der Lösung dieser komplizierten Aufgabe profitiert der 1942 in Siebenbürgen geborene Luttwak von den Einblicken und Erfahrungen aus seiner langjährigen Tätigkeit als Militärwissenschaftler am Center for Strategic and International Studies in Washington D.C. sowie von der Politikberatung für verschiedene Verteidigungs- und Außenminister der USA, den nationalen Sicherheitsrat sowie für den japanischen Finanzminister. Als wirklichem Kenner der Materie ist ihm bewusst, dass jedes Kriegsgeschehen eine einzigartige und komplexe Konstellation darstellt, die nicht mit Gemeinplätzen erklärbar und schon gar nicht mit einer „positiven Lehre“ erfolgreich steuerbar ist.

Luttwaks Überlegungen zur Logik von Krieg und Frieden setzen daher systematisch bei den - linear gedacht - unlogischen Paradoxien, Ironien und Widersprüchen praktizierter Strategie an.

Der erste Teil seines Buches widmet sich dementsprechend den Grundzügen der bereits in dem Satz „Si vis pacem, para bellum“ zum Ausdruck kommenden paradoxen Logik der Strategie. Anhand kenntnisreich ausgewählter Beispiele aus der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts weist er nach, dass die gesamte Strategie von paradoxer Logik durchzogen ist, „die regelmäßig gegen die gewöhnliche lineare Logik verstößt, indem sie die Gegensätze zusammenfallen läßt und umkehrt“ (S. 16). Paradoxes Verhalten wird dabei häufig belohnt – geradlinig-lineares nicht selten bestraft. Im Krieg kann ein schlechter Weg gerade gut sein, weil er weniger stark verteidigt wird. Scheinbar sinnloses Verhalten kann zum Erfolg führen, weil der Gegner dadurch überrascht wird. Jedes einzelne Element der Kriegführung scheint so einfach, während sie in ihrer Gesamtheit von mannigfachen Friktionen durchzogen ist und außerordentlich kompliziert wird. Militärische Erfolge können bei Überschreiten des Kulminationspunkts des Erfolges in eine Niederlage münden.

Im zweiten Teil zeichnet Luttwak den Wandel der paradoxen Logik der Strategie auf fünf unterschiedlichen Ebenen nach. Die technische, die taktische und die operative Ebene sowie die Gefechtsfeld- und Gesamtstrategie bilden eine fest umrissene Hierarchie von Handlungsfeldern mit jeweils eigener Realität, in der es zu Interaktionen und Überlagerungen kommt. Vom Standpunkt des Clausewitzschen Strategieverständnisses ist dabei bemerkenswert, dass Luttwak Strategie und Taktik nicht begrifflich trennt, sondern die Taktik lediglich als eine Ebene der Strategie darstellt. Eingedenk des weitergefassten Operationsverständnisses der deutschen und sowjetischen Militärtheorie mutet auch sein Verständnis der operativen Ebene als Ebene des Zusammenwirkens verschiedener Truppentypen bzw. des „Gefechts der verbundenen Waffen“ zumindest gewöhnungsbedürftig an. Bilden die verschiedenen Ebenen für Luttwak die „vertikale Dimension“ der Strategie, so entfaltet sich die „dynamische Logik von Aktion und Reaktion auf jeder einzelnen Ebene“ in der horizontalen Dimension (S. 130).

Die Unterscheidung der beiden Dimensionen erscheint bis dahin durchaus als plausibel. Zweifel tauchen jedoch spätestens im dritten Teil zur Gesamtstrategie auf, wo Luttwak „vertikalen Erfolg und horizontales Scheitern“ am Beispiel der deutschen Kriegführung im Zweiten Weltkrieg gegenüberstellt (S. 319f.). Die horizontale Dimension bezeichnet nämlich nun nicht mehr die „dynamische Logik von Aktion und Reaktion“, sondern in erster Linie das Feld von Diplomatie und – wie er anhand des nordvietnamesischen Erfolges gegenüber den US-Truppen verdeutlicht – der Propaganda.

Diese begrifflichen Inkonsistenzen, von denen im Buch noch einige anzutreffen sind, schmälern dessen hohen Erkenntniswert jedoch in keiner Weise, bestand sein erklärtes Ziel doch darin, die vielfach paradoxe Logik des Krieges zu analysieren. Das gelingt ihm Dank seiner profunden Kenntnis der Militärgeschichte und seines Insiderwissens über Führungsentscheidungen von NATO und US-Streitkräften überzeugend. Bemerkenswert – für einen westlichen Autoren – ist dabei seine konsequent dialektische Methode, mit der er hochkomplexe Zusammenhänge untersucht, in denen der Vorteil von heute zum Nachteil von morgen werden kann. Die einzige feste Regel sei daher, dass es keine festen Regeln gibt. „Es gibt kein Richtig oder Falsch, das nicht von der spezifischen Beschaffenheit der Antagonisten und von dem spezifischen Leistungsvermögen der Waffen abhängt.“ (S. 152)

Am Beispiel der in den 1960er Jahren entstandenen Idee, Westeuropa mit geringem Kostenaufwand und weitgehend konventionell gegen die gefürchtete sowjetische Panzeroffensive primär durch eine mit Panzerabwehrlenkraketen ausgestattete Infanterie verteidigen zu lassen, demonstriert er das dynamische Wirken der paradoxen Logik der Strategie auf ihren unterschiedlichen Ebenen. Die auf der technischen Ebene nahezu geniale Lösung erweist sich bereits auf der taktischen als weit weniger effektiv, um sich schließlich auf der Ebene der Gefechtsfeldstrategie als vollends ungeeignet zu erweisen.

Ergänzt wird diese Darstellung mit zahlreichen historischen Beispielen und Exkursen etwa zum Luft-, See-, Atom- und Guerillakrieg, die den Leser neben der Vermittlung historischen Wissens für die dynamischen Wechselwirkungen in komplexen Zusammenhängen sensibilisieren und zum eigenen Nachdenken anregen, was wohl der größte Vorzug des Buches ist.

Dabei hält Luttwak auch manch unbequeme, zum Teil auch zynisch anmutende Wahrheit bereit. Das betrifft zum Beispiel die Erfahrungen mit multinationalen Einsätzen in Krisenregionen wie dem ehemaligen Jugoslawien. Luttwak schreibt in diesem Zusammenhang von „multinational induzierter Truppenverschlechterung“, da die Leistungen der beteiligten Truppen nicht zuletzt durch das Primat der Risikovermeidung im „postheroischen Zeitalter“ auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert werden, was bis zu völliger Passivität reiche. Im schlimmsten Fall kollaborieren Friedenstruppen bei Massakern wie 1995 das Dutchbat in Srebrenica oder machen wie die ECOMOG [Monitoring Group der Economic Community of West African States] in Sierra Leone durch Plünderungen, Vergewaltigungen und Schwarzhandel von sich reden (S. 94f.).

Der Befriedung von Kriegsgebieten durch die UNO und der Arbeit der Non-Governmental Organisations (NGOs) zur Flüchtlingshilfe steht Luttwak dementsprechend äußerst skeptisch gegenüber. Eine Intervention mit UNO-Truppen verhindere eine eindeutige Kriegsentscheidung und friere den Konflikt lediglich ein, während von der Hilfe der NGOs nicht nur Flüchtlinge, sondern auch die Kriegsparteien profitieren, so dass UNO und NGOs letztlich zu Kriegsverlängerern würden. Am deutlichsten macht Luttwak dies anhand der von der United Nations Relief an Works Agency (UNRWA) unterhaltenen palästinensischen Flüchtlingslager im Nahen Osten: Deren von internationaler Hilfe lebende Bewohner sind zu lebenslangen Flüchtlingen geworden. Paramilitärische Organisationen rekrutieren hier ihren Nachwuchs, der in von der UNRWA finanzierten Schulen zu Rache und Revanche gegen Israel erzogen wird. Folgerichtig wirft Luttwak der UNO „Sabotage des Friedens“ vor, die „glücklicherweise durch die mageren Mitgliedsbeiträge der einzelnen Nationen“ lokal begrenzt bleibe (S. 95f.).

Diese zynisch anmutende Argumentation ist bei näherer Betrachtung zwar nicht von der Hand zu weisen; die Frage nach den Alternativen zur bisherigen Praxis der Flüchtlingshilfe und des peace keeping bleibt jedoch ebenso unbeantwortet wie die nach der künftigen Rolle humanitärer Standards. Die von Luttwak präferierte Austragung bewaffneter Auseinandersetzungen bis zu einer eindeutigen Entscheidung kann im Falle von Völkermord und „ethnischer Säuberung“ wohl kaum als akzeptabel gelten.

Luttwaks Wertungen sind im Einzelnen sicherlich immer wieder angreifbar. Der Verweis auf nicht intendierte Folgen, die Verkehrung von Friedensbemühungen ins Gegenteil sowie die mannigfachen Paradoxien auf allen Ebenen der Strategie mag den Leser zunächst verunsichern, da es manch konventionelle Sichtweise in Frage stellt. Luttwaks im besten Clausewitzschen Sinne „verweilende kritische Betrachtung“ sorgfältig recherchierter historischer Beispiele ist jedoch gerade dadurch vortrefflich geeignet, das Urteilsvermögen des Lesers zu schärfen. Sein Buch ist daher ein herausragendes Werk der neueren militärwissenschaftlichen Literatur, dem viele Leser zu wünschen sind.

Zitation
Christian Th. Müller: Rezension zu: : Strategie. Die Logik von Krieg und Frieden. Lüneburg  2003 , in: H-Soz-Kult, 02.09.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2789>.
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02.09.2003
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