J. O. Schmitt u.a. (Hrsg.): Das Südosteuropa der Regionen

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Titel
Das Südosteuropa der Regionen.


Hrsg. v.
Schmitt, Jens Oliver; Metzeltin, Michael
Umfang
756 S.
Preis
€ 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ekkehard Kraft, Dossenheim

Südosteuropa wird meist über seine seit dem 19. Jahrhundert entstandenen Nationalstaaten wahrgenommen. Regionen innerhalb dieser Nationalstaaten, die auch über die heutigen Grenzen hinausgehen können, geraten dabei kaum in den Blick. Kann „Region“ mit Gewinn als geschichts- und kulturwissenschaftliche Forschungskategorie verwendet werden? Das ist die zentrale Fragestellung des hier vorliegenden Sammelbandes, wie sie von den beiden Herausgebern Oliver Jens Schmitt und Michael Metzeltin in ihrer Einleitung formuliert wird. Ein Beschluss des Europäischen Parlaments im Jahre 1988, mit dem die Regionalisierung in der EU gefördert werden sollte, gab letztlich den Anstoß für eine intensive und vielfältige Forschungsdiskussion zu dieser Thematik seit über einem Vierteljahrhundert, wobei Südosteuropa bislang kaum ins Blickfeld geriet. In diesem Band sollten ursprünglich alle historischen Regionen Südosteuropas berücksichtigt werden, was sich schließlich aus unterschiedlichen Gründen nicht realisieren ließ. So beschränkte man sich auf die hier vorliegenden exemplarischen 16 Fallstudien. Ein wesentliches Augenmerk, neben der historischen Entwicklung, galt dabei den jeweiligen (intra- und interregionalen sowie auf der Ebene des Nationalstaats geführten) Diskursen.

Einige Regionen sind unter ihrem heute gebräuchlichen Namen bereits in der Antike belegt, doch einzig Dalmatien (Aleksandar Jakir, Marko Trgogrlić, S. 91–132) weist dessen durchgängigen Gebrauch auf. Alle anderen aus der Antike stammenden Regionsbezeichnungen wurden erst im 18./19. Jahrhundert wiederbelebt, wie Thessalien (Antonis Rizos, S. 641–675) und Thrakien (Mehmet Hacısalihoğlu, S. 581–602) sowie Makedonien (Vermund Aarbakke, S. 603–639) und Epirus (Oliver Jens Schmitt, 677–733). Während die beiden letzteren von konkurrierenden Diskursen geprägt waren und sind, beeinflusst durch die selektiven Sichtweisen der einzelnen nationalen Projekte und Historiographien, die auch die wiederbelebte antike Raumbegrifflichkeit national konnotierten, fehlen interessanterweise im Falle Thrakiens solche konfligierenden Diskurse weitgehend, obwohl auch diese heute in drei Staaten gelegene Region wie der makedonische Raum Schauplatz von Krieg, Flucht und Vertreibung war. Ein eigentlicher Regionalismus ist in keinem dieser Fälle entstanden.

Eine zweite Gruppe von Regionen geht auf das Mittelalter zurück; sie waren in der Regel an politische Herrschaft und Institutionenbildung gebunden. Zu Slawonien, das hier gemeinsam mit Syrmien behandelt wird (Ludwig Steindorff, S. 39–89) zählten im Mittelalter auch die westlichen Gebiete Nordkroatiens. Die osmanische Expansion reduzierte das Verständnis der Region dann auf den östlichen Teil. Wie hier gab es auch in der Herzegowina (Hannes Grandits, S. 133–175) bis zum Zerfall Jugoslawiens ein ausgeprägtes Regionalgefühl. Siebenbürgen, die Moldau und die Walachei bildeten seit dem Mittelalter politische Einheiten mit – zeitweiligen – Attributen der Eigenständigkeit. Der Beitrag zu Siebenbürgen (Florian Kührer-Wielach, S. 349–409) setzt den Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert, als die Region in rumänischen und ungarischen historischen Darstellungen ideologisch überhöht wurde. Regionalismus stellt sich in diesem Fall nicht als Abgrenzung zum Nationalismus, sondern als Sonderform desselben, quasi als Ethnoregionalismus, dar. Die Erinnerung an das Fürstentum Moldau (Flavius Salomon, S. 439–472) blieb auch nach der Vereinigung mit der Walachei präsent, nun aber als Teil des rumänischen Nationsbildungsdiskurses. Den Namen Walachei (Daniel Ursprung, S. 473–549) trugen und tragen ganz unterschiedliche Regionen oder Orte, zugleich handelt es sich aber um eine der am präzisesten fassbaren historischen Regionen im südöstlichen Europa. An diesem Beispiel lässt sich, so der Verfasser, exemplarisch zeigen, dass historische Regionen nicht einfach „existieren“, sondern durch menschliche Handlungen und Imaginationen erschaffen und erdacht werden. Das walachische Landesbewusstsein ging nach der Vereinigung mit der Moldau fast nahtlos in ein gesamtrumänisches Bewusstsein über.

Eine weitere Gruppe stellen jene Regionen dar, die auf Territorialpolitik und Grenzziehungen im Zeitalter der Nationalstaaten zurückgehen, während sich auf die lange osmanische Herrschaft kaum prägende Regionskonstruktionen zurückführen lassen. Der Sandschak (Krzysztof Zalewski, S. 177–199) war ein Kind des Berliner Kongresses von 1878. Im 20. Jahrhundert gewann er ein politisch-identitäres Eigenleben, da die dortige muslimische Bevölkerung in Bezug auf die Region eine Möglichkeit der Abgrenzung gegenüber der christlich-orthodoxen Titularnation Serbiens sah. Die Geschichte des Kosovo (Eva-Anne Frantz, S. 201–275) wird von serbischer wie albanischer Seite auf den bilateralen Konflikt reduziert, der im Grunde erst 1878 einsetzte. Auf kosovo-albanischer Seite bildete sich die Wahrnehmung als eigenständige Region im Grunde erst nach 1945 heraus. Auf serbischer Seite ist der Kosovo-Mythos wesentlicher Bestandteil der eigenen nationalen Identität. In der Vojvodina (Michael Portmann, S. 313–348) trug der signifikante Entwicklungsvorsprung gegenüber dem übrigen Serbien unter Teilen der Bevölkerung trotz mehreren Serbisierungswellen zum Entstehen eines starken Regionalbewusstseins bei. Die Bukowina (Kurt Scharr, S. 411–437) ist ein klassisches Konstrukt der Kabinettspolitik des ausgehenden 18. Jahrhunderts, innerhalb des Fürstentums Moldau existierte sie zuvor nicht als Region.

Ein Sonderfall scheint Bulgarien zu sein, dass hier insgesamt als historische Landschaft vorgestellt wird (Nenad Stefanov, S. 551–579). Regionen waren für die bulgarische Historiographie im Grund nur dann relevant, wenn es um terre irredente ging, wie z.B. im Falle Makedoniens oder der Dobrudža. Die Šumadija (Holm Sundhaussen, S. 277–311), als serbisches „Kernland“ war bislang kein Gegenstand historischer Regionalforschung. Im innerserbischen Diskurs sahen und sehen sich die Šumadiner als die echten Serben; serbische Populisten betrachten sie als wahres Zentrum des eigenen Volkstums.

Regionen, das wird deutlich, sind keine statische Größe, sondern unterliegen einem permanenten dynamischen Prozess. Vielen Regionen gemeinsam ist ihre Prägung durch Migrationsbewegungen und demographische Veränderungen. Historisch und teilweise bis heute sind viele durch eine multiethnische und -religiöse Struktur geprägt. Drei der hier behandelten Regionen, Kosovo, Makedonien und die Moldau, sind heute unabhängige Staaten, als Geschichtsregion gehen die beiden letzteren jedoch über die heutigen Staatsgrenzen hinaus. Insgesamt wird deutlich, dass im nördlichen Teil Südosteuropas in den Regionen spätestens seit der Frühen Neuzeit ein entsprechendes Bewusstsein fassbar wird, im osmanisch beherrschten Süden vor der Zeit der Nationalstaaten – mit wenigen Ausnahmen wie Bosnien – dagegen kaum. Auffällig ist, dass die Metropolitanzonen der neuen Nationalstaaten in diesem Bereich (etwa die Šumadija oder das hier nicht behandelte Attika) keine regional(istisch)e Tradition räumlicher Identifikation aufweisen. Ein grenzüberschreitendes regionales Denken wie etwa entlang der Rheinachse war und ist kaum zu beobachten.

Sammelbände sind selten aus einem Guss. Als rundum gelungen kann man insbesondere die Beiträge über Slawonien und Syrmien, die Herzegowina, Kosovo, die Šumadija, die Walachei und Epirus bezeichnen; die qualitativen Unterschiede zu den übrigen Beiträge sind aber nicht so stark ausgeprägt, wie man dies sonst oft in Sammelwerken beobachten kann. Manchen Beiträgen hätte eine abschließende Lektorierung gutgetan. Auch hätten sich so einige Unebenheiten vermeiden lassen wie unterschiedliche Schreibweisen (z. B. Mazedonien/Makedonien) und Termini (im Beitrag über die Moldau ist von Fürstentum, in jenem über die Walachei von Woiwodschaft die Rede). Einige inhaltliche Korrekturen und Anmerkungen seien hier angeführt. Statt „… die Zeit der Herrschaft der kurzlebigen byzantinischen Komnenos-Dynastie an der östlichen Adriaküste ...“ (S. 102) muss wohl „… die Zeit der kurzlebigen Herrschaft der byzantinischen Komnenos-Dynastie an der östlichen Adriaküste...“ gemeint gewesen sein. Der ukrainische Name von Fontina Alba lautet nicht Bila Kernycia, sondern Bila Krynycja (S. 456). Mit Carigrad (S. 562) statt Konstantinopel/Istanbul wird ein mit Südosteuropa unvertrauter Leser wenig anfangen können. Philotimo (S. 673) ist nicht mit Ehrgeiz, sondern mit Ehrgefühl zu übersetzen. Im Beitrag über Thessalien führen mehrere Anmerkungen (S. 19, 22, 23) ins Leere. Der Verfasser verweist auf eine eigene Arbeit, die bereits in Anm. 1. aufgeführt worden sein soll, die man dort jedoch vergeblich sucht.

Wie die Herausgeber konstatieren, kann „Region“ als Forschungskategorie den Nationalstaat ergänzen, aber nicht ersetzen, wie die in diesem Band versammelten exemplarischen Beispiele verdeutlichen. Sie bietet auch eine Deutungsebene für die Zeit vor dem Nationalstaat, zwischen der imperialen und der lokalen Ebene. Ältere Kultur- und Identitätsstrukturen werden auf diese Weise freigelegt, die durch die modernen Nationalstaaten überdeckt wurden. Die Beispiele „Bulgarien“ und Šumadija zeigen aber, dass der regionalgeschichtliche Ansatz auch ins Leere gehen kann. Letztlich, so ihr Fazit, erschließt sich kein neues nachhaltiges Konzept, da die jeweiligen historischen Strukturen zu unterschiedlich sind. Der vorliegende Band hat aber dennoch neue Perspektiven eröffnet, sind doch die Regionen Südosteuropas, vor allem in dessen einst osmanischem Teil, bislang nur wenig erforscht. Für einige der hier untersuchten Regionen gab es kaum entsprechende Vorstudien. Mit diesem Sammelband ist jedenfalls der Abstand zu der die Regionen anderer Teile Europas, insbesondere Westeuropas, betreffenden Forschung um einiges verringert worden. Er regt zugleich zu weiteren Arbeiten in diesem Zusammenhang an.

Zitation
Ekkehard Kraft: Rezension zu: Schmitt, Jens Oliver; Metzeltin, Michael (Hrsg.): Das Südosteuropa der Regionen. Wien  2015 , in: H-Soz-Kult, 16.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28697>.
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16.05.2018
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