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Title
Victorious Century. The United Kingdom 1800–1906


Author(s)
Cannadine, David
Published on
London 2017: Allen Lane
Extent
XXI, 602 S.
Price
€ 25,10; £ 30.00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Gerhard Altmann, Korb

Am Ende seiner „Betrachtungen über die Französische Revolution” beschreibt sich Edmund Burke als „one who wishes to preserve consistency, but who would preserve consistency by varying his means to secure the unity of his end”.[1] Burkes autobiographisches Diktum charakterisiert treffend die parteiübergreifenden Bemühungen der political nation im Großbritannien des 19. Jahrhunderts, den in vielen Lebensbereichen tiefgreifenden Wandel so zu gestalten, dass er die Grundfesten der ungeschriebenen Verfassung intakt ließ. Industrialisierung und Urbanisierung, überseeische Expansion und die allmähliche Integration weiterer Bevölkerungsschichten in den Bannkreis der Volkssouveränität sind die Schlagworte, welche die rasante Entwicklung Großbritanniens im Übergang zur Moderne umreißen. Am Ende des langen 19. Jahrhunderts genoss die Pax Britannica die Bewunderung sowohl liberaler als auch imperial gesinnter Kräfte weltweit. Gleichwohl rüsteten sich zur selben Zeit die Rivalen des Empire, um dessen bis dato unangefochtene Position herauszufordern, und auch im Innern warf etwa die irische Frage immer längere Schatten auf Westminster und Whitehall.

David Cannadine präsentiert nun eine über weite Strecken aus der Perspektive großer Männer verfasste Geschichte Großbritanniens zwischen dem Act of Union von 1800 und dem erdrutschartigen Sieg der Liberalen bei den Unterhauswahlen 1906. Infolge der Koalitionskriege und des auf französische Unterstützung bauenden Aufstands in Irland 1798 war Großbritannien an der Wende zum 19. Jahrhundert eine „nation ill at ease with itself“ (S. 15). Die drakonische Gewaltherrschaft auf der Grünen Insel sollte ihre Drachensaat bis zum Karfreitagsabkommen von 1998 ausbringen, denn der Rücktritt William Pitts 1801 war das erste, aber mitnichten das letzte Mal, dass ein Premierminister die Intransigenz des Monarchen oder der Parteifreunde in irischen Angelegenheiten mit seiner Demission quittierte. Im kräftezehrenden und nur dank der nach 1688 eingeleiteten „financial revolution“ (P. G. M. Dickson) zu bestehenden Ringen mit Napoleon wendete der spanische Guerillakrieg gegen die französischen Besatzer das Blatt zuungunsten des Kaisers. Die von Lord Castlereagh wesentlich mitgeformte Friedensordnung von 1815 ermöglichte es Großbritannien, sich quasi für ein Jahrhundert weitgehend vom europäischen Kontinent zurückzuziehen, um in der Folgezeit erstens seine Standarte in zahllosen Überseeterritorien aufzupflanzen und zweitens die Transformation eines oligarchischen Regimes der Großgrundbesitzer hin zum „politischen Massenmarkt“ (Hans Rosenberg) ohne traumatische Zäsuren zu bewältigen. Cannadine apostrophiert die diesen Prozess flankierende whiggistische Fortschrittserzählung lakonisch als ein „resonant amalgam of fact and fiction“ (S. 103).

Die Ausweitung des Imperiums vollzog sich, wie Cannadine ein ums andere Mal betont, bis ins letzte Drittel des Säkulums hinein meist aufgrund der Initiative rühriger men on the spot, während das Kolonialamt noch in den mittzwanziger Jahren kaum mehr als zwei Dutzend Beamte beschäftigte. Dabei spiegelte die Hierarchie in den Kolonien den militärisch-agrarischen Komplex im Mutterland wider: Nicht meritokratische Eignungsprüfungen, sondern Status und familiäre Netzwerke gaben den Ausschlag für Ernennungen auf prestigereiche Posten. Die pompösen Krönungsfeierlichkeiten Georgs IV. 1821 – „as grandeur degenerated into farce“ (S. 139) – sprach in dieser Hinsicht Bände. Doch in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen sich die Dinge grundlegend zu ändern. Schon 1828 war der antikatholische Test and Corporation Act widerrufen worden, was den konfessionellen Charakter des politischen Systems abschwächte. Die Wahlrechtsreform von 1832 dehnte das Elektorat zwar nur maßvoll aus, zwang die politischen Gruppierungen freilich, sich allmählich als moderne Parteien zu organisieren. Ein „unprecedented glut of reforms“ (S. 173) machte die dreißiger Jahre zum Angelpunkt des 19. Jahrhunderts, zugleich rückte die soziale Frage immer stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, während sich unter dem Banner des Gothic Revival und des Oxford Movement die Modernisierungsskeptiker sammelten.

Das Fortschrittsbewusstsein wurde indes auch durch ein humanitäres Desaster epischen Ausmaßes auf die Probe gestellt. Der Tod von rund einer Million Iren infolge einer von Kartoffelfäule ausgelösten Hungersnot und die Unfähigkeit bzw. der Unwille der britischen Behörden, angemessen darauf zu reagieren, markierte den Tiefpunkt einer insgesamt prekären Entwicklung der breiten Masse in den 1840er-Jahren. Premierminister Robert Peel nutzte die irische Katastrophe als schlagendes Argument für einen „genuinely secular-cum-religious crusade“ (S. 267): Sein am Ende erfolgreicher Kampf gegen die protektionistischen Corn Laws läutete die Epoche des Freihandels und mithin eine Vorstufe der ökonomischen Globalisierung ein. Als „global hegemon on the cheap“ (S. 269) bediente sich das Vereinigte Königreich nämlich nicht zuletzt seiner wirtschaftlichen Präponderanz, um mithilfe eines informal Empire Märkte und Gesellschaften zu durchdringen, wobei das Prinzip des responsible government zumindest die Dominions schrittweise dem Westminster-System assimilieren und so dauerhaft für das Imperium gewinnen sollte. Nach der indischen Rebellion 1857 wurde außerdem die Ostindien-Kompanie aufgelöst und deren Aufgaben verstaatlicht.

Im Konflikt um den Etat von 1852 gerieten erstmals Benjamin Disraeli und William Gladstone aneinander. Sie gehörten zu einer regelrechten „cavalcade of larger-than-life personalities“ (S. 302) des Viktorianischen Zeitalters und prägten für eine Generation den Schlagabtausch in Westminster. Insbesondere Gladstone verstand es, mit seiner Version eines inklusiven Liberalismus die politische Kultur Großbritanniens nachhaltig zu verändern. Dazu scharte er die nonkonformistischen Geister um sich, die von der Anglikanischen Kirche – nicht von ungefähr als „the Tory party at prayer“ karikiert – als Abtrünnige behandelt wurden, und verschrieb sich mit nachgerade alttestamentarischem Furor, aber letztlich vergebens der irischen Frage, die er, im Prinzip analog zu den weißen Siedlerkolonien, mithilfe weitgehender Selbstregierung lösen wollte. Ein Hauch von Populismus umwehte Ende der 1870er-Jahre seine Midlothian-Kampagne, in deren Verlauf er die orientalische Frage für ein politisches Comeback einspannte. Im Jahr 1884 dehnte er schließlich das Wahlrecht auf gut drei Fünftel der männlichen Bevölkerung aus, während im Hintergrund Joseph Chamberlain die dem irischen Home Rule abgeneigten Liberalen Unionisten formte und so den Konservativen unter Lord Salisbury für zwei Jahrzehnte eine dominante Stellung ermöglichte.

Der „Tory respite from the heroics and histrionics“ (S. 412) der moralischen Eroberungen Gladstones stand zunächst unter dem Eindruck der Großen Depression, der bis 1896 dauernden Wirtschaftskrise, welche gerade den Agrarsektor hart traf. Der durch den anfangs verlustreichen Burenkrieg befeuerte Nationalismus der Arbeiterklasse festigte die Stellung der Tories, gleichwohl scheiterte Chamberlain mit seinem Ansinnen, das Empire föderal zu strukturieren und damit jenen „fit of absence of mind“ (John Robert Seeley) zu korrigieren, der – so auch der Konsens in weiten Teilen der Historiographie – die Expansion des Empire ohne Masterplan vorantrieb, das freilich nie „as a cause and as a creed“ (S. 482) zum massentauglichen Movens der Politik taugte. Die Flottenrivalität mit dem Wilhelminischen Deutschland und der wirtschaftliche Aufstieg der Vereinigten Staaten legten schonungslos die Sollbruchstellen eines imperial overstretch bloß. Die halkyonischen Jahre des britischen Jahrhunderts, die sich auch, so Cannadine, der Finesse einer politischen Klasse verdankten, welche deren Nachfolger im 21. Jahrhundert vor Scham erröten lassen sollte, gelangten an ihr Ende.

Cannadines zuverlässige, jedoch insgesamt recht konventionelle Summa der reichhaltigen Forschung zum 19. Jahrhundert orientiert sich an den prominenten Wegmarken der britischen Geschichte: Reformgesetzgebung, Kanonenbootdiplomatie, Strukturkonflikte eines multiple kingdom. Der Autor der bahnbrechenden Studie über den Niedergang der britischen Aristokratie zergliedert dabei mit viel Akribie das soziale Gefüge jeder neuen Regierung und kann so die Vorherrschaft agrarischer Interessen bis weit ins Zeitalter der Industrialisierung hinein veranschaulichen. Dass viktorianische Werte in der britischen Gesellschaft bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts den guten Ton vorgaben und erst dann durch eine „cultural revolution“ (Arthur Marwick) nach und nach relativiert wurden, offenbart zudem, wie erfolgreich die gewissermaßen von Edmund Burke vorgezeichnete Strategie einer defensiven Modernisierung war.

Anmerkung:
[1] The Works of the Right Honorable Edmund Burke, Volume III, 5. Aufl. Boston 1877, S. 563.

Citation
Gerhard Altmann: Rezension zu: : Victorious Century. The United Kingdom 1800–1906. London  2017 , in: H-Soz-Kult, 16.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28840>.
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16.05.2018
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