C. Scheidemann: Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau

Titel
Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau (1869-1928). Eine politische Biographie


Autor(en)
Scheidemann, Christiane
Reihe
Europaeische Hochschulschriften Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 788
Erschienen
Frankfurt am Main 1998: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
778 S., 4 Abb.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Udo Wengst, IfZ

Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau zaehlt zweifellos zu den bedeutendsten deutschen Diplomaten des ausgehenden Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Der Abkoemmling aus holsteinischem Uradel war 1897 in den auswaertigen Dienst eingetreten und hatte nach Taetigkeiten als Sekretaer in der deutschen Botschaft in Petersburg, als Botschaftsrat in Wien und Generalkonsul in Budapest im Jahr 1912 als kaiserlicher Gesandter in Kopenhagen erstmals die Leitung eines aeusserst wichtigen Aussenpostens des Deutschen Reiches erhalten. Von nun an spielte Brockdorff-Rantzau eine bedeutsame Rolle in der deutschen Aussenpolitik. In den Tagen nach dem Kriegsausbruch 1914 zwang er die daenische Regierung - ohne eine Weisung der Reichsregierung zu haben - zur Abgabe einer Neutralitaetserklaerung. Im Verlauf des Krieges beteiligte er sich massgeblich an Friedenssondierungen, wobei insbesondere sein Anteil an der Revolutionierungspolitik in Russland hervorgehoben werden muss. Seit 1917 als Kandidat fuer den Posten des Staatssekretaers des Auswaertigen Amtes gehandelt, wurde er im Dezember 1918 in dieses Amt berufen. Als erster Aussenminister der Weimarer Republik leitete er die deutsche Friedensdelegation in Versailles. Da er nicht bereit war, den "Diktatfrieden" der Alliierten zu unterzeichnen, trat er Ende Juni 1919 zurueck. Nach der Unterzeichnung des Rapallovertrages von 1922 wurde Brockdorff-Rantzau zum deutschen Botschafter in Moskau ernannt, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1928 als Widersacher Stresemanns fuer eine staerkere "Ostorientierung" der deutschen Aussenpolitik kaempfte.

Bisher gab es - abgesehen von einem kurzen Abriss von Leo Haupts - keine Gesamtbiographie ueber Brockdorff-Rantzau. Detaillierter untersucht worden sind lediglich die Aussenministerzeit (Klaus Schwabe, Udo Wengst, Leo Haupts) und die Taetigkeit als deutscher Botschafter in Moskau (Herbert Helbig, Kurt Rosenbaum, Martin Walsdorff). Es ist daher sehr zu begruessen, dass Christiane Scheidemann den Versuch unternommen hat, die "rein punktuelle und phasenspezifische Ausrichtung" der wissenschaftlichen Beschaeftigung mit Brockdorff-Rantzau zu ueberwinden, indem sie auf der Grundlage von dessen Gesamtbiographie "Rueckschluesse oder Erklaerungsmuster fuer die politischen und persoenlichen Motive fuer das Handeln Rantzaus" zu geben versucht (S. 15 f.).

Dies ist ihr - um dies vorwegzunehmen - jedoch nur zum Teil gelungen. Die Arbeit ist entschieden zu umfangreich ausgefallen. Die mehr als 700 Textseiten haben sich nur dadurch fuellen lassen, dass die Autorin den einzelnen Stationen Brockdorff-Rantzaus immer wieder langatmige Einfuehrungen in den jeweiligen Stand der diplomatischen Beziehungen vorangestellt und sodann ausgiebig aus die Papieren des Grafen zitiert hat. So ueberwiegt ueber weite Strecken die Deskription und die Analyse kommt zu kurz.

Besonders schwach sind die ersten 150 Seiten der Arbeit ausgefallen, in denen die Entwicklung Rantzaus bis 1912 nachgezeichnet wird. In diesen Partien ist die Biographie nicht nur sprachlich problematisch, sondern auch inhaltlich enttaeuschend. Das wenige, was ueber Rantzaus Kindheit, Jugend und Ausbildung bekannt ist, wird zum groessten Teil in den Anmerkungen versteckt (z.B. der Studienaufenthalt in Freiburg, S. 52, und die militaerischen Beurteilungen, S. 55) oder nicht weiter thematisiert (z.B. wird auf den Inhalt der Dissertation, obwohl veroeffentlicht, nicht eingegangen). Darueber hinaus neigt die Autorin dazu, sich in Spekulationen zu ergehen (z.B. ueber die Auswirkungen des Militaerdienstes auf Rantzaus spaeteres Verhalten, S. 55) oder aber Zusammenhaenge ueberzuinterpretieren (z.B. die Beziehungen zwischen Brockdorff-Rantzau und Houston Stewart Chamberlain von 1902 bis 1904, die die Biographin zu Mutmassungen ueber Rantzaus Antisemitismus veranlasst, die quellenmaessig wenig gestuetzt sind, S. 89-102).

Zentrale neue Einsichten vermittelt das Buch kaum. Christiane Scheidemann fasst das Wirken Rantzaus in dem Satz zusammen: "Verfolgt man die politische Linie Rantzaus waehrend der Kaiserzeit bis zur deutschen Rapallo-Politik, so stellt man fest, dass diese konstant dem deutschen Grossmacht- und Hegemoniestreben verpflichtet war" ( S. 712.). Dies wurde auch bisher nicht anders gesehen. Dies gilt ebenso fuer die Feststellung, dass Rantzaus Handeln darueber hinaus durch den "Primat der Aussenpolitik und die Staatsraison" bedingt war (S. 712). In diesen Grundauffassungen unterschied sich Rantzau kaum von der grossen Mehrzahl seiner Kollegen im diplomatischen Dienst des Kaiserreichs und der Republik. Wodurch er sich von den meisten aber abhob, war die Unbedenklichkeit, mit der er alle Instrumente einsetzte, um seine Ziele zu verfolgen. Hier ist vor allem auf die Pressepolitik hinzuweisen, die im Kalkuel Rantzaus vor allem in Versailles eine herausgehobene Rolle spielte und die - wie Christiane Scheidemann herausarbeiten kann - von Rantzau schon fruehzeitig erprobt worden ist.

Zeit seines Lebens galt Rantzau als "unberechenbar und zu selbstaendig" (S. 340). Nicht zuletzt an diesen Charaktereigenschaften ist er als Diplomat und Politiker immer wieder gescheitert. Das Gefuehl des Scheiterns hat denn auch die letzte Zeit seines Lebens zunehmend ueberschattet. Kurz vor seinem Tod soll er gegenueber seinem Zwillingsbruder Ernst geaeussert haben: "Ich sterbe gerne, da ich nichts von dem erreicht habe, was ich ich wollte" (708). Als groesste Niederlage empfand er zeitlebens, dass es ihm nicht gelungen war, als Aussenminister die deutsche Unterschrift unter den Versailler Vertrag zu verhindern. Dies belegt eine Feststellung, die er an seinem Sterbetag gemacht haben soll. Sie lautet: "Man hat mir alles zerschlagen. Ich bin ja schon in Versailles gestorben" (S. 11).

Rantzau ist als "Wanderer zwischen zwei Welten" (Edgar Stern-Rubarth) bezeichnet worden. Nicht zuletzt dieses Spannungsverhaeltnis zwischen dem Festhalten an konservativer machtpolitischer Tradition und der Bereitschaft, sich auf progressive politische Entwicklungen einzulassen, machen Rantzau als Person und Typus einer Umbruchzeit so interessant. Trotz aller Bemuehungen um eine breite Quellengrundlage ist es Christiane Scheidemann letztlich nicht gelungen, dieses Spannungsverhaeltnis zu entschluesseln und zu Erklaerungen zu kommen, die ueber das bisher Bekannte wesentlich hinausgehen.

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