J. Verhey: Der "Geist von 1914"

Titel
Der "Geist von 1914" und die Erfindung der Volksgemeinschaft.


Autor(en)
Verhey, Jeffrey
Erschienen
Umfang
416 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Baumeister, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität MÜnchen

Seit fast zehn Jahren schon wird die Arbeit Jeffrey Verheys als Standardwerk zitiert, wenn es um die vieldiskutierte deutsche "Kriegsbegeisterung" vom Sommer 1914 geht. Jetzt hat Verhey seine bislang nur als amerikanischen Dissertationsdruck von 1991 verfügbare Studie in einer überarbeiteten, auf den neuesten Stand gebrachten deutschen und englischen Buchausgabe publiziert, die ihre Bedeutung gerade auch angesichts der in den letzten Jahren deutlich intensivierten Forschung eindrücklich unter Beweis stellt.

Das "Augusterlebnis", der vorgebliche Enthusiasmus, der die Deutschen beim Aufbruch in den Krieg 1914 vereint hätte, war bereits seit seinen eigentlichen Anfängen in der Julikrise in zahlreichen Bildern und Erzählungen fixiert und verbreitet worden. Diese Form der Aufbereitung hatte weitreichende Folgen für die Art und Weise, wie über den Grad der Militarisierung und Nationalisierung der deutschen Gesellschaft sowie den Charakter und die Wirkungen des Weltkriegs geurteilt wurde. Nicht zufällig also wurde der "August 1914" zu einem wichtigen Ansatzpunkt für die Neuperspektivierung und Revision der Forschung über das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg. Bereits seit den 70er Jahren begannen sozialgeschichtliche Untersuchungen v.a. auf lokaler und regionaler Ebene an den überkommenen Vorstellungen von der Kriegsbegeisterung zu kratzen. Zugleich gewann der "Große Krieg" aus kulturgeschichtlicher Sicht an Interesse als Brennpunkt und Ursprung wirkungsmächtiger politischer Bilder und Mythen des 20. Jahrhunderts.

Verhey bewegt sich in beiden Feldern. Zum einen leistet er eine umfassende Analyse von Stimmung und öffentlicher Meinung in Deutschland im Sommer des Kriegsausbruchs. Zum anderen untersucht er die Deutungen der öffentlichen Resonanz des Kriegsbeginns in Gestalt politisch virulenter "Erzählungen" bis in die Zeit des Nationalsozialismus - der in der deutschen Übersetzung favorisierte Anglizismus "Narrativ" suggeriert m.E. nur unnötiges theoretisches Schwergewicht. Der erste Teil der Studie erfüllt den Anspruch einer systematischen "Dekonstruktion" der "Kriegsbegeisterung". Auf der Grundlage einer breit angelegten Auswertung der Presse, deren Quellenwert er sorgfältig abwägt, diskutiert Verhey ihre Periodisierung sowie ihre sozialen, regionalen, geschlechter- und generationsspezifischen Merkmale und Grenzen. Sein Hauptaugenmerk gilt hierbei den sich in der Öffentlichkeit von Straßen und Plätzen sammelnden Massen als politischen Akteuren, als neuartiger politischer Kraft des Kaiserreichs. Damit liefert er einen wichtigen Beitrag zur "Straßenpolitik" (Thomas Lindenberger) im wilhelminischen Deutschland, die bereits den Weg weist in die Politisierung des öffentlichen Raums in Revolution und Republik. Die "Kriegsbegeisterung" erweist sich als (groß-)städtisches, v.a. bürgerliches Minderheitenphänomen, wobei der selbst von konservativen Zeitgenossen monierte, in späteren Stilisierungen ausgeblendete "Radaupatriotismus" junger Männer besonders hervorsticht. Nur in der zweiten Augusthälfte kommt es im Gefolge der ersten deutschen Siegesserie zu einer kurzzeitigen Verbreitung und Intensivierung des patriotischen Enthusiasmus, als selbst "rote" Berliner Arbeiterbezirke schwarz-weiß-rot flaggen.

Zwei Befunde betont Verhey besonders: die hochgradige emotionale Erregung während Julikrise und Kriegsbeginn, die die Stadtbevölkerung in Scharen auf die Straßen trieb, sowie die Vieldeutigkeit der Menschenansammlungen, ihre "gemischten Gefühle", die von Neugier, Panik, Angst bis zu Stolz, Ausgelassenheit und Begeisterung reichten und in unterschiedlichen kollektiven Verhaltensweisen, in stummem Ausharren, Protestzügen oder patriotischen Aufmärschen zum Ausdruck gebracht wurden. Jedoch schon aus den Massenaufläufen, die sich in der letzten Juliwoche nach dem österreichisch-ungarischen Ultimatum an Serbien auf den Straßen der Großstädte bildeten, las die rechte Presse eine eindeutige, exklusive Geltung beanspruchende Botschaft: die jubelnde Zustimmung zum Krieg, die in eine neue Dimension nationaler Gemeinschaft führte. Diese Interpretation legte den Grund für den Mythos von "Kriegsbegeisterung" und "Augusterlebnis". Auch wenn dieser in der Folge von allen politischen Kräften mit höchst unterschiedlichen Absichten in Anspruch genommen wurde, so erwiesen sich die konservativen Varianten als ungleich erfolgreicher als etwa liberale oder sozialdemokratische Deutungen. Die mythische Überformung des "August 1914", dies unterstreicht Verhey immer wieder, sagt weit mehr aus über die Verwerfungen und Spaltungen der deutschen Gesellschaft als über Stimmungen und Erfahrungen zu Beginn des Krieges.

Die Faszination und Attraktivität der Erzählungen vom "August" gründeten sich laut Verhey in zwei Bedeutungsebenen, die zugleich unterschiedliche Funktionen und Bedürfnisse erfüllten: Einerseits gaben die Massen eine symbolische Darstellung der Nation und damit eine Erklärung für die Entstehung und Bedeutung der "Volksgemeinschaft" sowie eine wichtige Rechtfertigung des Krieges. Eine solche "Lektüre" konnte für eine uneingeschränkte Bestätigung des herrschenden Systems, für eine vorsichtige Reform oder gar eine grundlegende Demokratisierung ins Feld geführt werden. Andererseits konnten die "begeisterten" Mengen in abstrakten "Geist" überführt werden: Was dann noch blieb, waren schierer Glaube, bedingungsloser Wille, die jedes noch so große Hindernis zu überwinden geeignet schienen. Diese "transzendentale" Ausprägung des Mythos gewann in der zweiten Kriegshälfte an Bedeutung. Der "Geist von 1914" wurde zum Kernstück der Propagandastrategie der Obersten Heeresleitung im militärischen Konflikt, der sich zum "totalen Krieg" auszuweiten begann.

Bislang konzentrierte sich die Rezeption von Verheys Studie fast ausschließlich auf die Frage der "Kriegsbegeisterung". Das Buch gibt jedoch auch wichtige Anregungen für eine noch ausstehende moderne Geschichte der deutschen Weltkriegspropaganda. Verhey verfolgt die Entwicklung von anfänglich repressiven Steuerungsversuchen zur aktiven Organisation der "Begeisterung" durch militärische und zivile Organe, die in dem Maße vorangetrieben wurde, in dem diese die "Stimmung" von Heer und Heimat als kriegswichtigen Faktor entdeckten. Er verweist damit auf das Wechselspiel von Institutionen, Techniken und Inhalten, die entscheidenden Einfluß auf Erfolg oder Mißerfolg der Propagandabemühungen ausübten. Den Vorstellungen von "Masse" und "Volk" im industriellen Massenkrieg, die auch im Mythos vom "Geist von 1914" zum Tragen kamen, mußte wesentliche Bedeutung für die Konzeption und Durchführung der Stimmungs- und Meinungslenkung zukommen. Selbst der aufwendigste Propagandaapparat, der sich "von oben" in doktrinierender und disziplinierender Manier an eine quasi willenlose Menge richtete, war zum Scheitern verurteilt in einer Zeit, in der das "Volk", wenn auch in sehr ambivalenter Weise, ins Zentrum der Politik rückte.

Während im ersten Teil seiner Studie die Massen als Subjekt und Objekt, gespiegelt im Medium der Presse, im Mittelpunkt seines Interesses stehen, hält sich Verhey bei der Analyse des Mythos v.a. an textliche Äußerungen der militärischen und zivilen Führung sowie Bekundungen der Eliten in Politik und Gesellschaft. Berücksichtigt er jedoch, wie im Fall der ersten mythischen Transformierungen des "Augusterlebnisses" oder der Instrumentalisierung des "Geistes von 1914" zu Zwecken der Propaganda, die Sphäre der Populärkultur bzw. visuelle Quellen, so gewinnen seine Ausführungen durch die Erschließung neuer Bedeutungs- und Handlungsebenen an Eindringlichkeit. Gerade durch die Einbeziehung der Populärkultur ließe sich "Masse" und Zivilgesellschaft auch bei der Erforschung von politischem Mythos und Propaganda nicht nur als bloßes Objekt ins Spiel bringen.

Zukünftigen Arbeiten stünden hier besonders vielversprechende Möglichkeiten und Wege bei der Untersuchung des Fortlebens des "Geistes von 1914" nach Kriegsende offen, das Verhey im letzten Teil seines Buches behandelt. Scheinbar marginalisiert, beweist der "Geist" seine Vitalität im "Weimarer Mythensyndrom" (Andreas Dörner) durch sein Verschmelzen mit zwei der wirksamsten politischen Legenden der Zwischenkriegszeit, der im gesamten politischen Spektrum verfochtenen - wie Fall des "Augusterlebnisses" mit höchst unterschiedlichen Werten und Zielvorstellungen verbundenen - "Volksgemeinschaft" sowie der antirepublikanischen Kampfformel vom "Dolchstoß". Wieder einmal wird die Unterlegenheit der demokratischen Kräfte in den politischen Symbolkämpfen nach 1918 vor Augen geführt. Zugleich legt die Diskussion der Weimarer Jahre und des Nationalsozialismus, für den das "Augusterlebnis" trotz seiner Vereinnahmung des Krieges als Ursprungsmythos kaum eine Rolle spielte, eine gewisse Schwäche von Verheys Diskussion der Kriegsjahre offen. Nicht erst im Zeichen des Nationalsozialismus rückte der Frontsoldat ins Zentrum des politischen Diskurses. Sehr bald schon nach Kriegsbeginn hatte sich der symbolische Mittelpunkt der Nation von der Heimat an die Front verlagert - ein Umstand, der auch seine Konsequenzen hatte für die Legitimität und das Rollenverständnis der zu Hause verweilenden "Arbeiter am Mythos". Das Heer wurde unversehens zum Träger des "Geistes von 1914"; das "Augusterlebnis" wurde zunehmend vom "Kriegserlebnis" überlagert und überformt. Diese gravierenden Verschiebungen deutet Verhey nur an, ohne ihnen jedoch weiter nachzugehen. Ein solcher Einwand kann das Verdienst der Studie jedoch nur wenig schmälern. Sie stellt zweifelsohne einen bedeutenden Beitrag zur neuen Kulturgeschichte des Weltkrieges und seiner Tiefenwirkungen auf die politische Kultur der Nachkriegszeit dar.

Zitation
Martin Baumeister: Rezension zu: : Der "Geist von 1914" und die Erfindung der Volksgemeinschaft. Hamburg  2000 , in: H-Soz-Kult, 22.10.2000, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-462>.
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Veröffentlicht am
22.10.2000
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