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Titel
Entziehungen. Österreichische Deserteure und Selbstverstümmler in der Deutschen Wehrmacht


Autor(en)
Fritsche, Maria
Erschienen
Umfang
284 Seiten
Preis
€ 35,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Magnus Peer Koch Universität Erfurt

Über österreichische Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs desertierten oder sich auf andere Weise den Kämpfen an den Fronten entzogen, war bis vor kurzem wenig bekannt. Wenn überhaupt, wurde der Themenkomplex in Österreich zumeist in einigen verstreuten regionalgeschichtlichen Publikationen abgehandelt. Der Initiative einer engagierten Gruppe von Studierenden, zu der im Jahre 1998 auch die Autorin des hier rezensierten Buches gehörte, ist es zu verdanken, dass das österreichische Wissenschaftsministerium im Jahre 2001 ein Forschungsprojekt über NS-Militärjustizopfer in Auftrag gab.[1]

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um die überarbeitete Fassung einer an der staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien entstandenen Diplomarbeit – der Band ist damit nicht nur Ergebnis einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern resultiert gleichzeitig aus einem hohen Maß an gesellschafts- und erinnerungspolitschem Engagement. Maria Fritsche benennt die bisher ausgebliebene Rehabilitierung dieser NS-Opfergruppe als krasses Versäumnis. Mit ihrer Schrift versucht die Autorin eine umfassende Darstellung von Desertion und Selbstverstümmlung 'ostmärkischer' Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Ausgehend von den zeitgenössischen militärjustiziellen Termini fokussiert sie Verhaltensweisen, die auf eine dauerhafte Entfernung von der Truppe abzielten. Mit 'Selbstverstümmlern' und solchen Soldaten, die sich selbst das Leben nahmen, bezieht sie Akteure in ihre Untersuchungsgruppe mit ein, die als Wehrkraftzersetzer bezeichnet wurden.[2]

Die Autorin stellt in ihrer Einleitung zunächst fest, dass in den in der Bundesrepublik erschienenen empirischen Studien über Deserteure entweder eine einseitig positive oder negative Stilisierung von Deserteuren vorgenommen wurde. Zu Recht erklärt sie solche Stereotypisierungen für erkenntnistheoretisch unproduktiv, erwähnt an dieser Stelle aber nicht, dass diese Forschungen im Zusammenhang mit der seit Ende der späten 1980er Jahre vehement geführten politischen Debatte um die Rehabilitierung der Deserteure gesehen werden müssen. Seit Mitte der 1990er Jahre fanden sich durchaus jene abwägenden Positionen, die einen komplexeren sozialhistorischen Blick auf das Forschungsfeld einforderten [3] – eine auch aufgrund der schwierigen Quellenlage in der Empirie bis heute erst in Ansätzen geleistete Arbeit.

Maria Fritsche interessieren folgende Fragen: Welches waren die Motive und sozialen Hintergründe der Akteure? Wie verliefen die Fahnenfluchten? Wie erklärt sich der Verfolgungseifer der Wehrmachtgerichte und welche Bilder hatten bzw. produzierten die Richter von ihren Opfern? Und schließlich: Wie ging die Geschichte nach 1945 weiter? Wie begegnete die österreichische Nachkriegsgesellschaft den ehemaligen Deserteuren und NS-Militärjustizopfern? Warum wurden sie dort bis heute nicht rehabilitiert?
Als Quellen zieht die Autorin v.a. Militärjustizurteile, im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes oder in der Forschungsliteratur dokumentierte Verfolgungs- und Erinnerungsberichte, zeitgenössische juristische Texte und auch Zeitzeugeninterviews heran. Für den Teil über den Umgang im Nachkriegsösterreich hat sie zudem Gesetzestexte, parlamentarische Eingaben, Zeitungen und Zeitschriften ausgewertet.

Im zweiten Kapitel behandelt Maria Fritsche Motivationen und Verlaufsformen von Fahnenfluchten und Selbstverstümmelungen. Dabei weist sie auf die Vielschichtigkeit der überlieferten Fallgeschichten hin. Es finden sich neben wenig kampfbereiten ebenso nationalsozialistisch eingestellte oder mit Tapferkeitsauszeichnungen versehene Soldaten – es gebe folglich nichts, was ein etwaiges 'Wesen' des Deserteurs klar bestimmbar machen würde. Für eine bessere Übersicht bemüht sich die Autorin dennoch um eine Typologie, der sich ihre Fallgeschichten an einigen Stellen allerdings widersetzen. Zunächst weist sie zu Recht darauf hin, dass eine moralische Bewertung entlang mehr oder weniger 'ehrenhafter' Motive (auch) für eine wissenschaftliche Betrachtung wenig nützlich sei – die Deserteure seien grundsätzlich als Opfer einer verbrecherischen NS-Militärjustiz in den Blick zu nehmen. Sie erklärt auch zutreffend, dass gerade in der militärjustiziellen Rechtsprechung Fahnenflucht und 'Wehrkraftzersetzung' als gemeinschaftsschädigendes Verhalten schlechthin gebrandmarkt worden seien und allein deshalb als politische Delikte einzuordnen wären (S. 154f.). Dennoch nimmt sie im zweiten Kapitel eine Trennung von politischen, persönlichen, oder 'spontanen' Entscheidungen vor, was – allein aufgrund der fragmentarischen Quellen – problematisch erscheint. So referiert die Autorin den Fall eines Soldaten, der aufgrund exzessiver Kriegsverbrechen seiner Einheit desertierte, und subsummiert diesen unter die Gruppe der aus 'persönlichen' Motiven fahnenflüchtigen Soldaten (S. 35). Angesichts des ideologischen Charakters des Krieges insgesamt scheint dies problematisch und wäre eine eingehende Diskussion wert gewesen.

Im dritten Abschnitt wendet sich Maria Fritsche dem sozialen Umfeld der Deserteure und Selbstverstümmler zu und zeichnet anhand ihres Materials kenntnisreich Voraussetzungen und Begleitumstände der Desertionen nach. Die Militärjustiz ist das am besten erforschte Teilgebiet des Themenkomplexes Desertion und Wehrkraftzersetzung. Die Autorin liefert in ihrer Studie einen Abriss über rechtliche Grundlagen, Organisation, Verfahren und schließlich über die Frage der politischen Rechtsprechung der Wehrmachtrichter (Kapitel IV). Ihre Einschätzungen bestätigen dabei weitgehend das Gros der bisherigen Forschungsergebnisse auf diesem Feld – vor allem, was den niedrigen juristischen Standard solcher Verfahren und den brutalen Verfolgungseifer der Richter anbelangt.

Aus der Beschreibung der Haftbedingungen in den unterschiedlichen Vollzugseinrichtungen wird einmal mehr deutlich, wovor die Soldaten flohen, wenn sie etwa aus Angst vor Bestrafung lieber desertierten, als zu riskieren, in Wehrmachtgefängnisse, Feldstraflager oder aber die gefürchteten 'Bewährungs'-Einheiten überstellt zu werden (Kapitel V). Konsequenterweise taucht dieser Punkt sowohl in der Typologie der Desertionsmotive – denn auch Fluchten aus diesen Einrichtungen galten als Desertion –, wie auch als gesonderter Punkt in der Darstellung des Verfolgungsterrors des NS-Justizsystems auf.

In den letzten beiden Kapiteln beschäftigt sich die Autorin ausgiebig mit dem gesellschaftlichen Umgang mit diesem Themenkomplex in Österreich seit 1945. Zunächst behandelt sie die gängigen negativen Stereotypisierungen, mit denen sich ihre Untersuchungsgruppe bis heute konfrontiert sieht. Danach zeichnet sie die politischen und auch die sozialen Bedingungen nach, die den geschichtspolitischen Auseinandersetzungsprozess seither begleitet haben. Die Autorin konstatiert zwar eine zumindest in den letzten Jahren großzügige Rehabilitierungspraxis der Gerichte, sieht aber grundsätzlich das Problem, dass in der österreichischen Verfassungsrechtslehre bis heute die 'Okkupationstheorie' vertreten werde, dass der österreichische Staat sich also noch immer als erstes Opfer nationalsozialistischer Aggressionspolitik verstehe (S. 190). Diese Opferperspektive machten sich auch die österreichischen Veteranen der Wehrmacht zu Eigen; sie kennzeichnet damit gleichzeitig die Schwierigkeiten einer politischen und justiziellen Rehabilitierung – nicht nur – für die Wehrmachtsdeserteure.

Maria Fritsche ist es in ihrer Studie insgesamt gut gelungen, Erscheinungsformen, Hintergründe und Folgen der 'Entziehungen' österreichischer Wehrmachtsangehöriger in den Blick zu nehmen und ihre Ergebnisse mit abgewogenem Urteil in den geschichtspolitischen Kontext einzuordnen. Dazu überzeugt die Studie auch sprachlich. Als wichtigstes Desiderat formuliert sie in der Einleitung gleichzeitig die notwendige Erweiterung der Perspektive: Anknüpfend an die 'New Military History' komme es darauf an, die gewonnenen Erkenntnisse mittels alltags- und geschlechtergeschichtlicher Ansätze zu vertiefen. Dem ist zuzustimmen – die Erforschung 'männlicher Vergemeinschaftungsformen' in der Wehrmacht, ihr Einfluss auf den militärischen (und zivilen) Alltag müsste künftig auch Verweigerungs- und Fluchthandlungen mit einbeziehen.

Mehr als bisher wären auch die militärisch-institutionellen Zusammenhänge zu berücksichtigen: Kriegslage, Einsatzort- und Zeitpunkt, Struktur, 'Charakter', Aufgabe und Zusammensetzung der jeweiligen Verbände, 'Waffenstolz' usw. All dies würde helfen, die Desertionen in einen größeren Zusammenhang zu stellen und zugleich den auch von Maria Fritsche in den Blick genommenen Kontext zwischen 'unangepasster Biographie' und abweichenden Verhaltensweisen besser als bisher zu verstehen.

[1] Die Ergebnisse dieses Projekts sind u.a. niedergelegt in: Manoschek, Walter (Hg.), Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003. Vgl. die Rezension von Wolfgang Form in H-Soz-u-Kult, 16.11.2004: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-114>.
[2] Als 'Wehrkraftzersetzung' konnte praktisch jegliches ungehorsame Verhalten gewertet und damit prinzipiell auch mit dem Tode bestraft werden. 'Wehrkraftzersetzer' waren per Definition auch Wehrdienstverweigerer, die Fritsche aus formalen Gründen nicht behandelt: sie gehörten zum Zeitpunkt ihres Handelns nicht der Wehrmacht an.
[3] Haase, Norbert; Paul, Gerhard (Hgg.), Die anderen Soldaten. Wehrkraftzersetzung, Gehorsamsverweigerung und Fahnenflucht im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt 1995, S. 7-15.

Zitation
Magnus Koch: Rezension zu: : Entziehungen. Österreichische Deserteure und Selbstverstümmler in der Deutschen Wehrmacht. Wien  2004 , in: H-Soz-Kult, 18.01.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5131>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.01.2005
Beiträger
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Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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