S. Zittartz-Weber: Zwischen Religion und Staat

Titel
Zwischen Religion und Staat.. Die jüdischen Gemeinden in der preußischen Rheinprovinz 1815-1871


Autor(en)
Zittartz-Weber, Suzanne
Erschienen
Essen 2003: Klartext Verlag
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Michael Bernhardt, Berlin

Wer über deutsch-jüdische Geschichte nachdenkt, wird sich klar machen müssen, dass sich in Deutschland in mehrfacher Hinsicht jüdische Weltgeschichte ereignet hat: Hier wurde der Völkermord an den europäischen Juden geplant und ausgeführt; hier prägte sich Jahrzehnte zuvor der moderne Antisemitismus aus. Demgegenüber sollte nicht übersehen werden, dass in Deutschland zugleich auch das Programm zur Emanzipation der Juden entwickelt wurde; und hier schufen Juden schließlich richtungweisende Modelle für eine nicht mehr durch die Tradition bestimmte Existenz. Es wäre also falsch, so ist längst klar geworden, die Vergangenheit eindimensional als bloße Vorgeschichte von Auschwitz verstehen zu wollen. Den Prozess der Neuorientierung am Beispiel jüdischer Gemeinden nachzuzeichnen ist nun Gegenstand der von Susanne Zittartz-Weber im Jahr 2003 publizierten Studie: „Zwischen Religion und Staat. Die jüdischen Gemeinden in der preußischen Rheinprovinz 1815-1871“, die insoweit eine Überarbeitung ihrer bei Wolfgang Schieder verfassten Dissertation darstellt. Nicht zufällig findet sich dieses Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne programmatisch schon im Titel ausgedrückt: „Zwischen Religion und Staat“.

Die jüdische Gemeinde in den Mittelpunkt der Untersuchung zu stellen, überzeugt in mehrfacher Hinsicht. Diese war die zentrale, konstitutive Institution jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte, zugleich aber auch als solche Bestandteil der korporativen Strukturen ständisch-feudalistischer Verhältnisse des Mittelalters. Nun waren Reibungen zwischen den innerjüdischen Selbstbestimmungsbestrebungen und den Ansprüchen der Mehrheitsgesellschaft traditionell und unvermeidlich; die ausgangs des 18. Jahrhunderts aber vor dem Hintergrund der Auflösung der Ständegesellschaft emanzipatorisch gestellte ,Judenfrage‘ änderte alles. Das Hinaustreten aus der geschlossenen, vormodernen jüdischen Lebenswelt, aus einer separaten gesellschaftlichen Randexistenz hinein in die Mitte der Gesellschaft, wirkte für Juden zunächst als fundamentale Herausforderung, war schmerzhaft, konnte Gemeinden, Familien und Individuen zerreißen und wurde deshalb auch vielfach als Gefahr der Selbstauflösung begriffen. Seitdem aber war die jüdische Geschichte nicht mehr von der allgemeinen zu trennen, sie wurde zur ,Beziehungsgeschichte‘, in der, so Zittartz-Weber, die Gemeinden in besonderer Weise zu einem Brennpunkt, zum „Parameter“ der Entwicklung werden konnten. Dieser spezifische Blickwinkel der Autorin ist damit gut geeignet, der unter dem Schatten von Auschwitz entstandenen historiografischen Tendenz, vor allem den Grenzen der Juden in Deutschland nachzugehen, entgegenzuwirken und die Chancen, die sich ihnen boten, näher auszuleuchten.

Zittartz-Weber entscheidet sich als Untersuchungsfeld für die nördliche Rheinprovinz zu Beginn der preußischen Herrschaft 1815 bis zur Reichsgründung 1871, die den deutschen Juden die Emanzipation im Sinne einer rechtlichen Gleichstellung per Reichsgesetz brachte. Überraschenderweise gibt es nämlich noch keine umfassenden oder regionalen Untersuchungen über jüdische Gemeinden in Preußen, so dass die Autorin zu recht von einer „dürftigen Forschungslage“ spricht. Aufgrund des französischen Einflusses – Revolution und napoleonische Expansion – und der ökonomischen Entwicklung gehörte die Rheinprovinz früh zu den dynamischen Regionen in Deutschland, sodass das jüdische Gemeindeleben hier gleichsam als Seismograf für Veränderungen fungiert und somit ein viel versprechendes Forschungsfeld darstellt. Als wesentliche Quellengrundlage dienen Zittartz-Weber Behördenakten der preußischen Rheinprovinz, daneben vor allem auch die deutsch-jüdische Presse im 19. Jahrhundert, während innerjüdische Quellen ihr leider aufgrund des 2. Weltkrieges (und der NS-Zeit) nur noch begrenzt zugänglich waren.

Als Bevölkerungsgruppe gesehen lebten rheinische Juden, anders als in den anderen preußischen Regionen, zu Beginn des Untersuchungszeitraums mehrheitlich in kleinen, ländlichen Gemeinden an der Peripherie, im Regelfall kleiner als 100 Personen, ohne Synagoge, ohne ausgestaltetes Gemeindeleben, und hielten ihre Gottesdienste in Privaträumen. Entsprechend dem allgemeinen Wachstum der Juden verdoppelte sich ihre Zahl bis zu den 1860er-Jahren auf 38.000, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung lag bei 1 Prozent, an der jüdischen Bevölkerung Preußens bei 14 Prozent. Die Möglichkeit der Freizügigkeit führte zu einer allmählichen Urbanisierung, ihren Durchbruch hatte die Landflucht jedoch in der nördlichen Rheinprovinz erst spät, Ende des 19. Jahrhunderts. Hier wie anderswo wiesen Juden eine durch den Ausschluss von Handwerk und Ackerbau erzwungene besondere Berufsstruktur auf, konzentriert auf die Handelsberufe. Bevölkerungszuwachs, Urbanisierung und sozialer Aufstieg führten dann, so Zittartz-Weber in ihrer Studie, zu einer Veränderung in der Mentalität rheinischer Judengemeinden. Sie waren nun in der Lage Synagogen zu bauen und wurden seit den 1840er-Jahren selbstbewusster im Umgang mit dem Staat.

Am Anfang ihrer Neuorientierung stand gleichsam noch Napoleon: sein den jüdischen Gemeinden von außen auferlegter Zwang zur Aufhebung ihrer separaten, korporativen Stellung bildete den ersten emanzipatorischen Anstoß. Nun aber, nach einer Zeit der bloßen Duldung als Kirchengesellschaft durch den preußischen Staat, griff dieser entsprechend den Erfordernissen des modernen Gemeinwesens reglementierend ein und ordnete das jüdische Kulturwesen neu als öffentlich-rechtliche Organisation mit staatlich verfügten Synagogengemeinschaften. Quellennah zeichnet Zittartz-Weber plausibel nach, wie dieser Umbruch zu einer Identitätsfrage unter den Betroffenen wird, Rivalitäten und Konkurrenz zwischen ländlichen und städtischen Gemeinden über die Gestaltung des religiösen Gemeinschaftslebens auslöst mit der Konsequenz eines tief greifenden Wandels für ihr religiöses Leben. Allerdings konstatiert die Verfasserin unter den mehrheitlich ländlichen rheinischen Juden das Fortbestehen eines religiösen Konservatismus, nicht nur aufgrund des hohen Stellenwerts von Traditionen auf dem Lande, sondern auch als Folge der preußischen Judenpolitik, die weiterhin, völlig unzeitgemäß und erfolglos, auf Konversion zum Christentum, nicht aber auf religiöse Modernisierung der Juden setzt. Doch es gibt auch bereits andere Richtungen. Getragen vom rheinischen Liberalismus, in einem Klima allgemeiner Politisierung, finden sich innerhalb des städtischen jüdischen Bürgertums Vertreter, die ein ganz neues, modernes Selbstverständnis demonstrieren und sich als gleichberechtigte Bürger verstehen, unterschieden nur von ihrer Umgebung durch die Religion. Hier wünschte man sich als Leser/in vielleicht eine stärkere Individualisierung und Personalisierung der Darstellung. So haben zum Beispiel gerade die Revolutionsjahre von 1848/49 Juden dazu bewegt, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, sodass biografische Skizzen die Darstellung vielleicht hätten weiter vertiefen können.

Susanne Zittartz-Webers Fazit ist eindeutig: Trotz der Herausforderungen eines tief greifenden Umbruchs haben die rheinischen Gemeinden eine innere Spaltung vermieden und die Grundlage für eine moderne Existenz inmitten der Gesellschaft geschaffen: die Einheitsgemeinde, die unter einem gemeinsamen Dach organisatorisch Platz für viele Strömungen schafft. Insgesamt also eine gelungene, quellennahe, vom Untersuchungsfeld her überzeugende Studie, die die Modernisierung der jüdischen Gemeindeinstitutionen in der Rheinprovinz im 19. Jahrhundert als Erfolgsgeschichte nachzeichnet; nicht im Sinne einer Selbstauflösung, sondern eines Zugewinns jüdischer Existenz in Deutschland.

Zitation
Hans-Michael Bernhardt: Rezension zu: : Zwischen Religion und Staat.. Die jüdischen Gemeinden in der preußischen Rheinprovinz 1815-1871. Essen  2003 , in: H-Soz-Kult, 20.04.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5271>.
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Veröffentlicht am
20.04.2006
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