A. Morelli: Die Prinzipien der Kriegspropaganda

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Titel
Die Prinzipien der Kriegspropaganda.


Autor(en)
Morelli, Anne
Erschienen
Springe 2004: zu Klampen Verlag
Umfang
156 S.
Preis
€ 14,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Klein, DFG-Graduiertenkolleg Generationengeschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Als die USA sich 1990 anschickten, den Irak militärisch aus Kuwait zu vertreiben, vermutete Noam Chomsky, dass sämtliche offiziellen Rechtfertigungen für den Einsatz selbst von einem Teenager in zwei Minuten widerlegt werden könnten.[1] Während Chomsky sich in diesem Fall aber wie gewohnt darauf beschränkte, Manipulationen der amerikanischen Seite anzuprangern, will Anne Morelli in ihrer Studie zeigen, dass sich bei internationalen Konflikten alle Seiten propagandistischer Methoden bedienen. Die Professorin für Historische Quellenkritik an der Université libre in Brüssel sucht, so erläutert sie im Vorwort, nach einer anschaulichen Beschreibung der diesem Phänomen zugrunde liegenden Prinzipien und will deren Mechanismen ausleuchten. So bietet ihr Buch eine Sammlung zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Kriegspropaganda vom Ersten Weltkrieg bis zum Irak-Krieg des Jahres 2003.

Dass Propaganda immer wieder denselben Regeln folgt, will Morelli schon durch einen expliziten Rückgriff auf Arthur Ponsonby verdeutlichen, der 1928 mit „Falsehood in War-Time“ eine Sammlung der Propaganda des Ersten Weltkrieges veröffentlichte.[2] Ponsonby, Gegner einer britischen Beteiligung an den Weltkriegen und Mitglied des Oberhauses, untertitelte sein Buch markant mit „Assortment of Lies Circulated Throughout the Nations During the Great War“. Die von Morelli als „Gebote“ bezeichneten Prinzipien der Kriegspropaganda sind direkt von Posonby abgeleitet und bilden den Rahmen für ihr Buch. Demzufolge funktionieren offizielle Kriegserzählungen stets ungefähr so: Selbstredend will eigentlich kein Land einen Krieg führen. Es kann aber passieren, dass ein anderer Staat oder ein Terrorist das eigene Land zu einer militärischen Aktion zwingt, sei es präventiv oder reaktiv. Folglich kann es aber nur eine gute und gemeinnützige Tat sein, die Bedrohung durch diesen Staat mitsamt seiner dämonischen Führung beseitigen zu wollen. Das wird nicht nur durch die Betitelung des Krieges als „heilig“ unterstrichen, sondern auch durch die rational gut begründete Unterstützung wichtiger Künstler und Intellektueller. Obwohl die Verluste des Feindes weit verheerender als die eigenen sind, handelt es sich dennoch um einen schwierigen Krieg, vor allem weil der Gegner sich unerlaubter Waffen bedient und ungezügelt Grausamkeiten begeht. Wer diese Version nicht akzeptieren will, ist auf der Seite des Feindes.

Vieles an dieser Erzählung kommt dem Leser in der Tat bekannt vor. Für die bleibende Gültigkeit der genannten Regeln hat Morelli durchweg gute Belege gesammelt. Dass ein Waffengang selten tatsächlich zu Stande kommt, um Militarismus auszulöschen, kleine Nationen zu verteidigen und Demokratie durchzusetzen, ist eine der Prämissen ihres Buches (S. 47). Auf die Bedeutung der psychologischen Komponente der Kriegführung hatte freilich bereits Ponsonby verwiesen, ebenso wie auf die Notwendigkeit, dass die Staaten sich die Unterstützung der eigenen Bevölkerung sichern. Dass dabei die einzelnen Parteien zur Last gelegten Gräuel nicht durchweg erfunden werden, sondern einen jeden Krieg ausmachen (S. 61), betont Morelli ebenfalls. Weil aber selten genau zu ermitteln sei, wer einen Krieg begonnen habe, wer Verbrechen begehe oder sich unerlaubter Mittel bediene, verzichtet sie bewusst darauf, zwischen Angreifern und Angegriffenen zu unterscheiden. Sie wolle die Parteien nicht auf eine Stufe stellen, aber sie sprächen doch „dieselbe Sprache“ (S. 28). Tatsächlich verdeutlicht der Blick auf die Kriege der letzten Jahrzehnte, dass die verschiedensten Parteien versucht haben, die beschriebenen Tendenzen zu verstärken und so gut und so lange wie möglich im Unklaren zu belassen, wie ein Krieg tatsächlich verläuft.

Morellis Behauptung, der technische Fortschritt helfe auch bei der Aufdeckung von Propaganda, beispielsweise weil es angesichts der Satellitentechnik heute nicht mehr möglich sei, hohe Verluste zu verschweigen, überzeugt nur bedingt. Sie schränkt ihr Argument selbst ein, indem sie anfügt, Journalisten zögen es trotzdem zumeist vor, die offizielle Version zu verbreiten (S. 95). Eine Abweichung davon könnten sich die Medien aufgrund ihrer Abhängigkeit von den jeweiligen Regierungen überhaupt nicht erlauben (S. 132). Ob aber „die Medien“ selbst Akteure sind, ob sie politischen oder kommerziellen Interessen folgen und bewusst oder nur unreflektiert die „Gutgläubigkeit“ der Bürger missbrauchen (S. 134), klärt Morelli nicht. Gerade weil sie das gesamte zehnte Kapitel („Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter“) darauf verwendet zu zeigen, wie sich wichtige Medien selbst auf Linie der „eigenen Seite“ halten, wären hier weitergehende und klarere Ausführungen wünschenswert gewesen.

Morellis Beispiele stammen zumeist aus den Jahren 1990 bis 2003. Sie zeigen (leider manchmal in redundanter Weise), wie gut die Lügen in Zeiten des Krieges auch in den vergangenen Jahren funktioniert haben. Ohne Propaganda wäre es unmöglich, einen Krieg zu führen, lautet daher eine ihrer Thesen (S. 137). Viel hänge dabei aber von der Qualität der Lüge ab, schränkte bereits Ponsonby ein.[3] Morellis Sammlung zeigt, dass diese Qualität im Laufe der Jahre nicht eben zugenommen hat. Trotzdem werden offensichtlich gewordene Falschmeldungen von den Medien häufig nicht einmal nachträglich berichtigt (S. 95). Über Irreführungen der Öffentlichkeit hinaus seien aber, so einer der seltenen Gemeinplätze des Buches, Worte ohnehin „nie unschuldig“ (S. 75). Was sie damit meint, belegt Morelli wiederum anschaulich mit dem Beispiel der gezielten Verwendung des Begriffs „Massenvernichtungswaffen“ im öffentlichen Diskurs. Hier werde gleichermaßen gezielt wie irreführend suggeriert, dass Waffen, die nicht chemischer, biologischer und nuklearer Art sind, „nur sporadisch“ töteten (S. 87).

Ein (ansonsten sparsam verwendetes) Ausrufezeichen (S. 89) deutet an, wie empört Morelli über die fadenscheinigen Begründungen gerade des jüngsten Irak-Krieges ist. Der sich aufdrängenden Frage, warum diese Rechtfertigungsstrategien dennoch bis zu einem gewissen Grad funktioniert haben, geht die Autorin, trotz engagierter Zusammenstellung ihrer Belege, nicht entschieden genug nach. Während Ponsonby noch die „ignorant and innocent masses“ bedauerte, die der Kriegspropaganda ahnungslos aufsitzen würden[4], kann man gerade angesichts von Morellis Sammlung von „Unwissenheit“ wohl kaum noch sprechen. Die Qualität einer Lüge ergibt sich offenbar daraus, wie sehr sie den Erwartungen der Öffentlichkeit entspricht, wie glaubhaft Kriegsparteien sie darlegen können, Medien sie verbreiten und die Bevölkerung bereit ist, sie hinzunehmen. An ein Komplott will Morelli dabei nicht glauben. Vielmehr unterstellt sie ein „pathologisches Bedürfnis“, sich auf der Seite der Tugendhaften zu sehen (S. 134). Dazu brauchten Bürger und Mediennutzer leicht identifizierbare Gute und Böse (S. 42). So oft die Prinzipien der Propaganda auch nachträglich durchschaut wurden, so sehr werden sie bei späteren Kriegen dennoch wieder erfolgreich sein, lautet ihre pessimistische Prognose – eben weil wir gern glauben wollen, auf der richtigen Seite zu stehen und die richtigen Dinge zu tun (S. 133). Um dennoch weniger anfällig für propagandistische Methoden zu sein, rät Morelli zu mehr „systematischem Zweifel“ (S. 138).

Wer sich eingehender mit den behandelten Kriegen oder mit Propaganda beschäftigt hat, wird in Morellis Buch wenig neue Beispiele finden. Es ist gleichwohl eine lohnende Lektüre für diejenigen, die wissen möchten, worauf dieser empfohlene „systematische Zweifel“ gerichtet werden sollte. Mehr wollte Anne Morelli nicht liefern, aber entsprechend lässt sie einige weitergehende Fragen offen.

Anmerkungen:
[1] Chomsky, Noam, Media Control. The Spectacular Achievements of Propaganda, New York 1997, S. 50.
[2] Posonby, Arthur, Falsehood in War-Time. Containing an Assortment of Lies Circulating Throughout the Nations During The Great War, London 1928.
[3] Ponsonby (wie Anm. 2), S. 24.
[4] Ponsonby (wie Anm. 2), S. 13.

Zitation
Lars Klein: Rezension zu: : Die Prinzipien der Kriegspropaganda. Springe  2004 , in: H-Soz-Kult, 29.06.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5787>.
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29.06.2005
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