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Titel
Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte


Autor(en)
Coulmas, Florian
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Umfang
138 S.
Preis
€ 10,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Schwentker, Institute for the Comparative Study of Civilizations, University of Osaka

Die Abwürfe der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 markieren eine weltgeschichtliche Zäsur. Nie wieder wurden seitdem so viele Menschen zugleich Opfer von Massenvernichtungswaffen; Hiroshima steht für den Eintritt in das Zeitalter der nuklearen Kriegführung. Darüber hinaus beschleunigte der Einsatz der Atombomben, wie immer man die dahinter stehenden Intentionen der amerikanischen Führung im Nachhinein auch bewerten mag, das Ende des Zweiten Weltkriegs in Ostasien. Rechtzeitig zum 60. Jahrestag der Abwürfe der Atombomben hat nun Florian Coulmas, seit Herbst 2004 Direktor am renommierten Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo, ein kenntnisreiches und gut geschriebenes Bändchen veröffentlicht, in dem aus verschiedenen Perspektiven die Hintergründe für den Abwurf der Bomben rekonstruiert und der komplexe „Kampf“ um die Legitimität dieser Ereignisse analysiert werden. Die japanische „Opferperspektive“ und die amerikanische Sichtweise, mit dem Einsatz der Atombomben einen gerechten Krieg zu einem schnellstmöglichen Ende geführt zu haben, stehen sich dabei bis heute unversöhnlich gegenüber und bilden den roten Faden des Buchs.

Der Band mit dem etwas sperrigen Untertitel „Geschichte und Nachgeschichte“ gliedert sich in acht Kapitel. Zunächst beschreibt Coulmas knapp die historischen Entwicklungen des Zweiten Weltkriegs in Ostasien und wendet sich dann den technologischen, militärischen, politischen und menschlichen Aspekten zu, die für die Entscheidung zum Abwurf der Bomben maßgebend waren. In der amerikanischen Geschichtswissenschaft herrscht heute ein weitgehender Konsens darüber, dass der Einsatz der Bomben militärisch nicht mehr zwingend geboten war und sich Japan einige Monate später ohnehin ergeben hätte. Die Truman-Administration hat den Abwurf der Bomben mehrmals damit gerechtfertigt, dadurch Tausenden amerikanischer Soldaten das Leben gerettet zu haben, weil man im Falle einer Invasion allein auf amerikanischer Seite mit mehr als 500.000 Gefallenen rechnete. Inzwischen wissen wir, dass diese Zahlen nachträglich erfunden worden sind, wenngleich einige Historiker auch heute noch die militärischen und politischen Gründe, etwa die starken Verluste der Amerikaner bei ihrem Vormarsch auf die japanischen Inseln und die nach der deutschen Kapitulation einsetzende Kriegsmüdigkeit in der amerikanischen Bevölkerung, höher veranschlagen, als Coulmas dies tut. Für ihn haben die politisch-strategischen Argumente der Revisionisten um Gar Alperovitz ein größeres Gewicht: Der US-Regierung sei es vor allem darum gegangen, der Sowjetunion gegenüber Stärke zu zeigen. Auch rassistische Motive mögen die Hemmschwelle zum Einsatz der Bomben gesenkt haben. Nun wird aber in dem Band den Amerikanern keineswegs allein die Schuld an der Katastrophe zugeschoben. Japan führte in Ostasien einen brutalen Expansionskrieg, und man muss mit Coulmas der japanischen Regierung anlasten, „dass sie der eigenen Bevölkerung den Krieg viel länger zumutete, als er mit minimaler Aussicht auf Erfolg geführt werden konnte“ (S. 17).

Die nächsten sieben Kapitel sind der „Nachgeschichte“ gewidmet. In dem aus Sicht des Rezensenten besten Kapitel des Buchs über die „Orte der Erinnerung“ führt Coulmas seine Leser durch den Friedensgedächtnispark in Hiroshima und die zahlreichen Gedenkstätten. Dabei macht er plausibel, dass die Absicht, eine weitgehend unpolitische, nur dem Frieden verpflichtete Gedenkanlage zu bauen, von vornherein eine Illusion war. Dies zeigte sich beispielsweise an der nur zögerlichen Berücksichtigung der koreanischen Opfer in den Gedenkveranstaltungen (1945 hatten sich mehrere zehntausend koreanische Zwangsarbeiter in der Industriemetropole Hiroshima aufgehalten). Ein anderes Beispiel ist die politische Instrumentalisierung Hiroshimas durch die jeweils herrschenden Eliten, die mit der Rede von Japan als „der einzigen vom Atomtod heimgesuchten Nation“ dem Opferbewusstsein immer wieder neue Nahrung gibt.

Die Resonanz auf die Atombombenabwürfe in den Medien und unter den Intellektuellen war, wie Coulmas zeigt, vage. Im kalifornischen Exil notierte Thomas Mann am 6. August in sein Tagebuch: „In Westwood zum Einkauf von weißen Schuhen u. farbigen Hemden.-/Erster Angriff auf Japan mit Bomben, in denen die Kräfte des gesprengten Atoms (Uran) wirksam./“ In Europa hatte man im Sommer 1945 andere Sorgen. Die Presse ging nach ersten Nachrichten bald wieder zur Tagesordnung über. Ein wichtiger Grund für den geringen Informationsfluss war, dass die amerikanischen Besatzungsbehörden seit September 1945 alle Berichte, Filme und Fotos über Hiroshima und Nagasaki mit einer strengen Zensur belegten, um die politische Stabilisierung des Landes nicht zu gefährden. Auch westlichen Journalisten wurde der Zugang zu den beiden zerstörten Städten nicht erlaubt. Ob man sich damit langfristig einen Gefallen getan hat, mag man, wie der Autor, bezweifeln. Denn durch die Unterdrückung jeglicher Diskussion über die Atombomben wurde die Tendenz befördert, „die Vernichtung der beiden Städte aus dem Kriegszusammenhang herauszutrennen und als isolierte Ereignisse zu behandeln“ (S. 46). Daran änderte auch die japanische Atombombenliteratur wenig, die in Japan ein eigenes Genre bildet, aber Mühe hatte, sich gegen das herrschende literarische Establishment mit seiner Betonung der „reinen“, d.h. von Politik und Geschichte freien Literatur zu behaupten. Dennoch gehören die von Coulmas vorgestellten Autoren wie Masuji Ibuse („Schwarzer Regen“) oder der Nobelpreisträger Kenzaburo Ôe („Notizen aus Hiroshima“) zu den Klassikern der japanischen Literaturgeschichte. Ergänzt werden ihre Arbeiten zur kollektiven Bewältigung der Katastrophen von zahllosen Zeugnissen Überlebender.

Ein besonderes Interesse dürfte in diesem Bändchen das Kapitel über die Geschichtslehrbücher finden, seit die Auseinandersetzungen darüber zwischen Japan auf der einen Seite und China und Südkorea auf der anderen international Schlagzeilen gemacht haben. Coulmas’ luzide Analyse der japanischen, amerikanischen und deutschen Lehrbücher mit Blick auf die Behandlung von Hiroshima und Nagasaki zeigt, dass die Erzählperspektive für die politische bzw. moralische Beurteilung der Katastrophe entscheidend ist. Das in Frage stehende Schulbuch einer rechtskonservativen Gruppierung, das zwar von der japanischen Regierung genehmigt, aber nur in weniger als 1 Prozent aller japanischen Schulen im Geschichtsunterricht verwendet wird, stellt Hiroshima als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit neben Auschwitz. Diese Position ist, so Coulmas, „verglichen mit anderen japanischen Schulbüchern untypisch“ (S. 92); dort werden Hiroshima und Nagasaki als letztes Kapitel der japanischen Niederlage beschrieben, wobei die meisten Schulbücher sich mit moralischen Verurteilungen sehr zurückhalten. Genauso disparat ist der Umgang mit diesem Thema in den amerikanischen Lehrbüchern, und in den deutschen Schulbüchern wird es nur kursorisch behandelt. Nach Coulmas übernehmen die meisten deutschen Lehrbücher die amerikanische Auffassung über den Kausalzusammenhang zwischen Bomben und Kapitulation, dem der Autor skeptisch gegenübersteht.

Allein der enge zeitliche Rahmen, der die Abwürfe der Bomben und die nachfolgenden Auseinandersetzungen in der japanischen Führung über die Kapitulation umschließt, macht es schwer, dieses Argument zu entkräften. Auch ist die Mehrzahl der Historiker keineswegs, wie Coulmas behauptet, davon überzeugt, dass dieser Kausalzusammenhang nicht bestehe. Die Frage, ob der Abwurf beider Bomben aus militärischen Gründen zwingend notwendig war, um Japan in die Knie zu zwingen, bleibt davon unberührt. Der vom Autor gelegentlich zitierte und zu Unrecht ins Lager der Revisionisten gesteckte Barton J. Bernstein hat sich zwar gegen den so genannten „Mythos von den 500.000 geretteten Amerikanern“ gewandt, aber an anderer Stelle unmissverständlich klar gemacht, „the important question was how militarily to produce Japan’s surrender, and sometimes what kind of surrender was likely“.[1]

Mittlerweile haben sich die Gewichte in der Bewertung Hiroshimas vor allem in Japan deutlich verschoben. An die Stelle des Opferbewusstseins ist heute die Auseinandersetzung über Japans Schuld am Krieg getreten – und an der Art, wie er geführt wurde. Die Besuche des Yasukuni-Schreins durch japanische Ministerpräsidenten und die heftigen Reaktionen darauf bei den asiatischen Nachbarn haben aus dem amerikanisch-japanischen Antagonismus mit Blick auf Hiroshima eine japanisch-asiatische Konfliktkonstellation werden lassen. Coulmas zeichnet auch diese Veränderungen kompetent nach. Gern hätte man etwas mehr über die Haltung der japanischen Bevölkerung und die ambivalente Politik der Regierung gegenüber dem Hiroshima-Problem in den Jahrzehnten des Aufbaus einer eigenen Atomindustrie erfahren. Nur an einer Stelle ist von der „Tabuisierung des Themas in der japanischen Gesellschaft“ die Rede (S. 65), ohne dass dieser interessante Aspekt von Coulmas an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen würde. Insgesamt liegt mit dem Band aber ein klar strukturierter Überblick vor, der einen soliden Zugang zu einem schwierigen Thema eröffnet, das uns auch über den 60. Jahrestag der Atombombenabwürfe hinaus weiter beschäftigen muss.

Anmerkung:
[1] Es wirkt immer beckmesserisch, auf einen fehlenden Titel im Literaturverzeichnis hinzuweisen; aber einer der wichtigsten amerikanischen Sammelbände zum Thema – Hogan, Michael J. (Hg.), Hiroshima in History and Memory, Cambridge 1996 – sollte eigentlich nicht fehlen. Dort auf S. 41 findet sich auch Bernsteins Zitat.

Zitation
Wolfgang Schwentker: Rezension zu: : Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte. München  2005 , in: H-Soz-Kult, 26.08.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6247>.
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26.08.2005
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