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Titel
Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930-1933


Autor(en)
Blasius, Dirk
Erschienen
Göttingen 2005: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
188 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Wagner, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Der Nationalsozialismus kam im Januar 1933 in Deutschland an die Macht, weil er sich einem zutiefst verängstigten Bürgertum erfolgreich als Retter vor dem vermeintlich drohenden Bürgerkrieg präsentierte. Dass dies ausgerechnet der NSDAP gelang – deren politische Praxis auf den Straßen der Republik extrem gewalttätig war und deren Führer den Bürgerkrieg nicht scheuten, sondern vielmehr bewusst in Szene setzten – verweist zum einen auf den Grad politischer Verwirrung, der vom Bürgertum Besitz ergriffen hatte. Zum anderen trug hieran die Politik des Kabinetts von Papen im Sommer/Herbst 1932 die wesentliche Schuld: Im Bemühen um ein Bündnis mit den Nationalsozialisten hatte diese Regierung die bis dahin als Bürgerkriegspartei geächtete NSDAP zur staatserhaltenden Bewegung aufgewertet und damit salonfähig gemacht. So lauten die Kernthesen des Essener Historikers Dirk Blasius, die dieser in seinem neuesten, solide recherchierten und mit souveränem Überblick geschriebenen Buch vertritt.

Blasius ist offenbar einer Spur gefolgt, auf die er bei seiner Beschäftigung mit dem Denken des Staatsrechtlers Carl Schmitt gestoßen ist.1 Als Schmitt im Oktober 1932 während des Prozesses vor dem Reichsstaatsgerichtshof, bei dem es um die Rechtmäßigkeit der Absetzung der sozialdemokratischen Regierung Preußens durch die Reichsregierung am 20. Juli desselben Jahres ging, die Position des Reiches vertrat, rückte er zwei politische Bewertungen in den Vordergrund: Im Sommer 1932 habe in Deutschland eine „Bürgerkriegslage“ bestanden, und die beiden hier einander gegenüberstehenden Lager seien keinesfalls gleichermaßen als „staatsfeindlich“ zu beurteilen. Vielmehr habe Papens Kabinett zu Recht nur die Kommunisten als Staatsfeinde definiert, während die Annahme der Sozialdemokratie, auch die NSDAP sei verfassungsfeindlich eine für „Millionen Deutscher“, die dieser Partei anhingen, „beleidigende Gleichstellung mit der Kommunistischen Partei“ gewesen sei (Schmitt zit. nach S. 116f.). Im Juli 1933 ging Schmitt noch einen Schritt weiter und feierte in einem Zeitungsartikel Papens „Preußenschlag“ als Tat, die einen „furchtbaren Bürgerkrieg“ verhindert habe, betonte aber zugleich, dass dies „ohne den Hintergrund der mächtigen nationalsozialistischen Bewegung [...] nicht gelungen“ wäre. Nur im Einklang mit dieser Bewegung seien der Bürgerkrieg abzuwenden und „der deutsche Staat“ zu retten gewesen (Schmitt zit. nach S. 178).

In Verfolgung der von Schmitt gelegten Spur hat Blasius zum einen die wesentlichen meinungsbildenden Tageszeitungen für den Zeitraum zwischen 1930 und 1933 systematisch darauf hin ausgewertet, welche Rolle in ihnen eine Deutung der Gegenwart als Bürgerkrieg oder zumindest als Vorabend eines drohenden Bürgerkrieges spielte. Zum anderen analysiert er das Handeln der politischen Entscheidungsträger im Jahr 1932 aus der Perspektive, dass der Bürgerkrieg „die feststehende Achse“ gewesen sei, „um die sich die Politik in Deutschland“ gedreht habe (S. 96). Trotz der reichhaltigen Literatur über das Ende der Weimarer Republik und die politische Gewalt in dieser Phase ist eine solche Perspektive noch nie so konsequent einer Interpretation zugrunde gelegt worden. Der so erzielte Erkenntnisgewinn ist beeindruckend.

Die Endphase der Weimarer Republik deutet Blasius primär als „Desorientierungskrise“ des Bürgertums (S. 7). Dessen Wahrnehmung der Krisensymptome nach 1930 sei entscheidend vorgeprägt gewesen durch seine Erfahrungen am Beginn der Republik: Die Novemberrevolution von 1918 und die gewaltsamen Konflikte der folgenden Jahre hätten das Bürgertum für das Phänomen des Bürgerkriegs hypersensibilisiert und ihm einen geradezu hysterischen Antikommunismus eingeimpft. Vor allem aber habe das Bürgertum das eigene Verhalten in der Revolution als beschämende „Feigheit“ empfunden, als schuldhafte Schmach, die es bei nächster Gelegenheit durch die Bereitschaft zur gewaltsamen Vertretung der eigenen Ordnungsvorstellungen zu kompensieren gelte. Da auch die KPD ab 1930 an die Wiederkehr der revolutionären Entscheidungssituation der frühen 1920er-Jahre geglaubt und durch martialische Bürgerkriegsgesten das ihre dazu beigetragen habe, die Befürchtungen des Bürgertums zu nähren, sei es der NSDAP gelungen, sich als die Verkörperung eines „neuen bürgerlichen Mut[s]“ dem roten Umsturz gegenüber zu profilieren (S. 90). „Mit kalter Berechnung“ hätten die Nationalsozialisten in den Wahlkämpfen des Jahres 1932 den Bürgerkrieg heraufbeschworen, sich einerseits als militanter Arm des Bürgertums im Bürgerkrieg und andererseits als präventiver Retter vor dem Bürgerkrieg in Szene gesetzt (S. 94).

Mit den strategischen Überlegungen der kommunistischen Kader, mit ihrer Deutung der vermeintlichen Bürgerkriegssituation beschäftigt sich Blasius nicht näher. Er sieht die „bellizistische Sprache“, die militaristischen Rituale und die realen Gewaltakte von Seiten der KPD wahrscheinlich zu Recht primär als Versuche, die Mobilisierung der eigenen Anhänger zu steigern (S. 57). Dennoch wäre es fruchtbar gewesen, danach zu fragen, welche Lehren denn die KPD-Führung aus dem Scheitern ihrer Bürgerkriegesexperimente am Beginn der Weimarer Republik (im Ruhrkampf des Jahres 1920, der mitteldeutschen Aktion von 1921 und des Hamburger Aufstandes von 1923) gezogen hatte – bzw. warum diese Funktionäre 1932 so rauschhaft eine gewaltsame Entscheidungssituation beschworen, von der sie wissen konnten, dass sie diese unter verheerenden Opfern verlieren würden. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sollte sich 1933 ja zeigen, dass die KPD noch nicht einmal auf die nun einsetzende Repression vorbereitet war, geschweige denn auf einen Bürgerkrieg.

Zwar bleiben hier interessante Fragen unbeantwortet, doch gerade durch die eher beiläufige Betrachtung der KPD gelingt es Blasius, den analytischen Akzent an der richtigen Stelle zu setzen. Letztlich führten nicht die verbalen und symbolischen Kriegsspiele der Kommunisten dazu, dass die NSDAP zur „Beschützerin bürgerlicher Sekurität“ avancieren konnte, sondern das fatale Agieren der nationalkonservativen Politiker des Jahres 1932 (S. 176). Die Regierung Brüning hatte in ihrer Endphase immerhin noch deutliche Signale gegen die Vereinbarkeit bürgerlicher Ordnung und nationalsozialistischer Gewalt gesetzt. Das von ihr am 13. April 1932 erlassene Verbot von SA und SS wurde aber bereits zwei Monate später von der gerade erst ins Amt gelangten Regierung des Kanzlers Franz von Papen aufgehoben. Papen setzte offen auf eine Zweiteilung der deutschen Gesellschaft in ein vermeintlich geeintes marxistisches Lager (SPD und KPD) einerseits und den „Rest des deutschen Bürgertums“ (unter explizitem Einschluss der NSDAP als der „großen nationalen Freiheitsbewegung“) andererseits (so Papen in einer Rundfunkrede vom 4. November 1932, zit. nach S. 126 und 128). Statt das illusionäre Ziel einer Tolerierung seiner Regierung durch die Nationalsozialisten zu erreichen, öffnete Papen ihnen den Weg zur Akzeptanz in der bürgerlichen „Mitte“ – durch immer neue Anbiederungsgesten sowie durch das dramatisierende Beschwören einer Bürgerkriegsgefahr.

Blasius nimmt eine so entschieden auf das im engeren Sinn Politische beschränkte Perspektive ein, dass man ihn früher mit Recht der Konventionalität geziehen hätte. Heute, nach langen Jahren der Dominanz sozial-, kultur- oder alltagsgeschichtlicher Akzentsetzungen, mutet seine Herangehensweise wieder geradezu innovativ an. Und sie belegt mit ihrem reichen intellektuellen Ertrag immerhin das Potential intelligent „gemachter“ politischer Geschichtsschreibung. Zum einen analysiert Blasius nüchtern und ohne jedes retrospektive Wunschdenken die politischen Optionen der Kabinette Papen und Schleicher. Gegenüber den vielfachen Versuchen von Historikern, vor allem in Schleichers Konzepten eine Alternative zu Hitlers Machtantritt ausfindig zu machen, betont er plausibel die faktische Rolle der letzten Präsidialkabinette als williger Wegbereiter des Nationalsozialismus. Zum anderen aber gelingt es Blasius durch die Analyse der Tagespresse eindrucksvoll aufzuzeigen, wie besessen weite Teile der Öffentlichkeit 1932 von der Vorstellung waren, in einer Bürgerkriegssituation zu stehen und wie prägend diese Deutung für die Handlungen der Politiker, die Stimmung der Presse und wohl auch für das Verhalten vieler Wähler wurde.

Blasius’ Argumentation überzeugt dort, wo er die zeitgenössische Wahrnehmung und Deutung der Gegenwart als Bürgerkrieg in den Blick nimmt. Leider unterscheidet er diese Ebene nicht durchgängig präzise von der Ebene einer historischen Analyse politischer Gewalt. Die Zeitgenossen sahen in den Saal- und Straßenschlachten, den paramilitärischen Aufmärschen und politischen Morden Indikatoren dafür, dass man sich schon in einem Bürgerkrieg befinde oder doch zumindest kurz vor dessen Ausbruch stehe. Aber taugt der „Bürgerkrieg“ auch als analytische Kategorie des Historikers, wenn es gilt, die politische Gewalt der Jahre zwischen 1930 und 1933 zu klassifizieren? Diese Frage lässt Blasius merkwürdig offen; er changiert mitunter zwischen den Ebenen und vermischt sie, charakterisiert das Niveau der politischen Gewalt dabei mal als „latenten“ Bürgerkrieg (S. 98), um dann wieder zu befinden, der Bürgerkrieg sei bereits „in vollem Gange“ gewesen (S. 68). Er betont zwar, dass es möglich sei, „die Pegelhöhe politischer Gewalt“ analytisch zu bestimmen (S. 15) und „Parameter“ für ihre Kategorisierung als Bürgerkrieg bzw. Nicht-Bürgerkrieg zu benennen (S. 13). Aber er unterzieht sich dieser Aufgabe nicht systematisch, ja unterlässt es, solche „Parameter“ explizit zu machen. Gemessen an den gewaltsamen Auseinandersetzungen in Deutschland zwischen 1919 und 1923 oder an anderen europäischen Konflikten der Zwischenkriegszeit – seien es die Bürgerkriege in Russland, Irland oder Spanien – erscheint mir der Terminus des Bürgerkrieges jedenfalls als wenig geeignet, um die politische Gewalt am Ende der Weimarer Republik zu analysieren.

Nichtsdestotrotz ist es Dirk Blasius mit diesem Buch gelungen, auf einem vermeintlich längst „ausgeforschten“ Feld neue Perspektiven zu öffnen. Nicht zuletzt von der sprachlichen wie argumentativen Klarheit und Geradlinigkeit, mit der dies geschieht, können KollegInnen viel lernen.

Anmerkung:
1 Siehe Blasius, Dirk, Carl Schmitt. Preußischer Staatsrat in Hitlers Reich, Göttingen 2001.

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