Sammelrezension: E. Wolfrum: Geschichte der Bundesrepublik

: Die Bundesrepublik Deutschland (1949-1990). Stuttgart : Klett-Cotta  2005 ISBN 3-608-60023-X, 652 S. € 42,00.

: Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart : Klett-Cotta  2006 ISBN 3-608-94141-X, 694 S. € 29,50.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Konrad H. Jarausch, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Eine Neuauflage „des Gebhardt“ ist ein Markstein für die Geschichtswissenschaft, denn diese Zusammenfassung des Wissensstandes präsentiert fast so etwas wie eine Meistererzählung in einer pluralen Interpretationslandschaft. Weil das lange Zeit führende Handbuch der deutschen Geschichte beansprucht, die wichtigsten Fakten, Interpretationen und Literaturhinweise für die weitere Forschung zu präsentieren, haben Generationen von Studierenden aus seinen Seiten gelernt. Mit Band 23 hat der ausgewiesene Zeithistoriker Edgar Wolfrum nun eine Geschichte der Bundesrepublik geschrieben, die das in früheren Auflagen der Reihe noch ausgesparte Territorium der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Kanon aufnimmt. Allerdings wird dieser lobenswerte Schritt durch zwei fragwürdige Entscheidungen der Herausgeber behindert: Erstens beginnt der Band nicht mit dem Jahr 1945, sondern erst mit der Staatsgründung von 1949, da die Besatzungszeit in einem separaten Band behandelt wird. Zweitens wird in einem separaten Band, dem 22. der Reihe, zugleich die DDR-Geschichte dargestellt[1], was hinter den Stand der gegenwärtigen Diskussion zurückfällt und die Möglichkeit einer integrierten Betrachtung der Jahrzehnte der Teilung verbaut.

Von dieser Vorentscheidung der Reihenherausgeber abgesehen, hat Wolfrum einen instruktiven Überblick zur Entwicklung der alten Bundesrepublik vorgelegt. Die Darstellung setzt mit einer Rekapitulierung von zehn Narrativen ein, die allerdings nur um drei zentrale Probleme kreisen: erstens die Nationsidee mit ihren Nachwirkungen und Distanzierungsversuchen; zweitens die Etablierung und Festigung der Demokratie als zivilisierende Öffnung zum Westen; drittens die Ursprünge der Gegenwartsprobleme. Wolfrum gliedert den Zeitraum von viereinhalb Jahrzehnten nicht wie die Konkurrenzreihe „Grundriss der Geschichte“[2] in zwei durch die Zäsur von 1968/69 getrennte Phasen – wie man vielleicht vermutet hätte –, sondern in drei Abschnitte. Sie behandeln die Stabilisierung der Bundesrepublik während der 1950er-Jahre, ihre Pluralisierung während der „langen“ 1960er-Jahre sowie schließlich ihre Internationalisierung zwischen 1974 und 1990. Zu begrüßen ist vor allem die Bandbreite der Darstellung, die über die traditionellen Fragen der Innen- und Außenpolitik hinausgeht und die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung als dritte Dimension gleichberechtigt mit einschließt. Einige der lesenswertesten Abschnitte betreffen dabei die „dritte industrielle Revolution“, die Neuen Sozialen Bewegungen und die sich wandelnden Stile der Popmusik. Obwohl die Sequenz der Themen besonders im mittleren chronologischen Abschnitt nicht immer durchgehalten wird, ergibt diese Perspektive eine interessante Erweiterung des Forschungsspektrums zur Geschichte der Bundesrepublik, die auch auf die methodologischen Verschiebungen der letzten Jahrzehnte reagiert.

Eine große Stärke des Bandes ist die klare, flüssig geschriebene Darstellung, die sich vom trockenen Duktus der klassischen Handbuchsprache angenehm abhebt. Die besten Passagen sind jene, in denen Wolfrum spannende Ereignisse wie die Guillaume-Affäre erzählen und gleichzeitig schwierige Sachverhalte wie den Rücktritt Willy Brandts erklären kann. Dabei gilt sein besonderes Interesse der Entwicklung öffentlicher Debatten und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen über den Umgang mit der NS-Vergangenheit, womit Wolfrum an eigene Vorarbeiten anknüpft, aber auch zur weiteren Selbstreflexion der Disziplin anregt. In wichtigen Fachkontroversen wie derjenigen um die sowjetische Deutschlandnote von 1952 bemüht sich der Autor um die Darstellung der Argumente beider Seiten und lässt eigene Präferenzen oft nur indirekt durchblicken. Sein Urteil ist meist ausgewogen, und pointierte Thesen dürfen die Leser/innen kaum erwarten. Wie es sich für ein Handbuch gehört, spiegelt der ausgedehnte Literaturapparat die Dichte der zeithistorischen Forschung zur Bundesrepublik und bezieht aktuelle Titel bis zum Jahr 2004 ein. Eine Zeittafel, zahlreiche Schaubilder und Tabellen sowie ein Sach- und Personenregister machen den Band trotz seines Umfangs überaus benutzerfreundlich.

Gerade wenn man den Handbuchcharakter berücksichtigt, sind jedoch auch einige inhaltliche Probleme anzumerken. So erscheinen manche der gefälligen Formulierungen etwas überzogen: Entwickelten sich die beiden deutschen Staaten wirklich erst nach dem Mauerbau und nicht schon durch die frühzeitige Einbindung in den Ost-West-Konflikt auseinander? Hatte die RAF tatsächlich keinen Rückhalt in der Bevölkerung, obwohl Wolfrum einige Seiten weiter von einer Sympathisantenszene spricht? War Jimmy Carters Politik der Menschenrechte so verfehlt, wie die in diesem Punkt wenig sensible, vielleicht zu stark von den Schmidt-Memoiren beeinflusste Darstellung suggeriert? Kann man die Bundesrepublik ein „reiches und weltoffenes Land“ nennen, wenn der Text selbst erhebliche Unterschiede der Lebenschancen und auch Phänomene wie Fremdenfeindlichkeit konzediert?

Eine wichtigere, schon genannte Schwäche ist die weitgehende Ausblendung der DDR, die Wolfrum zwar stellenweise durch Hinweise auf Beziehungen und punktuelle Vergleiche abzumildern versucht, aber die über anderthalb Jahrzehnte nach der Vereinigung noch eine ungebrochen westdeutsche Sicht auf die Bundesrepublik reproduziert. Schließlich, und dies ist vielleicht der gravierendste Einwand, bleibt die Konzeptualisierung für den dritten chronologischen Teil ziemlich schwammig. Wolfrum beginnt mit einer Schilderung der allgemeinen Krisendiskussion Mitte der 1970er-Jahre, allerdings ohne eine wirkliche Gewichtung der technischen und ökonomischen Kausalfaktoren vorzunehmen. Für die 1980er-Jahre geht er dann affirmativ auf die Fortschritte in der europäischen Integration ein, ohne die Verbindung zwischen diesen gegenläufigen Entwicklungstendenzen zu klären. Die Beliebigkeit der Postmoderne, die gerade als Analysegegenstand und methodisches Problem ernstzunehmen wäre, spiegelt sich in der Aneinanderreihung disparater Phänomene.

Insgesamt kann man es jedoch nur begrüßen, dass die Reihenherausgeber und der Autor das Wagnis der Historisierung der alten Bundesrepublik angenommen haben, denn der Zusammenbruch des Kommunismus, die deutsche Vereinigung und das Zusammenwachsen Europas haben genügend Distanz geschaffen, um diese Entwicklung nun mit größerer Tiefenschärfe beurteilen zu können. Der Band bietet insbesondere Studierenden einen guten Einstieg in das reichhaltige Material. Die Darstellung ist informativ, und man wird Wolfrum in seinen Beurteilungen fast immer folgen. So argumentiert er zum Beispiel in Bezug auf die gegenwärtige Standortdiskussion, dass es im Gegensatz zu manchen Nachbarländern der Erfolg des rheinischen Kapitalismus war, der einen grundlegenden Politikwandel im Zeichen der Globalisierung zunächst verhinderte: „Die Staatsquote erhöhte sich wiederum, die Überforderung des Staates blieb bestehen, und die strukturelle Krise wurde nicht gelöst, vielmehr verschleppt.“ (S. 449) Für die Reihe insgesamt wäre jedoch zu fragen, ob diese traditionelle Form eines gedruckten Handbuchs im Zeitalter des Internets nicht durch eine interaktive, leichter aktualisierbare und audiovisuelle Webversion ergänzt werden sollte.

Um Wolfrums kompetente Darstellung auch einem nichtwissenschaftlichen Publikum zugänglich zu machen, bietet der Verlag gleichzeitig einen buchhändlerischen Zwilling an, der unter dem Obertitel „Die geglückte Demokratie“ die gesamte Geschichte der Bundesrepublik von den Anfängen bis zur Gegenwart umfasst. Im Vergleich zum Handbuch betont die erste Seite als Leitmotiv etwas stärker den Erfolg der Demokratisierung, und Wolfrum bietet auf etwa 20 Seiten einen knappen Überblick zur Besatzungszeit, bei dem nur die Anzahl der mit „D“ anfangenden alliierten Umstrukturierungsmaßnahmen etwas problematisch ist (waren es drei oder vier, wo bleibt die Dekartellisierung?). Der Rest des Textes ist de facto identisch, jedoch mit etwas zugespitzteren Überschriften versehen. Schließlich ist die frühere Koda der Vereinigungsgeschichte nun zu einem eigenständigen vierten Teil erweitert worden, der ausgehend von einer einführenden Reflexion über den verwirrenden Charakter der neuesten Zeitgeschichte den zivilgesellschaftlichen Aufbruch in Ostdeutschland beschreibt, jedoch den bundesrepublikanischen Teil des Kapitels (12) in alter Fassung beibehält. Nur die beiden letzten Kapitel über die Außenpolitik nach der Vereinigung (13) und die Innenpolitik der 1990er-Jahre sowie über die soziokulturellen Strömungen (14) sind völlig neu geschrieben worden.

Die willkommene Abrundung der Zeitperspektive bietet die Möglichkeit einer Ausweitung der Narrative mit dramatischem Anfang und offenem Ende. Dabei ist vor allem Wolfrums Risikobereitschaft zu begrüßen, sich im Gegensatz zu anderen Überblicksdarstellungen[3] in die Zeit nach der Vereinigung vorzuwagen – allerdings werden hier die Grenzen einer nach konventionellen Kategorien organisierten Darstellungsform ohne übergreifende Fragestellung deutlich. Die Präsentation der Außenpolitik konzentriert sich vor allem auf eine positive Würdigung des europäischen Einigungsprozesses und eine betont sachliche Zusammenfassung der deutschen Reaktionen auf die neuen Kriege im Balkanraum und Nahen Osten. Dagegen behandelt Wolfrum bei seiner innenpolitischen Schilderung etwas unvermittelt die Problematik der Vereinigungsfolgen sowie die diversen Reformanläufe der rot-grünen Regierung, die im Gegensatz zu konservativer Kritik als „starke Fortschritte“ beurteilt werden (S. 485). Faszinierend sind die Versuche, die sozialen und mentalen Unterschiede zwischen Ost und West auszuloten und die widersprüchlichen populär- und hochkulturellen Strömungen zu diagnostizieren, wobei aber die soziologischen Milieu- und Lebensstilgrafiken weniger hilfreich sind als der treffsichere Überblick zu den Erinnerungsdebatten. Unbeeindruckt von aller Kritik vor und allen Enttäuschungen nach 1990 liefert Edgar Wolfrum insgesamt eine weitere lesenswerte Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik. Angesichts der gegenwärtigen Reformblockaden muss allerdings offen bleiben, ob das „Modell Deutschland“ diesen Optimismus auch in Zukunft rechtfertigen wird.

Anmerkungen:
[1] Benz, Wolfgang; Scholz, Michael F., Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/Die DDR 1949-1989, in Vorbereitung (laut Editionsplan: <http://www.klett-cotta.de/gebhardt_edition.html>).
[2] Morsey, Rudolf, Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969, München 2000; Rödder, Andreas, Die Bundesrepublik Deutschland 1969-1990, München 2004 (rezensiert von Winfried Süß: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-3-055>).
[3] Görtemaker, Manfred, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999; Winkler, Heinrich August, Der lange Weg nach Westen, Bd. 2: Deutsche Geschichte vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung, München 2001. Auch Bd. 5 von Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ wird voraussichtlich 1990 enden.

Zitation
Konrad H. Jarausch: Rezension zu: : Die Bundesrepublik Deutschland (1949-1990). Stuttgart  2005 / : Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart  2006 , in: H-Soz-Kult, 01.06.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6830>.
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01.06.2006
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