J. Ganzenmüller: Das belagerte Leningrad

Titel
Das belagerte Leningrad 1941-1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern


Autor(en)
Ganzenmüller, Jörg
Erschienen
Paderborn 2005: Schöningh
Umfang
412 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Karl, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die zuständigen Rezensionsredakteure von H-Soz-Kult glauben, dass das Buch von Jörg Ganzenmüller über die Belagerung von Leningrad in verschiedene Richtungen hin gelesen werden kann. Sie haben deshalb zwei Rezensionen in Auftrag gegeben: eine aus der Perspektive des Osteuropahistorikers (Lars Karl), eine aus der Perspektive der Geschichte der Wehrmacht und NS-Herrschaftspolitik (Alexander Brakel).

Die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht ist – was die Zahl der Opfer und die Permanenz des Schreckens betrifft – die größte Katastrophe, die eine Stadt im Zweiten Weltkrieg erlitt. Nahezu 900 Tage lang – vom 7. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – war die Metropole an der Newa von der Außenwelt abgeschnitten. Als Folge dieser Blockade starben rund eine Million Menschen, die meisten an Hunger und Mangelkrankheiten. Umso erstaunlicher scheint es, dass sich die westliche Geschichtswissenschaft bislang kaum dieses Themas angenommen hat. Die NS-Forschung konzentrierte sich im Rahmen der Untersuchung von Vernichtungspolitik meist auf den Holocaust und machte um die nationalsozialistische Besatzungspolitik in der Sowjetunion generell einen Bogen, während sich die Stalinismusforschung vorwiegend mit dem Terror der 1930er-Jahre befasste und die Zeit des „Großen Vaterländischen Krieges“ vernachlässigte.

Jörg Ganzenmüllers Studie ist im Unterschied dazu sowohl als Untersuchung zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik als auch zum Stalinismus im Kriege angelegt. Der erste Teil ist dabei der Frage nach den Zielen und Motiven einer Strategie gewidmet, die Aushungern durch Belagerung als integralen Bestandteil einer von rassenideologischen Zielen geprägten Kriegsführung vorsah. Bei der Analyse der Umsetzung dieser Vernichtungspläne lehnt sich Ganzenmüller methodisch an die jüngsten Studien der Holocaustforschung an und beschränkt sich bei der Untersuchung der entsprechenden Entscheidungsprozesse nicht auf die höchsten Instanzen der deutschen Befehlshierarchie, sondern berücksichtigt die ganze Breite der involvierten Entscheidungsträger, die am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt waren – von der Funktionselite in den Ministerien und Wehrmachtsstäben bis hin zu den militärischen Einheiten vor dem belagerten Leningrad. So weist Ganzenmüller nach, dass die deutsche Belagerungsstrategie nicht dem militärstrategischen Kalkül entsprang, die Stadt einzunehmen. Die Annahme einer Kapitulation wurde von Hitler vielmehr kategorisch ausgeschlossen, da er das Ziel verfolgte, Leningrad und seine Einwohner vollständig zu vernichten.

Im Hauptteil der Studie werden auf der Basis bislang nicht zugänglicher russischer Archivquellen die Ziele und Konzepte untersucht, mit denen die sowjetische Führung auf die Herausforderungen des Krieges im Allgemeinen sowie die Belagerung Leningrads im Besonderen reagierte und wie das „stalinistische“ System unter Kriegsbedingungen funktionierte. Ganzenmüller skizziert Befehlstrukturen, Entscheidungsprozesse, Mobilisierungsmomente und den Terror auf sowjetischer Seite und macht damit deutlich, was „Krieg“ in einer belagerten Großstadt unter den Bedingungen stalinistischer Herrschaft bedeuten konnte. Er hinterfragt das sowjetische Verteidigungskonzept, Leningrad als produktive Frontstadt zu nutzen; mit Blick auf dessen Umsetzung und Effektivität analysiert er die sowjetische Verteidigungsstrategie und -praxis anhand von vier Kernbereichen exemplarisch: die Rettung der Ressourcen durch die Evakuierung von Bevölkerung und Industrie, die Leningrader Rüstungsproduktion während des Krieges, die Lebensmittelversorgung sowie die Funktion von Deportation und Terror als Ausdrucksformen staatlicher Gewalt im belagerten Leningrad.

Zweifelsohne gehören die Evakuierung von 1,3 bis 1,75 Millionen Menschen und der Abtransport ganzer Industriebetriebe zu den großen Leistungen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Das stalinistische System funktionierte dabei jedoch auf ebenso paradoxe Weise wie in den 1930er-Jahren. Zum einen entwickelte die Parteiführung den Drang, alles zentral zu organisieren, zum anderen erwies sie sich als unfähig, in schwierigen Situationen gangbare Lösungswege aufzuzeigen und delegierte bestehende Probleme nach unten weiter, was wiederum zu einer faktischen Dezentralisierung des Leitungs-, Entscheidungs- und Exekutivsystems führte. Den damit verbundenen Verlust an Kontrolle versuchte die Zentrale wiederum dadurch wettzumachen, indem Sonderbevollmächtigte mit weitreichenden Kompetenzen persönlich für das Gelingen verantwortlich gemacht wurden. Wer unter diesen Umständen scheiterte, hatte mit weitreichenden persönlichen Konsequenzen zu rechnen, eine Praxis, die mit Blick auf die Kollektivierung und Industrialisierung der 1930er-Jahre nur allzu vertraut erscheint. Auch im Bereich der Mobilisierungstechniken der sowjetischen Führung änderte sich gegenüber der Vorkriegszeit nichts Grundsätzliches, wie Ganzenmüller am Beispiel der nach dem Stachanow-Prinzip organisierten „Bewegung der Mehrfachfahrer“ über den Ladogasee schlüssig belegt: „eine Mischung aus Überzeugungsarbeit, materieller Belohnung und dem Druck einer aktivistischen Minderheit auf die Mehrheit“ (S. 151).

Ganzenmüllers Untersuchung der Rüstungsproduktion verweist den sowjetischen Mythos von der Waffen produzierenden Frontstadt in das Reich der Legenden. Die Rüstungsindustrie erlebte im ersten Kriegswinter 1941/42 ihren völligen Zusammenbruch – Produktivität spielte keine Rolle mehr, da sich die Fabriken wegen der geringfügig besseren Versorgung in den dortigen Kantinen immer mehr zu reinen „Überlebenszentren“ (S. 181) entwickelten. Obwohl 1942 und 1943 durchaus Teilerfolge erreicht werden konnten, gelang es der Leningrader Rüstungsindustrie „auf keinem Sektor, auch nur eine annähernd wichtige Rolle wie vor der Blockade zu spielen“ (S. 204).

Im Winter 1941/42 durchlebte Leningrad seine bittersten Monate, die zum Symbol für das Leiden der sowjetischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg geworden sind. Einzige Zugangsmöglichkeit in die Stadt bot der zugefrorene Ladogasee, über den mittels Lastwagen Lebensmittel und andere Materialien in die eingeschlossene Millionenmetropole transportiert wurden – jedoch weit weniger, als deren Bewohner zum Überleben benötigten. Die örtlichen Entscheidungsträger lösten dieses Problem auf gewohnte Weise: Die Verteilung der Lebensmittel unterschied sich hier grundsätzlich kaum vom Rationierungssystem in den sowjetischen Großstädten der 1930er-Jahre. Die an ein System von Patronage und Privilegien gekoppelte, selektive Lebensmittelverteilung betraf alle Schichten der Bevölkerung Leningrads.

Auf der Ebene der individuellen Überlebensstrategien scheinen den Betroffenen in der Vorkriegszeit „erlernte“ Techniken von großem Nutzen gewesen zu sein. Informelle Wirtschaftsweisen sowie die daran hängenden Formen individueller Selbstversorgung waren ein Produkt der staatlichen Mangelwirtschaft der 1930er-Jahre und funktionierten im Krieg ebenso gut wie im Frieden: „Den Staat zu bestehlen gehörte zur sowjetischen Alltagskultur wie das staatliche Verteilungssystem, ja, es war die andere Seite derselben Medaille.“ (S. 276) Der Mythos einer von der Not zusammengeschweißten Solidargemeinschaft wird hier endgültig zerstört.

Die fortgesetzte Verfolgung der Leningrader Bevölkerung durch die sowjetischen Sicherheitsorgane in ihrem Kampf gegen die „allgegenwärtige Verschwörung“ relativiert die These vom Großen Vaterländischen Krieg als einer „Atempause“ zwischen den einzelnen Phasen stalinistischen Terrors. Staatlich ausgeübte Gewalt war nach Ganzenmüller „ein konstitutiver Bestandteil in der bolschewistischen Verteidigungsstrategie und -praxis“ (S. 280). Sowohl in Bezug auf die Deportation der deutschen und finnischsprachigen Minderheit als auch in der Verfolgung von vermeintlichen „Volksfeinden“ ist ein struktureller Unterschied zum Terror der dreißiger Jahre selbst im belagerten Leningrad nicht zu beobachten.

Gerade hierin liegt der zentrale Erkenntnisgewinn von Ganzenmüllers Studie: Das zentralisierte Kommandosystem änderte sich nach dem 22. Juni 1941 ebenso wenig wie die Mobilisierungsmaßnahmen des „sozialistischen Wettbewerbs“ oder die Formen der Repression gegen vermeintliche „Volksfeinde“ und nationale Minderheiten. Der von den Parteieliten initiierte „künstliche Kriegszustand“ (S. 230) der 1930er-Jahre ging nach dem 22. Juni 1941 nahtlos in den realen Krieg über: „Das sowjetische System, das Stalin und die Bolschewiki immerhin als Erfolgsmodell betrachteten, wurde also 1941 nicht wesentlich verändert und funktionierte im Krieg mit denselben Mechanismen wie in den dreißiger Jahren.“ (S. 148)

Das Buch erschöpft sich allerdings nicht im Aufbrechen dogmatischer Geschichtsbilder. Im Schlusskapitel untersucht Ganzenmüller, wie der Heldenkult um die Blockade Leningrads entstand und wie die sowjetischen Formen der Kriegserinnerung bis heute das vorherrschende Geschichtsbild in Russland prägen. Auch im Falle Leningrads erkannte die sowjetische Führung bereits sehr früh die mobilisierende Wirkung, die von der Blockade der Stadt ausging und nutzte diese propagandistisch aus, so dass der Mythos „Blockade“ seinen Ursprung bereits während des Krieges hatte. Während den Überlebenden Hunger, Kälte und Tod auf immer ins Gedächtnis eingebrannt waren, inszenierte die sowjetische Führung die Blockade als einen in sich geschlossenen Heldenmythos. Unter Breschnew steigerte sich dieser zu einem regelrechten Kult, in dem das von oben verordnete Erinnern in monumentalen und steril wirkenden Gedenkstätten im atheistischen Sowjetstaat quasi religiöse Formen annahm. Zudem bemühte sich eine standardisierte Geschichtsschreibung, die mit zunehmender Distanz die Kriegsjahre immer stärker verklärte und in Stereotypenbildung verfiel, die identitätsstiftende Funktion des Krieges über Jahrzehnte zu bewahren.

Das neue Russland hält in dieser Hinsicht der verflossenen Sowjetmacht die Treue: Diesbezügliche Diskussionen in der russischen Öffentlichkeit und Geschichtswissenschaft werden immer noch von der Behauptung dominiert, die Rote Armee habe in einem „heroischen Abwehrkampf“ die Wehrmacht vor den Toren Leningrads zum Stehen gebracht. Hartnäckig blendet diese Sicht aus, dass die deutschen Truppen keinen Befehl hatten, die Stadt zu erobern, sondern deren Einwohner aushungern wollten. Die leidenschaftlichen Widerstandserklärungen der sowjetischen Streitkräfte halfen Hitler seine wahren Vernichtungspläne vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen. Wenn weite Teile der russischen Historiografie heute nach wie vor den „heroischen Abwehrkampf“ der Roten Armee glorifizieren, scheint dieser Mythos die Propagandalügen der Nationalsozialisten bis heute unfreiwillig zu decken.

Zitation
Lars Karl: Rezension zu: : Das belagerte Leningrad 1941-1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern. Paderborn  2005 , in: H-Soz-Kult, 21.02.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7253>.
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21.02.2006
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