A. Stephan: Von der Küche auf den Roten Platz

Titel
Von der Küche auf den Roten Platz. Lebenswege sowjetischer Dissidentinnen


Autor(en)
Stephan, Anke
Erschienen
Zürich 2005: Pano Verlag
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maike Lehmann, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Humboldt-Universitaet zu Berlin

Das Gedächtnis lügt. Dieser Satz umschreibt nicht nur eine Erkenntnis der Gedächtnisforschung, die sich auf die Form- und Wandelbarkeit von Erinnerung durch spätere Erlebnisse, nachträgliche Sinnstiftungsprozesse und „Quellenamnesie“ bei den Erinnernden bezieht. Er steht auch für die weiterhin verbreitete Skepsis unter Historikern/innen gegenüber der Oral History. Das Argument, Oral History ließe kaum Aussagen über die Zeit zu, über die sie retrospektiv spricht, ist angesichts des Systemwandels in Osteuropa immer wieder zu hören. Bezeichnenderweise sind Interviewprojekte zum Staatssozialismus rar [1]; der Großteil der neueren Forschung konzentriert sich auf die klassische Archivarbeit. Letztere hat inzwischen aus sowjetischen Aktenbeständen grundlegende Einsichten zu Weltsichten und Handlungsmustern verschiedener Bevölkerungsgruppen gewonnen. [2] Zeitzeugen aber selbst zu befragen, ist meist nicht Teil der historischen Untersuchung. Damit wird die Chance vertan, Lebenswelten zu erschließen, die sich nicht in den Akten der Staatsarchive niedergeschlagen haben. Ebenso wenig versucht man anhand der „Lügen“ Aufschluss über Wirkungsmacht und Sinnhaftigkeit der sozialistischen Erfahrung zu erhalten. Es stellt sich die Frage, ob Interviews nicht grundlegend zum Verständnis des Sozialismus als Herrschaftssystem und Utopie, vor allem aber als Kultur beitrüge.

Wie ertragreich Oral History zur Erschließung dieser Kultur sein kann, zeigt Anke Stephans Buch „Von der Küche auf den Roten Platz“. Darin beschäftigt sich die Autorin mit einer Gruppe, zu der alles gesagt zu sein schien. Ihr geht es aber nicht allein um die politische Aktivität, sondern vielmehr um die Kultur und Lebenswelt der Dissidenz. Die betrachtet sie aus der Perspektive von Frauen, die eine zentrale Rolle innerhalb der Bewegung spielten, bislang jedoch kaum näher betrachtet wurden. Dieser Zugang erlaubt Einsichten in eine Welt, die in den Schriften der prominenten, meist männlichen Dissidenten keinen Platz hatte: der Alltag, die Formierung sowie die gesellschaftliche Verfasstheit der Bewegung. Gerade mit der Thematisierung von Geschlecht hinterfragt Anke Stephan Rollenzuschreibungen innerhalb der Bewegung, das darin zum Ausdruck kommende Verhältnis zur offiziellen Propaganda sowie die Einbettung der Bewegung in gesamtgesellschaftliche Diskurse.

Diese Zusammenhänge zeichnet Anke Stephan hauptsächlich am Beispiel von Moskauer Dissidentinnen nach. Ihre Analyse der Ambivalenzen und Sinnstiftungen in den weiblichen Biografien verdeutlicht eindrücklicher als bisherige Untersuchungen zu Dissidenz, wie bestimmend traditionelle Rollenmuster und durch das Regime postulierte Werte für Weltsicht, Denkstile und Habitus der Dissidentinnen waren. Und dies war der Fall trotz zwiespältiger Erfahrungen in Bezug auf Terror sowie ethnischer und geschlechtsspezifischer Diskriminierung.

So sahen es die Frauen in den Interviews und Memoiren als selbstverständlich an, gemeinsam mit den Männern aus ihrer Umgebung die im Samizdat veröffentlichten Lagererinnerungen zu diskutieren. Dabei entdeckten sie den Gulag als alternativen Erinnerungsort sowie das Individuum – eine Entdeckung, die sie unter anderem in freier Liebe umzusetzen suchten. Gleichzeitig waren es die Frauen, die neben Beruf und Debatten auch noch Kinder und Haushalt zu bewältigen hatten. Stephans Gesprächspartnerinnen klagten zwar über diese Mehrfachbelastung, stellten sie jedoch nicht grundsätzlich in Frage. Damit bestätigten diese Frauen nicht nur traditionelle Geschlechterrollen. Ihre noch heute vertretene Überzeugung von der Umsetzung vollkommener Gleichberechtigung deutet auch auf die Wirkungsmacht offizieller Propaganda hin.

Die Verquickung offizieller und dissidentischer Normen kann die Autorin auch für die Zeit nach Einsetzen der Repressionen eindrücklich nachzeichnen. So verweist sie auf die bislang von der Publizistik wenig in Frage gestellte Rollenverteilung, die den Männern die öffentliche Sphäre zusprach, während die Frauen im Hintergrund zu agieren hatten. Dieser Auffassung entsprach auch die Praxis der Geheimpolizei: Frauen wurden seltener und weniger scharf repressiert, da sie als leichter disziplinierbar galten. Somit wurden sie seltener als die Männer durch das Regime im Lager ‚geadelt’ und rangierten nur auf den unteren Rängen einer ‚Hierarchie der Leiden’. Zudem wurde auch unter Dissidenten eine Inhaftierung von Frauen als „unnatürlich“ empfunden. Sie hatten die Männer zu unterstützen, nicht ihre Rolle zu übernehmen. Frauen sahen sich einem starken Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, wenn sie als Mütter oder Ehefrauen mit politischen Aktionen eine eigene Verhaftung riskierten. Daher entschieden sich nur wenige zum Gang „von der Küche auf den Roten Platz“. Dies ist auch der Grund, weshalb sie in der Publizistik selten als Dissidentinnen, sondern eher als ‚Ehefrauen’ auftauchen.

Dabei zeigt die Autorin, dass die Dissidentenbewegung kaum ohne das hohe Engagement von Frauen als zentrale Netzwerkerinnen zwischen Lager und Bewegung, bei der Organisation von Finanzen und Publikationen überlebt hätte. Sie plädiert für eine Neudefinition von ‚Dissidenz’, die eben dieses Engagement mehr in den Blick nimmt. Immerhin seien sich ihre Interviewpartnerinnen ihrer Leistungen sehr wohl bewusst. Auffällig sei, dass zur Beschreibung von angesehenen Dissidentinnen ausschließlich männliche Attribute benutzt werden. Dass diese Attribute aus dem Sprachschatz sowjetischer Heldendiskurse stammen, schließt den Zirkel zwischen Dissidentenbewegung und dem System, dem sie entstammte.

Die Wirkungsmacht dieses Zirkels für die einzelnen Erinnerungen und ihre „Lügen“ verdeutlicht Anke Stephans Analyse auch in Bezug auf inhaltliche und stilistische Elemente sowie Erzählstrategien in den Interviews und Memoiren. Als zentrales Beispiel mag hier das Verhältnis zum Sozialismus und Terror dienen: Selbst in den restrospektiven Interviews wurde die Verhaftung von Eltern und Verwandten eher als persönliches Unglück denn als politische Ungerechtigkeit umschrieben. Anke Stephan streicht die Unfähigkeit der interviewten Frauen heraus, diese Erlebnisse und die damit verbundenen Emotionen zu artikulieren, was nicht allein auf eine fehlende Bewältigung dieses Erlebnisses hindeutet. Dies verweist auf eine Erinnerungsschicht, die kaum von nachträglichen Sinnstiftungsprozessen und allgemeingesellschaftlichen Diskursen überformt ist und somit relativ nahe an das Erlebte heranführt.

Die meisten Frauen blenden die leidvollen Seiten ihrer Hafterfahrung aus oder können diese nur über Surrogatpersonen kommunizieren; andere, die in die Psychiatrie eingewiesen worden waren, wollten häufig gar nicht darüber sprechen. Dies deutet auf die ‚Grenzen des Sagbaren’ hin. Dass selbst Frauen aus der Dissidentenbewegung kein Diskurs zur Verfügung steht, in den sie dieses Erlebnis einbetten und somit umschreiben könnten, verweist zunächst auf die Wirkungs- und Vetomacht sowjetischer Diskurse. Zudem, argumentiert Anke Stephan, ließen die verschiedenen Erinnerungsschichten erkennen, dass die Erinnerung nicht immer nur von späteren Sinnstiftungsprozessen überformte ‚Lügen’ sind. Denn Episoden, die aus dem linearen Erzählen herausfallen, emotionale Passagen, detaillierte Beschreibungen außerhalb der Erzähltraditionen, Formulierungsschwierigkeiten und Schweigen, machten sehr wohl frühere, zeitnahe Wahrnehmungsmuster und Erlebnisse auch über retrospektive Erzählungen zugänglich.

In ihrer Darstellung geht die Autorin mit viel Gefühl fürs Detail vor, ohne dass die hermeneutische Betrachtung der Interviews und Memoiren ins reine Erzählen abgleitet. Die Arbeit zeichnet sich gerade durch ihre abwägend argumentierende Analyse der zu Tage tretenden Diskurse aus. Überzeugend ist zudem, wie die Autorin wiederholt den fortdauernden Zusammenhang zwischen individuellen Erfahrungen und gesamtgesellschaftlichen Diskursen sowie zwischen persönlichem Erleben und kollektivem Erinnern aufzeigt.

Die starke Konzentration von Anke Stephan auf die Moskauer Dissidentinnen tut ihrer sehr lesbaren Arbeit ebenso wenig Abbruch wie das Fehlen der Seite 326. Neben der eingehenden Betrachtung von Denk- und Handlungsweisen von Dissidentinnen, für die die Autorin als Erste systematisch bis in deren Kindheit zurückgeht, reißt sie zudem immer wieder anstehende Forschungsthemen an. Somit sei „Von der Küche auf den Roten Platz“ nicht nur als gewinnbringende Lektüre empfohlen, sondern auch als Denkanstoß für kulturwissenschaftliche Untersuchungen zum Sozialismus in Bezug auf Erinnerung und ihre ‚Lügen’. [3]

Anmerkungen:
[1] Siehe z.B.: Obertreis, Julia, Tränen des Sozialismus. Wohnen in Leningrad zwischen Alltag und Utopie 1917-1937, Köln 2004;
Iskaja-Smirnova, Elena; Pavel, Romano, At the Margins of Memory. Provincial Identity and Soviet Power in Oral Histories, 1940-53, in: Raleigh, Donald (Hg.), Provincial Landscapes, Pittsburgh 2001, 299-329.
[2] Vgl. dazu jüngst: Jones, Polly, The Dilemmas of De-Stalinization. Negotiating Cultural and Social Change in the Khrushchev Era, New York 2006.
[3] Zu Oral History in (post)sozialistischen Gesellschaften siehe den Tagungsbericht von Valeska Bopp, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=985>.

Zitation
Maike Lehmann: Rezension zu: : Von der Küche auf den Roten Platz. Lebenswege sowjetischer Dissidentinnen. Zürich  2005 , in: H-Soz-Kult, 23.08.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7595>.
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23.08.2006
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