Titel
Krieg, Frieden und Geschichte. Gesammelte Aufsätze über patriotischen Aktionismus, Geschichtskultur und totalen Krieg


Autor(en)
Chickering, Roger
Erschienen
Stuttgart 2007: Franz Steiner Verlag
Umfang
357 Seiten
Preis
€ 52,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Christian Jansen, Technische Universität Berlin

Der Band enthält 21 Aufsätze Roger Chickerings aus den Jahren 1973 bis 2007 zum radikalen Nationalismus des späten Deutschen Kaiserreichs, zu dem Historiker Karl Lamprecht und seinem Umfeld sowie zur Militär- und Sozialgeschichte des Ersten Weltkriegs. Insbesondere Bibliotheken bietet der Band die Möglichkeit, die sehr verstreut erschienenen Aufsätze gebündelt aufzustellen und damit den Benutzern das Œuvre eines der wichtigsten Deutschlandhistoriker in den USA in seinen wesentlichen Facetten gebündelt zur Benutzung anzubieten. Zudem lag etwa die Hälfte der Aufsätze bisher nur auf Englisch vor und wird nun in durchweg sehr guten Übersetzungen von Simone Ameskamp und Björn Hofmeister dem deutschen Publikum mundgerecht serviert.

Die 21 Aufsätze gebündelt zu lesen und damit die wissenschaftlichen Lebensthemen eines geschätzten und bedeutenden älteren Kollegen aus den USA – dem gelobten Land der deutschen Hochschulreformer – Revue passieren zu lassen, verdeutlicht zunächst einmal, wie unterschiedlich die Erwartungen an einen Geschichtsprofessor sind. In den USA wird die intensive, facettenreiche und tiefschürfende Beschäftigung mit einer einzigen Epoche honoriert, die für eine Karriere in Deutschland tödlich ist. Denn die Aufsätze (und ebenso die wichtigen Bücher Chickerings[1]) behandeln fast ausschließlich die deutsche Geschichte zwischen 1890 und 1918: die Friedensbewegung und die radikalen Nationalisten, den Historiker Karl Lamprecht und die Stadt Freiburg im Ersten Weltkrieg. Nur ganz selten geht ein vergleichender Blick über die deutschen Grenzen und die wilhelminische Epoche hinaus. Außerdem sind Chickerings Forschungsthemen eng miteinander verbunden: Karl Lamprecht war Mitglied im Alldeutschen Verband – ebenso wie Max Weber und Dietrich Schäfer, deren Verhältnis und unterschiedlichem Nationalismus eine Miniatur im vorliegenden Band gewidmet ist. Freiburg war eine der Hochburgen dieses bildungsbürgerlichen Nationalismus – der Alldeutsche Verband propagierte den totalen Krieg, Freiburg wurde in besonderem Maße zu dessen Opfer, weil die grenznahe Stadt Hauptziel alliierter Luftangriffe war. Die Vorzüge dieser Spezialisierung zeigen die Aufsätze selbst, vor allem wenn man diejenigen, die zum selben Themenkreis gehören, nacheinander liest: die Spezialisierung auf einen begrenzten Zeitraum und wenige Themen ermöglicht einen multiperspektivischen Zugriff auf die Quellen und ein tiefes – sowohl hermeneutisch, als auch kulturgeschichtlich inspiriertes – Eindringen in die Gegenstände.

In seinem knappen, leicht ironisch gehaltenen „Vorwort“ (S. 9-13) reflektiert Chickering selbst seine Entwicklung als Historiker einschließlich wieder verworfener Projekte und weist auf den Einfluss einerseits von Modeerscheinungen wie „Psychohistorie“, andererseits politischer Wellen wie der Friedensbewegung für seine jeweilige Themenwahl und Fragestellungen hin. Nur die vier Beiträge zu Lamprecht und die zwei aus Chickerings bisher letztem Projekt einer „umfassenden Kulturgeschichte des totalen Krieges“ (S. 12), in dem exemplarisch das Leben in der Universitätsstadt Freiburg untersucht wird, verbinden den Band mit der wissenschaftsgeschichtlichen Reihe, in der er erschienen ist. Die Mehrzahl der Beiträge gehört hingegen in die historische Nationalismus- oder Friedensforschung bzw. zur neuen Militärgeschichte und man würde sie eher in einer der einschlägigen Reihen suchen[2]. Gewöhnungsbedürftig ist die streng chronologische Anordnung der Beiträge, die Zusammenhängendes auseinander reißt (z.B. die Beiträge zum Thema „Totaler Krieg“ oder zum radikalen Nationalismus).

„Tod in Freiburg“, ein Aufsatz, der bisher nur auf Englisch vorlag, zeigt Roger Chickerings multiperspektivischen Ansatz sowie seine Meisterschaft, im Einzelnen – an einer Person, einer Stadt oder einer politischen Organisation – allgemeine Tendenzen der Epoche herauszuarbeiten (S. 315-332). Er ist im Kontext des Freiburg-Buches, einer histoire totale des totalen Kriegs am Beispiel einer einzigen Stadt, entstanden und verbindet sozialgeschichtliche Methoden (einschließlich Quantifizierung) mit Ansätzen der „Neuen“ Kulturgeschichte[3]. So entsteht ein facettenreiches Bild der „städtischen Rituale um den Tod“, der Verwaltung und kulturellen Deutung des Kriegstodes (S. 315). Man erfährt, dass die nationalistische Unterwerfung unter den Burgfrieden anfangs so weit ging, dass die Namen der Gefallenen nicht veröffentlicht werden durften, später der Todesort verschwiegen werden musste, um „dem Feind“ keine Informationen zu liefern. Im Mikrokosmos einer Stadt werden die ungeheuerlichen Opferzahlen konkret fassbar, die die Kapazitäten der städtischen Friedhöfe schnell überforderten. Sehr anschaulich ist auch Chickerings Untersuchung der (rituellen) Formulierungen in den Todesanzeigen für gefallene Angehörige, die in den unterschiedlichen Sozialmilieus trotz aller Burgfriedens- und Volksgemeinschaftspropaganda sehr (und in bezeichnender Weise) verschieden ausfielen.

Bei vielen anderen Beiträgen zeigen sich die üblichen Probleme solcher „Gesammelter Werke“: Einerseits ist es aufschlussreich zu sehen, wie einer, der immer wach für die aktuellen historiographischen Trends und die Theoriedebatte war, vor zehn, 20 oder 30 Jahren geschrieben und argumentiert hat. Andererseits sind die Aufsätze naturgemäß nicht auf dem aktuellen Forschungsstand, ist die wissenschaftliche Debatte vielfach weitergegangen, und man muss ein genuines Interesse an Roger Chickering und seinem Œuvre haben, um sie würdigen zu können. Dies gilt besonders für die Aufsätze zum radikalen Nationalismus, wo viel Neues, gerade zu Chickerings Hauptgegenstand, dem Alldeutschen Verband[4], erschienen ist. Auch terminologisch wäre eine Überarbeitung und Vereinheitlichung hilfreich gewesen. So wirkt die häufige Verwendung der Bezeichnung „patriotisch“ verharmlosend bei der Analyse des Wirkens und der Texte nationalistischer Hardliner. In der Öffentlichkeit, aber leider auch in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen wird „Nationalismus“ oft abgegrenzt vom „Patriotismus“. Letzterer soll ein mit Stolz verbundenes Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Nation bezeichnen, das frei sein soll von der Herabsetzung anderer Nationen. Als Idealtypus mag ein solcher toleranter Patriotismus denkbar sein – und unter den Forschungsgegenständen Chickerings waren nur die Pazifisten „Patrioten“, nicht jedoch der „Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ und andere nationalistische Organisationen, die als „Patriotischer Frauenaktivismus“ vorgestellt werden (S. 106-131) – diese vermeintlich gelungene Formulierung wurde auch in den Untertitel übernommen. Die neuere Nationalismusforschung hingegen belegt das Zusammenwirken von konstruktiven und destruktiven Elementen, also die Janusköpfigkeit jeder über bloße Loyalität hinausgehenden, emotional fundierten Identifikation mit einer Nation.[5]

Da wünscht man sich – gerade als Chickering-Fan! –, er hätte seine Aufsätze vor der Wiederveröffentlichung überarbeitet, zumindest eine aktuelle Ergänzung verfasst, die seine älteren Positionen mit eben der kritischen Distanz und Selbstironie aus heutiger Sicht reflektierte! Denn nicht alle Texte im Band haben so ein souveränes und abgeklärtes Niveau wie die Reflexionen über Lamprecht von 1993 („Ein schwieriges Heldenleben“, S. 195-205). Die meisten sind von vergangenen Paradigmen und Kontroversen geprägt und haben deshalb eine geringere Halbwertzeit.

Anmerkungen:
[1] Roger Chickering, Imperial Germany and a World without War. The Peace Movement and German Society, 1892-1914, Princeton 1975; Ders., We Men Who Feel Most German: a Cultural Study on the Pan-German League, 1886-1914, London 1985; Ders., Karl Lamprecht. A German Academic Life, 1856-1915, Atlantic Highlands, N.J. 1993; Ders., Freiburg im Ersten Weltkrieg: Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914-1918, Paderborn 2007; englisch: Cambridge 2006.
[2] Vgl. Benjamin Ziemann (Hrsg.), Perspektive der Historischen Friedensforschung, Essen 2002; Thomas Kühne / Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn 2000.
[3] In Anführungszeichen, weil sie angesichts dessen, was Chickering über Lamprecht geschrieben hat, und angesichts mancher methodischer Überlegungen Chickerings ganz schön alt aussieht.
[4] Allein drei Monografien: Peter Walkenhorst, Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914, Göttingen 2007; Rainer Hering, Konstruierte Nation: Der Alldeutsche Verband 1890-1939, Hamburg 2003; Michael Peters, Der Alldeutsche Verband am Vorabend des Ersten Weltkriegs (1908-1914), Frankfurt am Main, 2. korr. Aufl. 1995.
[5] Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 2000, S. 35-54; Christian Jansen / Henning Borggräfe, Nation – Nationalität – Nationalismus. Frankfurt am Main 2007, insb. S. 17f.

Zitation
Christian Jansen: Rezension zu: : Krieg, Frieden und Geschichte. Gesammelte Aufsätze über patriotischen Aktionismus, Geschichtskultur und totalen Krieg. Stuttgart  2007 , in: H-Soz-Kult, 19.12.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8912>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.12.2008
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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