M. Niemann: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989

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Titel
Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989.


Autor(en)
Niemann, Mario
Erschienen
Paderborn 2007: Schöningh
Umfang
446 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Malycha, Forschungsstelle Zeitgeschichte, Institut für Geschichte der Medizin an der Charité Berlin

In der Bilanz des Forschungsstandes über die Geschichte kommunistischer Herrschaft in Ostdeutschland nach 1945 fällt auf, dass die Staatspartei SED in der nahezu unüberschaubaren Publikationsvielfalt zur Geschichte der DDR in den Jahren seit 1989/90 nur für die Konstituierungsphase der kommunistischen Diktatur (1945/46-1961) besondere Aufmerksamkeit gefunden hat. Die Totalität der Herrschaft der SED wird zwar häufig betont, doch ist die Zahl einschlägiger Arbeiten zur historischen Aufhellung dieses Phänomens eher begrenzt. Das trifft vor allem dann zu, wenn nach den Entscheidungsabläufen innerhalb der SED-Führung bis hinab zur Basis gefragt wird. Möglichkeiten und Grenzen bezirklicher Regionalpolitik in der diktatorisch, zentralistisch und planwirtschaftlich geprägten DDR wurden bislang nur sehr selten auf wissenschaftlicher Grundlage thematisiert.

In den letzten Jahren entstand erfreulicherweise eine ganze Reihe von Studien, die sich mit den Bezirksleitungen der SED als regionalen Mittelinstanzen der Partei beschäftigten und zur Aufhellung von Strukturen, Funktionen und Funktionswandel der Bezirke beitrugen.[1] Die vorliegende Arbeit von Mario Niemann – seine im Wintersemester 2005/2006 von der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock angenommene Habilitationsschrift – führt diese größtenteils biographisch angelegten Untersuchungen auf einer breiteren Ebene weiter, indem Handlungsmöglichkeiten, Gestaltungsfähigkeit, Eigeninteressen, Karrieremuster und Netzwerke der hauptamtlichen Bezirkssekretäre der SED als DDR-typische Repräsentanten von Regionaleliten im Zeitraum von 1952 bis 1989 analysiert werden. Dabei werden die DDR-Bezirke eben nicht ausschließlich als nachgeordnete Verwaltungseinheiten verstanden, sondern auch als regionale Lebens-, Handlungs- und Gestaltungsräume, Struktur-, Funktions- und Elitenzusammenhänge, Aktionsfelder – „Bühnen“ – der hier agierenden Regionaleliten. Auf diese Weise gelingt es, Spielräume für regional interessengeleitetes Handeln, Aktionsfelder für bezirkliche Regional- und Strukturpolitik sowie partiellen „regionalen Eigensinn“ kenntlich zu machen.

Im einleitenden Kapitel zur Genesis von Struktur und Zusammensetzung der Sekretariate der SED-Bezirksleitungen stellt Niemann seine ausgeprägte Sachkenntnis über die Funktionszusammenhänge des „sozialistischen Herrschaftsalltages“ auf regionaler Ebene unter Beweis. Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile: Im ersten Teil unternimmt Niemann den Versuch einer gruppenbiographischen Analyse von 415 hauptamtlichen Sekretären der SED-Bezirksleitungen, die zwischen der Gründung der Bezirke im August 1952 und bis zum Niedergang der SED im Oktober/November 1989 im Amt waren. Er nutzt hierbei quantitative Methoden in Form statistischer Untersuchungen und rechnergestützter Auszählungen von biographischen Daten. Aus dem umfangreichen Datenmaterial leitet er Rückschlüsse auf das Typische, das Allgemeine, aber auch auf das Untypische und Abweichende in den Karrierewegen der Bezirkssekretäre ab.

Die gruppenbiographische Analyse der Bezirkssekretäre konzentriert sich zunächst auf die Gründungsphase der Bezirke 1952/53 sowie auf die daran anschließenden Jahre, die frühere Befunde über den von der SED-Führung vorangetriebenen Generationswechsel bestätigt: Auffällig ist der hohe Anteil jüngerer Funktionäre, die erst ab 1945 Parteimitglieder geworden waren. Darin widerspiegelt sich indes nicht so sehr die grundsätzliche Bereitschaft, jüngeren Mitgliedern der Partei Aufstiegschancen zu bieten. Das Beharrungsvermögen der Altkader, also jener, die schon vor 1933 der SPD oder KPD angehört hatten, wurde von der Parteiführung vielmehr als Hemmschuh auf dem von ihr beschworenen Weg des gesellschaftlichen Fortschritts empfunden. Dieser Aspekt kommt in den Erklärungszusammenhängen für die „Kaderpolitik“ der SED in den 1950er-Jahren generell zu kurz. Gefragt waren damals Unterordnungsbereitschaft und Disziplin, die von den nach 1945 eingetretenen Mitgliedern aufgrund ideologischer Indoktrinationen weitaus mehr erwartet werden konnten als von den altgedienten Genossen, die sich im Prozess der Stalinisierung der SED in den Jahren von 1946 bis 1952 allzu oft als begrenzt anpassungsbereit erwiesen hatten. In dem Bemühen der SED-Führung, durch den Einbau von anpassungsbereiten Neumitgliedern in die hauptamtlichen Leitungen den zuvor unternommenen Funktionswandel der Partei abzusichern, war die Parteispitze mit der personellen Besetzung der Sekretariate der Bezirksleitungen einen gewaltigen Schritt vorwärts gekommen. Vor diesem Hintergrund wäre auch auf die in den nationalsozialistischen Kinder- und Jugendorganisationen sozialisierte Generation der Jahrgänge 1919 bis 1929 zu verweisen, die seit Ende der vierziger Jahre nicht nur ein bevorzugtes Ansprechpotential für die Mitgliederwerbung, sondern auch für die Heranbildung neuer Funktionsträger in der Partei darstellten.

Als besonders markant arbeitet Niemann den gravierenden personellen Austausch von Bezirkssekretären in den Jahren nach der Bezirksbildung heraus. So war 1958 nur noch jeder siebente Sekretär der „Gründergeneration“ vom August 1952 im Amt. Seit 1958 setzte sich der Austausch etlicher Bezirkssekretäre rasant fort. Niemann belegt mit statistischen Analysen den grundlegenden Funktionärswechsel auf der Ebene der Bezirke in den 1950er- und 1960er-Jahren. Erst seit Mitte der 1960er-Jahre sei eine „kaderpolitische Kontinuität“ eingekehrt, die, nach einem Anstieg der Fluktuation beim Wechsel von Ulbricht zu Honecker, bis zum Herbst 1989 weitgehend anhielt. Komplettiert wird dieser gruppenbiographische Teil des Buches durch eine Analyse der parteipolitischen und fachlichen Qualifikation der Bezirkssekretäre sowie des Stellenwerts der Frauen in den hauptamtlichen Sekretariaten der Bezirksleitungen.

Im zweiten Teil des Buches beantwortet Niemann Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen politischen Handelns auf der Bezirksebene. Hierfür nutzte er u.a. Interviews, die er mit 23 früheren Bezirkssekretären der SED geführt hat. Sie gaben Auskünfte über die Motive ihres politischen Handelns, die wichtige, den Akten kaum zu entnehmende Hinweise auf interne Entscheidungsabläufe sowie auf Hintergründe personalpolitischer Rochaden liefern konnten. Allerdings führen die zitierten Äußerungen der früheren Funktionsträger der SED einmal mehr vor Augen, wie stark Rückblicke aus lebensgeschichtlicher Perspektive von jahrzehntelangen Prägungen, der Erfahrung des Jahres 1989 sowie der folgenden beruflichen Brüche überlagert werden. Vor dem Hintergrund dieser eher banalen Feststellung wäre an manchen Stellen eine kritische Distanz oder ein korrigierender Kommentar zu einige Aussagen zweckmäßig bzw. wünschenswert gewesen. Das betrifft insbesondere das über die Interviews transportierte Selbstbild der Bezirkssekretäre als vermeintlich bodenständige Funktionäre, die – im Unterschied zu den Funktionären an der Spitze der Partei – stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Bevölkerung gehabt hätten.

Auf der Grundlage von sechs Fallbeispielen aus der Honecker-Ära (u.a. Alois Pisnik, Konrad Naumann, Hans Modrow) kann Niemann aufzeigen, in welchen Bereichen und auf welche Weise es innerhalb des Systems des demokratischen Zentralismus, der im Verständnis der Herrschenden keinen Spielraum für eine Autonomie regionaler Leitungen bieten durfte, gelingen konnte, regionale Interessen durchzusetzen. Das war insbesondere in der Umsetzung wirtschaftlicher Strukturpolitik der Fall. Diese umfasste sowohl die Förderung eines branchenspezifischen Strukturwandels als auch die regionale Strukturpolitik im Sinne einer gezielten Förderung der regionalen Wirtschaftskraft durch die Ansiedlung von Betrieben und den Ausbau der regionalen Infrastruktur. Beide Zielsetzungen überschnitten sich potenziell in der Strukturpolitik der DDR und führten zu Interessenkonflikten zwischen der Bezirks- und Zentralebene bzw. zwischen verschiedenen Regionen untereinander. Während die obersten Instanzen der SED in Anbetracht chronisch knapper Mittel dazu tendierten, Investitionen auf den strukturellen Wandel in industriellen Ballungsgebieten zu lenken, blieb es der Bezirksleitung als lokales Machtzentrum auf Bezirksebene vorbehalten, dabei regionale Interessen zur Geltung zu bringen und auch bestimmte Subregionen in ihren Bezirken zu berücksichtigen.

Ob sie sich dabei auf die Bestandssicherung und ein reines Krisenmanagement beschränkten, oder ob sie die Möglichkeit hatten, Einfluss auf zentrale strukturpolitische Entscheidungen zu nehmen, hing nicht unwesentlich von der Stellung des Ersten Sekretärs innerhalb der SED-Machthierarchie und von informellen Netzwerken ab. Besonders wirkungsvoll konnten derartige persönliche Netzwerke sein, wenn sie sich von der regionalen auf die zentrale Entscheidungsebene erstreckten und wichtige Repräsentanten der Bezirke in Personalunion Ämter in den zentralen Machtinstanzen – wie im Politbüro – ausübten. Auf diese Weise gelang es einigen Ersten Sekretären, bis zu einem gewissen Grad Interessen der Bezirke zu vertreten und durchzusetzen. Das besondere Verdienst der Arbeit Niemanns besteht somit darin, die Mechanismen zur Regulierung der aufgetretenen Konflikte wie auch die ausgeübte Disziplinierung der Funktionäre exemplarisch analysiert und dargestellt zu haben, wodurch aufschlussreiche Einblicke in die Herrschaftspraxis der Staatspartei SED auf regionaler Ebene möglich werden.

Insofern trägt die Studie zur Aufhellung von Strukturen, Funktionen und Funktionswandel dieser regionalen Mittelinstanzen bei. Die hier vorgelegte Gesamtschau über gruppenbiographische Aspekte regionaler Führungskader der SED sowie auch die sechs Fallbeispiele verdeutlichen das wechselnde Gewicht des Regionalen und den Funktionswandel der Bezirke in der fast 40-jährigen DDR-Geschichte, ihren wechselnden Stellenwert in der SED-Politik und die entsprechend unterschiedlich ausgeprägte Bezirkspolitik der SED- und Staatsspitzen. Alles in allem werden die eng gezogenen Grenzen des Handelns regionaler Führungsgruppen (Bezirksleitungen) sowie die schmalen Gestaltungsspielräume in der Umsetzung zentraler Parteibeschlüsse aufgezeigt. Die Analyse Niemanns beantwortet auf der Basis umfangreichen empirischen Materials zwar Fragen nach der Stellung der Bezirksleitungen im politischen System der DDR und nach Karrieremustern hauptamtlicher Bezirkssekretäre. Das Verhältnis zwischen den SED-Bezirksleitungen und der staatlichen Verwaltung in den Regionen – den Räten der Bezirke – bleibt jedoch ein empfindliches Desiderat der Forschung.

Anmerkung:
[1] Helga A. Welsh, Kaderpolitik auf dem Prüfstand. Die Bezirke und ihre Sekretäre 1952-1989, in: Peter Hübner (Hrsg.), Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 107-129; Heinz Mestrup, Die SED. Ideologischer Anspruch, Herrschaftspraxis und Konflikte im Bezirk Erfurt 1971-1989, Rudolstadt 2000; Heinrich Best / Heinz Mestrup (Hrsg.), Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.

Zitation
Andreas Malycha: Rezension zu: : Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989. Paderborn  2007 , in: H-Soz-Kult, 12.02.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9991>.
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12.02.2009
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