E. H. Michl: Wüstungsforschung in Deutschland

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Titel
Wüstungsforschung in Deutschland. Eine Einführung


Autor(en)
Michl, Eike Henning
Erschienen
Norderstedt 2021: Books on Demand - BoD
Anzahl Seiten
162 S.
Preis
€ 7,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rainer Schreg, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Die Faszination von Lost Places/verlorenen Orten ist kein neues Phänomen. Die Fragen, wie es sein kann, dass ein Ort verlassen wurde, wie sich die Natur den Ort zurückgeholt hat und wer hier gelebt hat, verbindet Forscher und die moderne Szene, die ihre Bilder verlassener Häuser in den Social Media teilt. Das voyeuristische Element allerdings geht beim Blick auf die sogenannten Wüstungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit weitgehend verloren, denn viele sind so zerfallen und so sehr verschwunden, dass allein ihr Aufspüren die Forschung vor große Herausforderungen stellt. Dennoch oder vielleicht auch deswegen haben Wüstungen auch schon im 19. Jahrhundert wissenschaftliches Interesse gefunden und wurden zu einem Feld interdisziplinärer Forschung insbesondere von Historikern und Geographen, seit Mitte des 20. Jahrhunderts aber auch von Archäologen erforscht. Trotz der Faszination des Themas gibt es zwar unzählige Einzel- und Regionalstudien, aber kaum zusammenfassende Darstellungen insbesondere monographischer Art, die das Wüstungsphänomen insgesamt beleuchten.

Eike Michl versucht eine umfassende Einführung in die Thematik zu geben, die für ein breiteres Publikum gedacht ist und daher als "preiswertes Arbeitsheft" daherkommt. Sie behandelt Basiswissen, wie z.B. die Definition und Einteilung von Wüstungen, aber auch die Geschichte der Wüstungsforschung und deren Methoden. Ein Kapitel stellt den aktuellen Stand der Überlegungen zu Ursachen und Grundlagen insbesondere des spätmittelalterlichen Wüstungsprozesses dar. Eine Bilanz von Status quo und Perspektiven der Forschung rundet den Band ab.

Wenn im Folgenden von Defiziten bzw. Wünschen des Rezensenten die Rede ist, darf das nicht davon ablenken, dass das Arbeitsheft eine als solches gelungene und willkommene, mithin überfällige Einführung in das Thema darstellt. Zwar sind die wesentlichen Punkte der Wüstungsforschung auch in anderen Einführungen in die Kulturlandschaftsforschung oder die historische Geographie enthalten, doch bleiben die Wüstungen dort ein Randphänomen.[1]

Tatsächlich sind die Wüstungen ein zentrales Phänomen und eine Quelle des Wandels der Kulturlandschaft und - umfassender - der Umweltgeschichte. Sie sind deren Phänomen, weil sie im Kontext von Landnutzung, anthropogener Umweltveränderung und des Klimawandels zu sehen sind. Zugleich sind die Wüstungen eine Quelle etwa für eine umwelthistorische Analyse der Krise des 14. Jahrhunderts, weil hier potentiell Proben für bioarchäologische Untersuchungen zu gewinnen sind, mit denen eine Rekonstruktion von Umwelt und Landnutzung erarbeitet werden kann.[2] Gut erhaltene und ergrabene Wüstungen haben großes Potential, etwa Aktivitätszonen in der Siedlung, in Häusern und einzelnen Räumen zu erfassen. Deren Interpretation ist nicht einfach, zwingt aber dazu, die Bewohner als Akteure wahrzunehmen. Die Wüstungen sind weiterhin wichtig, um anhand archäobotanischer und archäozoologischer Funde Umwelt- bzw. Landnutzungsveränderungen nachzuvollziehen[3] und beispielsweise auch Veränderungen in den Nagerpopulationen zu erfassen. Kenntnisse darüber gibt es bislang nicht, sie wären aber wichtig, um Veränderungen der Habitate und der Biodiversität, aber auch der Pestübertragung einschätzen zu können. Auch die ureigentlich archäologische Auseinandersetzung mit der Sachkultur aus Wüstungen könnte – im Vergleich oder gar Kontrastierung mit überdauernden Ortschaften – helfen, das Wüstungsphänomen besser zu verstehen. Ebenso wichtig ist es heute, Altflurrelikte genauer zu untersuchen. Auch hier gibt es alte Forschungstraditionen in der Geographie, aber erst moderne bodenkundliche Ansätze, Datierungsmethoden wie auch Fernerkundungsverfahren wie Airborne Laserscanning ermöglichen es, diese Quelle besser zu erschließen.[4] Diese sozial- und umweltarchäologischen Aspekte spricht Michl zwar verschiedentlich an, aber die Chancen, die gerade Wüstungen für das Verständnis der Folgen eines Klimawandels, von Pandemien oder technischem Fortschritt bieten, wären noch deutlicher herauszuarbeiten, um die Zukunftsperspektiven der Wüstungsforschung aufzuzeigen.

In der Darstellung der Forschungsgeschichte bei Michl wird die Krise der Wüstungsforschung, in die diese etwa in den 1970er Jahren getreten ist, nicht deutlich. Damals war das Grundkonzept der Wüstungsklassifizierung erreicht und weitere Forschungen lieferten vor allem regionalspezifische Präzisierungen. Das Fehlen einer Synthese zu den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wüstungen ist wohl kein Zufall, sondern einer methodisch-theoretischen Stagnation geschuldet, die erst heute aufgebrochen werden kann, wenn einerseits neue Techniken zu Prospektion und Datierung zur Verfügung stehen, andererseits ein größeres humanökologisches Interesse neue Zusammenhänge erschließt. Hier liegen wichtige Perspektiven für die künftige Wüstungsforschung, die in Zeiten von Klimawandel und Pandemie viele aktuelle Anknüpfungspunkte bieten und eine wichtige Rolle auch in der Bildungsarbeit spielen könnte. Das Wüstungsgeschehen ist im Übrigen auch nicht zu verstehen, wenn nicht zugleich vergleichend in die überdauernden Siedlungen geschaut wird. All das kommt in der Einführung etwas zu kurz.

Wüstungsforschung muss künftig tatsächlich stärker in Kulturlandschaftsforschung und Umweltgeschichte eingebunden sein. Die Potentiale und Bedeutung der Wüstungsforschung hätten anhand einiger konkreter Beispiele besser herausgearbeitet und präsentiert werden können. Überhaupt werden kaum konkrete Wüstungen und ihre Erforschung dargestellt. Der Erkenntnisgewinn, den uns moderne Wüstungsgrabungen – derer es viel weniger gibt, als man angesichts der Zahl bekannter Wüstungen annehmen sollte – bieten, bleibt im Einzelnen daher etwas vage. Ein Buch, das auf ein breiteres Publikum zielt, hätte davon, wie auch von einigen Abbildungen von Wüstungsstrukturen im Gelände sicher profitiert.

Eike Michl bietet eine Einführung in die klassischen Themen eines interdisziplinären Forschungsfelds, bei dem es schwer ist, einen Überblick zu erhalten. Dem hat er abgeholfen und so mag das bislang leider nur im Print erschienene Arbeitsheft dazu beitragen, dass dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Einarbeitung in die Grundlagen so weit erleichtert wird, dass dadurch Kapazitäten frei gesetzt werden, um mit neuen, stärker umwelthistorischen Fragestellungen die Wüstungsforschung voranzutreiben und zu modernisieren.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Winfried Schenk, Historische Geographie, Darmstadt 2011.
[2] Rainer Schreg, Rinder und Schafe. Akteure mittelalterlicher Umweltgeschichte, in: Tanja Pommerening / Jochen Althoff (Hrsg.), Kult, Kunst, Konsum. Tiere in alten Kulturen, Darmstadt 2018, S. 72–89; Rainer Schreg, Plague and Desertion. A Consequence of Anthropogenic Landscape Change? Archaeological Studies in Southern Germany, in: Martin Bauch / Gerrit Jasper Schenk (Hrsg.), The Crisis of the 14th Century (Das Mittelalter. Beihefte), Berlin 2019, S. 221–246.
[3] z.B. Ptolemaios Dimitrios Paxinos, Die Archäozoologie der Pest. Die Auswirkungen des Schwarzen Todes [1347–1350] auf Tierhaltung und Viehnutzung im Gebiet des heutigen Deutschland (Documenta Archaeobiologiae 13), Rahden / Westfalen 2017.
[4] Rainer Schreg, Altflurrelikte als Quelle der Umweltgeschichte. Neue Fragen und Methoden, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 50 (2021), S. 17–22.

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Veröffentlicht am
08.12.2021
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