A. Dornheim: Beamte, Adjutanten, Funktionäre

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Titel
Beamte, Adjutanten, Funktionäre. Personenlexikon zum Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und Reichsnährstand


Autor(en)
Dornheim, Andreas
Reihe
Geschichte in Wissenschaft und Forschung
Erschienen
Stuttgart 2021: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
340 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arnd Bauerkämper, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

In den letzten Jahren haben unter anderem der Bericht einer Historikerkommission, die Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt 2016 eingesetzt hatte, und eine Biographie des führenden NS-Funktionärs und Landwirtschaftsministers Richard Walther Darré maßgeblich zur Geschichtsschreibung über die Agrarpolitik im „Dritten Reich“ beigetragen.[1] Besonders kontrovers ist aber die – allerdings oft zu allgemein gefasste – Frage diskutiert worden, wie „grün“ die Nationalsozialisten waren, besonders explizit von Andreas Dornheim.[2] Er hat damit den Protest von Politikern der „Grünen“ provoziert. In seinem neuen Buch, das nach einem 133 Seiten umfassenden Überblick über das Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (REM) und den Reichsnährstand (RNSt) auf 180 Seiten Biogramme von Beamten und Funktionären der beiden Institutionen enthält, schließt der Historiker aber allenfalls indirekt an diese Debatte an. Vielmehr legt er mit seiner verdienstvollen Studie eine aufschlussreiche prosopographische Analyse des Personals im Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (REM) und im Reichsnährstand (RNSt) vor.

Für das REM, das in der NS-Diktatur insgesamt über 847 Beschäftigte verfügte, werden 240 Personen untersucht, die unter den Ministern Darré (seit Juni 1933) und Herbert Backe (faktisch seit Mai 1942 und offiziell seit April 1944) arbeiteten, darunter hohe Beamte wie der Ministerialdirektor und Staatssekretär Hans-Joachim Riecke.[3] Nach Franz von Papens Staatsstreich in Preußen am 20. Juli 1932 wurde das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten zum „Einfallstor für nationalsozialistische Agrarpolitiker“ (S. 17) wie Darré und seinen Staatssekretär Werner Willikens. Die Beamten des REM gehörten nach Dornheims Untersuchung überwiegend der evangelischen Kirche und der NSDAP an. Allerdings standen besonders die älteren (hochrangigen) Ministerialdirektoren und -dirigenten, die bereits in der Weimarer Republik befördert worden waren, den Nationalsozialisten offenbar distanziert gegenüber.

Ab 1933 wurden diese Beamten schrittweise ausgetauscht. Dabei konnten außer Juristen zunehmend Diplomlandwirte in leitende Positionen aufsteigen. Überdies nahm der Anteil von Mitgliedern und Führern der SS zu, vor allem aufgrund der besonders bis 1935 engen Allianz zwischen Darré und Heinrich Himmler. Damit verbunden, fanden sich im REM viele Vertreter der „Blut-und-Boden“-Ideologie, die Darré schon seit den späten 1920er-Jahren – ab 1930 als Leiter des „agrarpolitischen Apparates“ der NSDAP – propagiert hatte. Allerdings nahmen die Konflikte zwischen dem Minister und Himmler besonders im Zweiten Weltkrieg zu, als Darré die Zuständigkeit für die Siedlung verlor. Bereits 1936 hatte ihn Hermann Göring als Hitlers Beauftragter für den Vierjahresplan wichtige ernährungswirtschaftliche Kompetenzen entrissen. Mit der verstärkten Mobilisierung von Ressourcen für den Krieg ab 1942 konzentrierte sich das REM – nun unter Backe[4] – auf die Erfassung und den Raub landwirtschaftlicher Erzeugnisse, ohne dass die Bauerntumsideologie völlig zurücktrat.

Der RNSt, der mit einem Gesetz vom 13. September 1933 gegründet wurde, verfügte mit 74.759 Personen (im Juni 1939) über weitaus mehr Personal als das REM, das aber das Zentrum der NS-Agrarpolitik blieb und beispielsweise die Enteignung der Juden im Landhandel vorantrieb. Zahlreiche Funktionäre des RNSt waren vor 1933 in nationalistischen Verbänden und Freikorps radikalisiert worden. Wie Dornheim außerdem betont, hatten sich viele von ihnen früh und eng der NSDAP und SS angeschlossen. So amtierten 18 Prozent der Landesbauernführer, welche die NS-Diktatur maßgeblich trugen, zeitweise als Ortsgruppenleiter der NSDAP, und rund 69 Prozent waren SS-Führer (S. 105f.).

Sowohl das REM als auch der RNSt waren im „Dritten Reich“ und in den besetzten Gebieten für schwere Verbrechen verantwortlich, so den gezielt herbeigeführten Hungertod von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in Deutschland durch zu geringe Nahrungsmittelzuteilung. Den okkupierten Gebieten wurden rücksichtslos Agrarprodukte entzogen, sodass auch hier Millionen Menschen verhungerten. Verantwortlich für diese Vernichtungspolitik waren vor allem Backe und Riecke, der von 1941 bis 1944 sowohl in Görings Wirtschaftsstab Ost als auch in Rosenbergs Ostministerium die Chefgruppen Ernährung leitete. Demgegenüber betrachtete Darré (ebenso wie Alfred Rosenberg) den von 1940 bis 1942 ausgearbeiteten „Generalplan Ost“ skeptischer, weil er die Besatzungsherrschaft in Ostmittel- und Osteuropa erschwerte. Hinzu kam ein Machtkonflikt mit Himmler. Allerdings requirierte auch das REM in den besetzten Gebieten durch die „Ostlandgesellschaft“ landwirtschaftliche Betriebe und Flächen. Nach dem Kriegsende erklärten sich die NS-Agrarfunktionäre, die nicht Selbstmord begingen (wie Backe), für unschuldig. Darré wurde im Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess gegen führende Angehörige von Ministerien und Dienststellen der NSDAP zwar 1949 verurteilt, aber schon im darauffolgenden Jahr entlassen. Riecke musste 1945 zwar die Internierung durch die US-Besatzungsmacht hinnehmen, entging jedoch einer Strafe und war ab 1951 erfolgreich in einem Getreidehandelsunternehmen tätig. Anton Reinthaller, der 1940 zum Staatssekretär und Leiter der Bergbauernabteilung im REM ernannt worden war, baute von 1956 bis 1958 als erster Bundesparteiobmann die Freiheitliche Partei Österreichs auf.[5]

Der zweite Teil des Buches enthält 258 Biogramme leitender Beamter und NS-Funktionäre mit detaillierten Informationen zu den jeweiligen Lebensdaten, zur Konfessionszugehörigkeit sowie zum Militärdienst und zur Mitgliedschaft in nationalistischen Verbänden bzw. Freikorps. Auch Stationen der beruflichen Arbeit, Beförderungen, Zugehörigkeiten zu NS-Organisationen und das Leben nach 1945 werden rekonstruiert. Das Spektrum der einbezogenen Personen reicht von Backe, Willikens und Riecke über hochrangige Funktionäre wie den Presseadjutanten Darrés, Hanns Deetjen (der von 1955 bis 1965 als Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten amtierte) und dem Oberregierungsrat Hans von der Groeben (von 1958 bis 1970 bis Kommissar der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft) bis zu Bernhard Grzimek, der im REM u. a. Referent für Tiergesundheitspflege war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Direktor des Zoos in Frankfurt am Main und durch seine TV-Sendung „Ein Platz für Tiere“ bekannt. 1975 war er führend an der Gründung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland beteiligt. Einzelne einflussreiche Beamte wie Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der 1942 im REM zum Abteilungsleiter ernannt worden war, schlossen sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an und wurden dafür zum Tod verurteilt. In der Regel trugen die hohen Beamten und NS-Funktionäre im REM und im RNSt die NS-Diktatur aber enthusiastisch oder zumindest widerspruchslos.

Der darstellende Abschnitt im ersten Teil bietet durchaus instruktive Befunde, so zur internationalen Rezeption der Ideologie und Politik Darrés in Ländern wie Großbritannien, wo Agrarromantiker wie Rolf Gardiner und Lord Lymington den „Reichsbauernführer“ und Minister bewunderten. Aufschlussreich sind auch die Analyse der Propaganda in der „Nationalsozialistischen Landpost“ (S. 56-70) und die Ausführungen zum Interesse des Adels am Reichserbhofgesetz und dessen Wahrnehmung im Ausland (S. 45, S. 47). Ansonsten aber reicht die Darstellung kaum über die publizierte Literatur hinaus. Auch sind Ausführungen gelegentlich zu detailliert und kleinteilig, so zu Alfons Moritz, der als Ministerialdirektor im REM für die – zweifellos wichtige – Kriegswirtschaft zuständig war (S. 119-121). Demgegenüber vermisst man übergreifende Bezüge zu Problemen der Forschung zum NS-Regime. So zeichnet der Verfasser zwar wiederholt Konflikte zwischen den führenden Funktionären nach, ohne aber die Struktur der Diktatur pointiert zu interpretieren. Auch personelle Kontinuitäten im Agrarsektor vom „Dritten Reich“ in die frühe Bundesrepublik werden zwar im Einzelnen aufgezeigt, nicht aber in einer bündigen Interpretation zusammengefasst. Sogar die Debatte über „grüne“ Elemente des Nationalsozialismus wird allenfalls gestreift (bes. S. 48). Zudem finden sich vereinzelt inhaltliche Wiederholungen, so in den Ausführungen zur zentralen Rolle des REM bei der Ausschaltung des jüdischen Landhandels (S. 80f.). Jedoch bietet das Buch erstmals eine wissenschaftlich fundierte prosopographische Darstellung des agrarpolitischen Führungspersonals im „Dritten Reich“. Schon dafür gebührt Andreas Dornheim Anerkennung.

Anmerkungen:
[1] Horst Möller u.a. (Hrsg.), Agrarpolitik im 20. Jahrhundert. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und seine Vorgänger, Berlin 2020; Horst Gies, Richard Walther Darré. Der „Reichsbauernführer“, die nationalsozialistische „Blut und Boden“-Ideologie und Hitlers Machteroberung, Wien 2019.
[2] Dazu auch Franz-Josef Brüggemeier / Mark Cioc / Thomas Zeller (Hrsg.), How Green Were the Nazis? Nature, Environment, and Nation in the Third Reich, Ohio 2005. Differenzierend: Werner Troßbach, Im Zeitalter des Lebendigen? Zum Verhältnis der Nähe zwischen Regimevertretern und Exponenten der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise im Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 69 (2021), H. 1, S. 11–47.
[3] Wigbert Benz, Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945, Berlin 2014.
[4] Bertold Alleweldt, Herbert Backe. Eine politische Biographie, Berlin 2011.
[5] Margit Reiter, Anton Reinthaller und die Anfänge der Freiheitlichen Partei Österreichs. Der politische Werdegang eines Nationalsozialisten und die „Ehemaligen“ in der Zweiten Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), S. 539–575.

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10.02.2022
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