U. Caflisch-Schnetzler: Johann Caspar Lavater

Cover
Titel
Johann Caspar Lavater. Jugendjahre. Vom Wert der Freundschaft, Band 1


Autor(en)
Caflisch-Schnetzler, Ursula
Erschienen
Zürich 2023: NZZ Libro
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
CHF 45.00
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Rebekka Horlacher, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich

Biografien berühmter Persönlichkeiten beziehungsweise „großer Männer“ der Geschichte gehören zu den ältesten und möglicherweise auch zu den anspruchsvollsten Textgattungen historischer Forschung. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts stand diese Textsorte – zumindest im deutschsprachigen Kontext – im Zentrum der gelehrten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Dabei dominierte eine hermeneutische und geistesgeschichtlich orientierte Lesart der Vergangenheit, die spätestens mit der 1971 veröffentlichten Wallenstein-Biografie von Golo Mann in der Fachwelt Kritik hervorgerufen hat, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Eine der zentralen Fragen, die dabei aufgeworfen wurde, war, ob die porträtierte Person in einer Biografie im Zentrum stehen darf oder muss beziehungsweise mit wie viel Kontext und Forschungsliteratur eine Lebensgeschichte gerahmt sein soll. Sind Biografien eine Möglichkeit, einen bestimmten Zeitraum durch den Brennpunkt „Person“ zu thematisieren, oder sind sie nicht mehr – aber auch nicht weniger – als gut erzählte Lebensgeschichten?

Mit solchen oder ähnlichen Fragen beschäftigt sich der hier zu besprechende erste Teil einer auf drei Bände angelegten Lavater-Biografie kaum. Er hat allerdings den Anspruch, „die ‚inneren Regungen’ wie auch ‚die äußeren Einflüsse’ darzustellen und ‚den Menschen in seinen Zeitverhältnissen’ zu zeigen“ (S. 7). Mit diesen von Goethe entlehnten Worten eröffnet Ursula Caflisch-Schnetzler ihre Lavater-Biografie und setzt damit auch gleich die Perspektive, mit der sie die Person Johann Caspar Lavater der Leser:innenschaft näherbringen will. Auf der Basis der bisherigen, ebenfalls biografisch orientierten Forschungsliteratur, der historisch-kritischen Edition der „wichtigsten Schriften aus Lavaters Œuvre“, der digital edierten Korrespondenz sowie weiterer Zeugnisse soll ein „fundiertes Verständnis“ der Person Lavater möglich und der Protagonist zur „objektiven Beurteilung“ freigegeben werden (S. 20). Zum Verständnis Lavaters wichtig seien auch die persönlichen Netzwerke, in die der Gelehrte eingebunden war und die sich über seine Korrespondenz rekonstruieren lassen.

Der erste Band dieser umfassenden Biografie, der von einer akribischen Arbeitsweise und einer großen Vertrautheit der Autorin mit Zürich zeugt, beschäftigt sich mit Lavaters Leben von seiner Geburt bis zur Heirat mit Anna Schinz am 3. Juni 1766 und ist mit zahlreichen Bildern illustriert. Zwei einleitende Kapitel sind dem „Freundschaftsbegriff“ und „Zürich im 18. Jahrhundert“ gewidmet. Ergänzt wird die Publikation mit einem längeren Anhang, der den erstmalig vollständig transkribierten Text Von der unausdenklichen Theilbarkeit des Raums und der Zeit (1766) zum Abdruck bringt und durch ein Personenregister vervollständigt wird.

Im ersten Kapitel über den Freundschaftsbegriff wird das 18. Jahrhundert als „Jahrhundert der Freundschaft“ charakterisiert, das als solches in die „Sozial- und Geistesgeschichte“ eingegangen sei (S. 25). In diesem zeitlichen Kontext habe sich ein „neues Freundschaftsideal“ aufgebaut, das mit einer „Aufwertung des Gefühls“ verbunden gewesen sei und so die „Individualität des Menschen in der Gemeinschaft“ gestärkt habe (ebd.). Zur Konkretisierung dieses damals verwendeten Freundschaftsbegriffs wird auf die antike Philosophie beziehungsweise auf Aristoteles und seine Nikomachische Ethik zurückgegriffen, in der Freundschaft als eine der „notwendigsten Tugenden“ im Leben eines Menschen bestimmt worden ist (ebd.). Diese Tugend sei anschließend über die christliche Ethik ins 18. Jahrhundert „gewandert“, sodass Lavater 1765 an seinen „älteren Freund und Mentor“ Johann Georg Zimmermann habe schreiben können, dass „die wichtigsten Wohlthaten Gottes gegen mich […] Freunde“ seien (S. 26).

Das zweite Kapitel mit dem Titel „Zürich im 18. Jahrhundert“ erläutert die „Sitten und Gebräuche“ dieser Stadt sowie ihre politische und wirtschaftliche Orientierung (S. 49). Beschrieben werden die geografische Lage und die Wahrnehmung Zürichs in zeitgenössischen Reiseberichten (S. 52), es wird die politische Organisation dargestellt (S. 56) und auf bauliche Eigenheiten eingegangen (S. 58). „Im täglichen Leben eines jeden Zürchers, einer jeden Zürcherin“ habe die Kirche „eine absolut zentrale Rolle“ gespielt (S. 60), wobei der politischen Behörde „als weltliche Macht das letzte Wort im Staat“ gehört habe (S. 61). Skizziert wird auch das städtische Bildungswesen mit einem Fokus auf das Collegium Carolinum und den dort lehrenden Professoren Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger. Diese beiden Autoren stehen auch stellvertretend für die zeitgenössische Debatte, die sich am Beispiel der Dichtkunst mit Fragen der Ethik und Ästhetik auseinandersetzte. Die Autorin zitiert zudem wiederholt aus Goethes Dichtung und Wahrheit beziehungsweise aus den dort manifest gewordenen Erinnerungen an Zürich und an seine Bekanntschaften mit Zürcher Persönlichkeiten (S. 68), ohne dass diese Bezugnahme inhaltlich wirklich zwingend erscheint. Vielmehr scheint Goethes Beschreibung von Zürich als eine Art Garant für die korrekte Beschreibung der Herkunftsstadt Lavaters zu dienen.

Gemäß der gewählten Erzählperspektive auf die inneren Beweggründe der Protagonisten (und wenigen Protagonistinnen) und eines literarisch orientierten Kontextes spielen denn auch politische Bezüge – wenn Politik als etwas anderes oder „mehr“ verstanden wird als die Darstellung von konkreten Regierungsformen oder Machtverhältnissen – kaum eine Rolle. Die Debatten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren allerdings gerade in Zürich stark von republikanisch orientierten Vorstellungen geprägt, die den Menschen als aktiv handelnden Teil eines politischen Ganzen verstanden. Dieses Selbstverständnis manifestierte sich auch in der Literatur und der Ästhetik und unterschied sich von einer „innerlichen“ Orientierung, wie sie in Deutschland dominant war. Unklar bleibt daher, wie sich Lavater in diesen Debatten positionierte und ob er sich tatsächlich „nur“ „in den Bereichen Theologie, Philosophie, Anthropologie, Pädagogik sowie in den Naturwissenschaften und der Kunst“ (S. 24) verortete, wie in der Einleitung postuliert wird. War er damit ein „Exot“ innerhalb der Zürcher Intelligenzia oder wird die Biografie hier „Opfer“ einer eher traditionellen geistesgeschichtlichen Perspektive, die allerdings nicht als solche ausgeschildert wird?

Gerade dieser letzte Punkt zeigt, dass es sich bei der vorliegenden Studie nicht um eine Biografie im „historischen Kontext“ handelt, wie eine solche etwa in der Tradition der Cambridge School geschrieben werden würde. Lavater wird zwar durchaus als eine sich in einem Netzwerk agierende Person dargestellt. Seine Vorstellungen und Ideen werden aber nicht als intellektuelle Antworten auf zeitgenössische Fragen und Problemstellungen beschrieben, sondern als Ausdruck geistiger Vorstellungen, die eher zeitlos sind. So wird „Freundschaft“ nicht als historische Ausdrucksform einer bestimmten, ebenfalls historisch bedingten Sozialität diskutiert, sondern als „Fakt“ mit Rückbezügen zur Aristotelischen Ethik beziehungsweise zur Etymologie präsentiert. Auch die „Ideen der Aufklärung“ (S. 148) werden als Referenzgröße behandelt, die nicht weiter erläutert werden muss. Zudem wird immer wieder ein teleologischer Duktus sichtbar. So erkannte Lavater „bereits im 18. Jahrhundert die Relativität von Zeit und Raum“ (S. 171), als ob diese Erkenntnis zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte auftauche und sich ab dann in sämtlichen Äußerungen zu spiegeln habe. Neben diesen eher historiographisch orientierten Kritikpunkten stellt sich aber ganz grundsätzlich die Frage, ob eine Biografie tatsächlich ein „Zeugnis zu einem fundierten Verständnis und zur objektiven Beurteilung“ (S. 20) einer Person sein kann, wie dies in der Einleitung postuliert wird. Mit den richtigen Fragen hätte Lavater beziehungsweise seine Schriften wohl mehr zu bieten, als „eine der bedeutendsten Personen des 18. Jahrhunderts“ gewesen zu sein.

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch http://www.infoclio.ch/
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